Seit ihrer Gründung im Jahr 2014 gehört FIASKO zu den spannendsten Vertretern der modernen kölschen Musikszene. Mit ihrer Mischung aus Pop, Rock und kölschem Herzblut haben Daniel, Dirk, Henning und René bewiesen, dass kölsche Musik weit mehr sein kann als klassische Karnevalshits. Spätestens mit Songs wie „För dich“, „Hätze sin rut“ oder „Leider widder eskaliert“ hat sich die Band eine treue Fangemeinde erspielt. 2024 feierte FIASKO ihr zehnjähriges Bestehen mit einem ausverkauften Jubiläumskonzert im Carlswerk Victoria und veröffentlichte gleichzeitig ihr viertes Studioalbum „Kölle is Calling“.
Im Interview sprechen die vier Musiker über die Geschichte hinter ihrem ungewöhnlichen Bandnamen, ihren musikalischen Weg, Freundschaft, Songwriting und darüber, warum Authentizität für sie wichtiger ist als jeder Trend.
„FIASKO“ – ein Name, den man nicht vergisst
Der Name „FIASKO“ fällt sofort auf. Wie entstand er eigentlich – und gab es damals überhaupt Alternativen?
Das hat unser Bassist Dirk zu verantworten. Während der Suche nach einem Bandnamen kam er mit dem gleichnamigen Songtitel von „Die Ärzte“ um die Ecke. Da wir alle große Ärzte-Fans sind, haben wir eine Nacht darüber geschlafen – und sind dabei geblieben.
Ob es andere Namen in der engeren Auswahl gab? Sagen wir lieber: nein.
Ein Name wie „FIASKO“ klingt zunächst nicht unbedingt nach Erfolg. Hattet ihr anfangs Bedenken?
Ein ganz kleines bisschen vielleicht. Aber es gibt auch andere große Namen, die eigentlich erst einmal nichts Positives bedeuten. Der Effekt, dass die Menschen irgendwann zuerst an die Band denken und nicht mehr an die eigentliche Bedeutung des Wortes, hat uns diese Angst schnell genommen.
Gibt es eine Geschichte rund um den Bandnamen, die kaum jemand kennt?
Wir wurden einmal in einer italienischen Eisdiele vom Besitzer gefragt, ob wir überhaupt wüssten, was auf unseren Jacken steht. Er erklärte uns, dass „Fiasko“ im Italienischen so viel wie „dickbauchige Weinflasche“ bedeutet. Das fanden wir dann auch ganz gut.
Wenn ihr heute noch einmal ganz von vorne anfangen würdet – hießet ihr wieder FIASKO?
Auf jeden Fall.
Vom Spaßprojekt zur professionellen Band
Als ihr 2014 gestartet seid: Was war euer ursprüngliches Ziel?
Einfach Musik machen, die Spaß macht. Nach Jahren als Coverband hatten wir keine Lust mehr, uns zu verstellen.
Gab es einen Moment, an dem euch klar wurde: Das könnte mehr werden als nur ein Hobby?
Als wir gemeinsam beim Notar saßen.
Welche Zeit war auf eurem bisherigen Weg die größte Herausforderung?
Die Anfangsphase ist schon kräftezehrend. Man weiß nichts, muss sich aber trotzdem gegen andere behaupten. In dieser Zeit lernt man extrem viel.
Wie viel Mut braucht es heute noch, eine Band zu gründen?
Das kommt ganz darauf an, wie viel Risiko man eingehen möchte. Wenn man mit ganzem Herzen dabei ist, dann wird das Risiko irgendwann irrelevant.
Zwischen Kölsch, Pop und Rock
Eure Musik klingt deutlich moderner als das, was viele unter klassischer Karnevalsmusik verstehen. War das von Anfang an geplant?
Wir haben von Anfang an gesagt: Wir machen das, worauf wir Lust haben. Musik und Musikgeschmäcker sind selbst bei uns intern so vielseitig, dass wir alles mit einfließen lassen können. Es gab nie eine bewusste Entscheidung, einen bestimmten Stil zu verfolgen oder auszuschließen.
Welche Künstler haben euren Sound geprägt?
Natürlich haben Bands wie Brings, Kasalla und Cat Ballou den musikalischen Weg geebnet und gezeigt, dass im Karneval heute deutlich mehr möglich ist als klassische Karnevalsmusik.
International beeinflussen uns unsere Lieblingskünstlerinnen und -künstler genauso. Das reicht von Coldplay und Linkin Park über Kelly Clarkson bis hin zu Deutschrap. Eine wilde Mischung – aber überall gibt es musikalische Elemente, die einen prägen.
Und hört ihr privat überhaupt noch kölsche Musik?
Auf jeden Fall.
Welche Bands haben euch dabei besonders geprägt?
Das ist unterschiedlich. Das geht vom Colonia Duett bis zu Brings und den Bläck Fööss.
Gibt es musikalische Vorlieben, mit denen man bei euch gar nicht rechnen würde?
Unser Gitarrist Henning hört seit seiner Jugend auch viel Metal. Killswitch Engage gehören da zu seinen Favoriten.
Zwischen Euphorie und Melancholie
Viele eurer Songs verbinden Euphorie mit einer gewissen Melancholie. Warum passt diese Mischung so gut zu Köln?
Weil genau diese beiden Gefühle alle Kölner verbinden. Die Sehnsucht, die in der Melancholie steckt, fühlt jeder, der Köln einmal verlassen musste. Das Bewusstsein, dann doch wieder in Köln zu sein und dieses Gefühl mit so vielen Menschen zu teilen, macht euphorisch.

Songs entstehen selten nach Plan
Wie entwickelt sich bei euch ein neuer Song – gibt es einen festen Ablauf oder ist das jedes Mal anders?
Das ist immer unterschiedlich. Meist gibt es eine Grundidee und die wird dann im Proberaum oder im Songwriting-Camp zu einem vollständigen Song geformt.
In der Regel kommen die ersten Ideen von unserem Sänger Daniel und einem befreundeten Songwriter.
Wir arbeiten auch mit externen Songwritern zusammen. Daniels Kumpel Josh begleitet uns schon seit über zehn Jahren im Hintergrund. Aber auch mit anderen Songwritern haben wir uns bereits zusammengesetzt. Jemanden in einer Songwriting-Session dabeizuhaben, der mit einem anderen Mindset an die Sache herangeht, ist total erfrischend und fördert die eigene Kreativität.
Verändern sich Songs auf dem Weg bis zur fertigen Version noch stark?
So ziemlich jeder.
Welcher Song hat euch beim Schreiben am meisten gefordert? Und welcher entstand fast wie von selbst?
Songs, die ein sehr emotionales Thema verarbeiten, sind am „schwersten“. Zum Beispiel unser Song „RÄÄNBOGE“.
Überraschend schnell entstanden ist dagegen „ZOHUS“.
Wie persönlich sind eure Texte eigentlich?
100 Prozent. Natürlich erzählt nicht jeder Song eine persönliche Geschichte und manches ist etwas ausgeschmückt. Aber wir würden niemals davon singen, wie toll es ist, mit einem Helikopter zu fliegen, wenn wir das selbst noch nie gemacht hätten.
Gibt es eine Textzeile, die euch bis heute besonders berührt?
„Hätze sin immer nur rut.“
Da steckt so viel Bedeutung drin, dass man schon mal emotional werden kann.
Gibt es Themen, die für FIASKO bewusst tabu sind?
Politik.
Habt ihr schon einmal einen Song zurückgehalten, weil er euch zu persönlich war?
Nein.
Köln ist mehr als eine Kulisse
Köln spielt in euren Liedern eine zentrale Rolle. Könnte FIASKO auch in einer anderen Stadt funktionieren?
Köln spielt eine große Rolle. Wir leben hier. Es würde vermutlich nicht funktionieren, über eine andere Stadt zu singen. Aber das liegt daran, dass keine Stadt so ist wie Köln.
Was bedeutet Heimat für euch persönlich?
Heimat beschreibt für uns ein Gefühl. Ein Ort, an dem man sich niederlässt, bleiben möchte und sich wohlfühlt.
Kölsche Musik lebt oft von Emotionen. Warum erreicht sie Menschen so direkt?
Das kann man so pauschal gar nicht sagen. Manche Lieder funktionieren über den Text, manche über die Melodie, manche über das Gefühl. Das Publikum entscheidet das jedes Jahr aufs Neue.
Zwischen Leidenschaft und Partygeschäft
Manche befürchten, dass die kölsche Musikszene immer mehr zur reinen Partyindustrie wird. Wie seht ihr das?
Positiv ist, dass es immer wieder neue Künstlerinnen und Künstler gibt. Negativ ist, dass es auch immer welche gibt, die nur zum Geldverdienen kommen.
Was unterscheidet für euch eine echte Band von einem reinen Karnevalsprojekt?
Wir machen kölsche Musik mit ganzem Herzen und authentisch – eben so, wie wir sind. Ein reines Karnevalsprojekt hat oft vor allem finanzielle Hintergründe. Und das merkt man dann auch.
Zwischen Bühne, Adrenalin und Ausnahmezustand
Die Karnevalssession gilt als die intensivste Zeit des Jahres. Wie erlebt ihr diese Wochen hinter den Kulissen?
Wenn der Zeitplan eng gestrickt ist, kann es schon mal stressig werden. Aber durch ein gutes Team hat man viel Rückhalt und jeder weiß, was zu tun ist. Das bringt Routine und nimmt viel Stress.
Gibt es Momente, in denen selbst bei euch die Akkus leer sind?
Nach dem letzten Auftritt eines vollgepackten Tages kann man emotional schon mal etwas ausgelaugt sein. Wenn man fünf bis zehn Mal am Tag für jeweils 30 Minuten voller Energie und guter Laune auf der Bühne steht, sind die Akkus manchmal leer. Sie laden sich aber auch schnell wieder auf.
An welche Auftritte erinnert ihr euch bis heute besonders – im positiven wie im chaotischen Sinne?
Wir haben mal auf einer „Familiensitzung“ im Umland gespielt. Das war ein großes Festzelt. Während des Auftritts sind Kinder unkontrolliert über die Bühne gelaufen, den Eltern war das egal. Der Elferrat hat hinter uns aus Messbechern Bier getrunken und dabei andere Lieder gesungen – nicht einmal unsere. Alles, während wir auf der Bühne standen.
Emotional am wichtigsten war dagegen unser zehnjähriges Jubiläum im Carlswerk 2024. Das war für uns ein riesiger Meilenstein.
Wie fühlt es sich an, wenn tausende Menschen eure Songs mitsingen?
Sehr gut.
Und läuft technisch eigentlich immer alles glatt?
Einen Auftritt, bei dem etwas schiefgelaufen ist? Da gab es einige von.
Freunde, Familie und ganz viel FIASKO
Wie schwer ist es, neben der Musik noch ein normales Privatleben zu führen?
„Normal“ ist Definitionssache. Für uns ist dieses Leben ganz normal.
Verändert gemeinsamer Erfolg eine Freundschaft?
Mit seinen Freunden etwas zu schaffen, worauf man stolz ist, sorgt dafür, dass die Freundschaften ein dickeres Band bekommen.
Funktioniert ihr eher wie Kollegen oder wie eine Familie?
Eher wie eine Familie. Natürlich gibt es auch mal unterschiedliche Meinungen und das ist auch gut so. Die werden dann ausdiskutiert und Entscheidungen treffen wir ganz demokratisch.
Welche Rolle spielen Alkohol und die berühmte Karnevalseskalation eigentlich im Bandalltag?
Keine. Auch wenn wir eine Band sind, bei der natürlich gefeiert wird, schlägt sich das nicht auf die Proben nieder.
Musik im digitalen Zeitalter
Welche Bedeutung haben Social Media und Streaming heute für eine Band wie FIASKO?
Sie sind neben der Bühne das wichtigste Marketinginstrument, das wir haben.
Denkt man beim Songwriting inzwischen automatisch darüber nach, ob eine Stelle auf TikTok funktionieren könnte?
Nein, nicht direkt.
Ist es schwieriger geworden, Menschen mit Musik wirklich zu berühren?
Genau so wie vor zehn Jahren. Gefühle zu beschreiben ist schwer. Aber genau darum geht es beim Musikmachen ja.
Der Blick zurück – und nach vorne
Wenn ihr auf die vergangenen Jahre schaut: Was war eure größte Fehlentscheidung – und worauf seid ihr heute am meisten stolz?
Wir haben schon einige Euro in den Sand gesetzt. Lehrgeld nennen wir das. Aber das ist auch normal. Jeder Mensch macht Fehler.
Unser größter Erfolg ist, dass wir immer noch als Band da sind.
Zum Abschluss: Worauf seid ihr als FIASKO nach über zehn Jahren am meisten stolz?
Dass wir nach all der Zeit noch gemeinsam Musik machen – und vor allem immer noch genauso viel Spaß dabei haben.