„Dä Nubbel“ gehört zu den markanten Rednerfiguren des heutigen Kölner Karnevals. Hinter dem bleichen Gesicht, dem schwarzen Zylinder und dem roten Brokatmantel steckt der Musiker und Büttenredner Michael Hehn. Mit vollständig auf Kölsch gehaltenen Reimreden verbindet er traditionelle Rednerkunst mit aktuellen Themen, politischer Satire und einem ungewöhnlich düsteren Bühnenbild.
Seine Figur greift einen bekannten Brauch des rheinischen Karnevals auf. Der Nubbel ist eine lebensgroße Strohpuppe, die während der närrischen Tage über zahlreichen Kölner Kneipen hängt. Ihm werden symbolisch sämtliche Sünden und Verfehlungen der Jecken angelastet. In der Nacht zum Aschermittwoch wird die Puppe feierlich angeklagt und anschließend verbrannt. Mit ihr sollen auch die Sünden des Karnevals verschwinden.
Der Herrscher der kölschen Unterwelt
Michael Hehn macht aus dieser stummen Strohpuppe eine sprechende Bühnenfigur. Sein Nubbel entgeht der alljährlichen Verbrennung und kehrt in der nächsten Session aus der Unterwelt zurück. Dort lebt er nach seiner eigenen Bühnengeschichte mit seinem Gefolge in einem „Souterrain“ tief unter Köln.
Aus dieser Perspektive betrachtet er, was sich über der Erde ereignet. Politik, Stadtverwaltung, Kirche und menschliche Schwächen liefern ihm reichlich Stoff. Als selbst ernannter „Grand Seigneur der kölschen Unterwelt“ berichtet er dem Publikum von seinen Beobachtungen. Seine Rede ist zugleich eine närrische Abrechnung mit den Ereignissen des vergangenen Jahres.
Der Nubbel erscheint dabei nicht als bemitleidenswerter Sündenbock. Er tritt selbstbewusst und beinahe herrschaftlich auf. Mit schwarzem Zylinder, weiß geschminktem Gesicht, dunklen Lippen und rotem Mantel erinnert er an eine Mischung aus Totengräber, Unterweltfürst und kölschem Schelm.
Reimrede vollständig auf Kölsch
Das wichtigste Kennzeichen seiner Auftritte ist die Sprache. Michael Hehn hält seine Reden konsequent auf Kölsch. Dabei beschränkt er sich nicht auf einige bekannte Wörter oder Redewendungen. Seine Vorträge leben von einer sauberen Aussprache, kölscher Grammatik, ungewöhnlichen Begriffen und kunstvoll aufgebauten Reimen.
Hehn gehört damit zu den vergleichsweise wenigen Rednern, die auf den heutigen Karnevalsbühnen noch einen längeren Vortrag vollständig in Mundart präsentieren. Die Pflege der kölschen Sprache ist für ihn ein wesentlicher Bestandteil seiner Bühnenarbeit. Er unterrichtet außerdem an der „Akademie för uns kölsche Sproch“ und vermittelt dort sein sprachliches Wissen.
Seine Texte folgen der Tradition klassischer Reimredner, wirken aber nicht wie eine bloße Nachahmung früherer Karnevalisten. Hehn verbindet alte Formen mit gegenwärtigen Themen. Neben typischen Beobachtungen aus dem kölschen Alltag finden politische Entwicklungen, gesellschaftliche Auseinandersetzungen und die kleinen wie großen Probleme der Stadt Eingang in seine Vorträge.
Ein Redner mit Haltung
Der Humor des Nubbels kann scharf und bissig werden. Michael Hehn nimmt Politiker unterschiedlicher Parteien, die Kölner Verwaltung und kirchliche Würdenträger aufs Korn. Auch Rechtsextremismus und gesellschaftliche Intoleranz werden deutlich kritisiert.
Dabei dient die Figur aus der Unterwelt als wirkungsvoller Kunstgriff. Der Nubbel ist angeblich für alle Sünden verantwortlich und darf deshalb auch über alles sprechen. Weil er am Ende der Session ohnehin wieder büßen soll, kann er den Menschen über der Erde ohne große Rücksicht den Spiegel vorhalten.
Die politische und gesellschaftliche Kritik steht dennoch nicht allein im Mittelpunkt. Hehn verbindet sie mit Sprachwitz, alltäglichen Beobachtungen und Selbstironie. Der Nubbel teilt aus, macht sich aber zugleich selbst zum Gegenstand des Spotts.
Vom Musiklehrer in die Bütt
Außerhalb des Karnevals arbeitet Michael Hehn als Musiklehrer an einem Kölner Gymnasium. Er ist studierter Musiker und gehörte zu den Mitbegründern des Kohberg-Orchesters, das verschiedene Karnevalsveranstaltungen musikalisch begleitet.
Den Weg zur Figur des Nubbels eröffnete ihm Christoph Kuckelkorn, der spätere Präsident des Festkomitees Kölner Karneval. Für eine Halloween-Veranstaltung wurde eine passende Nubbel-Figur gesucht. Hehn übernahm die Rolle und entwickelte daraus seinen heutigen Bühnencharakter.
In der Session 2015/16 wurde er von der Akademie för uns kölsche Sproch und dem Literarischen Komitee des Festkomitees als bester kölscher Rednernachwuchs ausgezeichnet.
Seitdem ist „Dä Nubbel“ auf zahlreichen Sitzungen zu erleben. Besonders gern tritt Hehn bei Veranstaltungen auf, deren Publikum einer längeren Rede aufmerksam zuhört. Kleinere Säle, Pfarrsitzungen und sogenannte Flüstersitzungen bieten dafür häufig bessere Bedingungen als große Arenen, in denen mehrere Programmpunkte gleichzeitig um die Aufmerksamkeit der Gäste konkurrieren.
Jede Rede bleibt in Bewegung
Michael Hehn trägt nicht während der gesamten Session unverändert denselben Text vor. Seine Reimrede entwickelt sich von Auftritt zu Auftritt. Neue Ereignisse und spontane Ideen werden aufgenommen, andere Passagen fallen weg. Ein Vortrag am Elften im Elften kann deshalb deutlich anders klingen als die Rede kurz vor Aschermittwoch.
Diese Arbeitsweise hält die Figur lebendig. Der Nubbel reagiert auf das aktuelle Geschehen und bleibt zugleich fest in der Tradition des Kölner Karnevals verankert. Hehn ist damit nicht nur Darsteller, sondern Autor, Sprachkünstler und genauer Beobachter seiner Stadt.
Dass er auch andere Rollen beherrscht, zeigte er 2025 bei einer Veranstaltung der Willi-Ostermann-Gesellschaft. Dort trat er ausnahmsweise nicht als Nubbel, sondern als der 1936 verstorbene Liedermacher Willi Ostermann auf. Aus dessen vermeintlicher Sicht kommentierte er das moderne Köln – selbstverständlich in tiefem Kölsch.
Tradition mit neuem Leben
„Dä Nubbel“ verbindet mehrere wesentliche Elemente des Kölner Karnevals: den Brauch der Nubbelverbrennung, die klassische Büttenrede, die kölsche Sprache und die kritische Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen.
Michael Hehn zeigt, dass eine traditionelle Reimrede nicht altmodisch sein muss. Seine Bühnenfigur kommt zwar aus der Unterwelt, spricht aber sehr deutlich über die Gegenwart. Der Nubbel übernimmt die Schuld für die Jecken – und erinnert sie gleichzeitig daran, dass manche Verantwortung nicht einfach mit einer Strohpuppe verbrannt werden kann.