„Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“ – Als ein Karnevalsschlager zur Ersatzhymne wurde
Köln, nahe dem Dom, 1948: Am Kneipentisch geht es um die politische Neuordnung Deutschlands. Briten und Amerikaner haben ihre Besatzungszonen bereits zur „Bizone“ zusammengeschlossen. Nun zeichnet sich ab, dass auch die französische Zone dazukommt. Ausgerechnet aus diesem trockenen politischen Stoff macht Karl Berbuer eine kölsche Pointe: Wenn es eine Bizone gibt, warum dann nicht auch „Bizonesien“ – und bald „Trizonesien“?
Der Komponist und Karnevalist greift das Wortspiel auf und macht daraus ein Lied. Seine Bewohner: die „Eingeborenen von Trizonesien“. Selbst Goethe und Beethoven erklärt Berbuer kurzerhand zu Landsleuten. Das klingt herrlich verrückt – und trifft doch ziemlich genau die absurde Lage jener Jahre. Die großen Entscheidungen fallen anderswo; die Menschen vor Ort versuchen, sich in einem Land zwischen Besatzung, Trümmern und ungewisser Zukunft zurechtzufinden.
Am 11. November 1948 stellt Berbuer den Song im Rundfunk vor. Aus dem politischen Seitenhieb wird schnell ein Hit der Session. Der Witz sitzt, der Refrain bleibt hängen – und für viele klingt darin mehr mit als nur Karneval. Besonders Menschen, die nach dem Krieg noch fern von Köln lebten, schrieben an den Rundfunk und an Berbuer. Das Lied wurde für sie zu einem kleinen Stück Heimat.
Dann folgt der Auftritt, mit dem niemand gerechnet hat: 1949 gewinnt der Kölner Radrennfahrer Jean Schorn ein internationales Rennen in Müngersdorf. Bei der Siegerehrung werden die Hymnen der anderen Länder gespielt. Für Deutschland gibt es noch keine offizielle Nationalhymne. Also greift die Kapelle kurzerhand zu Berbuers Karnevalsschlager. Belgische Soldaten stehen auf und salutieren – offenbar halten sie das Lied für die deutsche Hymne. Konrad Adenauer erzählt später selbst von dieser kölschen Überraschung.
Doch außerhalb Kölns wurde der Spaß nicht überall sofort verstanden. Bei einem Gastspiel in Berlin zögert Berbuer zunächst, den Song zu singen. Das Publikum verlangt ihn trotzdem. Berbuer gibt nach – und wählt für die Rückreise vorsichtshalber den Luftweg statt der Route durch die sowjetische Besatzungszone.
Genau darin steckt die besondere Kraft des „Trizonesien-Songs“: Er machte aus einer politischen Zwangslage einen gemeinsamen Witz. Für einen Moment gehörte die Bühne nicht den Besatzungsmächten und Politikern, sondern den Leuten, die mit den Folgen leben mussten. Der Karneval nahm die neue Wirklichkeit aufs Korn – und gab ihr einen Namen, den man mitsingen konnte.
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