Günter Dahmen gehörte zu den unverwechselbaren Einzelinterpreten des Kölner Karnevals. Mit schwarzer Melone, dunklem Schnurrbart und elegantem Sakko erinnerte er äußerlich an einen Sänger aus einer alten kölschen Wirtschaft. Auch musikalisch fühlte er sich jener Form des Fastelovends verbunden, bei der eine gute Geschichte, eine verständliche Pointe und die kölsche Sprache wichtiger waren als eine große Bühnenshow.
Dahmen war Karnevals- und Krätzchensänger, aber ebenso Texter und Komponist. Zu seinen bekanntesten Liedern gehören „Marieche danz! (… mer danze Stippeföttche)“ und „Riefe Prumme muss de plöcke“. Darüber hinaus widmete er sich intensiv dem älteren kölschen Liedgut. Er interpretierte Werke von Willi Ostermann, Karl Berbuer und anderen bedeutenden Autoren und trug dadurch dazu bei, traditionelle Kölner Lieder für ein neues Publikum lebendig zu halten.
Ein Kölner Künstler mit unverwechselbarem Erscheinungsbild
Günter Dahmen wurde am 15. Mai 1944 geboren. Über seine Kindheit, seine musikalische Ausbildung und seine ersten Auftritte ist öffentlich nur wenig dokumentiert. Sicher belegt ist jedoch, dass er über viele Jahre zum Kreis der bekannten kölschen Unterhaltungskünstler gehörte.
Seine äußeren Erkennungszeichen waren ein schwarzer Schnurrbart, eine schwarze Melone und ein schwarzes Sakko. Dazu trug er meist ein weißes Hemd, eine graue Weste sowie ein rotes Halstuch, Einstecktuch oder Sträußchen. Diese bewusst traditionelle Erscheinung passte zu seiner Rolle als kölscher Krätzchen- und Kaschämmensänger.
Der Begriff „Kaschämme“ bezeichnet im Kölschen eine einfache Wirtschaft oder Kneipe. Ein Kaschämmensänger ist dementsprechend kein distanzierter Star, sondern ein Unterhalter, der scheinbar direkt aus dem Gastraum kommt. Er erzählt, scherzt und singt so, als säße er gemeinsam mit seinem Publikum am Tisch.
Genau diese Nähe zeichnete Günter Dahmen aus. Seine Bühnenfigur wirkte vertraut und bodenständig. Sie erinnerte an eine Zeit, in der kölsche Lieder nicht nur in großen Sälen, sondern auch in Gaststätten, Vereinslokalen und bei Familienfeiern gesungen wurden.
Zwischen Hauptberuf und Karnevalsbühne
Günter Dahmen war nicht ausschließlich Berufskünstler. Hauptberuflich arbeitete er als Verwaltungsangestellter in einem Kölner Museum. Seine Tätigkeit im Karneval übte er über viele Jahre neben diesem Beruf aus.
Darin ähnelte er zahlreichen Künstlern des traditionellen Kölner Fastelovends. Viele Sänger, Komponisten und Redner standen während der Session Abend für Abend auf der Bühne, gingen außerhalb der Auftritte aber einem bürgerlichen Beruf nach. Gerade diese Verbindung sorgte häufig dafür, dass ihre Lieder besonders nah am Alltag der Menschen blieben.
Auch Günter Dahmens Repertoire erzählte von vertrauten Kölner Situationen. Seine Themen waren Essen und Trinken, Beziehungen, körperliche Eigenheiten, das Leben in der Stadt, die kölsche Sprache und das gesellige Miteinander. Selbst sein berufliches Umfeld erhielt mit „Dat Leed vum kölsche Stadtmuseium“ einen musikalischen Bezug.
Erste Schallplatten und der Weg in den Sitzungskarneval
Spätestens seit Mitte der 1970er-Jahre erschienen regelmäßig Schallplatten mit Günter Dahmen. Zu seinen frühen Veröffentlichungen gehörte 1975 die Single „Schmitz, Schmitz, Schmitz“ mit „Komm Nettche spill Harmonika“ auf der Rückseite. Ein Jahr später folgten „Himmel un Äd met Blotwoosch“ und „Dä Bömmel an der Dühr“.
Bereits diese Titel zeigen, in welcher musikalischen Welt Dahmen zu Hause war. Er griff typisch kölsche Namen, Speisen, Redewendungen und Alltagssituationen auf. Die Lieder waren so aufgebaut, dass das Publikum den Inhalt schnell verstand und nach kurzer Zeit mitsingen konnte.
Dabei beschränkte sich Günter Dahmen nicht auf das Interpretieren fremder Stücke. Zahlreiche Titel schrieb und komponierte er selbst. In der Kölschen Liedersammlung der Akademie för uns kölsche Sproch wird er bei mehreren Werken gleichzeitig als Interpret, Texter und Komponist geführt.
„Marieche danz“ – Einladung zum Stippeföttche
Zu den bekanntesten Liedern von Günter Dahmen zählt „Marieche danz! (… mer danze Stippeföttche)“. Der Titel erschien Anfang der 1980er-Jahre und wurde später auf mehreren Alben und Zusammenstellungen veröffentlicht.
Das Stippeföttche gehört zu den traditionellen Tänzen des Kölner Karnevals. Dabei wenden sich die Tänzer den Rücken zu und bewegen ihre Hinterteile im Takt gegeneinander. Besonders bekannt ist der Tanz durch die Kölner Funkenkorps.
Dahmens Lied greift diesen Brauch unmittelbar auf. Der Titel ist Aufforderung, Tanzlied und karnevalistischer Spaß zugleich. Er benötigt keine komplizierte Erklärung: Sobald der Refrain beginnt, weiß das Publikum, welche Bewegung gemeint ist.
Text und Musik stammen von Günter Dahmen selbst. Das Lied wurde unter anderem auf Veröffentlichungen zum Jubiläum der Blauen Funken aufgenommen. Dadurch ist „Marieche danz“ besonders eng mit dem traditionellen Korpskarneval verbunden.
„Riefe Prumme muss de plöcke“
Ein weiterer bekannter Titel ist „Riefe Prumme muss de plöcke“. Günter Dahmen nutzte darin die reife Pflaume als humorvolles Bild für Liebe, Verführung und den richtigen Zeitpunkt im Leben.
Der Refrain ist einfach aufgebaut und besitzt eine Melodie, die sich schnell einprägt. Gleichzeitig arbeitet der Text mit typisch kölscher Doppeldeutigkeit. Die Anspielungen bleiben humorvoll und passen damit gut in eine Karnevalssitzung, bei der ein erwachsenes Publikum die versteckten Pointen sofort versteht.
Nach den Angaben der Akademie för uns kölsche Sproch erschien das Lied 1981. Der Text stammt von Günter Dahmen. An der Musik waren Dahmen und Gerd Wellnitz beteiligt; sie nimmt Bezug auf den historischen „Kling-Klang-Walzer“ von Johann Franz Weber.
Das Stück zeigt beispielhaft, wie Dahmen arbeitete. Er verband eine eingängige, teilweise an ältere musikalische Formen erinnernde Melodie mit einem neuen kölschen Text. Auf diese Weise entstand ein Lied, das traditionell klang und dennoch zu seiner eigenen Zeit passte.
Kölsche Themen, Alltagshumor und Selbstironie
Die Titel von Günter Dahmen erzählen viel über seinen Humor. „Wenn do en Plaat häs“ beschäftigt sich beispielsweise mit der Glatze, während „Do häs zwei linke Häng“ die fehlende handwerkliche Begabung eines Menschen zum Thema macht. „Wenn do nit su suffe däts“ greift den Alkoholkonsum auf, ohne daraus eine ernste Moralpredigt zu machen.
Weitere Lieder tragen Titel wie:
- „Dä Bömmel an der Dör“
- „Decke Minsche sin gemötlich“
- „Die Domglock“
- „Et Esels Leed“
- „Dä Hampelmann“
- „Dä Kägels-Pitter“
- „Mein Herz, die Mausefalle“
- „Rheinische Art“
- „Ne gode Hahn weed selde fett“
- „Das Vollmondlied“
- „Ei Glas Kölsch sin sibbe Schnedde Brud“
Bei diesen Stücken stand häufig eine Figur, eine menschliche Schwäche oder eine vertraute Situation im Mittelpunkt. Dahmen machte sich nicht abwertend über andere lustig. Seine Lieder lebten vielmehr von einer Form der Selbstironie, bei der sich fast jeder im Publikum wiederfinden konnte.
Köln, der Dom und die Veedel in seinen Liedern
Neben den humoristischen Alltagsthemen besang Günter Dahmen immer wieder seine Heimatstadt. Der Dom, die Kirchen, die kölsche Sprache und das Leben in den Veedeln tauchen in vielen seiner Stücke auf.
Ein Beispiel ist „Neppeser Maat“. Text und Musik des 1980 erschienenen Liedes stammen laut Kölscher Liedersammlung von Günter Dahmen. Darin wird der Markt im Stadtteil Nippes zum Mittelpunkt einer kleinen kölschen Welt.
In „Die Glocke vun Kölle“ widmete er sich dagegen den zahlreichen Kölner Kirchenglocken. Das 1993 veröffentlichte Lied erwähnt verschiedene Kirchen der Stadt und verbindet deren Geläut mit kölscher Lebensfreude. Als Texter werden Günter Dahmen und Karl Heinz Vaupel genannt, die Musik schrieb Dahmen selbst, wie die Akademie för uns kölsche Sproch dokumentiert.
Dahmen schrieb außerdem einen Marsch für die 1. Kleine KG Löstige Innenstädter. Die Gesellschaft erinnert auf ihrer offiziellen Internetseite an den von ihm gesungenen Innenstädter-Marsch. Solche Auftragswerke zeigen seine enge Verbindung zu den Kölner Karnevalsgesellschaften.
Der „kölsche Kaschämme-Sänger“
1991 erschien das Album „Dä kölsche Kaschämme-Sänger“. Schon der Titel beschreibt die künstlerische Rolle, in der sich Günter Dahmen besonders wohlfühlte. Auf der Veröffentlichung finden sich eigene Kompositionen ebenso wie ältere kölsche Lieder und Märsche.
Zum Repertoire des Albums gehörten unter anderem „Marieche danz“, „Riefe Prumme muss de plöcke“, „Die Domglock“, „Wenn do en Plaat häs“, „Ei Glas Kölsch sin sibbe Schnedde Brud“ und der „Jan von Werth-Marsch“. Damit verband Dahmen seine eigenen Titel bewusst mit bekannten Stücken der Kölner Musikgeschichte.
1996 folgte das Album „Dat Pünkelche om i“. Auch hier standen eigene Werke neben kölschen Klassikern. Der Titelsong selbst stammt ursprünglich von Karl Berbuer. Dahmens Interpretation machte deutlich, dass er sich nicht allein als Schöpfer neuer Karnevalslieder verstand. Er sah sich ebenfalls als Bewahrer eines vorhandenen musikalischen Erbes.
Der Melodienreigen mit Ludwig Sebus
In seinen späteren Bühnenjahren trat Günter Dahmen häufig im sogenannten „Melodienreigen“ auf. Gemeinsam mit Ludwig Sebus und weiteren Interpreten präsentierte er eigene Lieder sowie Klassiker von Willi Ostermann, Gerhard Jussenhoven, Karl Berbuer und anderen Autoren.
Der Melodienreigen richtete sich besonders an Menschen, die den traditionellen Kölner Karneval liebten. Statt moderner Bandmusik standen die Texte, die Melodien und die Erinnerungen des Publikums im Mittelpunkt. Bekannte Refrains wurden gemeinsam gesungen, während die Künstler Geschichten aus dem alten Köln und dem Fastelovend miteinander verbanden.
Dahmen wurde dadurch zu einem Bindeglied zwischen unterschiedlichen Generationen. Er kannte das klassische Repertoire, hatte aber zugleich eigene Lieder geschaffen, die mittlerweile selbst zu älteren kölschen Evergreens gehörten.
Auch historische Kölner Künstler brachte er gelegentlich in Erinnerung. Bei „Karneval in Köln 2000“ trat er beispielsweise als der „singende Geiger“ Fritz Weber auf und erinnerte damit an einen bedeutenden Komponisten und Interpreten des traditionellen Karnevalsliedes.
Mitglied der Kölner Künstlergemeinschaft
Günter Dahmen gehörte zum Stammtisch Kölner Karnevalisten. Diese Vereinigung bot Nachwuchskräften und etablierten Bühnenkünstlern die Möglichkeit, sich auszutauschen und ihre Programme vorzustellen. In der Chronik des Stammtischs wird Dahmen unter den unvergessenen Künstlern aus der besonders erfolgreichen Zeit zwischen 1972 und 1984 genannt.
Seine Karriere war damit fest im organisierten Kölner Sitzungskarneval verankert. Gleichzeitig behielt er die Ausstrahlung eines Sängers, der genauso gut in einer kleinen Veedelskneipe hätte auftreten können. Gerade diese Verbindung aus Saalbühne und Kaschämmenatmosphäre machte seinen besonderen Reiz aus.
Tod im Jahr 2018
Günter Dahmen starb am 2. Juli 2018 im Alter von 74 Jahren.
Mit seinem Tod verlor der Kölner Karneval einen Künstler, der sich über Jahrzehnte für das kölsche Lied eingesetzt hatte. Dahmen gehörte nicht zu den Interpreten, die ihre Wirkung durch eine aufwendige Inszenierung erzielten. Seine wichtigsten Mittel waren die kölsche Sprache, eingängige Melodien, sein freundlicher Humor und seine markante Bühnenfigur.
Das Vermächtnis von Günter Dahmen
Günter Dahmen steht für eine Form des Kölner Karnevals, in der das Lied noch eine kleine Geschichte erzählt. Seine Werke handeln von Menschen mit Schwächen, von vertrauten Orten und von Situationen, die das Publikum aus dem eigenen Leben kannte.
Gleichzeitig beschränkte er sich nicht auf seine eigenen Kompositionen. Durch die Interpretation älterer Lieder von Willi Ostermann, Karl Berbuer und anderen Autoren half er dabei, das historische kölsche Repertoire zu erhalten. Sein Wirken verband damit Vergangenheit und Gegenwart.
Die schwarze Melone, der Schnurrbart und das rote Tuch machten Günter Dahmen auf den Bühnen sofort erkennbar. Entscheidend war jedoch, was hinter diesem Erscheinungsbild stand: ein Sänger, Texter und Komponist, der die kölsche Sprache liebte und den traditionellen Fastelovend mit großer Beständigkeit pflegte.
Seine Lieder erinnern an Sitzungen, Vereinsabende und Kneipen, in denen nicht die Lautstärke, sondern der gemeinsame Gesang für Stimmung sorgte. Damit bleibt Günter Dahmen als echter kölscher Kaschämmensänger und als charakteristische Stimme des Kölner Karnevals in Erinnerung.