Jungfrau im Kölner Karneval – „Ihre Lieblichkeit“ im Dreigestirn
Prinz, Bauer und Jungfrau – gemeinsam bilden sie das Kölner Dreigestirn und gehören zu den wichtigsten Symbolfiguren des Fastelovends. Während der Prinz im Mittelpunkt des närrischen Treibens steht und der Bauer Stärke und Wehrhaftigkeit verkörpert, repräsentiert die Jungfrau die Stadt Köln selbst. Angesprochen wird sie traditionell als „Ihre Lieblichkeit“.
Auf einen Blick · Die Jungfrau
Anrede „Ihre Lieblichkeit“. Sie stellt keine bestimmte Frau dar, sondern die Stadt Köln selbst – ihre Unversehrtheit, Freiheit und Unabhängigkeit.
Im Rosenmontagszug seit 1823, dort als „Colonia“ · Gemeinsam mit Prinz und Bauer seit 1883 · Insignie: der Spiegel, den der Oberbürgermeister bei der Proklamation überreicht – erst seit 1993 · Krone mit zwölf Zinnen für die zwölf mittelalterlichen Stadttore · Wird traditionell von einem Mann dargestellt
An der Seite von Prinz und Bauer
Die drei Figuren des Dreigestirns waren nicht von Anfang an eine feste Einheit. Bauer und Jungfrau sind erst seit 1883 ständige Begleiter des Prinzen – damals trat das Trio noch unter dem Namen „Trifolium“ auf. An diese gemeinsame Geschichte erinnert bis heute eine Besonderheit des Rosenmontagszuges: Bauer und Jungfrau fahren zusammen auf einem Wagen.
Im Zug selbst war die Jungfrau allerdings deutlich früher dabei als der Bauer. Das Festprogramm des ersten Rosenmontagszugs von 1823 führt sie als sechste Gruppe auf: „Colonia, d. h. die kölnische Jungfrau, mit vier geharnischten Rittern“. Der Bauer kam erst 1825 dazu.
Die Jungfrau nimmt dabei eine außergewöhnliche Stellung ein. Obwohl sie eine weibliche Figur verkörpert, wird sie traditionell von einem Mann dargestellt. Der Ursprung dafür liegt in der Geschichte des organisierten Kölner Karnevals, der lange Zeit eine reine Männerangelegenheit war. Aus dieser Zeit entwickelte sich eine Tradition, die bis heute Bestand hat.
Damit die Illusion der weiblichen Symbolfigur gewahrt bleibt, gehört auch das äußere Erscheinungsbild zum Amt: Während seiner Zeit als Jungfrau trägt der Darsteller weder Bart noch Schnäuzer.
Eine politisch erzwungene Ausnahme gab es während der Zeit des Nationalsozialismus. 1938 und 1939 wurde die Jungfrau von einer Frau dargestellt. Dies geschah auf Druck der Nationalsozialisten und stand im Zusammenhang mit deren Verfolgung homosexueller Menschen und ihrer Ablehnung der traditionellen Besetzung der weiblichen Karnevalsrolle durch einen Mann.
Die Jungfrau ist „Mutter Colonia“
Hinter dem prächtigen Erscheinungsbild der Jungfrau steckt eine tiefere historische Symbolik. Sie verkörpert Mutter Colonia, also die personifizierte Stadt Köln. Besonders deutlich wird dies an ihrer Krone.
Diese ist als sogenannte Mauerkrone gestaltet. Ihr Zinnenkranz erinnert an die Befestigungsanlagen, die Köln einst umgaben. Zusammen mit der Jungfräulichkeit der Figur steht die Krone sinnbildlich für die Uneinnehmbarkeit und Unversehrtheit der Stadt Köln.
Damit trägt die Jungfrau gewissermaßen ein Stück Stadtgeschichte auf dem Kopf. Die Mauerkrone macht auf den ersten Blick sichtbar, dass hier nicht einfach eine beliebige weibliche Karnevalsfigur dargestellt wird, sondern Köln selbst.
Eine Erinnerung an das römische Köln
Auch das Gewand der Jungfrau verweist weit zurück in die Vergangenheit der Stadt. Das römisch anmutende Ornat erinnert an Agrippina die Jüngere. Die im heutigen Köln geborene römische Kaiserin spielte eine entscheidende Rolle für die Geschichte der Stadt: Auf ihr Betreiben wurde ihre Geburtsstadt im Jahr 50 nach Christus zur römischen Kolonie erhoben und erhielt den Namen Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Aus „Colonia“ entwickelte sich schließlich der heutige Name Köln.
Das Ornat verbindet damit auf besondere Weise römische Stadtgeschichte und kölsches Brauchtum. Mauerkrone, Gewand und die Figur der Jungfrau selbst erzählen gemeinsam von Köln und seinem historischen Selbstverständnis.
Mehr als eine Rolle im Karneval
Gerade diese Symbolik macht die Jungfrau zu einer der interessantesten Figuren des Kölner Karnevals. Auf den ersten Blick sorgen ein Mann im Kleid, die prachtvolle Perücke und die feierliche Anrede „Ihre Lieblichkeit“ für den typisch karnevalistischen Kontrast. Dahinter verbirgt sich jedoch eine Figur mit historischen Wurzeln.
Die Jungfrau steht für Mutter Colonia, für die Geschichte der Stadt und für ihre einstige Wehrhaftigkeit. Gleichzeitig erinnert ihre traditionelle Darstellung durch einen Mann an die Anfänge des organisierten Karnevals und seine früher ausschließlich männlich geprägten Strukturen.
Wenn die Jungfrau schließlich am Rosenmontag gemeinsam mit dem Bauern durch Köln fährt, begegnen den Jecken deshalb nicht nur zwei Mitglieder des Dreigestirns. Mit „Ihrer Lieblichkeit“ fährt symbolisch die Stadt Köln selbst durch ihre Straßen – römische Vergangenheit, mittelalterliche Stadtmauern und kölscher Fastelovend vereint in einer einzigen Figur.
Quellen zur Frühgeschichte: Christina Frohn, „Löblich wird ein tolles Streben, wenn es kurz ist und mit Sinn“ – Karneval in Köln, Düsseldorf und Aachen 1823–1914, Dissertation Bonn 1999, S. 53 und 164 f. Stand: 25. September 2026.
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