Viele Menschen verbinden das Lied „Ich bin ene kölsche Jung“ vor allem mit Willy Millowitsch oder Hans Süper. Geschrieben und komponiert wurde der kölsche Klassiker jedoch von Fritz Weber. Der Musiker aus Köln-Kalk war weit mehr als ein Karnevalskomponist: Er spielte Geige und Trompete, leitete große Tanzorchester, sang Schlager und gehörte zeitweise zu den bekanntesten deutschen Kapellmeistern.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wandte sich Weber verstärkt dem kölschen Lied zu. Dabei schuf er mehrere Kompositionen, die bis heute zum festen Repertoire des Kölner Karnevals gehören.
Musikalische Kindheit in Köln-Kalk
Fritz Weber wurde am 24. Januar 1909 in Köln-Kalk geboren. Seine musikalische Begabung zeigte sich bereits in der Kindheit. Zu Hause spielte er zunächst Mundharmonika. Der Rektor seiner Schule erkannte sein Talent und erteilte ihm über mehrere Jahre kostenlosen Geigenunterricht.
Später studierte Weber mit Unterstützung seiner Familie Geige und Trompete an der Rheinischen Musik-Akademie. Schon im Alter von 19 Jahren stellte er seine erste eigene Kapelle zusammen. Die fünf Musiker spielten an den Wochenenden unter anderem im Rheinpavillon in Rodenkirchen.
Aus der kleinen Formation entwickelte sich schnell ein professionelles Orchester. 1930 gab Weber mit zwölf Musikern ein Jazzkonzert. Ein Jahr später bestand das Ensemble bereits aus 15 Mitgliedern und erhielt Einladungen aus ganz Deutschland.
Der „singende Geiger“
Fritz Weber leitete sein Orchester nicht nur, sondern trat selbst als Geiger und Sänger in Erscheinung. Daraus entstand sein Beiname „der singende Geiger“. Im Frack, mit der Violine in der Hand, wurde er zu einem bekannten Vertreter der deutschen Tanz- und Unterhaltungsmusik.
1934 gastierte Weber mit seinem Orchester in Berlin. Zwei Jahre später nahm er an einem vom Deutschen Rundfunk ausgeschriebenen Wettbewerb teil, bei dem mehr als 400 Tanzkapellen gegeneinander antraten. Obwohl er als Favorit und Publikumsliebling galt, erreichte er den dritten Platz. Noch im selben Jahr erhielt er einen Exklusivvertrag bei der Deutschen Grammophon.
Zwischen 1936 und 1939 entstanden zahlreiche Schallplattenaufnahmen. Zu Webers damaligem Repertoire gehörten Schlager und Tanzstücke wie „Hallo, kleine Nachbarin“, „Zehn Uhr zehn“ und „Pinguin-Swing“. Die Aufnahmen dokumentieren eine Seite des Musikers, die heute weniger bekannt ist als seine späteren Karnevalslieder.
Krieg und musikalischer Neuanfang
Der Zweite Weltkrieg beendete Webers erfolgreiche Laufbahn als Kapellmeister zunächst. Er wurde Soldat und geriet 1945 in amerikanische Gefangenschaft. Auch dort blieb die Musik ein wichtiger Teil seines Lebens. Gemeinsam mit anderen Gefangenen stellte er eine Swing-Band zusammen, die in amerikanischen Offizierskasinos auftrat.
Nach seiner Entlassung kehrte Weber in das schwer zerstörte Köln zurück. Er fand erneut Musiker und gründete ein neues Tanzorchester. Zu seinen ersten Auftrittsorten gehörten das Military Government Theatre Cologne und das notdürftig wieder hergerichtete Hotel Atlantik.
In den folgenden Jahren spielte seine Kapelle bei Abendveranstaltungen, Matineen und Tanztees. Weber trat in bekannten Kölner Lokalen wie dem Tatzelwurm und dem Chez Nous sowie regelmäßig in der Flora auf. 1957 war sein Orchester die erste Kapelle, die im neu eröffneten Kölner Tanzbrunnen spielte.
Der Weg zum kölschen Karnevalslied
Um 1950 begann Fritz Weber, verstärkt kölsche Lieder und Karnevalskompositionen zu schreiben. Sein erster großer Erfolg entstand anlässlich des Kölner Stadtjubiläums. Mit „1900 Johr steiht uns Kölle am Rhing“ feierte er die lange Geschichte seiner Heimatstadt.
Das Lied verband den Stolz auf das alte Köln mit einer eingängigen Melodie. Es wurde von verschiedenen Künstlern aufgenommen und gehört bis heute zu den historischen Heimatliedern der Stadt.
Ein weiterer Klassiker aus Webers Feder ist „Ach, wär ich nur ein einzig Mal ein schmucker Prinz im Karneval“. Das Lied beschreibt den Traum, einmal als Prinz an der Spitze des Kölner Dreigestirns zu stehen. Sein Refrain wurde weit über Köln hinaus bekannt und ist bis heute bei Proklamationen, Sitzungen und Karnevalsumzügen zu hören.
„Ich bin ene kölsche Jung“
Seinen dauerhaft größten Erfolg schuf Weber mit „Ich bin ene kölsche Jung“. Text und Musik stammen von ihm. Das 1963 veröffentlichte Lied ist eine ebenso humorvolle wie selbstbewusste Liebeserklärung an Köln und die kölsche Lebensart.
Bekannt wurde es vor allem durch Willy Millowitsch. Der Volksschauspieler machte das Lied zu einem festen Bestandteil seines musikalischen Repertoires und trug es weit über Webers Tod hinaus vor. Auch Hans Süper und zahlreiche weitere Künstler interpretierten den Titel. Dadurch wurde „Ich bin ene kölsche Jung“ zu einem generationsübergreifenden kölschen Evergreen.
Dass viele Zuhörer das Lied zunächst mit seinen berühmten Interpreten verbinden, zeigt zugleich die Stärke von Webers Komposition: Sie löste sich von ihrem Schöpfer und wurde Teil des gemeinsamen musikalischen Gedächtnisses der Stadt.
Mehr als 30 Jahre bei den Muuzemändelchern
Fritz Weber schrieb seine Lieder nicht nur für andere Künstler. Er stand auch selbst auf den Kölner Karnevalsbühnen und trug seine Kompositionen als Sänger und Musiker vor. Mehr als 30 Jahre gehörte er der Karnevalistenvereinigung Muuzemändelcher an.
Bis 1983 war Weber im Fastelovend aktiv. Damit umfasste seine Bühnenkarriere mehr als fünf Jahrzehnte – von den Tanzkapellen der Weimarer Republik über die Nachkriegszeit bis zum modernen Sitzungskarneval der 1980er-Jahre.
Für seine Verdienste um das kölsche Lied und den Karneval erhielt er die Goldene Ostermann-Medaille. Die nach Willi Ostermann benannte Auszeichnung gehört zu den besonderen Ehrungen für Künstler, die sich um die Kölner Musiktradition verdient gemacht haben.
Tod und musikalisches Erbe
Fritz Weber starb im Juni 1984 im Alter von 75 Jahren. Seine letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Friedhof am Grauen Stein in Köln-Poll. Auf seinem Grabstein steht der Beiname, unter dem er während seiner großen Orchesterzeit bekannt geworden war: „Der singende Geiger“.
Auch in seiner Familie wurde die künstlerische Tradition fortgeführt. Seine Tochter Dagmar Kuhlmann wurde Chansonsängerin und nahm Lieder ihres Vaters in ihr Repertoire auf. Tochter Anita Schorn machte sich als Autorin einen Namen. Sie bewahrte neben persönlichen Erinnerungen auch den Karteikasten, in dem Fritz Weber seine Kompositionen und die dazugehörigen Tantiemen sorgfältig erfasst hatte.
Fritz Webers Name ist heute weniger bekannt als die Namen einiger Interpreten seiner Lieder. Seine Melodien hingegen sind aus dem Kölner Karneval nicht wegzudenken. Mit „1900 Johr steiht uns Kölle am Rhing“, dem Traum vom „schmucken Prinzen“ und vor allem „Ich bin ene kölsche Jung“ hinterließ er drei Werke, die längst zum musikalischen Kulturerbe Kölns gehören.
Der „singende Geiger“ schuf damit etwas, das nur wenigen Komponisten gelingt: Lieder, die auch Jahrzehnte nach seinem Tod noch selbstverständlich gesungen werden – von Menschen, die vielleicht nicht wissen, wer sie geschrieben hat, aber jedes Wort und jede Melodie kennen.