Demonstranten in Köln protestieren gegen die Abschaffung des Karnevals, mit bunten Kostümen und Schildern.
Der Karneval gilt heute als Herz der Stadt Köln – als fünfte und schönste Jahreszeit, als Identität, als Millionenfest. Doch im späten 19. Jahrhundert war das keineswegs selbstverständlich. Damals tobte in Köln ein Kulturkampf, der heute fast vergessen ist: Geistliche, Moralvereine und empörte Bürger wollten dem Karneval ernsthaft an den Kragen. In Predigten, Zeitungsartikeln und Eingaben an Behörden wurde das närrische Treiben als moralischer Notstand beschrieben.
„Ein Sündenpfuhl“ – Moralhüter gegen Maskenbälle
Die heftigste Kritik richtete sich gegen die Maskenbälle, die im 19. Jahrhundert das Zentrum des Karnevalslebens bildeten. Besonders der prächtige Gürzenich-Saal, einer der wichtigsten Festorte der Stadt, geriet ins Visier der Kritiker.
Aus Sicht der Moralreformer war das Problem klar: Masken boten Anonymität. Wer sein Gesicht verbarg, konnte – so die Befürchtung – gesellschaftliche Regeln brechen. In Predigten und Broschüren war von „Unsittlichkeit“, „lasterhaften Begegnungen“ und „moralischem Verfall“ die Rede. Kritiker behaupteten sogar, dass junge Frauen durch Maskenbälle in moralische Gefahr gerieten.
Die Vorwürfe wurden ab den 1880er-Jahren immer lauter. Besonders protestantische Moralreformer und bürgerliche Sittlichkeitsbewegungen führten eine regelrechte Kampagne gegen den Karneval. Für sie war er ein Symbol für alles, was in der modernen Großstadt aus dem Ruder lief: Alkohol, sexuelle Freizügigkeit, Verschwendung und Lärm.
Kirche und Moralvereine greifen ein
Auch kirchliche Stimmen meldeten sich zu Wort. 1891 veröffentlichte der Kölner Erzbischof Philipp Krementz einen Hirtenbrief zur Fastenzeit, in dem er zwar erklärte, die Kirche sei „keine Feindin der Freude“, zugleich aber eindringlich vor den „Auswüchsen“ der Karnevalstage warnte.
Gläubige sollten die Tage lieber mit Gottesdienst, Gebet oder Bußübungen verbringen, statt sich dem närrischen Treiben hinzugeben. Für viele Karnevalsfreunde klang das wie eine höfliche, aber deutliche Absage an die Maskerade.
Noch schärfer gingen evangelische Moralvereine vor. Ein Evangelischer Sittlichkeitsverein in Köln bezeichnete den Karneval öffentlich als moralische Gefahr für die ganze Stadt. In Eingaben an die Behörden forderte er sogar Maßnahmen gegen das Fest.
Seine Argumente waren drastisch: Der Karneval zerstöre die öffentliche Sittlichkeit, fördere Trunksucht und schade dem wirtschaftlichen Leben. Manche Kritiker hofften offen, dass der Karneval als öffentliche Einrichtung ganz verschwinden möge.
Behörden zwischen Verbot und Volksfest
Die Behörden gerieten dadurch in eine schwierige Lage. Einerseits wollten sie Ordnung und Moral wahren, andererseits war der Karneval längst ein wichtiges städtisches Ereignis.
Der Regierungspräsident erklärte schließlich, dass Polizei und Verwaltung zwar gegen konkrete Ausschreitungen oder unsittliche Veranstaltungen vorgehen könnten – ein vollständiges Verbot des Karnevals sei jedoch rechtlich kaum möglich.
Tatsächlich kam es immer wieder zu Einschränkungen. Tanzveranstaltungen wurden stärker kontrolliert, Genehmigungen genauer geprüft und manche Vergnügungen schlicht verboten.
Doch der Karneval selbst ließ sich nicht verdrängen. Zu viele Menschen liebten ihn.
Wie der Karneval sich selbst „zähmte“
Interessanterweise reagierten auch die Karnevalsgesellschaften selbst auf die Kritik. Einige Funktionäre versuchten bewusst, dem Karneval ein respektableres Image zu geben.
Der Karnevalist Josef Wach propagierte bereits 1879 das Motto:
„Von Zoten frei die Narretei.“
Neue Gesellschaften wollten zeigen, dass Karneval auch ohne vulgäre Witze oder moralische Grenzüberschreitungen funktionieren könne. Sitzungen wurden stärker organisiert, Reden kontrolliert und das Fest zunehmend in geordnete Bahnen gelenkt.
Der Karneval gewinnt – aber nicht unverändert
Am Ende setzten sich die Jecken durch. Der Karneval verschwand nicht – im Gegenteil: Er wuchs im 20. Jahrhundert zu einem der größten Volksfeste Europas.
Doch der heutige organisierte Karneval ist auch ein Ergebnis dieses alten Konflikts. Die strengen Strukturen, die Vereine, die offiziellen Sitzungen und der stark regulierte Rosenmontagszug entstanden auch deshalb, weil der Karneval sich gegenüber seinen Gegnern legitimieren musste.
Mit anderen Worten: Ohne die Moralhüter des 19. Jahrhunderts sähe der Karneval in Köln vielleicht ganz anders aus.
Denn eines zeigt diese fast vergessene Episode der Stadtgeschichte:
Selbst in Köln war der Karneval einmal so umstritten, dass manche ihn am liebsten abgeschafft hätten.