Hintergrund
NeuAlaaf? Bloß nicht! Als Kölns Protestanten den Karneval stoppen wollten
Köln. Hier Kamelle, dort Kopfschütteln: Das Klischee vom feierfreudigen Katholiken und spartanischen Protestanten bekam beim Kölner Karneval reichlich Futter. Evangelische Kirchenvertreter sahen in den tollen Tagen Alkohol, Ausschweifungen und verschwendetes Geld.
1925 wollten sie die Jecken ausbremsen, bevor es richtig losging. Im Ersten Weltkrieg und während der anschließenden Besatzungszeit war der Karneval eingeschränkt worden. Nun waren Maskenbälle und Sitzungen wieder erlaubt. Das Presbyterium der Evangelischen Gemeinde Köln protestierte. Aus Feiern in Sälen würden bald wieder Umzüge und Straßenkarneval werden. Seine Forderung brachte es auf den Punkt: „Den Anfängen widerstehn“. Die Gemeinde sprach sich ausdrücklich gegen jede Wiederbelebung des Karnevals aus – auch gegen die drei tollen Tage.
Die Begründung hatte es in sich: Der Karneval fördere aus Sicht des Presbyteriums Alkoholmissbrauch und sittliche Entgleisungen. In schwierigen Zeiten sollten Wohlhabende außerdem mit gutem Beispiel vorangehen, statt Geld fürs Feiern auszugeben. Doch Kölns Jecke ließen sich nicht stoppen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Ton vorsichtiger. „Auch im Karneval keine Unmoral“, mahnte der Kölner Kirchenkreis 1954 in den Tageszeitungen. Der Zeitungsausschnitt zu diesem Artikel zeigt den Appell. Der erhobene Zeigefinger blieb – aber nun ging es um maßvolles Feiern statt um ein grundsätzliches Nein zum Karneval.

Heute schunkeln Protestanten sogar in der Kirche: Die evangelische Lutherkirche in der Südstadt feierte nach eigenen Angaben 1988 ihren ersten Karnevalsgottesdienst. Vom Kampf gegen die Jecken zum Alaaf im Gottesdienst – in Köln kann selbst ein Presbyterium nicht ewig gegen den Fastelovend gewinnen.
Jecken-Post
Neuigkeiten aus den Sälen, Probenräumen und Veedeln – unregelmäßig, dafür immer mit Anlass.
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