Porträt

Narrenchef mit Schatten: Thomas Liessem zwischen Aufbau und Anpassung

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Narrenchef auf einem Pferd während des Karnevals in Köln, umgeben von Zuschauern und Mitwirkenden.
Narrenchef auf einem Pferd während des Karnevals in Köln, umgeben von Zuschauern und Mitwirkenden.

Wer den Kölner Karneval des 20. Jahrhunderts verstehen will, kommt an Thomas Liessem (1900–1973) nicht vorbei. Er führte die Prinzen-Garde über vierunddreißig Jahre, stand ab 1935 an der Spitze des Festausschusses und ordnete nach 1945 den Wiederaufbau. In seiner Person liegen Aufbauleistung und Anpassung an eine Diktatur dicht beieinander – und das Festkomitee selbst spricht das heute deutlich aus.

Die Ämterkette

Die Prinzen-Garde führt Liessem in ihrem Liederheft von 2020 als Präsidenten von 1929 bis 1963 und zusätzlich als ihren Kommandanten 1935 und 1936. Im selben Jahr 1935 übernahm er die Leitung des neu gebildeten Festausschusses Kölner Karneval. In diesen beiden Jahren hielt er also drei Ämter gleichzeitig. Mitglied der NSDAP war er nach übereinstimmenden Zeitungsdarstellungen seit 1932; beruflich war er Likörfabrikant und Getränkehändler – der Karneval war auch sein Geschäft.

Die „Narrenrevolte“ von 1935

Im Mai 1935 versuchten die Nationalsozialisten, den Karneval organisatorisch zu übernehmen; das „Festordnende Komitee“ wurde aufgelöst. Die Vorsitzenden der großen Gesellschaften kündigten an, fernzubleiben, wenn sie nicht weiter selbst bestimmen könnten. Liessem erreichte nach der Chronik der Kölner Narren-Zunft mit einer Denkschrift an die Stadt, dass die Vereine den Verkehrsverein verlassen und einen eigenen Festausschuss gründen durften. Der Preis: Die Stadt strich jede finanzielle Unterstützung für den Rosenmontagszug – dass die Gesellschaften im Jahr darauf von Haus zu Haus Spenden sammelten, war die unmittelbare Folge. An die Spitze des neuen Gremiums trat Liessem selbst, berufen mit Zustimmung von Gauleiter Josef Grohé.

Als Widerstand gilt die Narrenrevolte heute nicht. Das Festkomitee schreibt in seiner Jubiläumschronik, später sei das als Widerstand dargestellt worden – „in Wahrheit geht es wohl eher um die Wahrung eigener Pfründe“. Ein Detail stützt das: Die Prinzen-Garde, die sich später als treibende Kraft der Revolte darstellte, ließ in der Session zuvor noch eine SA-Kapelle bei ihren Auftritten spielen.

Unter seiner Leitung, 1935 bis 1939

In diese Jahre fallen Entscheidungen, die das Fest sichtbar veränderten. Schon 1935 wurden die Gesellschaften angewiesen, „richtige“ Frauen als Funkenmariechen auftreten zu lassen; bei der Prinzen-Garde erscheint 1936 mit Hanny Hamann das erste Mädchen in der Tanzpaarliste. 1938 musste auch die Jungfrau im Dreigestirn von einer Frau dargestellt werden – die Altstädter schreiben dazu, die Partei habe „Thomas Liessem, den Vorsitzenden des Festausschusses, unter Druck gesetzt“. Hintergrund war die Verfolgung homosexueller Menschen. Ein Fortschritt für Frauen war das nicht: Die Rollen fielen ihnen zu, weil eine Tradition beseitigt werden sollte.

Das Ende und der Neuanfang

Am 9. November 1939 beschloss der Festausschuss unter seinem Vorsitzenden Liessem in einer außerordentlichen Hauptversammlung im Neumarktbräu, wegen des Kriegsausbruchs auf jede karnevalistische Tätigkeit zu verzichten. Nach dem Krieg war Liessem rasch wieder da: 1949 leitete er den ersten Nachkriegszug, eine „Erweiterte Kappenfahrt“ mit zwölf Wagen, 1950 den Rosenmontagszug. 1954 stand er an der Spitze des Bundes Deutscher Karneval – und erneut an der des Kölner Komitees.

Wie das Festkomitee ihn heute beurteilt

Die Beurteilung stammt nicht von uns. In seiner Jubiläumspressemappe schreibt das Festkomitee Kölner Karneval über ihn:

Ein Protagonist, der beispielhaft für die Anbiederung des Karnevals an das NS-System steht, ist Thomas Liessem. Der Präsident der Prinzen-Garde hatte keine Berührungsängste zum Nationalsozialismus, gehörte aber nach dem Krieg zu jenen, die behaupteten, der Karneval hätte mit der Diktatur nichts zu tun gehabt. Aus heutiger Sicht völlig unverständlich: Ab 1954 stand Liessem noch einmal an der Spitze des 1947 neu gegründeten Komitees – trotz seiner Nähe zum NS-Regime.

Dass eine Organisation so über einen eigenen früheren Präsidenten schreibt, ist bemerkenswert. Es macht die Aufbauleistung nicht kleiner – der organisierte Karneval, wie Köln ihn heute kennt, trägt seine Handschrift. Aber es benennt den Preis.

Was offen bleibt

Ob es nach 1945 ein Entnazifizierungsverfahren gab und wie es ausging, ist hier nicht belegt. Auch die wissenschaftliche Aufarbeitung ist in diesen Beitrag nicht eingeflossen: Das Standardwerk „Alaaf und Heil Hitler. Karneval im Dritten Reich“ von Carl Dietmar und Marcus Leifeld (2010) lag für diese Darstellung nicht vor.

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