Hintergrund
NeuWenn aus Knatsch Geschichte wird: Wie Streit den Kölner Karneval prägte
Wer sich mit den alten Kölner Karnevalsgesellschaften beschäftigt, kann schnell den Überblick verlieren: Große KG, Große von 1823, Allgemeine KG, Große Kölner, Große Allgemeine. Tatsächlich steckt hinter diesen ähnlichen Namen eine Geschichte voller Trennungen und Neuanfänge.
Am Anfang steht die Gesellschaft, die heute „Die Grosse von 1823“ heißt. Sie entstand im Zuge der Karnevalsreform von 1823 und wurde zur bestimmenden Kraft des organisierten Kölner Karnevals. Zahlreiche spätere Gesellschaften gingen direkt oder indirekt aus ihr hervor. Deshalb bezeichnet sie sich heute auch als „Mutter aller Karnevalsgesellschaften“.
Schon 1844 kam es zum großen Streit
Dass Karnevalisten nicht immer einer Meinung sind, zeigte sich schon früh. 1844 kam es zu einer politisch geprägten Spaltung. Neben der Großen KG entstand die Allgemeine Karnevalsgesellschaft. Die Auseinandersetzungen jener Jahre standen auch im Zusammenhang mit den politischen Spannungen des Vormärz.
Lange hielt die Trennung nicht. 1846 kam es zur Wiedervereinigung. Die damalige Allgemeine KG darf übrigens nicht mit der heutigen Großen Allgemeinen KG von 1900 verwechselt werden – diese entstand erst Jahrzehnte später durch eine weitere Abspaltung von der Großen KG.
Doch der nächste große Konflikt ließ nicht ewig auf sich warten.
August Wilcke geht – und gründet eine Konkurrenzgesellschaft
Von 1865 bis 1881 stand August Wilcke an der Spitze der Großen KG. Innerhalb der Gesellschaft wuchs jedoch die Kritik an ihm und seiner Amtsführung. Wilcke trat schließlich zurück. Am 11. November 1882 gründete er mit seinen Anhängern eine eigene Gesellschaft, zunächst unter dem Namen „Kölner Karnevalsgesellschaft“.
Aus ihr wurde schon bald die Große Kölner Karnevalsgesellschaft. Die Namenswahl war durchaus programmatisch: Neben der bisherigen „Großen“ trat nun eine zweite Gesellschaft auf, die ebenfalls den Anspruch erhob, den Kölner Karneval maßgeblich mitzugestalten.
Beide Gesellschaften gibt es bis heute: die Die Grosse von 1823 und die Große Kölner KG von 1882. Sie sind also nicht zwei Namen für denselben Verein, sondern seit 1882 zwei eigenständige Karnevalsgesellschaften.
Ein außergewöhnliches Foto aus dem Jahr 1892
Genau in diese Zeit führt ein historisches Foto, das diesem Beitrag voransteht. Die Aufnahme entstand 1892, gerade einmal zehn Jahre nach der Gründung der Große Kölner KG von 1882. Sie zeigt eine Herrensitzung der Großen Kölner im Saal der Lesegesellschaft in der Langgasse. Dieser Saal war damals zunächst die Heimat der jungen Gesellschaft und bot bis zu 1.600 Menschen Platz – annähernd so viele wie der Gürzenich.
Erhöht über den übrigen Sitzungsteilnehmern sitzt der damalige Elferrat, seinerzeit auch „Kleiner Rat“ genannt. Gewöhnliche Litewka oder Frack sucht man dort allerdings vergeblich: Das Motto der Sitzung lautete „Götter des Olymp“.
Im Zentrum thront Präsident und Gesellschaftsgründer August Wilcke als Zeus. Um ihn herum haben die weiteren Mitglieder des Rates in aufwendigen Kostümen Platz genommen. Davor sitzen und stehen dicht gedrängt zahlreiche Herren, viele im dunklen Anzug und mit Karnevalsmütze. Der Fotograf der Aufnahme ist nicht bekannt.
Das Bild ist damit mehr als eine alte Sitzungsaufnahme. Es zeigt die Große Kölner in ihrer frühen Phase – selbstbewusst, aufwendig inszeniert und nur ein Jahrzehnt nach der Abspaltung von der damals dominierenden Großen KG.
Zwei „Große“ kämpfen um Einfluss
Die Konkurrenz spielte sich nicht nur in den Sitzungssälen ab. Beide Gesellschaften beanspruchten Einfluss auf den großen Maskenzug, den Vorläufer des heutigen Rosenmontagszuges.
1887 eskalierte der Streit um dessen Organisation. Schließlich musste sogar zwischen den Vereinsvorständen vermittelt werden. Ein Jahr später fanden die Konkurrenten eine Lösung: 1888 gründeten die Große KG von 1823 und die Große Kölner gemeinsam ein Festkomitee, das die Leitung des Maskenzuges übernahm.
Ausgerechnet die Konkurrenz zweier Gesellschaften führte damit zu einer gemeinsamen Organisationsstruktur.
1908 verständigten sich die beiden Gesellschaften schließlich darauf, dass das Präsidium des Festkomitees jährlich zwischen ihnen wechseln sollte. Andere Karnevalsgesellschaften verlangten inzwischen ebenfalls stärkere Beteiligung.
Die Entwicklung ging weiter. 1922 schlossen sich schließlich mehrere maßgebliche Gesellschaften in einem Dachverband zusammen. Die Organisationsform des Festkomitees wandelte sich damit erneut.
Ohne Streit kein Wandel?
Die Geschichte zeigt eine Seite des Kölner Karnevals, die hinter „Zesamme“ und „Tradition“ leicht verschwindet. Der organisierte Fastelovend war nie ein unveränderliches Gebilde. Menschen stritten über Personen, politische Vorstellungen, Säle, Zuständigkeiten und darüber, wie Karneval überhaupt aussehen sollte.
Manchmal führte das zur Versöhnung. Manchmal entstanden daraus neue Gesellschaften.
So ging 1900 mit der Großen Allgemeinen Karnevalsgesellschaft noch eine weitere heute bestehende Gesellschaft aus der alten Großen KG hervor. Anlass war diesmal ein interner Streit über die Wahl eines Veranstaltungssaals. Man sieht: Die Kölner streiten sich, aber versöhnen sich auch. Heute bestehen die Gesellschaften einvernehmlich nebeneinander.
Der Fastelovend lebt vom Zusammenhalt. Seine Geschichte zeigt aber ebenso: Manchmal entsteht etwas Neues erst dann, wenn es vorher ordentlich Knatsch gegeben hat.
Jecken-Post
Neuigkeiten aus den Sälen, Probenräumen und Veedeln – unregelmäßig, dafür immer mit Anlass.
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