Tausende feiern Karneval in Köln mit bunten Kostümen und fröhlicher Stimmung.
Köln | Morgen geht es ab! Kölle Alaaf! Weiberfastnacht!
Claudia Wecker kennt das jecke Treiben seit Jahrzehnten wie kaum eine Zweite. Die Chefin vom Studentenclub „Das Ding“ ist eine wachsame Beobachterin des Kölner Karnevals. Ihr Lokal befindet sich direkt an der Zülpicher Straße, sie empfängt am Donnerstag um 9 Uhr die jungen Jecken zum einstündigen Freibier und steht an vorderster Front.
Wie schätzt sie unmittelbar vor Weiberfastnacht die Lage diesmal rund um den Party-Hotspot schlechthin und die ganze Stadt ein?
Das Ding-Inhaberin legt Finger in die jecken Wunden
„Die Vorbereitungen zu Weiberfastnacht oder überhaupt Karneval haben quasi hinter verschlossenen Türen stattgefunden und ich sehe da keine konzeptionelle Entwicklung ins Positive“, moniert sie, „Man wird halt immer wieder mit Dingen konfrontiert, mit denen man nicht rechnen kann und dann steckt man also in diesem Chaos drin. Und kommt da halt auch einfach nicht mehr raus. Das ist halt für uns alle immer ein riesengroßes Problem. Ich glaube, es gibt zwei Meinungen dazu, wie diese Geschichte irgendwann mal ausgeht. Die eine ist die Meinung, die die Stadt offiziell vertritt: Et hätt noch immer jot jejange – und es gibt die Meinung, die eigentlich der Rest der Welt vertritt.“
Bisher habe man in Köln viel Schwein gehabt, dass nichts Gravierendes passiert sei: „Jedem von uns ist klar, dass schon mehrfach an einer Katastrophe vorbeigeschrammt wurde und jedem von uns ist klar, dass das Glück irgendwann zu Ende ist und dann wird es eine Panik geben. Was ist denn, wenn auf der Zülpicher Straße meine Massenpanik ausbricht? Wenn da zum Beispiel fünf Böller gezündet werden? Oder vor den Sperren gab es ja auch wegen des Andrangs öfter schon mal fast Panikausbrüche.“
Wird der Andrang für Donnerstag von Seiten der Behörden unterschätzt?
„Ich glaube, was unterschätzt wird, ist die Entwicklung, die auf der Straße stattfindet, die wir kontinuierlich seit 2019 sehen können und zwar ganzjährig das, was immer als Ballerisierung bezeichnet wird“, sagt Wecker, „Und das sehen wir im Karneval jetzt natürlich verstärkt. Ärgerlich ist halt, dass es seit 2018 Gespräche mit der Stadt und der Politik an runden Tischen und so weiter gegeben hat, wo sehr viele Leute, die täglich vor Ort sind, also Gastronomen, Einzelhändler und auch Anwohner immer darauf hingewiesen haben, was passieren wird. Und es wird von der Stadt einfach eisenhart ignoriert. So auch jetzt. Man fokussiert sich darauf, dass letztes Jahr im Karneval der Andrang auf die Zülpicher ja nicht so groß war. Ja, da hat es geregnet. Und man nimmt solche Aussagen dann, um zu sagen: Ach der Andrang hat ja nachgelassen.
Die Uniwiese wird klein gemacht, es gibt keinen Alkohol. Es gibt keine Musik. Also da gibt es eigentlich gar nichts, so wird die Menge ja nicht dortbleiben. Die wird sich ja nicht wie ich so sagte, wie Schafe auf einem Parkplatz abstellen lassen, sondern sie wird kehrtmachen und Kreise ziehen und dann ins Belgische und auch in die Südstadt einfallen. Ich glaube schon, dass es den Verantwortlichen klar ist. Sie tun aber immer so, als würden sie ganz überrascht von den Entwicklungen. Ich finde, man muss jetzt nicht unbedingt über sehr große Erfahrung mit der Thematik verfügen, um zu verstehen, wie Menschenmengen sich bewegen.“
Dabei spiele Social Media eine wichtige Rolle.
„Ich hab jetzt auch mal bei TikTok geschaut, wo sehr viele junge Menschen ja sind. Der Run auf die Zülpi ist da ungebrochen. Und was ich immer so ein bisschen irritierend finde: Es gibt einfach nicht genug Mitarbeiter, auch bei den Behörden, als dass sie das irgendwie auffangen können. Und anstatt Lösungsbereitschaft zu suggerieren, gab es dieses Jahr gar nichts. Es gab ja keine Gespräche. du hast ja das Gefühl gehabt, da ist eine Riesenmauer und dahinter sitzt die Stadt und macht ihre Pläne.
Wie von mir vorhergesagt, gibt’s in der Südstadt jetzt Mülleimer und Dixie-Klos, was total albern ist und lächerlich, weil das wird nichts ändern. Also ich hab das Gefühl, man möchte – wie so oft in Köln – das Problem nicht an der Wurzel packen. Man denkt also immer, man kommt jetzt gut durch und dann haben wir ja wieder bis zum 11. November Ruhe“.
Was ist mit dem Drogenproblem? Haben sich die Präventionskampagnen gegen Alkohol und Drogen bewährt oder sind es teure Alibi-Theorien?
„Also ich bin immer ein Freund von Präventionskampagnen. Ich bin nur kein Freund davon, wenn Maßnahmen im luftleeren Raum hängen. Das ist genauso wie mit dem Alkoholverbot auf der Wiese, was ich eigentlich gut finde, weil da natürlich sehr viele Minderjährige sind. Doch das hängt ja am luftleeren Raum, weil die Menge wird rumdrehen und zunächst ins Kiosk gehen, bzw. in die Trinkhallen, die gerade wie Pilze aus dem Boden schießen“, hat sie beobachtet, „Da kriegt jeder Dreizehnjähriger auch Alkohol. Man muss sagen da hat die Stadt reagiert. Im Vorfeld wurden Kioske kontrolliert und es wurden auch dieses Jahr wieder Testkäufe gemacht. Da gibt es bei dreimaligem Verstoß sogar mittlerweile ein Bußgeld von 5000 €. Das hört sich alles super an, ist auch super, aber auch da scheitert dann eine erneute Kontrolle ganzjährig. Oder die Verfolgung eines Bußgeldes scheitert dann daran, dass einfach nicht genug Mitarbeiter da sind, die das bearbeiten können. Also das höre ich immer wieder.“

Denn sie verfügt über ein laufendes Netzwerk aus Kontakten: „Ich bin ja in den Behörden, hab ja viele Bekannte auch und Freunde noch aus Schulzeiten. Und da krieg ich schon immer eine Menge mit, was da so erzählt wird und wie es da so läuft. Dieses Köln hat nie die Ressourcen oder den Willen und Keinen, der es sich auf die Fahne schreibt, um mal irgendein Problem an der Wurzel anzupacken – und daran scheitern viele gut gemeinte Sachen. Präventionskampagnen, da bin ich immer ein Freund von, nur die reichen halt nicht. Man muss vor allen Dingen sich klarmachen, dass die meisten Gewerbeanmeldungen derzeit diese Trinkhallen sind.
Da muss man vielleicht mal die Regeln überdenken unter was für Bedingungen man eine Trinkhalle öffnen darf – also die brauchen ja gar nix. Die brauchen nicht das, was ein Gastronom braucht zum Beispiel, da sollte man dann auch schon schauen. Dass man solche Geschäftsmodelle auch schneller wieder schließen kann oder auch mit so hohen Bußgeldern belegen kann, dass bei einem Jugendschutzverstoß eine Ausrede mit: Das hab ich nicht gewusst“, jetzt auch nicht mehr so akzeptiert wird.“