Hintergrund
NeuDie Manege, in der der Karneval wieder anfing
Vor 77 Jahren wurde in Köln erstmals nach dem Krieg ein Dreigestirn proklamiert – in einem Zirkus an der Aachener Straße. Was als Notlösung begann, prägte den Gesellschaftskarneval. Heute ist der Williamsbau aus dem Gedächtnis der Stadt fast verschwunden.
Es gibt eine Preisliste, die mehr über den Kölner Karneval des Jahres 1949 erzählt als manche Festrede: Außenrang fünf Mark, Innenrang acht. Manege zehn. Loge fünfzehn.
Am 15. Februar 1949 wurde das erste Kölner Dreigestirn der Nachkriegszeit nicht in einem Festsaal proklamiert, sondern dort, wo sonst die Pferde ihre Runden drehten. Der Saal hieß Williamsbau. Er war das Winterquartier des Circus Williams an der Aachener Straße, gegenüber dem Aachener Weiher: ein halbfester Bau, stabiler als ein Zelt, aber weit entfernt von einem richtigen Haus. Ohne Keller, unter einem gewaltigen Zeltdach – und mit rund 2.500 Plätzen der größte Saal der Stadt.
Nicht, weil er besonders gut geeignet war. Sondern weil es keinen anderen gab.
Eine Stadt ohne Säle
Der Gürzenich, seit dem 15. Jahrhundert Kölns großes Festhaus, war ausgebrannt. Auch die übrigen großen Säle waren zerstört. Wer 1946 eine Sitzung mit tausend Gästen veranstalten wollte, suchte vergeblich nach einem Dach über dem Kopf.
Der Karneval musste trotzdem neu beginnen. Nicht auf der Bühne, sondern am Verhandlungstisch: Am 14. September 1946 trafen sich 24 Vertreter aus acht führenden Gesellschaften. Das Protokoll begann mit einem Appell, der die materiellen und geistigen Folgen des Krieges benannte. Im Januar 1947 konstituierte sich der Festausschuss Kölner Karneval.
Die Bühne kam aus der Zirkuswelt. Harry und Carola Williams benötigten ein Winterquartier und ließen es 1946 nach Plänen des Architekten Wilhelm Koep errichten. Im Sommer 1947 war der Bau fertig – gedacht für Elefanten.

Schon wenige Monate später wurde dort Karneval gefeiert. Für den Sessionsauftakt am Elften im Elften machte der Circus Williams einen Tag Pause. Die Artisten hatten frei, am nächsten Tag lief das Zirkusprogramm weiter. Weil andere Säle fehlten, zog sich der Auftakt 1947 über zehn Tage hin. Insgesamt fanden 17 Veranstaltungen statt.
„Kölle bliev Kölle“
Im Januar 1948 feierten die Roten Funken im Williamsbau ihr 125-jähriges Bestehen. 2.500 Gäste kamen, die Leitung hatte Eberhard Hamacher, genannt „Hardes vum Fluh“. Im Saal saßen Vertreter der Karnevalsgesellschaften, der Behörden und der Wirtschaft – ebenso Angehörige der alliierten Militärregierung.
Zu diesem Jubiläum schrieb August Schnorrenberg ein Lied, dessen Titel die Lage des Jahres auf den Punkt brachte: „Kölle bliev Kölle.“
Der Satz lässt sich als Trotz verstehen oder als Selbstberuhigung. In einer Stadt, in der Menschen in Notunterkünften lebten und Baumaterial knapper war als Mut, war er wohl beides.
Zwei Wochen später veranstaltete der Festausschuss selbst eine große Jubiläumssitzung im Williamsbau. Unter den Gästen war Oberbürgermeister Hermann Pünder. Der Vorsitzende Albrecht Bodde zog anschließend eine zufriedene Bilanz: Köln habe seine Stellung als Karnevalshochburg nicht verloren.
Damit war der Williamsbau mehr als eine Ausweichspielstätte. Hier zeigte sich der organisierte Karneval wieder der Stadt, der Politik und der Besatzungsmacht – und machte deutlich, dass es ihn noch gab.

Eine Neugründung im Zirkus
Am 29. November 1948 beschloss der Vorstand des Festausschusses, die erste Prinzenproklamation der Nachkriegszeit im Williamsbau auszurichten. Prinz, Bauer und Jungfrau sollten wieder im Mittelpunkt stehen. Der Termin: der 15. Februar 1949.
Die Pointe dieser Geschichte wird selten erzählt: Die Prinzenproklamation war damals keine alte Einrichtung, die einfach wieder aufgenommen wurde. Vor dem Krieg hatte es nur vier solcher Veranstaltungen gegeben. Die Proklamationen von 1936, 1938 und 1939 waren zudem politisch überformt und vom Nationalsozialismus in Dienst genommen worden.
Was im Februar 1949 begann, war deshalb weniger eine Fortsetzung als eine Neugründung. Und sie fand in einem Zirkus statt.
Zum Prinzen wurde Theo Röhrig, Getränkegroßhändler und Mitglied der Großen Kölner Karnevalsgesellschaft. Als Prinz Theo I. wurde er erst am 6. Januar bekannt gegeben; Bauer und Jungfrau standen zu diesem Zeitpunkt noch nicht endgültig fest.
In seiner Ansprache dankte Theo I. Carola Williams. Der historische Gürzenich sei zerstört, sagte er, und sie habe dem Kölner Karneval stattdessen einen Ort gegeben. Die Rede ist im Archiv des Festkomitees überliefert. Sie ist ein besonders unmittelbares Zeugnis dafür, was der Zirkusbau für die Karnevalisten bedeutete – gesprochen von einem Mann, der selbst mitten im Geschehen stand.
Acht Jahre, in denen eine Form entstand
Von 1949 bis 1956 wurde achtmal ein Kölner Dreigestirn im Williamsbau proklamiert. In diesen Jahren nahm die Veranstaltung ihre Form an.

Der Saal wurde für die Session aufwendig geschmückt. Jahr für Jahr verwandelte sich das für Pferde gebaute Haus in einen Festsaal – bis die Proklamation jene repräsentative Gestalt annahm, die heute selbstverständlich wirkt. Um die Termine während der Session kümmerte sich Jean Küster, Präsident der Lyskircher Junge.
Wie anders die Abende damals abliefen, zeigt eine Erinnerung von Oskar Hamacher, später „General“ der Roten Funken. Er erlebte die Proklamationen ab 1950. Traditionskorps gab es zu dieser Zeit vier; bei den Proklamationen standen sie meist als Staffage hinter dem eigentlichen Geschehen auf der Bühne. Von den Auftritten, die heute einen solchen Abend tragen, war das noch weit entfernt.
Auch finanziell blieb der Karneval ein Drahtseilakt. 1948 waren die Eintrittspreise staatlich begrenzt: höchstens 15 Reichsmark für eine Sitzung, 25 Mark für einen Ball. Thomas Liessem machte darauf aufmerksam, dass das angesichts der Musikergagen kaum ausreichte. Die Preisbehörde lehnte höhere Preise ab. Der Kölner Karneval wurde in diesen Jahren nicht nur gefeiert, sondern auch durchgerechnet.

Carola Williams und ihr Zirkus
Carola Williams stammte aus der rheinischen Zirkusdynastie Althoff. Als ihr Mann Harry im Januar 1951 nach einem Unfall starb, übernahm sie die Direktion. Ihr Beitrag zum Kölner Karneval ging weit über den Saal hinaus: Für den Rosenmontagszug stellte sie Pferde und Elefanten zur Verfügung.
Die Chronik der Kölner Narren-Zunft berichtet, Harry Williams habe dem Reitercorps „Die Schildbrüder“ seine Araberpferde kostenlos geliehen und den Reitern über Wochen im Williamsbau Unterricht gegeben.
Auch die Geschichte eines berühmten Ziegenbocks beginnt im Zirkusbau: Im Februar 1950 feierte der zwei Jahre zuvor neu gegründete 1. FC Köln dort Karneval – und nahm einen Ziegenbock mit nach Hause. Aus ihm wurde Hennes.
Ob die Familie Williams dem Karneval den Williamsbau unentgeltlich überließ, ist allerdings nicht belegt. Vor der Währungsreform sind Mietbeträge protokolliert. Belegt ist die Großzügigkeit – nicht ihr Preis. Das schmälert die Geschichte nicht. Es macht sie nur genauer.
Das Ende – und eine Lücke
Der Williamsbau stand im Weg. Bereits 1952 verlangte der zuständige Beigeordnete, die provisorische Bebauung im Inneren Grüngürtel zu entfernen. Der Jahresbericht des Garten- und Friedhofsamtes von 1956 sah dort Grünanlagen und Sportplätze vor. Am 2. Oktober 1955 wurde der Gürzenich wieder eingeweiht.
1956 fand die letzte Prinzenproklamation im Zirkusbau statt. Danach wurde der Williamsbau abgetragen, und der Circus Williams verlegte sein Winterquartier auf die rechte Rheinseite. Die Proklamation zog 1957 in die Messehalle und findet seit 1959 im Gürzenich statt.
Was danach geschah, ist fast so erstaunlich wie die Geschichte des Saals selbst: Die Jubiläumschronik des Festkomitees zu 200 Jahren Kölner Karneval erwähnt den Williamsbau kein einziges Mal – obwohl sie die Jahre 1947, 1949, 1950, 1951, 1952 und 1954 ausführlich behandelt. Der Dachverband erzählt die Nachkriegsjahre, ohne den Ort zu nennen, an dem sie stattfanden.
Es braucht keine Verschwörung, um diese Lücke zu erklären. Provisorische Dinge verschwinden erst aus der Stadt und dann aus ihren Geschichten. 2018 setzten Wolfgang Oelsner und Reinold Louis dem etwas entgegen: Sie widmeten dem Williamsbau ein Buch und dem Gelände eine Stele. Seit dem 6. Mai 2018 heißt der Grünzug zwischen Aachener und Vogelsanger Straße Carola-Williams-Park.
Wer heute dort steht, sieht Wiese.
Es wäre leicht, in die neun Jahre Williamsbau zu viel hineinzulesen. Der Bau war nicht der Mittelpunkt des Kölner Karnevals, sondern einer seiner wichtigsten Orte. Die Wiederbelebung hatte 1946 am Verhandlungstisch begonnen. Und die Rückkehr des Feierns beseitigte weder die Not noch die Folgen der Diktatur.
Was bleibt, ist nüchterner – und vielleicht interessanter – als eine Rührgeschichte: Die repräsentativste Veranstaltung des Kölner Karnevals fand ihre Form in einem Haus, das nie für sie gebaut worden war, nie für die Dauer gedacht war und nicht einmal zehn Jahre stand.
Das Dreigestirn, das heute im Gürzenich proklamiert wird, ist in einer Manege groß geworden.
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