Porträt
Vom Lagerarbeiter zum Mann hinter „Mer losse d’r Dom en Kölle“
Es gibt Menschen, die berühmt werden. Und es gibt Menschen, deren Werke berühmter werden als sie selbst.
Hans Knipp gehörte eindeutig zur zweiten Gruppe.
Wer in Köln „Mer losse d’r Dom en Kölle“ anstimmt, braucht den Text kaum weiterzusagen. Wer „Mir schenke der Ahl e paar Blömcher“ hört, erkennt nach wenigen Takten einen der großen Klassiker der Bläck Fööss.
Hinter beiden Liedern steckt derselbe Mann: Hans Knipp.
Dabei begann sein Weg zur kölschen Musik alles andere als geradlinig.
Zwei Ausbildungen abgebrochen
Knipp wurde 1946 in Köln-Mülheim geboren. Seine Schulzeit endete ohne Abitur. Danach begann er zunächst eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann.
Er brach sie ab.
Dann versuchte er es als Werbefotograf. Auch diese Ausbildung beendete er nicht.
Knipp arbeitete anschließend unter anderem als Auslieferungsfahrer und Lagerarbeiter.
Eine bemerkenswerte Ausgangslage für einen Mann, dessen Texte Jahrzehnte später zum musikalischen Gedächtnis einer ganzen Stadt gehören sollten.
Denn neben der Arbeit machte Knipp etwas anderes: Er schrieb.
Mit dem Kassettenrekorder fing es an
Knipp schrieb Texte und Melodien und nahm seine Stücke mit einfachen Mitteln auf. Kein großes Studio. Kein Produzent, der bereits auf ihn wartete.
Ein Kassettenrekorder musste reichen.
Mit solchen Aufnahmen versuchte er, seine Lieder bei Musikverlagen und Künstlern unterzubringen. Ende der 1960er-Jahre erschienen erste Stücke.
Der entscheidende Schritt kam mit einer jungen Kölner Gruppe, die selbst noch auf der Suche nach ihrem musikalischen Weg war:
den Bläck Fööss.
Dann kamen die Bläck Fööss
Zwischen Hans Knipp und den Bläck Fööss entwickelte sich eine Zusammenarbeit, die die kölsche Musik nachhaltig prägen sollte.
Knipp verstand etwas, das für den Erfolg der Band entscheidend wurde: Ein gutes kölsches Lied musste nicht zwangsläufig von Prinzen, Kamelle und Karneval handeln.
Es konnte von Nachbarn erzählen. Von alten Menschen. Von kleinen Kneipen. Von Veränderungen in der Stadt. Von den kleinen Dingen des Alltags.
Knipp beobachtete Köln – und machte daraus Lieder.
Für die Bläck Fööss schrieb er im Laufe der Jahre weit über hundert Titel. Darunter einige ihrer bekanntesten Stücke.
Eines davon wurde zu einer Art inoffizieller Hymne der Stadt:
„Mer losse d’r Dom en Kölle“.
Ein fröhliches Lied mit ernstem Hintergrund
Heute wird „Mer losse d’r Dom en Kölle“ häufig einfach als Liebeserklärung an Köln gesungen.
Dabei steckt mehr dahinter.
Anfang der 1970er-Jahre wurde in Köln intensiv über die Veränderung und Modernisierung der Innenstadt diskutiert. Abriss, Neubau und Stadtplanung beschäftigten die Menschen.
Knipp griff diese Stimmung auf und überspitzte sie satirisch: Wenn Köln immer weiter umgebaut wird, könnte man irgendwann genauso gut auch den Dom woanders hinstellen.
Aus Kritik an der Stadtentwicklung wurde ein kölsches Lied.
Und aus diesem Lied wurde ein Evergreen.
Das war typisch für Knipp. Seine Texte konnten leicht und unterhaltsam klingen – und trotzdem ziemlich genau beobachten, was in Köln gerade passierte.
Ein paar Blumen für die alte Frau
Noch deutlicher wird das bei „Mir schenke der Ahl e paar Blömcher“.
Keine große Heldengeschichte, kein Prinz, kein Dreigestirn.
Im Mittelpunkt steht eine alte Frau.
Eine Nachbarin, die allein lebt und der man mit einer kleinen Geste eine Freude machen kann.
Ein paar Blumen.
Mehr brauchte Knipp manchmal nicht, um daraus ein Lied zu machen, das Jahrzehnte überdauerte.
Auch bei den Paveiern hatte Knipp seine Finger im Spiel
Hans Knipps Einfluss beschränkte sich nicht auf die Bläck Fööss.
Anfang der 1980er-Jahre begegnete er Musikern, die sich damals noch als kölsche Countryband „Colonia Rangers“ versuchten. Der große Erfolg blieb aus.
Knipp gab ihnen zwei Lieder.
Eines davon hieß „Ich nemm d’r Dom met“.
Kurz darauf brauchten die Musiker einen neuen Namen. Knipps Frau Heidi stieß bei der Suche in einem kölschen Wörterbuch auf „Paveier“ – Pflasterleger.
Aus den Colonia Rangers wurden die Paveier.
Damit hatte Knipp nicht nur zahlreiche Lieder für eine der wichtigsten Kölner Bands geschrieben. Er hatte auch bei der Entstehung einer weiteren kölschen Institution entscheidend mitgeholfen.
Der Mann hinter den Liedern
Hans Knipp selbst stand selten im Mittelpunkt.
Andere sangen seine Stücke. Andere standen damit im Gürzenich, auf den Karnevalsbühnen und später in großen Arenen.
Seine Lieder wurden bekannter als ihr Autor.
Vielleicht lohnt es sich gerade deshalb, sich an Hans Knipp zu erinnern.
Denn wer die Geschichte der kölschen Musik nur anhand der Menschen erzählt, die vorne am Mikrofon standen, übersieht einen ihrer wichtigsten Männer.
Hans Knipp starb 2011 im Alter von 65 Jahren.
Seine Lieder blieben.
Und wahrscheinlich gibt es für einen Liedermacher kaum ein größeres Kompliment: Noch heute stehen Tausende Menschen auf, legen sich gegenseitig die Arme auf die Schultern und singen seine Worte.
Viele wissen vielleicht nicht einmal, wer sie geschrieben hat.
Aus dem Lagerarbeiter Hans Knipp wurde nie der große Star.
Seine Lieder wurden es.
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