Gertie Ransohoff

Gertie Ransohoff

Gertie Ransohoff war eine der ersten erfolgreichen Büttenrednerinnen des Kölner Karnevals. In den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren trat sie im Gürzenich, bei großen Gesellschaften und im Rundfunk auf. Mit ihrer natürlichen, lebhaften Art begeisterte sie das Publikum in einer Zeit, in der die Karnevalsbühnen fast vollständig von Männern beherrscht wurden.

Ihre Karriere war kurz, aber bemerkenswert erfolgreich. Zugleich ist ihr Lebensweg eng mit der Geschichte des jüdischen Karnevals und dem wachsenden Antisemitismus am Ende der Weimarer Republik verbunden.

Ein kölsches Mädchen aus einer Bonner Familie

Karoline Josephine Gertrud Ransohoff, geborene Kux, kam am 24. März 1897 in Köln zur Welt. In den zeitgenössischen Berichten wurde ihr Vorname meist als Gerti oder Gertie abgekürzt. Ihre katholische Familie stammte aus Bonn; ihr Vater Ludwig Kux war Arzt.

Gertie heiratete den jüdischen Textilkaufmann Paul Ransohoff. Das Ehepaar lebte Anfang der 1930er-Jahre im nördlichen Teil der Kölner Innenstadt. Die Ehe verband zwei religiöse und gesellschaftliche Milieus, die in der weltoffenen Kultur der Weimarer Republik durchaus miteinander verbunden waren.

Auch im Kölner Karneval arbeiteten jüdische und nichtjüdische Künstler damals eng zusammen. Diese Gemeinsamkeit wurde später durch den Nationalsozialismus gewaltsam zerstört und lange Zeit aus der offiziellen Erinnerung verdrängt.

Der Weg in die Bütt

Wann Gertie Ransohoff erstmals öffentlich auftrat, lässt sich nicht mehr eindeutig feststellen. Ab Mitte der 1920er-Jahre ist sie als Rezitatorin und Büttenrednerin nachweisbar. Auf den großen Karnevalsbühnen wurde sie spätestens ab Januar 1928 bekannt.

Eine wichtige Rolle spielte ihre Zusammenarbeit mit Hans Tobar. Der jüdische Schriftsteller, Sänger und Karnevalist gehörte zu den produktivsten Autoren der damaligen Kölner Unterhaltungsszene. Er schrieb Revuen, Lieder und Büttenreden, von denen Gertie Ransohoff mehrere vortrug.

Zu ihren Programmen gehörten Texte mit Titeln wie Mittagessen bei der Familie Körnchen und Eine lustige, aber wahre Betrachtung über die Männer. Die Themen zeigen, dass ihre Vorträge vor allem von Alltagsbeobachtungen, familiären Situationen und dem Verhältnis zwischen Frauen und Männern handelten.

Ransohoff präsentierte die Texte jedoch nicht lediglich als Sprecherin. Ihre Persönlichkeit, ihr kölscher Tonfall und ihr sichtbarer Spaß am Vortrag machten sie zu einer eigenständigen Bühnenkünstlerin.

Ein „Beifallsorkan“ im Gürzenich

Besonders erfolgreich war Gertie Ransohoff beim Damenkränzchen der Großen Karnevalsgesellschaft von 1823. Nach ihrem Auftritt im Gürzenich im Januar 1929 berichtete die Rheinische Zeitung von einer „Sensation“ und einem regelrechten „Beifallsorkan“.

Zeitgenossen beschrieben sie als natürlich, heiter und burschikos. Auf einer erhaltenen Autogrammkarte trägt sie eine Karnevalsmütze und hält ein Sektglas in der Hand. Ihr Auftreten unterschied sich deutlich von den aufwendigen Bühnenfiguren anderer Künstler. Sie wirkte wie ein selbstbewusstes kölsches Mädchen, das unmittelbar aus dem Alltag seines Publikums erzählte.

Ihre Popularität reichte bald über Köln hinaus. Ransohoff trat unter anderem in Bonn und Düsseldorf auf. Sie war bei Hausfrauentagen, Veranstaltungen katholischer Vereine und großen Karnevalssitzungen zu erleben.

Auch das Radio trug zu ihrer Bekanntheit bei. Um 1930 erreichte ihre Karriere ihren Höhepunkt. Allein in diesem Jahr stand sie mindestens fünfmal im Gürzenich auf der Bühne. Daneben wirkte sie bei Rundfunkübertragungen mit – für eine Karnevalskünstlerin dieser Zeit ein deutliches Zeichen ihres Erfolgs.

Zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Welten

Gertie Ransohoff trat nicht ausschließlich bei den traditionellen großen Karnevalsgesellschaften auf. Sie war ebenfalls bei Veranstaltungen des Kleinen Kölner Kegelklubs zu erleben. Hinter diesem unauffälligen Namen verbarg sich ein jüdischer Karnevalsverein, der in der Weimarer Republik unter anderem in der Kölner Wolkenburg feierte.

Zudem stand Ransohoff bei Veranstaltungen im Volkshaus der Kölner Sozialdemokratie auf der Bühne. Sie bewegte sich damit zwischen unterschiedlichen religiösen, politischen und gesellschaftlichen Gruppen.

Diese Vielseitigkeit widerspricht der später verbreiteten Vorstellung, der historische Kölner Karneval sei eine ausschließlich katholische und politisch einheitliche Veranstaltung gewesen. Tatsächlich beteiligten sich vor 1933 jüdische Autoren, Künstler, Musiker und Vereinsmitglieder aktiv an seiner Entwicklung.

Gertie selbst war keine Jüdin. Durch ihre Ehe mit Paul Ransohoff und ihre Zusammenarbeit mit Hans Tobar war sie jedoch eng mit der jüdischen Kultur- und Karnevalsszene Kölns verbunden.

Das tragische Ende

In der Session 1930/31 absolvierte Gertie Ransohoff ihre letzten bekannten Karnevalsauftritte. Warum ihre erfolgreiche Bühnenkarriere danach so plötzlich endete, ist nicht vollständig geklärt.

Ihr Mann Paul geriet mit seinem Textilunternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Gleichzeitig verschärften sich die politischen Auseinandersetzungen in Deutschland. Antisemitische Hetze und Gewalt nahmen bereits vor der nationalsozialistischen Machtübernahme deutlich zu.

Am 11. Mai 1932 nahm sich Paul Ransohoff das Leben. Fünf Tage später starb auch Gertie durch Suizid. Sie wurde nur 35 Jahre alt. Paul Ransohoff wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Bocklemünd beigesetzt, Gertie auf dem Melaten-Friedhof. Ihr Grab ist heute nicht mehr erhalten.

Über die genauen persönlichen Beweggründe sollte nicht spekuliert werden. Historische Darstellungen verweisen jedoch auf das Zusammenwirken wirtschaftlicher Not, persönlicher Verzweiflung und einer zunehmend antisemitischen politischen Umgebung. Gerties Tod ereignete sich noch vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten, aber bereits in einer Zeit eskalierender Ausgrenzung.

Eine lange vergessene Künstlerin

Nach ihrem Tod geriet Gertie Ransohoff weitgehend in Vergessenheit. Dazu trugen mehrere Entwicklungen bei: die nationalsozialistische Auslöschung jüdischen Lebens, die Zerstörung zahlreicher Quellen und eine Geschichtsschreibung des Karnevals, in der Frauen meist nur am Rande vorkamen.

Heute wird ihre Bedeutung neu entdeckt. Sie steht nicht nur für die jüdisch-christliche Zusammenarbeit im Karneval der Weimarer Republik, sondern auch für den frühen Erfolg einer Frau in der Bütt.

Das Theaterensemble A3 griff ihre Lebensgeschichte 2025 mit der Produktion Der Fall Ransohoff – Frauen im Karneval auf. Das Stück verbindet die historische Recherche mit Fragen nach weiblicher Teilhabe, überholten Rollenbildern und Ausgrenzung im heutigen Karneval.

Ihre Bedeutung für den Kölner Karneval

Gertie Ransohoff bewies, dass eine Frau bereits vor fast 100 Jahren als Büttenrednerin die größten Säle Kölns erobern konnte. Sie war keine Randfigur und keine bloße Ergänzung eines von Männern gestalteten Programms. Zeitgenössische Berichte zeigen, dass sie als eigenständige Künstlerin gefeiert wurde.

Ihre Geschichte erinnert zugleich daran, wie vielfältig der Kölner Karneval vor 1933 war – und wie viel von dieser Vielfalt durch Antisemitismus und nationalsozialistische Verfolgung verloren ging.

Gertie Ransohoff verdient deshalb einen festen Platz in der Geschichte des Kölner Karnevals: als erfolgreiche Mundartkünstlerin, als eine der ersten Frauen in der Bütt und als Symbol für einen Karneval, der Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion verbinden konnte.

Art: Künstler

Status: Historisch

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