Hella von Sinnen

Hella von Sinnen

Bevor Hella von Sinnen zu einer der bekanntesten Komikerinnen und Fernsehpersönlichkeiten Deutschlands wurde, versuchte sie ihr Glück auf einer der härtesten Bühnen des Rheinlands: im Kölner Sitzungskarneval. In der Session 1983/84 trat sie als Büttenrednerin in der Rolle der selbstbewussten „Putzfrau Schmitz“ auf.

Mit blauem Arbeitskittel, pinkfarbenem Kopftuch, ausgelatschten Pantoffeln, rotem Putzeimer und gelbem Schrubber war die Figur schon optisch kaum zu übersehen. Doch der Auftritt war mehr als eine auffällige Verkleidung. Hella von Sinnen brachte eine weibliche Bühnenfigur in die Bütt, die laut, schlagfertig und ausgesprochen selbstbewusst auftrat – zu einer Zeit, in der der professionelle Kölner Sitzungskarneval noch wesentlich stärker von Männern bestimmt wurde als heute.

Ihre erste reguläre Karnevalssession wurde zugleich ihre letzte als klassische Büttenrednerin. Trotzdem blieb die Putzfrau Schmitz ein wichtiger Teil ihrer Karriere. Die Figur machte früh sichtbar, was Hella von Sinnen später im Fernsehen auszeichnen sollte: eine starke Stimme, eine unverwechselbare Körpersprache und die Fähigkeit, ein Publikum innerhalb weniger Augenblicke zu polarisieren.

Von Gummersbach nach Köln

Hella von Sinnen wurde am 2. Februar 1959 als Hella Kemper in Gummersbach geboren. Nach dem Abitur kam sie nach Köln und studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Germanistik und Pädagogik.

Schon früh zog es sie auf die Bühne. Sie sammelte Erfahrungen am Theater und gehörte gemeinsam mit Dirk Bach und Dada Stievermann zur Kabarettgruppe „Die Stinkmäuse“. Schauspiel, Improvisation und die Entwicklung auffälliger Figuren wurden zu wichtigen Bestandteilen ihrer Arbeit.

Die spätere Putzfrau Schmitz entstand nicht eigens für eine Karnevalssitzung. Hella von Sinnen trat mit der Figur zunächst als eine Art singendes Telegramm bei privaten Feiern auf. Die Putzfrau konnte beispielsweise als ungewöhnliches Geburtstagsgeschenk bestellt werden und sorgte zwischen den Gästen für Überraschung.

Bei einem solchen Auftritt wurde Manfred Wolff von der Agentur Ahrens auf die junge Künstlerin aufmerksam. Er erkannte ihre rhetorische Begabung sowie ihre ausdrucksstarke Mimik und Gestik und ermutigte sie, sich im Kölner Karneval als Rednerin zu versuchen.

Die Putzfrau Schmitz beim Vorstellabend

Der entscheidende Schritt in den organisierten Kölner Karneval erfolgte in der Session 1983/84. Hella von Sinnen stellte ihre Putzfrau Schmitz beim Vorstellabend des Festkomitees Kölner Karneval in der Wolkenburg vor.

Solche Vorstellabende waren für neue Künstler von großer Bedeutung. Literaten und Programmgestalter der Karnevalsgesellschaften konnten dort Redner, Sänger und Musikgruppen kennenlernen und anschließend für ihre Veranstaltungen verpflichten.

Hella von Sinnens Auftritt kam an. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ bezeichnete die damals noch weitgehend unbekannte Schauspielerin als Publikumsliebling. Aus dem Stand erhielt sie mehr als 60 Engagements für die Session.

Für eine Newcomerin war diese Zahl beachtlich. Sie zeigt, dass Hella von Sinnen mit ihrer Figur keineswegs grundsätzlich am Karnevalspublikum scheiterte. Die Putzfrau Schmitz wurde gebucht, wahrgenommen und bei vielen Veranstaltungen begeistert gefeiert.

Das Erscheinungsbild der Putzfrau Schmitz

Die Figur war bereits auf den ersten Blick erkennbar. Hella von Sinnen trug einen blauen Kittel, ein auffälliges pinkfarbenes Kopftuch und ausgetretene Pantoffeln. Hinzu kamen ein roter Eimer und ein gelber Schrubber.

Damit griff sie einen Figurentyp auf, der im Karneval eine lange Tradition besitzt. Menschen aus dem vermeintlich gewöhnlichen Alltag berichten in der Bütt von ihren Beobachtungen und nehmen dabei die Gesellschaft aufs Korn. Dienstmädchen, Hausmeister, Handwerker oder Marktverkäuferinnen konnten Dinge aussprechen, die anderen Bühnenfiguren weniger leicht verziehen worden wären.

Hella von Sinnens Putzfrau war jedoch keine schüchterne Angestellte, die sich über ihre Arbeit beklagte. Die Figur besaß Selbstbewusstsein und nahm den Raum für sich in Anspruch. Schon dadurch unterschied sie sich von vielen Frauenrollen, die damals auf Karnevalsbühnen zu sehen waren.

Die großen Gesten, die laute Stimme und das auffällige Kostüm wirkten wie eine frühe Vorstufe jener Bühnenpersönlichkeit, mit der Hella von Sinnen später im Fernsehen bekannt wurde. Auch ihre extravaganten Kostüme in der Sendung „Alles Nichts Oder?!“ lassen sich in gewisser Weise auf diese frühen Erfahrungen mit stark überzeichneten Figuren zurückführen.

Zwischen Begeisterung und Ablehnung

Die Session verlief für Hella von Sinnen sehr unterschiedlich. Bei einigen Veranstaltungen erhielt sie die im Karneval übliche „Rakete“, also einen besonders starken, mehrstufigen Applaus. Bei anderen Auftritten wurde sie ausgepfiffen.

Entscheidend waren häufig die Art der Sitzung, die Zusammensetzung des Publikums und der Zeitpunkt des Auftritts. Eine pointierte Rede hatte es schwer, wenn der Saal bereits mehrere Stunden gefeiert hatte und unmittelbar zuvor eine bekannte Band aufgetreten war. Ein Publikum, das tanzen und singen wollte, ließ sich nicht ohne Weiteres wieder auf eine längere Wortnummer ein.

Besonders schwierig waren einige Herrensitzungen. Hella von Sinnen berichtete später, dass dort häufig derbe und frauenfeindliche Witze erwartet wurden. Ihre Putzfrau Schmitz entsprach diesen Erwartungen nicht. Nach eigener Erinnerung wurde sie während der Session bei fünf Herrensitzungen ausgebuht.

Ganz anders fiel die Reaktion bei ihrer ersten Mädchensitzung aus. Dort wurde die selbstbewusste Putzfrau von den Frauen im Saal begeistert gefeiert. In einem späteren Interview mit der Kölnischen Rundschau erinnerte sich von Sinnen daran, dass die Besucherinnen vor Begeisterung auf Tischen und Bänken standen.

Diese gegensätzlichen Reaktionen zeigen, wie stark ein Karnevalsauftritt vom jeweiligen Publikum abhängig sein kann. Dieselbe Figur, dieselbe Darstellerin und dieselbe Rede konnten an einem Abend einen großen Erfolg erleben und bei der nächsten Veranstaltung auf deutliche Ablehnung stoßen.

Eine Frau in einer männlich geprägten Bütt

Hella von Sinnens Erfahrungen als Putzfrau Schmitz erzählen auch etwas über den Kölner Karneval der frühen 1980er-Jahre. Frauen waren im Saal selbstverständlich präsent und spielten in zahlreichen Vereinen eine wichtige Rolle. Auf den professionellen Bühnen, in den Vorständen und bei den Rednern dominierten jedoch häufig Männer.

Frauen erschienen auf der Bühne vielfach als Sängerinnen, Tänzerinnen oder Mitglieder weiblicher Gruppen. Eine einzelne Frau, die selbstbewusst in die Bütt stieg und einen längeren Wortbeitrag vortrug, war deutlich seltener.

Die Putzfrau Schmitz sollte nicht in erster Linie eine politische Figur sein. Dennoch stellte ihr Auftreten bestimmte Erwartungen infrage. Hella von Sinnen präsentierte keine zurückhaltende Frauenrolle. Ihre Putzfrau sprach laut, widersprach und verlangte die Aufmerksamkeit des Saales.

Gerade bei Veranstaltungen, auf denen manche Besucher von einer Frau eher bestimmte Klischees oder anzügliche Witze erwarteten, konnte das zu Widerstand führen. Rückblickend wirkt die Putzfrau Schmitz deshalb wie eine Figur an der Grenze zwischen traditioneller Büttenrede und moderner Comedy.

Nur eine Session als Büttenrednerin

Nach der Session 1983/84 setzte Hella von Sinnen ihre Laufbahn nicht als regelmäßig auftretende Karnevalsrednerin fort. Die zahlreichen Engagements hatten ihr zwar viel Bühnenerfahrung gebracht, doch die Bedingungen des Sitzungskarnevals passten nur bedingt zu ihrer Form von Humor.

Eine Karnevalssession bedeutet für professionelle Künstler viele Auftritte an einem einzigen Abend. Die Redner müssen unterschiedliche Säle erobern, mit Zeitverschiebungen umgehen und ihre Beiträge auch vor unruhigem oder bereits stark feierndem Publikum durchsetzen. Für eine Schauspielerin, die Wert auf Nuancen, Aufbau und genaue Pointen legte, konnte dieses Umfeld ausgesprochen hart sein.

Von Sinnen wandte sich verstärkt dem Theater, der Comedy und später dem Fernsehen zu. Die WDR-Sendung „Lachgeschichten“ erinnerte dennoch ausdrücklich an ihre frühen Auftritte als legendäre Putzfrau Schmitz.

Die Putzfrau kehrt im Fernsehen zurück

Obwohl Hella von Sinnen die klassische Karnevalsbühne nach einer Session verließ, verabschiedete sie sich nicht vollständig von der Putzfrau Schmitz.

1994 griff sie die Figur für die RTL-2-Sendung „Wenn die Putzfrau zweimal klingelt“ erneut auf. In der Comedy-Talkshow trat sie in einer Doppelrolle auf: Einerseits führte sie als seriöse Gastgeberin Gespräche mit prominenten Gästen, andererseits tauchte sie als neugierige Putzfrau Schmitz bei ihnen zu Hause oder am Arbeitsplatz auf.

Mit Wischmopp und Arbeitskleidung durchsuchte die Figur Schränke, Schubladen und Papierkörbe. Die Putzfrau wurde damit aus dem Karnevalssaal in ein Fernsehformat übertragen. Auch wenn die Sendung nur vergleichsweise kurze Zeit lief, zeigt sie, wie eng Hella von Sinnen weiterhin mit dieser frühen Bühnenfigur verbunden war.

Hella von Sinnens zweites Kapitel im Kölner Karneval

Mehr als zehn Jahre nach ihren Auftritten als Putzfrau Schmitz kehrte Hella von Sinnen in einer völlig anderen Funktion in den Kölner Karneval zurück. Sie gehörte zu den Initiatoren der Rosa Sitzung, die 1995 erstmals veranstaltet wurde.

Gemeinsam mit Persönlichkeiten wie Cornelia Scheel, Georg Uecker, Ralph Morgenstern, Dada Stievermann und Maf Räderscheidt entwickelte sie ein schwul-lesbisches Karnevalsformat, das traditionelle Elemente aufgriff, parodierte und um neue Perspektiven erweiterte.

Anstelle eines klassischen Elferrates gab es ein sogenanntes Sixpack, und Hella von Sinnen übernahm die Rolle der Sitzungspräsidentin. Die Veranstaltung brachte Künstlerinnen und Künstler aus der queeren Szene mit bekannten Namen aus dem traditionellen Karneval zusammen. Bereits im zweiten Jahr wurde die Rosa Sitzung für das Fernsehen aufgezeichnet.

Die Veranstaltung entwickelte sich zu einem wichtigen Teil des alternativen Kölner Fastelovends. Hella von Sinnen verließ das Projekt zwar nach einigen Jahren, hatte aber entscheidend zu seinem erfolgreichen Start beigetragen. Aus der Rosa Sitzung ging später die heutige Röschen Sitzung hervor, deren Geschichte auf der Internetseite der Röschen Sitzung dokumentiert wird.

Die Bedeutung der Putzfrau Schmitz

Hella von Sinnens Zeit als Putzfrau Schmitz war kurz, aber prägend. Nur eine Session lang trat sie regelmäßig als Büttenrednerin auf. Innerhalb dieser wenigen Monate absolvierte sie mehr als 60 Engagements und lernte sowohl die Begeisterung als auch die Härte des Karnevalspublikums kennen.

Viele Eigenschaften, die später zu ihren Markenzeichen wurden, waren bereits vorhanden: die laute Stimme, die außergewöhnliche Bühnenpräsenz, die auffällige Kleidung und die Bereitschaft, sich nicht an jede Erwartung anzupassen.

Die Putzfrau Schmitz war deshalb weit mehr als eine Randnotiz vor Hella von Sinnens Fernsehkarriere. Die Figur markiert den Beginn ihrer öffentlichen Laufbahn und steht zugleich für ein besonderes Kapitel in der Geschichte weiblicher Karnevalsrednerinnen.

Auch wenn Hella von Sinnen den traditionellen Sitzungskarneval nach der Session 1983/84 wieder verließ, blieb ihre Verbindung zum Kölner Fastelovend bestehen. Mit der Rosa Sitzung kehrte sie später zurück und half dabei, die Grenzen des Karnevals zu erweitern. Angefangen hatte alles jedoch mit einem blauen Kittel, einem pinkfarbenen Kopftuch, einem roten Eimer und einer Putzfrau, die sich nicht überhören ließ.

Art: Künstler

Status: Aktiv

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