Der Mottoschal 2026 zeigt ein farbenfrohes, kreatives Design, das die Vielfalt und den Spaß des Kölner Karnevals widerspiegelt.
Ein Gastkommentar von Heribert Quanz
Der Mottoschal 2026 des Kölner Karnevals ist da — und mit ihm der alljährliche Blick aufs Textil, das eigentlich mehr sein sollte als ein Accessoire. Doch was erhält man in diesem Jahr? Sehr bunt, das Motto und Hände, das Logo der Session. Alles schön, alles korrekt — „nett“, aber austauschbar. Farblich gefällig, grafisch brav, inhaltlich harmlos. Kein Augenzwinkern, keine Überraschung, keinerlei Herzklopfen.
Ein guter Ansatz – aber ohne Mut
Ein Schal, der sich kaum von den Vorjahren abhebt. Kein überraschender Farbbruch, keine auffällige Grafik, kein visueller Kniff, der hängen bleibt. Er reiht sich ein in die Menge der Schalgenerationen — und das ganz ohne Ecken und Kanten.
Dabei ist die Idee hinter dem Mottoschal nach wie vor wunderbar:
Er ist das tragbare Bekenntnis zur Session, eine Art kölscher Ehrenbanner, der jedes Jahr die Botschaft des Karnevals auf die Straße bringt.
Doch der gute Ansatz versandet im Belanglosen. Statt einer klaren künstlerischen Linie oder einem Wiedererkennungswert gibt es jedes Jahr ein neues Patchwork aus Motto, Logo und Farbflecken – mehr Souvenir als Statement. Oder etwas Böser: Es wirkt alles, als hätte eine KI auf Autopilot das Briefing „bunt und freundlich“ umgesetzt.
Natürlich: Man will keinen Zoff, man will niemanden verletzen. Aber genau das, was Karneval besonders macht — ein bisschen Witz, ein bisschen Satire, ein kaum merkbarer Seitenhieb —, fehlt. Der derzeitige Schal ist ohne jede Meinung – und trifft damit? Keinerlei Nerv!
Der Karneval muss spürbar sein – auch mit dem Schal
Wenn der Karneval will, dass man ihn spürt, dann muss der Schal in Zukunft eine Stimme bekommen. Er muss nicht laut sein, aber zumindest hörbar. Warum nicht mal ein asymmetrisches Motiv, das bewusst irritiert? Warum kein Muster, das auf den zweiten Blick den Bezug zum Motto zeigt? Warum kein Weißraum, der provokant wirkt?
Wer den 2026er-Schal trägt, identifiziert sich mit dem Karneval. Kann man machen, ist aber sehr wenig.
Der Karneval kann mehr
Karneval war immer mehr als eine bunte Parade. Er war und ist eine Form kölscher Meinungsfreiheit – mit Ironie, Haltung und manchmal auch einem kleinen Stachel.
Genau das sollte sich auch im Mottoschal spiegeln. Warum nicht mal wieder politischer, gesellschaftlicher oder selbstironischer werden? Warum nicht ein Design, das polarisiert – aber endlich wieder Diskussionen entfacht statt Gähnen?
Wenn Köln eines nicht braucht, dann ist es ein weiteres Stück Merchandise, das nach drei Tagen in der Schublade verschwindet.
Reformvorschlag: Der Schal als Beteiligungsprojekt
Für 2027 eine Idee: Der Mottoschal sollte wieder in öffentliche Hände, in die Hände der Kölner, der echten Jecken!
Ein offener Designwettbewerb, ein transparentes Auswahlverfahren, ein Publikumsvoting — das sind einfache Mittel, um das Design zu befreien aus dem brach liegenden Komitee-Refugium.
Zudem: Eine kleine Redaktion, bestehend aus Karnevalisten, Künstlern und Grafikexpert:innen, kann kuratierend mitwirken — nicht in diktatorischer Form, sondern als beratende Instanz. So bleibt das Motto tragbar, und der Schal gewinnt wieder eine visuelle Stimme.
Was bleibt?
Der Mottoschal 2026 ist sicher in Ordnung und wird sich gut verkaufen. Man kann ihn tragen — mir reicht das nicht. Ein Stück Identität darf weder belanglos noch unauffällig sein. Köln braucht wieder einen Schal, der provoziert, inspiriert und Freude macht.
Das stoffliche Symbol des Karnevals verdient einen Schubs Richtung Charakter. Und wenn nicht der Karneval Charakter zeigt – wer dann?