Foto: Jan Hein
Sie kennen sich seit der Schulzeit, gehören längst zu den festen Größen der kölschen Musik – und stehen heute deutschlandweit auf Konzertbühnen. Im großen Interview sprechen Miljö über Freundschaft, den Durchbruch mit „Su lang die Leechter noch brenne“, den Abschied von Sänger Mike und darüber, warum Kölsch für sie keine Karnevalsschublade ist, sondern Identität.
„Dadurch, dass wir uns so lange kennen, wissen wir genau, wie wir ticken.“
Ihr kennt euch seit der Schulzeit – was ist heute schwieriger: Freundschaft oder Band sein?
Das eine schließt das andere nicht aus. Dadurch, dass wir uns so lange kennen, wissen wir genau, wie wir ticken. Wir teilen denselben Humor. Konflikte gibt es natürlich auch – Musik ist immer Geschmackssache. Persönlich wird es dabei aber eher selten.
Gab es Momente, in denen eure Freundschaft unter der Band gelitten hat?
Klar, hin und wieder rasselt man aneinander. Wir brennen dafür, was wir tun. Da kann es emotional werden. Dann meidet man sich mal ein paar Tage. Nach kurzer Funkstille hat man sich aber bisher immer beruhigt. Ein klärendes Gespräch hilft viel. Und man lernt: Im Kollektiv muss man unterschiedliche Ansichten aushalten.
Gibt es ungelöste Konflikte aus den Anfangsjahren, die bis heute mitschwingen?
Definitiv nicht. Sonst hätten wir nicht so lange durchgehalten.
Wer von euch hat sich am meisten verändert, seit ihr Erfolg habt?
Zum Frühstück gibt es bei uns nur noch Kaviar und Champagner! 🙂 Nein, wir sind dieselben Typen wie vor 15 Jahren. Da gibt’s nichts, worauf wir uns was einbilden müssten. Klar, man wird mal erkannt. Aber vor allem sind unsere musikalischen Ansprüche gewachsen. Unsere Shows sind professioneller geworden. Wenn wir deutschlandweit Konzerte spielen, wollen wir den Leuten auch etwas bieten.

„Da dämmerte uns: Wir haben da vielleicht einen Hit geschrieben.“
Wann habt ihr zum ersten Mal gedacht: Das könnte wirklich funktionieren?
Bei uns war das ein schleichender Prozess. Wir hatten keinen Durch-die-Decke-Hit und waren nicht von einem Tag auf den anderen gesetzt. Es wurden Jahr für Jahr mehr Auftritte und mehr Aufmerksamkeit.
Ein Wendepunkt war 2015, als wir „Su lang die Leechter noch brenne“ (Lommi) erstmals im Gepäck hatten. Plötzlich haben die Leute danach gefragt und bei den Gigs laut mitgesungen. Das war neu für uns. Als wir dann den LossMerSinge-Auftakt gewonnen haben, dämmerte uns: Das ist vielleicht ein Hit.
Und trotzdem hattet ihr noch Jobs.
Ja, bis 2019. Wir haben tagsüber gearbeitet und bis in die Nacht geprobt. Irgendwann wurde es zu viel – da mussten wir die Reißleine ziehen. So richtig glauben konnten wir lange nicht, dass wir von unserer Musik leben können.
Wie viel Glück steckt in eurer Karriere – und wie viel Strategie?
Die Band ist als Spaßprojekt entstanden. Wir hatten deutsch- und englischsprachige Bands und wurden vom lokalen Karnevalsverein gefragt, ob wir beim Veedelszoch auf dem Musikwagen mitfahren wollen. Da haben wir gemerkt, wie viel Spaß kölsche Mucke macht – und haben eigene Songs geschrieben.
Was danach kam, war nicht planbar. Wir haben einfach weitergemacht. Irgendwann kriegt man ein Gefühl, was ankommt. Aber ob man mit einem Lied einen Treffer landet, weiß man nie. Am Ende entscheiden die Leute. Einen Masterplan gab’s nie.
Wie verändert sich eine Band, wenn ein Song plötzlich überall läuft?
Nach unserer Wahrnehmung gar nicht so sehr. Aber bei den Auftritten hat sich viel geändert: Die Leute konnten plötzlich mitsingen – und hatten automatisch mehr Interesse an anderen Songs. Und klar, das gibt Selbstvertrauen.
Hattet ihr Angst, auf einen Hit reduziert zu werden?
Nein. Wir waren eher dankbar, den Lommi und ein Jahr drauf den Wolkeplatz zu haben. Egal, was im Set passiert: Wir wussten, am Ende haben wir die Leute. Davor mussten wir hart um Aufmerksamkeit kämpfen. Da haben viele während unseres Auftritts nicht zugehört, sind pinkeln gegangen oder haben neues Kölsch geholt.

„Gesicht und Stimme zu verlieren ist für eine Band der Worst Case.“
Gab es einen Punkt, an dem ihr fast aufgegeben hättet?
Der schwärzeste Moment war definitiv, als Mike uns mitteilte, dass er körperlich und gesundheitlich am Limit ist und die Belastungen im Sessionsgeschäft nicht mehr durchhalten kann. Das war 2021.
Wir haben viele Krisengespräche geführt und überlegt, wie wir das gemeinsam hinkriegen: Stress minimieren, weniger Auftritte spielen, mehr Regenerationszeit. Am Ende war aber klar: Mike kann und will nicht mehr. Gesicht und Stimme zu verlieren ist für eine Band der Worst Case. Totalschaden.
Zum Glück hatten wir Lieder, die die Leute hören wollten. Die haben uns aus der schwierigen Lage rausgeholfen.
„Karneval ist nur ein Teil unseres Bandalltags.“
Fühlt ihr euch manchmal missverstanden als „nur Karnevalsband“?
Den Stempel hat man definitiv. Für viele ist kölsche Musik dasselbe wie Karnevalsmusik. Wir spielen natürlich viel in der Session. Aber eben auch den Rest des Jahres. Wir machen Mundart-Musik und geben deutschlandweit Konzerte. Karneval ist nur ein Teil unseres Bandalltags.
Wo hört für euch Karneval auf – und wo beginnt Musik unabhängig von der Session?
Der Kalender sagt: Karneval ist vom 11.11. bis Aschermittwoch. Da spielen wir fast ausschließlich Kurzauftritte (25 Minuten). Mit Unterbrechung im Dezember, wo wir auf Unplugged-Tour sind.
Alles andere ist für uns nicht Karneval, sondern Festivals, Volksfeste und Partys mit Mundart-Musik. Bevor Veranstalter dort Schlager-DJs hinstellen, sollen sie lieber lokalen Bands die Bühne geben. Das Publikum dankt es ihnen.
Gibt es Songs, die ihr bewusst nicht im Karneval spielen würdet?
Die Aufmerksamkeitsspanne ist in der Session kurz. Deshalb kürzen wir Lieder ein, damit möglichst viele bekannte Refrains und Melodien drin sind. Trotzdem versuchen wir, politische Haltung zu zeigen und Botschaften zu senden. Auch wenn man mit dem Herzen feiert, sollte man den Kopf nie ganz ausschalten.
Was ist künstlerisch anspruchsvoller: Sitzungssaal oder Konzertbühne?
Definitiv Konzertbühne. Das Spektrum ist breiter, man kann mehr Facetten zeigen, auch mal ruhigere Töne anschlagen. Auf Sitzungen sind wir Stimmungsband, die zum Mitsingen und Schunkeln animiert. Auf Konzerten fühlt man sich mehr als echte Rockband. Musik nimmt mehr Raum ein, Animation weniger.
Was passiert auf der Bühne zwischen euch, das das Publikum gar nicht mitbekommt?
Es gibt immer mal wieder Kommunikation mit Blicken, wenn auf, neben oder vor der Bühne irgendwas Lustiges passiert. Ob die Zuschauer das mitbekommen, können wir gar nicht sagen.
Gab es einen Auftritt, bei dem ihr dachtet: Das geht komplett schief?
Wir hatten einmal am Karnevalssonntag einen Auftritt im Tanzbrunnen, bei dem unsere Technik direkt beim ersten Lied kurz ausgefallen ist und beim zweiten Lied komplett gestreikt hat. Es war schon sehr unangenehm, auf der Bühne zu stehen und nichts machen zu können.
Das Publikum hat zum Glück dann noch andere Lieder von uns gesungen, und wir haben das mit dem Mikrofon des Moderators unterstützt. Nach ein paar Minuten war klar: Unsere Crew kann das nicht in kurzer Zeit reparieren. Das Publikum hat uns da quasi gerettet – aber die Erfahrung brauchen wir kein zweites Mal.
Wie geht ihr mit einem schwierigen oder zurückhaltenden Saal um?
Wir versuchen, den Saal zu einem zu machen, der nicht mehr zurückhaltend ist. Das Wichtigste ist für uns aber, dass wir alles gegeben haben. Wenn das Publikum dann mal nicht so mitmacht, ist das auch okay. Es kann verschiedene Gründe haben. Gerade im Karneval hängt viel davon ab, an welcher Stelle man im Programm spielt.

„Heute schauen wir wesentlich kritischer auf unsere Texte.“
Gibt es Songs, die ihr heute selbst kritisch seht?
In der Anfangszeit haben wir in unseren Texten häufig einfachere kölsche Phrasen genutzt und die übliche Fastelovends-Thematik vom Feiern bedient, weil wir dachten, das wollen die Leute hören. Heute schauen wir wesentlich kritischer auf unsere Texte und bemühen uns, Themen abseits des Fastelovends zu besingen.
Was passiert intern, wenn ein neuer Song nicht zündet?
Inzwischen haben wir genug Erfahrung, um damit umgehen zu können. In den ersten Jahren war das viel schwieriger. Man hat sich komplett hinterfragt. Heute versuchen wir Anpassungen am Lied vorzunehmen und zu schauen, ob es besser funktioniert. Im Zweifel wird ein Lied dann einfach nicht mehr so oft gespielt.
Wie entsteht bei euch ein Song konkret?
Definitiv eher geplant. Meistens schickt einer eine Idee, dann kommt Feedback vom Rest der Band. Dann wird überarbeitet – und wenn es allen gefällt, arbeiten wir gemeinsam im Proberaum daran weiter.
Wer bringt meistens die ersten Ideen für neue Lieder ein?
Das sind Nils und Mike, unser ehemaliger Sänger, der aus gesundheitlichen Gründen leider vor ein paar Jahren aussteigen musste, aber als Songschreiber und Produzent weiterhin ein wichtiger Teil von Miljö ist. Aber auch die anderen bringen Songideen ein – nur nicht in der Menge wie Nils und Mike.
Wie entscheidet ihr, ob ein Song veröffentlicht wird?
Das ist bei uns sehr demokratisch. Der Song muss der Mehrheit gefallen, im besten Fall natürlich allen. Wir würden aber nie einen Song veröffentlichen, wenn einer aus der Band den gar nicht spielen möchte.
Gibt es einen Song, der ursprünglich ganz anders klang?
Das bekannteste Beispiel ist „Wolkeplatz“. Die ursprüngliche Idee stammt von Mike und die Musik fanden auf Anhieb alle super. Den Text fanden wir nicht schlecht, aber hatten das Gefühl: Da ist noch mehr möglich. Dann hat Nils einen neuen Text geschrieben – und die Kombination war optimal. So etwas passiert bei uns durchaus häufiger. Dass ein Lied genauso bleibt wie in der ersten Version, ist eher selten.
„Traditionen pflegen, Kultur bewahren – und trotzdem modern bleiben.“
Welche Geschichte steckt hinter „Su lang die Leechter noch brenne“ – und warum trifft der Song so viele Menschen?
Weil viele Menschen wie wir finden, dass die kölsche Sprache und Wahrzeichen wie das Lommi, der dicke Pitter, Stippefott oder das Hänneschen Theater nicht aussterben dürfen. Gerade in Zeiten, wo das Kölsche als gesprochene Sprache auf der Straße zunehmend verschwindet.
Traditionen pflegen, Kultur bewahren und trotzdem modern, weltoffen und zukunftsorientiert sein – das ist das Ziel.
Habt ihr Songs geschrieben, die nie veröffentlicht wurden, obwohl ihr sie mochtet?
Bei Albumproduktionen gab es immer auch mal Songs, die uns gefallen haben, aber es dann nicht aufs Album geschafft haben. Vielleicht, weil es schon einen Song mit ähnlichem Thema gab oder es musikalisch zu ähnlich war. Die Erfahrung zeigt auch: Wenn man sich einmal dagegen entschieden hat, schaffen es diese Songs später oft gar nicht mehr.
„Unsere Texte bleiben 100 Prozent Kölsch – das ist DNA der Band.“
Könntet ihr euch vorstellen, komplett hochdeutsche oder englische Songs zu machen?
Nein, das schließen wir aus. Wir wissen, was wir der kölschen Sprache zu verdanken haben und es ist uns ein großes Anliegen, sie am Leben zu halten. Unsere Texte sind und bleiben 100 Prozent Kölsch. Das ist DNA der Band.
Wenn man euch in 20 Jahren beschreibt – was wäre euch lieber: Karnevalslegende oder Band mit Bedeutung über Köln hinaus?
Kölsche Band, die sich immer treu geblieben ist und deren Lieder jung und alt, Kölner und Nicht-Kölner zusammenbringen. 🙂
Aktuelles
Das nächste Konzert von Miljö ist am 30.5. im Waldbad in Köln-Dünnwald hinweisen, der Abschluss der Deutschland-Tour: Hier geht es zu den Tickets.
Tolles Interview vom Kollegen. Glückwunsch!