Chanterella gehören zu den jungen Bands, die der kölschen Musikszene ihren ganz eigenen Stempel aufdrücken. Mit modernen Sounds, persönlichen Geschichten und einem Gespür für starke Bilder bewegen sie sich zwischen Karneval, Großstadtleben und ehrlichem Songwriting. Statt auf einfache Formeln zu setzen, erzählen sie von echten Gefühlen, besonderen Nächten und den Momenten, die bleiben. Im Interview sprechen sie über ihre Musik, ihre Inspirationen und darüber, warum ihre Songs oft eher wie Momentaufnahmen eines Lebensgefühls wirken als klassische Köln-Hymnen.
Ihr macht Musik auf Kölsch, aber eure Songs wirken oft eher wie Momentaufnahmen eines Lebensgefühls als klassische „Köln-Hymnen“. Was wollt ihr erzählen?
Uns ist es wichtig, authentisch, persönlich und originell zu sein. Deshalb geht es bei uns oft um Gefühle aus unserem Leben und/oder um Storys, die wir erlebt haben. Wir haben auch ein paar Songs, in denen es ganz klar um Köln geht. Dabei ist es uns wichtig, das Ganze auf eine originelle und ganz persönliche Art anzugehen.
Wenn es um persönliche Geschichten und Gefühle geht, spielt natürlich auch die Sprache eine besondere Rolle. Glaubt ihr, dass man auf Kölsch ehrlicher schreiben kann als auf Hochdeutsch?
Ehrlicher glauben wir nicht. Wenn jemand ehrlich ist, dann ist er es in beiden Sprachen. Es gibt aber Dinge, die auf Kölsch charmanter klingen, weil es einfach andere Wörter gibt bzw. sich die Wörter für uns mehr nach Heimat anfühlen.
Manchmal gibt es für dieselbe Sache mehrere Begriffe, die alle einen unterschiedlichen Charakter haben und dadurch die Botschaft noch etwas anders färben.
„Es gibt Dinge, die auf Kölsch charmanter klingen,
weil sich die Wörter für uns mehr nach Heimat anfühlen“.
Nächte, in denen plötzlich alles möglich scheint
Viele eurer Songs leben von starken Bildern und bestimmten Stimmungen. Eure Musik klingt oft nach Nacht, Stadt und Freiheit. Warum faszinieren euch genau diese Bilder so sehr?

Am besten sind die Nächte, an denen man einfach loszieht und noch gar nicht weiß wo man am Ende landet. Dieses Großstadtgefühl, wenn plötzlich alles möglich scheint. Menschen kommen zusammen, singen, feiern, vergessen für ein paar Stunden alles andere. Genau dieses Gefühl versuchen wir mit unserer Musik einzufangen. Irgendwo zwischen Freiheit, Freundschaft und einfach den Moment leben.
Zwischen Freiheit, Freundschaft und Melancholie
Doch selbst zwischen Aufbruchsstimmung und Leichtigkeit findet sich immer wieder auch ein nachdenklicher Ton. Welche Rolle spielt Melancholie in euren Songs?
Sie gibt es in unseren Liedern. Aber nicht in jedem Song, weil die Songs, in denen sie vorkommt, sonst nicht mehr echt wären. Wir wollen bei unseren Auftritten vor allem eine positive Stimmung vermitteln, mit humorvollen, manchmal auch leicht ironischen Songs. Eine Prise Melancholie darf aber gerne dabei sein. Wenn, dann aber zu 100 % ehrlich und real. Wir wollen es damit auch nicht übertreiben, aber einer unserer neuen Songs hat auf jeden Fall eine gute Prise Melancholie abbekommen 🙂
„Eine Prise Melancholie darf gerne dabei sein.
Wenn, aber zu 100% ehrlich und real.“
Wo viel Liebe zur Stadt ist, gibt es meist auch Dinge, die einen stören. Viele Bands schreiben Songs über Köln – aber was nervt euch eigentlich an Köln?
Baustellen. Es gibt wirklich viele tolle Sachen in Köln aber bauen ist in den meisten Fällen nicht die Stärke von Köln.
Musikalisch habt ihr von Anfang an euren eigenen Weg gesucht. Was habt ihr musikalisch bewusst NICHT sein wollen?
Eine verstaubte Kopie von etwas, das es schon gibt. Auch wenn es häufig der einfachste Weg ist, etwas Erfolgreiches einfach stumpf zu kopieren, haben wir uns bewusst dagegen entschieden. Uns ist es mit am wichtigsten, dass wir uns treu bleiben und uns nicht verbiegen. Wir machen unsere Musik mit unserem Sound genau so, weil wir das so wollen und gut finden.
Die Stadt als Bühne: Beglisches Viertel, Ehrenfeld und Deutzer Brücke
Passend zu den Bildern, die eure Musik zeichnet: Wenn eure Musik ein Ort in Köln wäre – welcher wäre das nachts um vier Uhr?
Wahrscheinlich würde das von Song zu Song wechseln. Es gibt Songs, die sind eher „Belgisches Viertel“ oder „Ehrenfeld“. Wir haben aber auch Songs, die ganz klar davon handeln,„mit der Bahn über die Deutzer Brücke zu fahren und nach links zu schauen“. Und manche sind einfach „draußen vor oder in der Veedelskneipe“.
Zwischen Großstadtromantik und Veedelskneipe stellt sich die Frage, wie viel Realität eigentlich in euren Songs steckt: Ist eure Musik eher Eskapismus oder Realität?
Selbst bei witzigen Songs sind die Gefühle total echt. Wir machen uns darüber viele Gedanken und suchen nicht einfach nur passende Worte, sondern müssen das alles selbst total fühlen. Es gibt aber auch Songs wie „Joode Idee“, in denen wir Dinge etwas übertrieben darstellen. Plausibel wäre es aber trotzdem, dass einem von uns genau so eine Nacht schon mal passiert ist 🙂
Wann wird aus einer guten Zeile eine wirklich ehrliche Zeile? Anders gefragt: Wann merkt ihr beim Songwriting: „Das ist keine Floskel mehr, das ist echt“?
Wir gehen das meistens so an, dass wir mit einem Gefühl oder einem Inhalt starten und dann schauen, wie wir das in einen Song verpackt bekommen. Echt wird es für uns immer dann, wenn sich eine Zeile nicht nach “Songtext” anhört, sondern nach etwas, das man genau so selbst schon erlebt oder gedacht hat. Oft sind das sogar die einfachen Sätze. Wenn plötzlich jeder im Raum direkt versteht, was gemeint ist, ohne dass man es groß erklären muss. Dann merkt man meistens, dass das keine Floskel mehr ist.
Kreativität braucht keinen Streit, sondern Ehrlichkeit
Kreativität entsteht nicht nur allein, sondern auch im Miteinander einer Band. Wie viel Streit braucht Kreativität innerhalb einer Band?
In unserer jetzigen Besetzung gibt es zum Glück keinen Streit, aber dafür viele intensive und enthusiastische Diskussionen. Jeder bringt Ideen mit rein und jeder hat richtig Bock auf das, was wir machen. Genau das merkt man dann auch im Songwriting. Ich glaube, Kreativität braucht gar keinen Streit, sondern eher Ehrlichkeit. Dass man offen sagen kann, wenn man etwas feiert oder eben noch nicht fühlt. Gerade dadurch entstehen am Ende oft die besten Ideen.
Und stammen manche eurer Zeilen tatsächlich direkt aus dem echten Leben? Gibt es in euren Songs Zeilen, die aus echten Gesprächen oder echten Nächten entstanden sind?
Ja, auf jeden Fall. Tatsächlich gibt es sogar eine Zeile aus einem neuen Song, der erst zur kommenden Session erscheint. Nach fast jedem Sessionstag kam irgendwann immer dieser Satz: „Ach komm, ein letztes Kölsch muss noch.“ Gar nicht unbedingt, weil man noch feiern wollte, sondern eher, weil dieser Moment einfach noch nicht vorbei sein sollte. Noch einen kleinen Moment zusammen bleiben, noch kurz reden, lachen und diesen Abend genießen.
Viele Bands arbeiten heute mit externen Songwritern. Schreibt ihr eure Songs komplett selbst oder arbeitet ihr auch mit externen Textern oder Songwritern zusammen?
Wir schreiben unsere Songs komplett selbst. Wir haben alle in unserer Laufbahn schon viel Songwriting gemacht, auch für andere bekannte Künstler oder in anderen Genres. Bei Chanterella hat es sich für uns aber am authentischsten angefühlt, alles innerhalb der Band entstehen zu lassen. Wir haben uns im Vorfeld viele Gedanken darüber gemacht, welchen Sound und welchen Vibe die Band bekommen soll. Dabei wurde uns klar, dass wir das selbst einfach am besten umsetzen können. Das heißt aber nicht, dass wir grundsätzlich nicht gerne mit anderen Songwritern arbeiten. Außerhalb von Chanterella machen wir das teilweise schon, zum Beispiel in Writing Camps oder in anderen Projekten und Genres. Für Chanterella haben wir uns aber ganz bewusst entschieden, dass die Musik genau diesen eigenen, persönlichen Band-Sound haben soll.
Damit verbunden ist auch die Frage nach dem Verhältnis zwischen Kunst und Publikum. Wo zieht ihr die Grenze zwischen persönlicher Kunst und „funktionierendem Publikumssong“?
Die Grenze muss es gar nicht geben. Natürlich wird oft gefordert, dass man Songs hat, die „funktionieren“, aber die können trotzdem viel persönliche Kunst beinhalten. Wir finden es wichtig, dass wir nicht krampfhaft versuchen, einen Publikumssong zu schreiben und dass es immer auch etwas Originelles braucht. Bei unserem Song „Polonaise“, der live immer sehr gefeiert wurde, fing die Entstehungsgeschichte beim letzten Auftritt der vorherigen Session im Tanzbrunnen an.Da entstand plötzlich eine riesige Polonaise zu einem Song von uns, obwohl der Song gar kein typisches Polonaise-Tempo hatte. Nach der Show sagte Mario dann: „Irgendwie ist das mit der Polonaise ein Ding. Echt cool, die Leute so zusammen zu sehen und wie die das abfeiern.“ Für uns war aber klar, dass wir das irgendwie entstaubt angehen müssen, weil das Thema leider oft etwas „altbacken“ wirkt. Wir hatten dazu viele Ideen. Eine davon war, die Polonaise wie ein Verkehrsmittel zu behandeln. Letztendlich wurde daraus aber eher eine Reise durch den Großstadtdschungel, mit vielen Bildern von Situationen, die es so im Karneval, aber eben auch im Dschungel gibt. Irgendwann kommt dann eine Schlange, die einen auffrisst, was in der Situation aber völlig okay ist, weil es sich dabei um die Polonaise handelt 🙂
In einer traditionsreichen Szene wie der kölschen Musik scheint vieles schon einmal erzählt worden zu sein. Wie schwer ist es heute noch, in der kölschen Musikszene wirklich originell zu klingen?
Es gibt in Köln kaum noch etwas, das nicht schon mal besungen wurde. Am Ende kommt es immer darauf an, wie man das Ganze in Worte packt. Wenn es um persönliche Gefühle geht, ist das oft leichter, weil man aus seiner eigenen Perspektive erzählt. Die Musik entwickelt sich natürlich weiter. Was wir aber bemerken, ist, dass in der kölschen Szene auch viel kopiert wird. Von bekannten (Pop-)Songs werden teilweise Strukturen, Melodien oder sogar Texte übernommen. Das ist oft ein Garant dafür, dass den Zuhörern etwas vertraut vorkommt und der Song funktioniert. Die Elemente des Songs haben es ja schließlich schon einmal geschafft, ein Publikum zu begeistern. Wir finden das aber etwas schade, weil dadurch vieles schnell sehr austauschbar wird.
Moderne Sounds, klare Haltung
Euer Sound fällt dabei bewusst modern aus. Ihr setzt stark auf moderne Sounds und Atmosphäre – war euch klar, dass ihr damit auch anecken könntet?
Als wir 2019 die Band gegründet haben, war die Grundidee direkt, dass wir zwar eine klassische Rockband-Besetzung haben wollen, aber eben auch Synthesizer und Sampling-Instrumente, um einen modernen Sound live umsetzen zu können. Schon damals, als das noch kaum jemand gemacht hat, kam das aber gut an. Mittlerweile wird das ja auch vermehrt gemacht. Wir haben uns immer gesagt, dass wir die Musik machen wollen, die wir selbst feiern würden, wenn wir im Publikum stehen würden. Und selbst die größten Künstler der Welt haben Kritiker, von daher bleiben wir uns einfach selber treu.

Nicht immer sind es die lautesten Augenblicke, die in Erinnerung bleiben. Was war bisher der stillste Moment eurer Karriere – also nicht der lauteste, sondern der emotional bedeutendste?
Da gab es tatsächlich so ein, zwei Momente am Ende der letzten Session. Für uns war das insgesamt die emotionalste Session, die wir je hatten, weil in diesem Jahr unglaublich viel passiert ist und manches davon echt tough war. Gleichzeitig waren wir einfach extrem froh, dass mit unseren beiden neuen Bandmitgliedern alles so gut funktioniert hat und wir es geschafft haben, in kürzester Zeit so eine starke Atmosphäre in der Band aufzubauen. Dazu kam natürlich auch die Erleichterung, dass wir die komplette Session ohne größere Pannen spielen konnten und niemand krank geworden ist. Gerade in der Session lebt man wochenlang mit dieser Mischung aus Vorfreude, Vollgas und gleichzeitig der Angst, dass irgendwas passiert und plötzlich alles kippt. Am Ende durften wir dann sogar auf dem Rosenmontagszug spielen, nachdem wir vom Literarischen Komitee ausgewählt wurden, und an Veilchendienstag noch auf dem Musikwagen der Bürgergarde Blau Gold durch Ehrenfeld beim Veedelszoch fahren. Und genau da gab es diesen besonderen Moment: Der Zug war eigentlich schon vorbei, wir sind hinter die Absperrung gefahren und haben dann nur noch für uns und alle auf dem Wagen ein letztes Lied gespielt. Einfach nochmal zusammen anstoßen und diesen Moment festhalten. Das war total erleichternd, weil wir gemerkt haben, wie gut wir diese Session gemeinsam geschafft haben. Aber gleichzeitig auch traurig, weil in genau diesem Moment klar wurde: Jetzt ist diese tolle Session wirklich vorbei.
Viele Hörer beschreiben eure Songs als sehr bildhaft. Eure Songs wirken oft sehr „cineastisch“. Denkt ihr beim Schreiben eher in Bildern als in Worten?
Wir denken sehr viel in Bildern. Das bleibt bei uns oft mehr hängen als einzelne Worte. Wir sind generell sehr visuelle Menschen. Das merkt man auch daran, dass wir unsere Musikvideos komplett selbst produzieren und dafür teilweise einen riesigen Aufwand betreiben, obwohl sich heute natürlich vieles Richtung Instagram Reels verschoben hat. Für uns lohnt sich das trotzdem, weil wir unseren Songs damit noch eine zusätzliche visuelle Ebene geben können.
Wenn Ehrlichkeit und Atmosphäre so wichtig sind: Was ist schwieriger – ein ehrlicher Song oder ein guter Refrain?
Ein guter Refrain beinhaltet meistens ehrliche Worte. Gerade die Refrains, die Menschen wirklich mitnehmen, sind oft die, in denen etwas Echtes steckt und nicht einfach nur eine gut klingende Zeile. Deshalb würden wir sagen, dass Beides eigentlich zusammengehört. Denn ein Refrain bleibt meistens genau dann hängen, wenn man ihm abnimmt, was er aussagt.
„Ein Refrain bleibt meistens genau dann hängen,
wenn man ihm abnimmt, was er aussagt“
Wenn Musik mehr ist als Unterhaltung
Der Kontakt zum Publikum scheint euch viel zu bedeuten. Welche Begegnung mit Fans hat euch nachhaltig verändert?
Eigentlich ist jede Begegnung mit Fans etwas Besonderes. Von einzelnen Nachrichten, die wir bekommen, über Menschen, die unsere Shirts tragen, bis hin zu Schildern am Wegesrand vom Rosenmontagszug extra gebastelt und hochgehalten wurden, damit wir sie sehen. Oder wenn bei Konzerten plötzlich alle anfangen unsere Lieder mitzusingen.
Genau diese Momente machen es am Ende aus. Deshalb ist es total schwer, einen einzelnen davon hervorzuheben. Das Schönste, was man als Musiker zurückbekommen kann, ist zu merken, dass das, was man selbst so liebt, anderen Menschen genauso viel bedeutet. Daraus entsteht eine ganz besondere Verbindung und Energie, die man schwer beschreiben kann, aber die man auf der Bühne jedes Mal spürt.
Damit verbunden ist vielleicht auch die größere Frage nach der Kraft von Musik. Glaubt ihr, dass Musik heute noch Leben verändern kann – oder nur noch Momente begleiten?
Ja, auf jeden Fall kann Musik das heute noch. Sie kann Menschen verbinden, Sicherheit geben oder einen durch bestimmte Phasen begleiten. Solange Songs Seele und echte Emotionen haben – ganz egal aus welchem Genre sie kommen – machen sie etwas mit Menschen. Lustige Songs können die Stimmung heben, emotionale Songs gehen ins Herz und andere bringen Menschen einfach zum Tanzen und manche hört man sich einfach gerne an. Es kommt aber auch darauf an, wie man Musik erlebt und welchen Platz man ihr im eigenen Leben gibt.
Erfolg beginnt nicht bei Klickzahlen
Zum Abschluss: Was bedeutet „Erfolg“ für euch heute wirklich – Klickzahlen, volle Hallen oder etwas ganz anderes?
Erfolg sind für uns heute gar nicht nur Klickzahlen oder große Hallen. Natürlich freut man sich darüber total, aber die stärksten Momente sind oft ganz andere. Zum Beispiel wenn wir irgendwo spielen, wo uns eigentlich noch keiner kennt und am Ende trotzdem komplett abgerissen wird. Oder wenn uns Menschen ehrliche Nachrichten schreiben und man auf Konzerten einfach in Gesichter schaut, die gerade wirklich eine gute Zeit haben. Genau dafür machen wir das. Gleichzeitig bedeutet Erfolg für uns auch, dass wir einfach immer noch richtig gerne zusammen unterwegs sind. Dass wir ein tolles Team haben, mit dem es Spaß macht, Musik zu machen, zu reisen und all diese Momente gemeinsam zu erleben.
Interessant!