Porträt
Warum Tommy Engel einen Teppich zum Vorsingen mitbrachte
Es dürfte eines der ungewöhnlicheren Vorsingen in der Geschichte des Kölner Karnevals gewesen sein.
Drei junge Musiker betreten eine Kneipe. Sie wollen Auftritte im Karneval bekommen und müssen dafür vor den Männern vorsingen, die damals über die Engagements in den großen Sälen entschieden.
Peter Schütten ist dabei. Erry Stoklosa auch.
Und Tommy Engel kommt mit einem Teppich unter dem Arm.
Der Grund dafür ist so einfach wie wunderbar: Die Bläck Fööss spielten damals tatsächlich op bläcke Fööss – barfuß.
Also wurde erst einmal der Teppich ausgerollt.
Dann wurde gesungen.
Lange Haare, Jeans und nackte Füße
Anfang der 1970er-Jahre waren die Bläck Fööss noch weit entfernt von der kölschen Institution, die sie später werden sollten.
Die Musiker kamen aus der Beat-Szene. Lange Haare, Jeans, Gitarren und Verstärker passten nicht unbedingt zu dem Bild, das die etablierten Karnevalsgesellschaften von einem Sitzungsauftritt hatten.
Und dann auch noch barfuß.
Heute wirkt das harmlos. Damals war es im traditionellen Kölner Karneval durchaus eine kleine Provokation.
Wer in die großen Sitzungen wollte, musste zunächst an den Literaten vorbei – jenen Männern, die das Programm der Gesellschaften zusammenstellten und damit erheblichen Einfluss darauf hatten, wer im Karneval eine Chance bekam.
Die jungen Fööss mussten also vorsingen.
Der Ort dafür war die „Laila“, eine Kneipe in der Nähe des damaligen Pressehauses.
Und weil Tommy Engel und seine Mitstreiter ihrem neuen Bandnamen alle Ehre machen wollten, musste eine Lösung für den Kneipenboden her.
Der Teppich.
Vier Lieder mussten reichen
Viel Repertoire hatten die drei nicht.
Erry Stoklosa erinnerte sich Jahrzehnte später daran, dass sie gerade einmal vier Stücke präsentieren konnten: den „Rievkooche-Walzer“, „Silberhuhzick“, die „Kayjass Nummer Null“ und „Heimweh noh Kölle“.
Mehr war nicht.
Teppich ausrollen, barfuß draufstellen und vorsingen.
Es funktionierte.
Egon Bauerett, damals Literat der Ehrengarde, fand Gefallen an den drei Musikern. Die Fööss bekamen einen Vertrag bei einer großen Karnevalsgesellschaft.
In ihrer ersten Session kamen sie nach Stoklosas Erinnerung bereits auf rund 70 Auftritte.
Drei Männer.
Vier Lieder.
Und ein Teppich.
Selbst „Drink doch eine met“ wollte zunächst keiner
Dabei war keineswegs sicher, dass aus dieser etwas eigenwilligen Truppe einmal eine der wichtigsten Bands der Stadt werden würde.
Auch bei den Plattenfirmen hielt sich die Begeisterung zunächst in Grenzen.
Die erste kölsche Single verkaufte sich nach Angaben der Band gerade einmal rund 2000 Mal. Als anschließend „Drink doch eine met“ aufgenommen wurde, lehnten mehrere Plattenfirmen das Stück ab.
Auch die Kölner EMI wollte es nicht.
Die Plattenfirmen wollten englische Titel.
Ausgerechnet die BASF in Ludwigshafen veröffentlichte schließlich das Lied der Kölner Band.
„Drink doch eine met“ wurde ein Erfolg.
Und die Männer, deren lange Haare, Jeans und nackte Füße im traditionellen Karneval zunächst für Irritation gesorgt hatten, wurden immer häufiger gebucht.
Irgendwann konnte der Teppich zu Hause bleiben
Nur eine Tradition hielt nicht besonders lange.
Das Barfußspielen wurde irgendwann aufgegeben – aus einem sehr praktischen Grund. Auf den Böden der Säle und bei Bällen lagen Glasscherben. Für Musiker ohne Schuhe keine besonders gute Kombination.
Die Bläck Fööss zogen deshalb irgendwann Schuhe an.
Der Name blieb.
Und aus den jungen Musikern, bei denen die etablierten Karnevalisten anfangs noch etwas genauer hinschauten, wurde eine Band, die die kölsche Musik grundlegend veränderte.
Vielleicht liegt gerade darin der Charme dieser kleinen Geschichte.
Heute muss niemand mehr erklären, wer die Bläck Fööss sind.
Damals mussten sie erst einmal vorsingen.
Und Tommy Engel brachte sicherheitshalber den Teppich mit.
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