Scharmöör gehört zu den jungen Bands, die in den vergangenen Jahren in der kölschen Musikszene bemerkenswert schnell ihren Platz gefunden haben. Die fünf Musiker verbinden moderne Sounds mit einer klaren Liebe zum traditionellen Fastelovend. Entstanden ist die Band nicht am Reißbrett, sondern aus einer Idee, die zunächst kaum mehr war als eine spontane Unterhaltung unter Freunden. Im Gespräch erzählen die Scharmööre von ihren Anfängen, vom ersten Proberaum, von Erfolgen und Rückschlägen – und davon, warum für sie bis heute vor allem eines zählt: das Gefühl.
Vom Traum vor der Bühne zum Leben auf ihr
Nehmt uns mit zurück an den Anfang. Wie ist Scharmöör eigentlich entstanden?
Tim und Leon haben zusammen Fußball gespielt. Wir beide haben schon selbst immer musiziert und Fastelovend gefeiert. Nach etwa 11 bis 15 Kölsch haben wir uns dann gefragt: Warum machen wir nicht einfach Musik zusammen – und dann noch auf Kölsch?
Aus der „Schnappsidee“ wurde ernst, als wir uns wenige Wochen später zusammen im Proberaum angeschaut und den ersten Song geschrieben haben. Über unsere Musikernetzwerke, zum Beispiel die Musikhochschule, haben wir dann Freddy, Peter und Timme gefunden, die diese Begeisterung direkt teilten und sofort dabei waren.
Die berühmte Bieridee also?
Auf der Weihnachtsfeier war das erst halb Spaß, halb Bieridee. Aber je länger der Abend ging, desto ernster wurde der Gedanke. Wir malten uns aus, wie es wäre, nicht mehr vor der Heumarkt-Bühne zu stehen, sondern darauf. Wir waren schon etwas am Träumen, aber plötzlich ging alles ganz schnell.
Wer hat damals den entscheidenden Satz ausgesprochen: „Komm, wir gründen jetzt eine Band“?
Tim und Leon waren es, die aus der Bieridee Ernst machten. Es war und ist der Mix aus geteilter Leidenschaft, Begeisterung für Musik und Fasteleer und auch aus unserer Freundschaft. Es hat sich bis heute nie wie Arbeit angefühlt, sondern macht uns immer noch sehr viel Spaß.
Vorher habt ihr Karneval vor allem als Zuschauer erlebt. Warum der Wunsch, selbst auf die Bühne zu gehen?
Alle Scharmööre kannten die Bühne grundsätzlich schon aus anderen Bands. Aus diesen Erfahrungen und der Begeisterung für den Karneval entstand der gemeinsame Traum, diese besonderen kölschen Emotionen selbst zu erzeugen. Das Gefühl, Menschen mit kölscher Musik zu berühren, macht uns bis heute unglaublich viel Spaß und auch ein bisschen stolz.
Eigene Lieder statt Coverprogramm
War von Anfang an klar, dass ihr eigene Musik machen wollt?
Wir hatten von Anfang an einen klaren Plan. Wir sind seit der Kindheit begeistert von kölscher Musik und wollten diese selbst erschaffen. Das heißt: nur eigene Songs und nur auf Kölsch. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Wann wurde aus dem Traum ein ernsthaftes Projekt?
Ernst wurde es, als die ersten Songs entstanden und plötzlich echte Auftritte dazukamen. Der große Moment war das Finale des GAG-Song-Contests in der Volksbühne, bei dem wir direkt mit unserer ersten eigenen Nummer den zweiten Platz erreichen konnten.
Ab da war klar: Das ist mehr als nur ein Karnevals-Gag.
Wie sah die erste Probe aus?
Die erste Probe war chaotisch, laut und wahrscheinlich musikalisch ausbaufähig. Aber die Energie war direkt da – und genau darauf kommt es an. Die Entwicklung, die wir über die vergangenen fünf Jahre auch musikalisch machen durften, wollen wir nicht missen.
Und die Rollen in der Band? Waren die sofort verteilt?
Vieles hat sich entwickelt. Manche Rollen waren direkt klar, andere haben sich erst mit der Zeit ergeben. Das Schöne ist: Jeder hat seine Rolle gefunden und steuert seinen wertvollen Teil dazu.
Wie aus fünf Musikern Scharmöör wurde
Der Name Scharmöör fällt auf. Woher kommt er?
Der Name kam über die Idee mit unseren Bühnenoutfits: den Anzügen. Wir wollten schick, adrett und wie „Schwiegermuttis Liebling“ mit Rockattitüde auf die Bühne gehen. Und als wir fünf geschniegelt vor dem Spiegel standen, sagte plötzlich einer: „Nee, wat för Scharmööre!“
Vorher waren jede Menge Bandnamen im Topf – von Schapo über Parat bis hin zu La Fortuna. Bitte fragt nicht weiter! 😀
Wenn ihr eurem Gründungs-Ich heute einen Rat geben könntet – welcher wäre das?
Macht euch nicht zu viele Gedanken. Einfach machen. Wichtig ist es, die Dinge zu fühlen und zu spüren. Dann läuft das Machen von ganz alleine.
Der schnelle Start
Schon früh kamen Aufmerksamkeit und Auszeichnungen. Hat euch das überrascht?
Ja, total. Wir hatten natürlich Hoffnung, aber dass so früh schon Aufmerksamkeit kam, hat uns echt überrascht und motiviert.
Gab es einen Moment, in dem ihr wusstet: Das funktioniert wirklich?
Sicher waren das die Momente beim GAG-Song-Contest, der erste Vorstellabend der KAJUJA im Tanzbrunnen, der schnelle Anfang der Zusammenarbeit mit Markus Wallpott und der Kölner Eventwerkstatt. Und natürlich die erste total überwältigende Session.
Wie schwierig war es als junge Band, in der kölschen Szene ernst genommen zu werden?
Man muss sich in der kölschen Szene schon beweisen. Aber wir hatten das Glück, dass viele gemerkt haben: Die meinen das ernst.
Was habt ihr in den ersten Jahren unterschätzt?
Wie viel Organisation, Zeit und Arbeit hinter so einer Band steckt. Auf der Bühne sieht man immer nur 30 bis 60 Minuten – die Spitze des Eisbergs. Und natürlich auch die Corona-Zeit, die uns viel Wind aus den Segeln genommen hat.
Zwischen Euphorie und Alltag
Gab es Momente, in denen euch alles zu viel wurde?
Klar, solche Momente gibt es. Vor allem, wenn alles gleichzeitig passiert. Aber genau dann merkt man auch, wie stark man als Team ist. Wir alle arbeiten ja noch nebenbei und verdienen unsere Brötchen. Da gibt es immer mal Tage, an denen einem alles über den Kopf wächst.
Ihr spielt inzwischen sehr viele Auftritte. Wie verhindert man Routine?
Ich glaube, wir gehen immer sehr spezifisch auf das Publikum und den Saal ein. Man spürt schnell: Kommt etwas zurück oder nicht? Zum Glück klappt das in den allermeisten Fällen. Außerdem machen wir untereinander viel Spaß auf und neben der Bühne und geben uns auch schon mal lustige Challenges.
Gab es einen entscheidenden Wendepunkt?
Einen klassischen Wendepunkt gibt es für uns nicht. Wir haben seit Beginn jede Energie in die Band gesteckt und wachsen seitdem stetig. Aber natürlich gab es Meilensteine: die erste Sessionseröffnung auf dem Heumarkt, die ersten Auftritte im Gürzenich und im Tanzbrunnen, das erste Mal Arena oder Jeck im Sunnesching. Das waren große Schritte für uns.
Wie ein Scharmöör-Song entsteht
Schreibt ihr eure Lieder selbst?
Die Ideen kommen grundsätzlich immer aus der Band. Aber wir arbeiten auch mit externen Leuten zusammen, wenn sie musikalisch zu uns passen. Zuletzt etwa mit Micky Brühl und Erry Stoklosa, aber auch mit jungen kölschen Songschreibern und Bands wie Aluis.
Was muss trotzdem immer eindeutig nach Scharmöör klingen?
Wir haben den Anspruch, dass man einen Scharmöör-Song am Sound direkt erkennt. Wichtige Elemente sind zum Beispiel Flöten, Glockenspiele und das Akkordeon. Über allem steht aber das Gefühl, das der Song vermitteln soll.
Wie entsteht ein Lied konkret?
Ganz unterschiedlich. Manchmal startet es mit einer Textidee, manchmal mit einer Melodie – und manchmal nach einem Auftritt mit einem bestimmten Gefühl.
Wer entscheidet am Ende?
Ideen kommen von allen Seiten. Am Ende entscheiden wir gemeinsam, weil jeder sich mit dem Song auf der Bühne wohlfühlen muss.
Und wenn ein Song nicht funktioniert?
Dann wird er manchmal zum sogenannten Schubladen-Song. Nicht jede gute Idee wird automatisch ein guter Scharmöör-Song. Leider.
Wie viele davon liegen derzeit herum?
Viel, viel, viel zu viele. Wirklich!
Kölsch, Gefühl und Zukunft
Warum war Kölsch für euch nie verhandelbar?
Kölsch war für uns nie wirklich eine Diskussion. Das gehört einfach zu uns und zu unserer Musik.
Was darf in einem Scharmöör-Song niemals fehlen?
Gefühl. Egal ob laut, emotional oder euphorisch – ein Scharmöör-Song soll im Publikum etwas auslösen und nicht einfach vorbeiziehen.
Musikalisch entwickelt ihr euch ständig weiter. Gibt es Songs, die heute anders entstehen würden?
Ich denke, das können viele Bands von sich behaupten. Daher ist die Antwort recht leicht: Ja.
Wer ist bei euch der Perfektionist?
Freddy ist musikalisch sehr perfektionistisch, was am Ende immer gut für uns und den Song ist. Irgendwann schalten sich Tim oder Leon aber auch ein und sagen: So, wir müssen jetzt eine Entscheidung treffen.
Die Band als Familie
Worüber diskutiert ihr am häufigsten?
Es ist ein Mix aus allem. In der Session geht es oft um die Live-Auftritte, im Sommer mehr um Produktionen und neue Songs. Ganz wichtig sind natürlich auch Diskussionen darüber, was im Bus gegessen werden darf und welche Parfüms bandbus-kompatibel sind.
Und was nervt euch gegenseitig am meisten?
Dass manche alles sofort erledigen wollen und andere erst fünf Erinnerungen brauchen. Ganz normale Bandliebe eben.
Wer hält im Notfall alles zusammen?
Den klassischen Feuerwehrmann spielt meist Tim. Aber je nach Situation macht das jeder mal.
Wie trennt ihr Freundschaft und professionelles Arbeiten?
Durch Ehrlichkeit. Wenn etwas stört, sprechen wir es an – und danach trinken wir trotzdem zusammen ein Kölsch.
Gibt es feste Regeln?
Ja. Pünktlichkeit, Respekt und volle Disziplin, wenn es darauf ankommt, sind ganz wichtig. Dazu kommen viele Automatismen, die sich über die Jahre entwickelt haben.
Blick nach vorne
Ihr wirkt bewusst etwas anders als viele klassische Karnevalsbands. War das Absicht?
Das ist schön zu hören, da wir uns nicht nur optisch, sondern auch musikalisch versuchen abzuheben. Es war von Anfang an der Plan, weil wir es genauso gefühlt haben.
Wofür soll Scharmöör musikalisch stehen?
Wir wollen bei aller modernen Entwicklung der kölschen Musik den Ursprung nie außer Acht lassen und versuchen jedes Jahr aufs Neue, den traditionellen Karneval musikalisch mit auf unsere Bühne zu bringen.
Welche Künstler haben euch geprägt?
Aus der kölschen Szene wahrscheinlich am ehesten die Höhner, die Paveier und Miljö. Aber wichtig ist auch der Blick über den kölschen Tellerrand hinaus.
Und was möchtet ihr in fünf Jahren erreicht haben?
Wir haben keinen Businessplan und keine festen Ziele. Aber klar ist: Wir wollen Jahr für Jahr mehr Menschen begeistern, zu unseren Liedern feiern sehen und mitsingen hören. Und natürlich wünschen wir uns, weiter in großen Sälen spielen oder eigene Konzerte machen zu dürfen.
Wenn irgendwann jemand die Geschichte von Scharmöör erzählt – wie soll sie beginnen?
„Ich erzähl euch eine Geschichte über ein paar echte, adrette, schnike Jungs … mit nem richtig guten Musikgeschmack.“ 😀
Und was sollen die Menschen nach einem Scharmöör-Konzert sagen?
„Da möchte ich nochmal hin! Am liebsten direkt morgen!“