Hintergrund
NeuKAJUJA – vom Pfarrkarneval zur Talentschmiede des Kölner Fastelovends
Köln. Wer heute den Namen KAJUJA hört, denkt an Nachwuchskünstler, Vorstellabende und an Karnevalisten, die hier eine ihrer ersten großen Chancen bekamen. Dabei liegen die Anfänge weit zurück und haben mit dem professionellen Sitzungskarneval unserer Tage zunächst wenig gemeinsam. Die Wurzeln der KAJUJA liegen in der katholischen Jugendarbeit der Nachkriegszeit. In zahlreichen Kölner Pfarrgemeinden veranstalteten Jugendliche damals ihre eigenen Karnevalssitzungen. Redner, Sänger und Musiker wurden nicht teuer verpflichtet, sondern kamen aus den eigenen Reihen.
1949 entstand in der Kölner katholischen Jugend die Idee, die besten Kräfte dieser Pfarrsitzungen zusammenzubringen. Junge Talente wurden gesucht und zu einem gemeinsamen Programm zusammengestellt. Das Prinzip war denkbar einfach: Man wollte mit eigenen Leuten Karneval machen. Damit war bereits jene Idee geboren, die später zum Markenzeichen der KAJUJA werden sollte – Menschen entdecken, ihnen eine Bühne geben und sie auf ihrem Weg in den Karneval begleiten.
Am 25. Januar 1950 fand in den Kölner Sartory-Sälen der erste große „Bunte Abend der katholischen Jugend“ statt. Selbst dort musste improvisiert werden. Die engagierte Kapelle erschien verspätet, weil sie zuvor noch bei einer anderen Veranstaltung spielte. Also überbrückte zunächst ein Klavierspieler die Zeit. Auch die Künstler waren größtenteils außerhalb ihrer Gemeinden unbekannt. Genau das war gewollt: Nicht die großen Namen sollten das Programm tragen, sondern der eigene Nachwuchs.
Auch der Name KAJUJA war zu diesem Zeitpunkt noch nicht geboren. Seine Entstehung gehört inzwischen zur kölschen Karnevalsgeschichte. Nach der Veranstaltung mussten einige Jugendliche aus Flittard zu Fuß nach Hause, weil die letzten öffentlichen Verkehrsmittel bereits abgefahren waren. Auf diesem nächtlichen Heimweg soll aus dem alten karnevalistischen Ruf „Ajuja“ das Wort „Kajuja“ entstanden sein. Das zusätzliche K stand für „katholisch“. Wer das Wort tatsächlich zuerst ausgesprochen hat, lässt sich heute nicht mehr zweifelsfrei feststellen. Geblieben ist ein Name, der mehr als sieben Jahrzehnte später noch immer zum Kölner Fastelovend gehört.
Wie eng die KAJUJA damals mit der Lebenswelt der katholischen Jugend verbunden war, zeigte sich auch auf der Bühne. Die jungen Karnevalisten machten sich über ihre eigenen Erfahrungen lustig, über Pfarrleben, Kapläne, Jugendarbeit und die kleinen und großen Probleme des Alltags. Das Publikum kannte diese Welt und verstand die Anspielungen. Der Humor entstand nicht am Schreibtisch einer professionellen Künstleragentur, sondern mitten aus dem eigenen Leben.
Dass dieser Karneval an vielen Stellen unter einfachsten Bedingungen entstand, zeigt besonders anschaulich die Geschichte von St. Johann Baptist in Köln-Höhenhaus. Dort kam Jupp Decker während eines Waldspaziergangs mit anderen Jugendlichen auf die Idee, eine eigene Fastelovendssitzung zu veranstalten. Die Mitglieder seiner Gruppe waren gerade einmal 16 oder 17 Jahre alt. Aus einer spontanen Idee wurde bald eine regelmäßige Veranstaltung.
Die ersten Sitzungen fanden in einem Bunker an der Honschaftsstraße statt, der teilweise in Eigenarbeit als Jugendheim hergerichtet worden war. Von einer professionellen Bühne konnte keine Rede sein. Aus Dielen und Böcken eines befreundeten Bauunternehmers wurde ein Podium gezimmert. Die Tische waren ähnlich einfach gebaut und mit Papier bespannt. Stühle mussten aus der Sakristei der alten Kirche geholt werden. Selbst dafür hatten die jungen Karnevalisten schnell einen passenden Namen gefunden: Das Heranschaffen der Stühle hieß schlicht „Stuhlgang“.
Auch bei Kostümen und Ausstattung wurde genommen, was vorhanden war. Mützen wurden aus Papier geklebt und Orden aus Holz ausgesägt. Für die musikalische Begleitung brauchte man ein Klavier. Also wurde kurzerhand das Instrument aus dem Wohnzimmer von Kaplan Cornelissen in den Bunker geschafft – sehr zum Missfallen seiner Mutter. Später soll sich sogar einmal ein Sänger geweigert haben aufzutreten, weil das Klavier hoffnungslos verstimmt war. Ein anderer Musiker brachte am selben Abend trotzdem noch brauchbare Töne daraus hervor.
Professionelle Karnevalisten wurden zunächst ebenfalls nicht benötigt. Die Redner kamen aus den eigenen Reihen. Figuren wie der „Schmitze Knoll“, der „Eingeborene von Addis Abeba“ oder der „Pfarrangehörige“ standen in der Bütt. Ein Gesangsquartett nannte sich zunächst „de 4 Botze“, später „de 4 Ungerbotze“ und schließlich „de 4 Buchstabe“. Dahinter standen Otto Stump, Leo Stolz, Hans Stump und Alfred Kemp. Es war ein Karneval, der nicht von Perfektion lebte, sondern von Ideen, Improvisation und der Freude daran, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen.
Jupp Decker zog es später stärker in den organisierten Kölner Karneval. Er schloss sich den Löstigen Höhenhuusern an, während Alfred Kemp seinen Platz als Präsident übernahm. Die Sitzungen in Höhenhaus entwickelten sich weiter und zogen später aus dem Bunker in den Saal Ludwig, der im Veedel als „em Loch“ bekannt war. Nach und nach traten dort auch Künstler von außerhalb auf. Die letzte Sitzung dieser alten Höhenhauser KAJUJA fand 1962 statt.
Die eigentliche KAJUJA Köln war zu diesem Zeitpunkt längst über die katholische Jugendarbeit hinausgewachsen. Schon in den frühen 1950er-Jahren hatte sich die Idee verbreitet. Aus einer Veranstaltung von Jugendlichen entwickelte sich immer stärker eine Einrichtung, die Nachwuchs für den Karneval suchte. Genau darin lag ihre besondere Stärke: Die KAJUJA wartete nicht darauf, dass Künstler bereits bekannt waren. Sie suchte sie vorher.
Dieses Prinzip machte sie über Jahrzehnte zu einer der wichtigsten Talentschmieden des Kölner Karnevals. Zahlreiche Künstler und Gruppen, die später die großen Säle eroberten, gingen durch die Schule der KAJUJA oder erhielten dort wichtige Chancen. Namen wie Ludwig Sebus, Gerd Rück, Hans Süper und Hans Zimmermann mit dem Colonia Duett, Marita Köllner oder die Höhner stehen für frühere Generationen. Später wurden auch Künstler und Gruppen wie Kasalla, Cat Ballou, Miljö, Volker Weininger oder Jörg Runge mit der Nachwuchsarbeit der KAJUJA verbunden.
Damit hat sich die KAJUJA im Laufe der Jahrzehnte erheblich verändert. Aus den improvisierten Anfängen wurden Probeabende, Castings, professionelle Künstlerbetreuung und Vorstellabende. Was früher in Pfarrsälen und Jugendheimen begann, findet heute unter völlig anderen Bedingungen statt. Geblieben ist jedoch die entscheidende Idee: Jemandem eine Chance zu geben, bevor sein Name auf jedem Sitzungsprogramm steht.
Gerade deshalb lohnt sich der Blick zurück. Denn hinter dem heute bekannten Namen KAJUJA steckt weit mehr als eine Nachwuchsorganisation des Kölner Karnevals. Ihre Geschichte erzählt von jungen Menschen in einer vom Krieg gezeichneten Stadt, die wieder gemeinsam feiern wollten. Sie bauten ihre Bühnen selbst, schleppten Stühle, bastelten Orden, schrieben Reden und stellten sich auf die Bühne, ohne zu wissen, ob daraus jemals mehr werden würde.
Aus dieser einfachen Form des Pfarrkarnevals entwickelte sich eine Institution, die den Kölner Fastelovend über Generationen mitgeprägt hat. Und vielleicht liegt genau darin das Erfolgsgeheimnis der KAJUJA: Der Karneval braucht nicht nur die bekannten Namen. Er braucht immer wieder Menschen, die zum ersten Mal den Mut haben, vor ein Publikum zu treten – und jemanden, der ihnen diese Bühne gibt.
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