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Diese Karnevalslieder spielt heute keiner mehr – wenn der Zeitgeist den Fastelovend einholt

Brings spielen „Indianerland“ nicht mehr, die Höhner verteidigen ihr „lecker Mädche“: wie Kölner Bands mit alten Texten umgehen und was früher anstieß.

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Karnevalslieder und Zeitgeist

Was Generationen von Jecken bedenkenlos mitgesungen haben, kann Jahrzehnte später plötzlich ziemlich schräg klingen. Frauenbilder, ethnische Klischees, Körperbilder, Drogen, Sex und Vorstellungen davon, wie sich Jungen und Mädchen zu verhalten haben: Wer tief genug in den kölschen Liederschatz greift, findet einiges, bei dem man heute zumindest zweimal hinhört.

Die Höhner und das „lecker Mädche“: Ein Lied, das bleiben soll

44 Jahre lang interessierte sich kaum jemand dafür. Dann genügte ein Schriftzug in einer Kölner Hotelbar. „Blootwoosch, Kölsch un e lecker Mädche.“ Der Höhner-Klassiker stammt aus dem Jahr 1979. Jahrzehntelang wurde er als augenzwinkernde Aufzählung kölscher Genüsse verstanden. 2023 sah eine Anwohnerin das anders. Weil der Liedtitel in der Bar „Veedelseck“ des damaligen Lindner-Hotels an der Magnusstraße zu lesen war, beschwerte sie sich. Die Formulierung suggeriere, so ihre Kritik, dass Männer neben Blutwurst und Kölsch auch Mädchen „genießen“ könnten. Zudem sei „Mädchen“ eine Bezeichnung für Minderjährige.

Plötzlich steckte ein alter Karnevalsklassiker mitten in einer Sexismus-Debatte. Die Höhner reagierten bemerkenswert deutlich. Patrick Lück und Jens Streifling erklärten, die Kritik beruhe auf einem Missverständnis der kölschen Sprache. Ein „lecker Mädche“ sei im Kölschen eine schöne, nette oder angenehme Frau – unabhängig vom Alter.

Und die Band stellte klar: Das Lied bleibt im Programm. Damit nicht genug. Vor dem Hotel versammelten sich nach Medienberichten rund 40 Frauen in Karnevalskleidung und sangen demonstrativ den Höhner-Klassiker. Sie wollten damit ein Zeichen setzen, dass sie das Lied gerade nicht als frauenfeindlich verstanden.

Der Fall ist deshalb so interessant, weil er zeigt, dass veränderter Zeitgeist keineswegs automatisch bedeutet, dass eine Band einknickt oder einen Text umschreibt. Manchmal sagt sie auch einfach: Nein. Wir verstehen unser Lied anders.

Dafür fanden die Höhner in ihrem Archiv ein ganz anderes Problem

Ausgerechnet die Diskussion um das „lecker Mädche“ brachte einen anderen Höhner-Titel ans Licht. „Immer freundlich lächeln“ erschien 2001. Das Lied funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Menschen geraten in absurde oder unangenehme Situationen und sollen trotzdem freundlich lächeln. Zu den Zielscheiben der Pointen gehören allerdings auch Chinesen.

Patrick Lück erklärte 2023, die Höhner spielten die Nummer vorerst nicht mehr. Seine Begründung war knapp: Das passe aktuell nicht mehr so richtig in die Zeit. Die Band distanzierte sich trotzdem nicht grundsätzlich von dem Stück. Karnevalslieder lebten schließlich auch von Satire. Damit entstand eine bemerkenswerte Pointe.

Über „Blootwoosch, Kölsch un e lecker Mädche“ wurde öffentlich gestritten – und die Höhner verteidigten es. Über „Immer freundlich lächeln“ sprach vorher kaum jemand – und genau dieses Lied nahm die Band aus dem Programm. Manchmal braucht es offenbar eine Debatte über das falsche Lied, um das richtige im Archiv zu finden.

Brings verabschieden sich vom „Indianerland“

Bei Brings ist die Lage eindeutiger. Die Band spielt „Indianerland“ nicht mehr. Peter Brings erklärte 2024, das Lied könne heute zu Missverständnissen führen. Im Refrain werden „Indianer“ mit den Kölner Farben Rot und Weiß verbunden. Solche Bilder gehörten jahrzehntelang ganz selbstverständlich zum deutschen Karneval: Indianerkostüme, Federschmuck, Winnetou-Romantik.

Inzwischen wird darüber diskutiert, ob solche Darstellungen indigene Kulturen auf stereotype Bilder reduzieren. Brings zog daraus eine pragmatische Konsequenz: Das Lied bleibt liegen. Bemerkenswert ist allerdings, dass Peter Brings gleichzeitig die Aufregung um Udo Lindenbergs Wort „Oberindianer“ im „Sonderzug nach Pankow“ nicht nachvollziehen konnte.

Er vertritt also keineswegs die Position, das Wort müsse grundsätzlich aus Liedern verschwinden. Bei seinem eigenen Stück entschied er trotzdem: Lieber nicht mehr.

Die Bläck Fööss machen es genau andersherum

Damit kommen wir zu einem der interessantesten Gegenbeispiele. Die Bläck Fööss veröffentlichten 1980 „Indianer kriesche nit“.

Der Titel allein würde heute wahrscheinlich schon genügen, um Diskussionen auszulösen. Doch wer den Text betrachtet, entdeckt etwas anderes. Das Lied handelt überhaupt nicht von indigenen Menschen. Es handelt von einem Jungen beziehungsweise Mann, dem von klein auf beigebracht wurde, Gefühle zu unterdrücken.

Jungen weinen nicht. Oder in der damals gebräuchlichen Redewendung: Indianer weinen nicht. Das Lied erzählt sogar von autoritären Lehrern und körperlicher Bestrafung. Der Junge würde gerne weinen, hat aber gelernt, dass er das nicht darf. Was heute als Kritik an starren männlichen Rollenbildern gelesen werden kann, sangen die Fööss bereits 1980.

Willi Ostermann und die kleine Paula

Noch deutlicher wird die Zeitreise bei Willi Ostermann. „Paula! Komm gib dem Onkel e Küßche“ erzählt eine Szene, die zur Entstehungszeit als harmlose Familienkomik funktionieren konnte.

Paula möchte dem Onkel keinen Kuss geben. Die Mutter findet das nicht akzeptabel und drängt das Mädchen dazu. Aus heutiger Perspektive stößt die Pointe unmittelbar auf eine inzwischen sehr viel stärker ausgeprägte Vorstellung: Ein Kind entscheidet selbst, wen es küsst und wem es körperliche Zuneigung gibt.

Ostermann ist überhaupt eine Fundgrube

Bei einem Künstler, dessen Werk teilweise mehr als hundert Jahre alt ist, wäre es geradezu erstaunlich, wenn sämtliche Rollenbilder noch exakt dem Jahr 2026 entsprächen. Schon Titel wie „Kölsche Mädcher künnen bütze“ oder manche seiner Geschichten über Ehefrauen, Schwiegermütter, Mädchen und Männer stammen aus einer gesellschaftlichen Welt mit deutlich anderen Vorstellungen von Geschlecht, Ehe und Familie.

Das bedeutet nicht automatisch, dass diese Lieder heute nicht mehr aufgeführt werden dürfen oder tatsächlich verschwunden wären. Und genau diese Unterscheidung ist wichtig. Bei Ostermann haben wir vielfach keine dokumentierte Entscheidung „Dieses Lied spielen wir nicht mehr“. Wir haben historische Texte, bei denen heutige Hörer an Stellen stolpern können, an denen das damalige Publikum vermutlich gar kein Problem sah.

Das Matterhorn: Als der WDR noch vor einer Bergbesteigung Angst hatte

Der vielleicht schönste Beweis dafür, dass sich auch Prüderie verändert, stammt vom Eilemann-Trio. 1987 erschien „Das Matterhorn“. Der WDR wollte das Lied zunächst nicht senden.

Der Grund war eine Doppeldeutigkeit rund um das Besteigen des Matterhorns – mal von der einen, mal von der anderen Seite. Den Verantwortlichen erschien das offenbar zu sexuell. Günter Eilemann beteuerte später, beim Schreiben überhaupt keinen sexuellen Hintergedanken gehabt zu haben. Aus heutiger Sicht wirkt die ganze Affäre fast rührend.

Was damals offenbar als anstößig genug für den Rundfunk galt, dürfte heute bei den meisten Hörern kaum noch eine Augenbraue heben. Auch Empörung altert.

Brings: „Poppe, Kaate, Danze“ – und der Aufstand gegen die Sittenwächter

Ein ähnliches Beispiel liefert Brings. 2004 veröffentlichten sie „Poppe, Kaate, Danze“.

Schon der Titel – Sex haben, Karten spielen, tanzen – war dem Festkomitee zu viel. Die Nummer sollte auf offiziellen Sitzungen nicht gespielt werden. Ausgerechnet der organisierte Karneval, der sich gern als Hort der Narrenfreiheit versteht, zog eine Grenze. Peter Brings fürchtete zeitweise sogar, die Auseinandersetzung könne für die Band im Karneval existenzbedrohend werden.

Doch das Gegenteil geschah. Der Streit machte das Lied erst recht interessant. Gesellschaften wollten sich offenbar nicht vorschreiben lassen, was sie buchen oder hören sollten. Brings spielte weiter.

„Drink doch eine met“ wollte zunächst niemand

Nicht jeder Konflikt mit dem Zeitgeist betrifft politische Korrektheit. Manchmal erkennt die jeweilige Gegenwart schlicht nicht, was später zum Klassiker wird. Die Bläck Fööss berichten in ihrer offiziellen Bandgeschichte, dass ihr zweiter kölscher Titel „Drink doch eine met“ von Plattenfirmen abgelehnt wurde. Sogar die Kölner EMI wollte ihn nicht. Schließlich veröffentlichte ausgerechnet BASF in Ludwigshafen die Platte.

Das Lied wurde ein Erfolg und gehört heute zum kölschen Grundinventar. Auch das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn heute darüber diskutiert wird, welche Texte altern und welche bleiben. Zeitgenossen sind erstaunlich schlecht darin vorherzusagen, was die Zukunft einmal für wertvoll hält.

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