Traditionelle Karnevalsgruppe beim Aprilscherz in Köln, die für den Karneval und den Kölner Karneval bekannt ist.
Wie aus einer Zeitungsente ein symbolträchtiger Akt des Wiederaufbaus wurde
Nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs kehrte 1949 allmählich das Leben in die Kölner Straßen zurück – und mit ihm der geliebte Karneval. Zwar musste man sich mit einer sogenannten „Kappenfahrt“ begnügen, da ein echter Rosenmontagszug noch nicht möglich war, aber gefeiert wurde trotzdem wieder nach alter Tradition – mit einem echten Dreigestirn unter Prinz Theo Röhrig an der Spitze.
Im März 1949 schien der Karneval bereits wieder in Vergessenheit geraten zu sein. Köln kehrte zum Alltag zurück. Doch was am 31. März geschah, sollte zur wohl bekanntesten Karnevalsgeschichte der Nachkriegszeit werden – ein Aprilscherz, der plötzlich Realität wurde.
Der Artikel, der alles ins Rollen brachte
Am 31. März veröffentlichte die „Kölnische Rundschau“ einen ungewöhnlichen Leserbrief:
„Sehr geehrte Herren!
Ich hatte gestern eine denkwürdige Begegnung…
Am Nachbartisch saßen Prinz Karneval, Bauer und Jungfrau in Zivil. Sie tranken Bier, rauchten Zigarren – auch die Jungfrau – und wollten gemeinsam etwas für Köln tun.
Sie waren sich einig: Am nächsten Tag, am 1. April, würden sie den Gürzenich entschutten – und zwar mit Hacke, Schaufel und einem Lastwagen. Das sei eine Generalprobe gewesen, so sagte der Prinz, am Freitag von 11 bis 13 Uhr sollte es dann richtig losgehen…“
Die Redaktion fügte hinzu:
„Wir haben uns erkundigt. Es ist tatsächlich so. Die drei schippen morgen von 11.00 Uhr bis 13.00 Uhr im Gürzenich…“

Natürlich hielten viele das Ganze für einen typischen Aprilscherz. Doch was dann passierte, hatte niemand erwartet.
Aprilscherz wird ernst – Das Dreigestirn greift zur Schaufel
Theo Röhrig, der Karnevalsprinz des Jahres 1949, war von der Idee so begeistert, dass er kurzerhand den „Bauern“ und die „Jungfrau“ kontaktierte. Und tatsächlich: Am Morgen des 1. April standen die drei pünktlich um 11 Uhr mit Schaufeln und Hacken bereit – vor Ort, beim zerbombten Gürzenich.
Was als Scherz begann, wurde plötzlich Realität. Die drei Karnevalisten begannen mit echter Muskelkraft, Trümmer zu beseitigen. Auch die Karnevalisten der gerade gegründeten Künstlervereinigung „Muuzemändelcher“ waren vor Ort und halfen fleißig mit. Pressevertreter, Schaulustige, sogar der Regierungspräsident kamen vorbei. Die Flasche Wein wurde geschwenkt, die Kamera klickte, und überall staunten die Menschen: „Ist das wirklich ein Aprilscherz – oder schon der Wiederaufbau?“
Kölns gute Stube wird zum Symbol
Am 2. April berichtete die Rundschau begeistert:
„APRILSCHERZ WURDE BARE WIRKLICHKEIT!“
Die drei Karnevalisten in ihren bunten Mützen standen mitten im Schutt und packten an. Die Reporter reihten sich ein, schleppten Steine. Die Bevölkerung war bewegt, der Gürzenich – Kölns „gute Stube“ – rückte in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses.

Stadtverordneter P.J. Schaeven schrieb:
„Männer von Köln! Diese wunderbare Geschichte… ruft uns alle auf. Jetzt organisieren wir den wirklichen Ehrendienst. Den Gürzenich entschutten wir!“

Ein Zeichen für den Kölner Lebenswillen
Theo Röhrig selbst beschrieb das Ereignis später in der Zeitschrift „Kulturarbeit“:
„Ganz Köln lachte – und ich hatte erreicht, was ich wollte: Das Gürzenichproblem in den Brennpunkt des öffentlichen Interesses zu rücken.“
Von Sportvereinen über Firmen bis hin zu Hochschulen – ganz Köln meldete sich, um freiwillig mitanzupacken. Die Aktion bewies eindrucksvoll, dass der Wiederaufbau des Gürzenichs nicht auf Widerstand stieß, sondern als Symbol des Neuanfangs gesehen wurde – auch von jenen, die selbst noch unter schwierigen Wohnverhältnissen litten.
Vom Scherz zur Bürgerbewegung
Was als Zeitungsstreich begann, wurde zum Auslöser für eine stadtweite Bewegung. Bald schon war von einer „Gürzenich-Lotterie“ die Rede, von Spendenaktionen großer Unternehmen, von Bausteinen für den Wiederaufbau.
Röhrig schrieb:
„Wenn die Prophezeiungen des Bauausschusses in Erfüllung gehen, wird schon im nächsten Jahr ein Teil unserer ehrwürdigen alten Stube wieder stehen… Als Prinz Karneval habe ich immer wieder betont: Wir schöpfen aus unserer Freude neue Kraft zum Aufbau.“
Ein kölscher Aprilscherz mit Nachwirkung
Der Aprilscherz zur Entschuttung des Gürzenich wurde zu einem bewegenden Kapitel kölscher Nachkriegsgeschichte. Er zeigte, wie aus Humor, Gemeinschaftsgeist und einem Schuss Improvisation echte Aufbauarbeit entstehen kann – ganz nach kölscher Art.
Und so wurde der Gürzenich nicht nur von Trümmern befreit, sondern auch zum Symbol für Lebensmut, Bürgerengagement und die unerschütterliche Seele einer Stadt, die sich selbst nicht unterkriegen lässt.