Als Trude Herr ihre ersten karnevalistischen Erfolge feierte, war der offizielle Kölner Karneval noch weitgehend eine Männerdomäne. Präsidenten, Programmgestalter, Redner und Sänger bestimmten das Geschehen. Frauen kamen zwar im Publikum und in Tanzgruppen vor, als eigenständige Rednerinnen waren sie jedoch eine Ausnahme.

Herr wurde am 4. Mai 1927 in Köln-Kalk geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Ihr Vater Robert, ein kommunistischer Lokomotivführer, wurde von den Nationalsozialisten verfolgt und inhaftiert. Früh suchte sie den Weg auf die Bühne. Ab 1948 erhielt sie kleinere Rollen am Millowitsch-Theater. Bereits 1949 gründete sie gemeinsam mit ihrem Freund und Mentor Gustav Schellhardt die „Kölner Lustspielbühne“. Das Unternehmen scheiterte nach kurzer Zeit wirtschaftlich, doch Herr hielt an ihrem Wunsch fest, selbstbestimmt Theater zu machen.
1954 war sie eine Schauspielerin auf der Suche nach neuen Engagements. Im Herbst stellte sie sich den Programmgestaltern der Karnevalssitzungen mit einer selbst entwickelten Figur vor: dem „Wunderkind“. Das scheinbar naive kölsche Mädchen berichtete von seinen angeblichen Erlebnissen als Nachwuchsfilmstar und gab vor, die Berühmtheiten zwischen Hollywood und Venedig persönlich zu kennen. Dahinter verbargen sich doppeldeutige Bemerkungen, soziale Beobachtungen und kleine Angriffe auf die bürgerliche Moral.
Schon die Form ihres Auftritts war ungewöhnlich. Herr wollte nicht in der traditionellen Bütt verschwinden, sondern stellte sich daneben. Ihre gesamte Erscheinung sollte sichtbar bleiben: ihre Mimik, ihre Gesten und ihre enorme körperliche Präsenz. Das Publikum war von der neuen Rednerin begeistert. In ihrer ersten Session erhielt sie mehr als 50 Engagements.
Herr präsentierte keine lose Folge austauschbarer Witze. Sie erschuf eine Figur mit eigener Herkunft, Haltung und Sprache. Ihre Komik entstand aus dem sozialen Milieu und der genauen Beobachtung menschlicher Schwächen.
Der Durchbruch als „Besatzungskind“
1956 folgte die Figur, die Trude Herr zum Durchbruch verhalf. Als „Besatzungskind“ beschäftigte sie sich mit Mädchen und Jungen, die aus Beziehungen deutscher Frauen mit alliierten Soldaten hervorgegangen waren. Beim Wettstreit der rheinischen Nachwuchskarnevalisten des WDR gewann sie mit der Nummer den ersten Platz.
Herr griff damit ein schwieriges Thema der Nachkriegszeit auf. Ihre Figur berichtete von Ausgrenzung, Beschimpfungen und der Grausamkeit anderer Kinder. Die Rednerin verband die Geschichte außerdem mit einem ernsten Lied. Damit widersetzte sie sich einer weiteren Regel des damaligen Karnevals: Ein Auftritt sollte entweder eine Rede oder ein Gesangsvortrag sein. Herr machte beides.
Aus heutiger Perspektive ist die Inszenierung allerdings ambivalent. Herr trat mit schwarz geschminktem Gesicht auf und arbeitete mit rassistischen Stereotypen. Obwohl die Nummer Mitgefühl für das ausgegrenzte Kind wecken sollte, ist diese Form des Blackfacings heute zu Recht problematisch.

Nach dem Erfolg entwickelte Herr für jede Session eine neue Type. Sie erschien als beleibtes Rotkäppchen, als „Madame Wirtschaftswunder“ oder als „Gangsterbraut vom Eigelstein“. Daneben spielte sie in den Karnevalsrevuen des Kaiserhofs, die von Silvester bis Aschermittwoch aufgeführt wurden.
Ihre Frauenfiguren waren laut, körperlich und widerspenstig. Sie machten sich über Wohlstandsträume, Moralvorstellungen und gesellschaftliche Erwartungen lustig. Herr ließ sich nicht auf die Rolle einer harmlosen oder schmückenden Bühnenerscheinung reduzieren. Je größer ihr Erfolg beim Publikum wurde, desto schwieriger gestaltete sich ihr Verhältnis zu den Offiziellen.
Der Streit um die Präsidentengattin
1958 kündigte Herr für die folgende Session eine Rede als „Karnevalspräsidentengattin“ an. Damit wollte sie ausgerechnet das unmittelbare Umfeld der mächtigen Sitzungspräsidenten zum Gegenstand ihrer Satire machen. Der geplante Vortrag war nicht erwünscht. Trude Herr zog die Konsequenz und kehrte der Bütt sowie den Präsidenten und ihren Gattinnen den Rücken.
Herr brach dennoch nicht vollständig mit dem Fastelovend. Sie trat weiterhin im Kaiserhof und später in der von Otto Hofner organisierten „Lachenden Sporthalle“ auf. In die klassische Bütt kehrte sie jedoch nicht zurück. 1964 sorgte sie bei der Prinzenproklamation als „Kölsche Cleopatra“ für einen umjubelten Auftritt. In einen Teppich eingerollt ließ sie sich in den Saal tragen und auf der Bühne auswickeln. Die spektakuläre Inszenierung verband karnevalistische Maskerade mit moderner Theaterkomik.
Trude Herr unterschied damit deutlich zwischen dem Karneval als lebendiger Kultur und dem organisierten Sitzungskarneval. Sie liebte die kölsche Sprache, die Verwandlung, die volkstümliche Komik und den unmittelbaren Kontakt zum Publikum. Was sie ablehnte, war eine von Funktionären kontrollierte Fröhlichkeit, die Kritik nur innerhalb festgelegter Grenzen erlaubte.
Aus der verschmähten Rede wird selbstbestimmtes Theater
1977 eröffnete Herr in der Severinstraße ihr „Theater im Vringsveedel“. Dort war sie nicht mehr von Literaten, Präsidenten und Programmgestaltern abhängig. Sie schrieb und inszenierte ihre eigenen Stücke, übernahm die Hauptrollen und schuf eine populäre Alternative zum etablierten Kölner Volkstheater.
1980 holte sie die einst unerwünschte Idee der Karnevalspräsidentengattin wieder hervor. In der Produktion „Drei Glas Kölsch“ verarbeitete sie den Stoff zu dem Einakter „Auftakt zur Session“, den sie als „karnevalästerische Klamotteske“ bezeichnete. Mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Konflikt verwandelte Herr ihre Zurückweisung in selbstbestimmte Kunst. Der Sitzungskarneval, der ihre Satire nicht hatte hören wollen, wurde nun selbst zum Gegenstand ihres Theaters.
In einem Fernsehgespräch mit Günther Jauch brachte sie ihre Erfahrung 1988 auf den Punkt: „Hofnarren haben im Karneval keine Freiheit mehr.“ Der Satz beschreibt den Kern ihres Konflikts. Herr verlangte für die karnevalistische Künstlerin dasselbe Recht, das der Karneval für sich beanspruchte: Autoritäten verspotten, Grenzen überschreiten und unbequeme Wahrheiten aussprechen zu dürfen.
Eine Künstlerin, die durch Widerspruch dazugehörte
Trude Herr zeigte, dass eine Frau im Karneval nicht nur mitsingen, tanzen oder eine vorgegebene Rolle ausfüllen konnte. Sie konnte einen Saal allein beherrschen, eigene Figuren erschaffen und die Strukturen hinter der Bühne zum Thema machen. Ihre Auftritte erweiterten die Möglichkeiten weiblicher Präsenz im Kölner Karneval, ohne dass sie sich ausdrücklich als Vorkämpferin inszenieren musste.
Gerade der Bruch mit dem offiziellen Sitzungskarneval macht ihr Engagement bedeutsam. Herr gehörte zum Fastelovend, aber sie verweigerte sich seiner Selbstzufriedenheit. Sie wollte keine Erlaubnis, frech zu sein, sondern betrachtete Frechheit als Voraussetzung ihrer Kunst.
In den 1950er-Jahren galt eine erfolgreiche Rednerin im Karneval noch immer als etwas Außergewöhnliches. Wie passend, dass Trude Herr ihre Laufbahn dort ausgerechnet als „Wunderkind“ begann. Ein solches blieb sie – nicht, weil sie alle Erwartungen erfüllte, sondern weil sie sich beharrlich weigerte, das zu tun.