Es gehört offenbar zum Karneval wie Kamelle: die Angst, dass ausgerechnet die nächste Neuerung alles kaputtmacht.
Heute ist es vielleicht TikTok. Morgen steht womöglich der erste Roboter in der Bütt. Übermorgen tanzt eine künstliche Intelligenz als Mariechen über die Bühne.
Und natürlich wird es einen Aufschrei geben.
„Das ist kein Karneval mehr!“
„Wo bleibt das Brauchtum?“
„Jetzt ist wirklich eine Grenze überschritten!“
Man kann fast sicher sein: Irgendjemand wird den Untergang des Abendlandes, mindestens aber den des Fastelovends ausrufen.
Das Problem ist nur: Die Geschichte des Karnevals ist voll von solchen Untergängen.
Als die Bläck Fööss Anfang der 1970er Jahre mit langen Haaren, Jeans, nackten Füßen, Verstärkern und E-Gitarren in die Sitzungssäle kamen, waren sie für Teile des etablierten Karnevals nicht einfach nur ungewohnt. Erry Stoklosa erinnerte sich später sehr deutlich: „Die großen Gesellschaften wollten uns anfangs eher nicht.“ Mit „Parka, langen Haaren und 68er-Hintergrund“ seien sie „im wahrsten Sinne des Wortes ein rotes Tuch“ gewesen.
Und dann sagte er den vielleicht wichtigsten Satz dieser ganzen Geschichte: Der „Druck von unten, vom Volk“ sei irgendwann zu groß geworden.
Das Publikum wollte die Fööss.
Heute sind die Bläck Fööss nicht der Untergang des Karnevals.
Sie sind Karneval.
Das ist die wunderbare Ironie an der Sache. Ausgerechnet jene Band, die den Hütern des Brauchtums einmal zu unbequem, zu unangepasst und zu sehr 1968 war, gehört heute selbst zum kulturellen Tafelsilber Kölns.
Ein paar Jahrzehnte später kam Brings. Wieder zu laut, zu rockig, zu anders. Der damalige Festkomitee-Präsident Hans-Horst Engels verließ nach späterer Erinnerung sogar den Saal, wenn Brings „Poppe, Kaate, Danze“ spielte.
Heute dürfte eine Session ohne Brings für viele eher wie ein Traditionsbruch wirken.
Das Muster ist erstaunlich zuverlässig:
Erst heißt es: Das gehört hier nicht hin.
Dann: Das können wir doch nicht machen.
Dann: Na gut, die Leute wollen es offenbar.
Und irgendwann: Das war doch schon immer Karneval.
Deshalb ist die Diskussion über TikTok eigentlich gar keine Diskussion über TikTok. Es geht um die alte Frage, ob Karneval etwas ist, das man konservieren muss – oder etwas, das lebt.
Natürlich ist nicht jedes Handyvideo Brauchtumspflege. Genauso wenig ist jeder Mensch automatisch ein guter Karnevalist, nur weil er sich möglichst demonstrativ dem alten Brauchtum verschreibt, die richtigen Begriffe kennt und die Tradition wie eine Monstranz vor sich herträgt.
Brauchtum ist keine Verkleidung.
Man kann sehr traditionell aussehen und trotzdem wenig vom Geist des Karnevals verstanden haben. Und man kann mit einem Smartphone in der Hand, einem neuen Lied oder einer völlig verrückten Idee mehr für seine Zukunft tun als mancher selbst ernannte Traditionswächter.
Entscheidend ist nicht, wie alt etwas aussieht.
Entscheidend ist, ob es Menschen erreicht.
Junge Menschen erleben ihre Welt nun einmal auch auf TikTok, Instagram und dem Smartphone. Dort entdecken sie Lieder, Tänze, Gruppen, Kostüme und Veranstaltungen. Wer Nachwuchs für den Karneval will, kann schlecht gleichzeitig verlangen, dass dieser Nachwuchs bitte ausschließlich über die Kommunikationswege seiner Großeltern erreicht werden soll.
Und irgendwann kommt der nächste Schritt.
Vielleicht steht tatsächlich eines Tages ein Roboter in der Bütt und erzählt Witze über Köln. Vielleicht tanzt ein humanoider Roboter als Mariechen. Vielleicht komponiert eine künstliche Intelligenz ein Lied, das erst alle schrecklich finden und drei Jahre später der ganze Saal mitsingt.
Wäre das automatisch gutes Brauchtum?
Nein.
Aber wäre es automatisch schlechtes Brauchtum?
Ebenso wenig.
Vielleicht fällt der Roboter grandios durch. Vielleicht wird seine Büttenrede sterbenslangweilig. Vielleicht sagt der ganze Saal: Nie wieder.
Dann hat sich die Sache erledigt.
Vielleicht ist sie aber großartig.
Vielleicht steht der Saal Kopf.
Vielleicht wird aus dem Skandal ein Kult.
Warum eigentlich nicht?
Karneval war nie deshalb lebendig, weil sich nichts verändert hat. Er ist lebendig geblieben, weil jede Generation etwas hinzugefügt, ausprobiert, verworfen und neu erfunden hat.
Die Bläck Fööss waren einmal das rote Tuch.
Heute sind sie Tradition.
Das sollte uns beim nächsten vermeintlichen Tabubruch vielleicht etwas demütiger machen.
Denn bevor wir wieder rufen „Das ist nicht mehr mein Karneval“, könnten wir einfach einmal abwarten.
Vielleicht ist es wirklich Quatsch.
Vielleicht aber erleben wir gerade den Anfang einer neuen Tradition.
Der Karneval ist schließlich schon sehr oft untergegangen.
Zum Glück hat er sich nie daran gehalten.
