Kommentar & Meinung
NeuKasalla und die AfD: Zwischen politischer Haltung und moralischer Belehrung
Meinungsbeitrag: gibt die persönliche Einschätzung des Autors wieder.
Die Kölner Band Kasalla ist für ihre mitreißenden Karnevalslieder bekannt, aber auch für ihre klare Haltung gegen die AfD und Rechtsextremismus. Während viele Fans das politische Engagement begrüßen, empfinden andere die zunehmende politische Positionierung von Künstlern als anstrengend. Denn nicht jeder möchte sich beim Karneval oder auf Konzerten erklären lassen, welche politische Meinung die richtige ist.
Kasalla: Kölschrock mit politischer Haltung
Seit ihrer Gründung 2011 gehört Kasalla zu den erfolgreichsten Bands der Kölner Musikszene. Mit Liedern wie „Pirate“ und „Stadt met K“ begeistert die Gruppe um Sänger Bastian Campmann ein breites Publikum. Ihre Musik steht für Lebensfreude, Heimatverbundenheit und Gemeinschaft. Gleichzeitig beziehen die Musiker öffentlich politisch Stellung, insbesondere gegen die AfD und Rechtsextremismus.
Bereits 2017 beteiligte sich Kasalla an den musikalischen Protesten gegen den AfD-Bundesparteitag in Köln. Im Juni 2024 unterstützte die Band gemeinsam mit Planschemalöör eine Demonstration gegen den AfD-Kreisparteitag im Gymnasium Neue Sandkaul in Widdersdorf. Mehrere Tausend Menschen kamen zu der Veranstaltung, bei der Kasalla ihre Bekanntheit nutzte, um für Demokratie, Toleranz und Vielfalt einzutreten. Das ist das gute Recht der Musiker. Allerdings bedeutet es nicht, dass jeder Fan ihre politische Haltung teilen oder ihre Auftritte bei Demonstrationen gut finden muss.
Wenn politische Haltung zur Belehrung wird
Politisches Engagement von Künstlern ist nichts Neues, gerade im Kölner Karneval. Doch es gibt einen Unterschied zwischen dem Vertreten eigener Überzeugungen und dem Eindruck, anderen Menschen erklären zu wollen, was sie denken müssen, um auf der richtigen Seite zu stehen. Manche Menschen sind inzwischen schlicht genervt davon, bei Konzerten, Veranstaltungen oder in sozialen Netzwerken immer wieder mit politischen Botschaften konfrontiert zu werden. Sie möchten Musik hören, feiern und abschalten, ohne dass daraus eine Frage der moralischen Haltung wird. Das bedeutet keineswegs, dass sie rechtsextreme Positionen unterstützen.
Wer eine restriktivere Migrationspolitik fordert, die Bundesregierung kritisiert oder mit bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungen unzufrieden ist, steht deshalb nicht automatisch außerhalb des demokratischen Spektrums. Trotzdem entsteht in politischen Debatten mitunter der Eindruck, dass bereits abweichende Meinungen moralisch bewertet werden. Ob Kasalla selbst diesen Eindruck vermittelt, hängt auch von der Wahrnehmung des Publikums ab. Die Band hat bei den Protesten in Widdersdorf durchaus zwischen der AfD-Führung und Menschen unterschieden, die über eine Wahl der Partei nachdenken. Sie betonte, dass man deren Sorgen ernst nehmen und ihnen zuhören müsse.
Migration: Weltoffenheit allein löst keine Probleme
Besonders deutlich wird der Konflikt beim Thema Migration. Für Toleranz, Vielfalt und ein weltoffenes Köln einzutreten, ist eine positive Botschaft, die auf einem Konzert leicht Zustimmung findet. Schwieriger wird es, wenn es um konkrete Probleme geht: überlastete Kommunen, fehlenden Wohnraum, Schwierigkeiten bei der Integration, Kriminalität oder die Durchsetzung bestehender Aufenthaltsgesetze. Diese Themen verschwinden nicht dadurch, dass man für Offenheit wirbt. Es ist vergleichsweise einfach, sich öffentlich gegen Rechts zu positionieren. Deutlich komplizierter ist es, Antworten auf die Fragen zu finden, die viele Menschen im Alltag beschäftigen.
Das bedeutet nicht, dass Kasalla diese Probleme bewusst ignoriert. Von einer Karnevalsband kann man auch keine ausgearbeitete Migrationspolitik erwarten. Wer sich jedoch regelmäßig politisch äußert, muss akzeptieren, dass seine Botschaften hinterfragt werden. Der Hinweis auf Toleranz allein beantwortet noch nicht, wie Migration gesteuert, Integration verbessert oder Kommunen entlastet werden sollen. Gleichzeitig muss zwischen berechtigter Kritik an der Migrationspolitik und pauschaler Ablehnung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft unterschieden werden. Probleme sollten offen benannt werden können, ohne sie zu verallgemeinern oder ganze Bevölkerungsgruppen dafür verantwortlich zu machen.
Die AfD: Zwischen berechtigter Kritik und pauschalen Urteilen
Auch bei der Bewertung der AfD ist Differenzierung notwendig. Nicht jeder AfD-Wähler und nicht jeder Politiker der Partei ist rechtsextrem. Innerhalb der AfD gibt es unterschiedliche Personen und politische Strömungen, die nicht automatisch gleichgesetzt werden sollten. Zwar vertreten einzelne Funktionäre rechtsextreme Positionen, und rechtsextreme Bestrebungen innerhalb der Partei sind Gegenstand behördlicher und gerichtlicher Auseinandersetzungen. Daraus folgt jedoch nicht, dass sämtliche Mitglieder oder Mandatsträger dieselben Überzeugungen teilen. Wie groß der Anteil rechtsextrem eingestellter Politiker tatsächlich ist, lässt sich ohne belastbare Untersuchungen nicht seriös beziffern.
Wer die AfD kritisiert, sollte deshalb möglichst konkrete Aussagen, politische Forderungen und Handlungen benennen, statt pauschale Urteile über alle Beteiligten zu fällen. Die Motive ihrer Wähler sind ebenfalls unterschiedlich. Manche unterstützen die Partei wegen ihrer Migrationspolitik, andere aus Protest gegen die etablierten Parteien oder wegen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Fragen. Wieder andere teilen ausdrücklich radikale Positionen. Diese Unterschiede anzuerkennen bedeutet nicht, extremistische Bestrebungen zu verharmlosen. Es ist vielmehr eine Voraussetzung für eine sachliche politische Auseinandersetzung.
Wie politisch muss der Kölner Karneval sein?
Der Kölner Karneval war schon immer politisch. Satire, Kritik an der Obrigkeit und gesellschaftliche Themen gehören zu seiner Geschichte. Auch das Bündnis „Arsch huh, Zäng ussenander“ zeigt seit 1992, dass die Kölner Musikszene gesellschaftliche Verantwortung übernehmen möchte. Kasalla steht mit ihrem Engagement in dieser Tradition. Allerdings lebt der Karneval auch davon, Menschen mit unterschiedlichen Ansichten zusammenzubringen. Nicht jeder, der bei „Stadt met K“ mitsingt, teilt automatisch die politischen Überzeugungen der Musiker. Und nicht jeder möchte bei einer Karnevalsveranstaltung mit politischen Appellen angesprochen werden.
Gerade deshalb stellt sich die Frage, ob die häufige Positionierung bekannter Künstler tatsächlich Menschen überzeugt oder teilweise das Gegenteil bewirkt. Wer sich ständig belehrt fühlt, wird seine Meinung vermutlich kaum deshalb ändern, weil eine beliebte Band eine andere vertritt. Möglicherweise verstärkt sich dadurch sogar die Distanz zwischen Künstlern und einem Teil ihres Publikums. Andererseits wäre es ebenso falsch, von Musikern grundsätzlich politische Zurückhaltung zu verlangen. Kasalla darf sich gegen die AfD engagieren. Fans dürfen das unterstützen, kritisieren oder schlicht uninteressant finden.
Kritik und Reaktionen
Politische Stellungnahmen sorgen regelmäßig für Diskussionen, insbesondere in sozialen Netzwerken. Auch Kasalla muss damit leben, dass nicht alle Menschen ihre Haltung begrüßen. Kritik an der politischen Positionierung einer Band ist dabei genauso legitim wie deren Engagement selbst. Persönliche Beleidigungen, Drohungen oder Gewaltaufrufe sind dagegen keine sachliche Auseinandersetzung. Entscheidend ist, wie mit Widerspruch umgegangen wird. Wer für Toleranz eintritt, sollte auch andere demokratische Meinungen aushalten können. Das heißt nicht, rassistische oder menschenverachtende Aussagen unwidersprochen stehen zu lassen. Es bedeutet aber, zwischen solchen Aussagen und gewöhnlicher politischer Kritik zu unterscheiden.
Dabei sollte auch die Wirkung öffentlicher Botschaften nicht unterschätzt werden. Wenn Künstler auf großen Bühnen oder in sozialen Netzwerken politische Positionen vertreten, erreichen sie Menschen mit sehr unterschiedlichen Ansichten. Nicht jeder Widerspruch ist Ausdruck von Intoleranz. Manchmal steckt dahinter schlicht der Wunsch, nicht ständig politisch angesprochen oder moralisch eingeordnet zu werden.
Musik darf politisch sein – das Publikum muss nicht mitmachen
Kasalla hat jedes Recht, sich gegen Rechtsextremismus und die AfD zu engagieren. Die Band nutzt ihre Bekanntheit, um gesellschaftliche Überzeugungen zu vertreten. Dafür verdient sie weder pauschale Ablehnung noch automatische Zustimmung. Gleichzeitig ist nachvollziehbar, wenn sich manche Menschen von den ständigen politischen Botschaften von Künstlern ermüdet fühlen. Nicht jeder möchte beim Musikhören über Politik nachdenken oder das Gefühl bekommen, bestimmte Ansichten vertreten zu müssen, um als guter Mensch zu gelten.
Vor allem sollte die positive Botschaft einer weltoffenen Gesellschaft nicht darüber hinwegtäuschen, dass es reale Probleme gibt, über die offen gesprochen werden muss. Migration, Integration und innere Sicherheit sind keine einfachen Themen. Sie lassen sich weder mit pauschaler Ablehnung noch mit allgemeinen Appellen an Toleranz lösen. Ebenso wenig hilft es, alle AfD-Wähler oder Politiker der Partei über einen Kamm zu scheren. Wer gesellschaftliche Spaltung überwinden möchte, sollte unterschiedliche politische Positionen zunächst sachlich betrachten und konkrete Argumente prüfen.
Vielleicht wäre schon viel gewonnen, wenn politische Haltung weniger als moralischer Maßstab für andere verstanden würde. Kasalla darf gegen die AfD sein, andere dürfen die politischen Ansichten der Band kritisch sehen. Und am Ende sollte es möglich bleiben, gemeinsam kölsche Lieder zu singen, ohne vorher die gleiche Meinung haben zu müssen.
Wie gefällt dir dieser Beitrag?
Mitreden