Ein Professor ohne Lehrstuhl
Der Titel „Professor“ bezeichnete bei Witt keinen akademischen Rang, sondern gehörte zu seiner Bühnenfigur. Als „Professor Säuerlich“ trat er zwischen 1895 und 1914 in den Kölner Karnevalssälen auf. Seine Darbietungen folgten der Tradition des Typenredners: Der Künstler verkörperte eine wiedererkennbare Figur, aus deren vermeintlicher Bildung, Eigenwilligkeit und Weltsicht sich die Pointen entwickelten.
Witt präsentierte seinen Vortrag als gelehrte Unterweisung, verwandelte das professorale Auftreten jedoch in eine Persiflage. Schon der Name „Säuerlich“ deutete den komischen Gegensatz an: Vor dem Publikum stand ein scheinbar ernster, möglicherweise etwas verdrießlicher Gelehrter, dessen Ausführungen am Ende vor allem eines bewirkten – Heiterkeit.
Dass die Figur erfolgreich war, zeigt auch die Veröffentlichung seiner Texte. Unter dem Titel Professor Säuerlich. Humoristische Vorlesungen und durchschlagende Reden erschienen seine Vorträge in gedruckter Form. Witt gehörte damit zu den bekannten Büttenrednern seiner Epoche, die ihre Texte nicht nur auf der Bühne vortrugen, sondern auch als Karnevalsliteratur verbreiteten. Eine wissenschaftliche Untersuchung zur Geschichte des organisierten rheinischen Karnevals führt seine Veröffentlichungen ausdrücklich unter den zeitgenössischen Sammlungen bekannter Vortragskünstler auf. (Christina Frohn: Der organisierte Narr)
Autor kölscher Lieder und Bühnenstücke
Christian Witt beschränkte sich nicht auf die Büttenrede. Er schrieb Karnevalslieder, Possen, Revuen und humoristische Szenen. Damit war er ein vielseitiger Vertreter jener Generation von Karnevalisten, die ihre Stoffe noch weitgehend selbst entwickelte und sowohl als Autor als auch als Darsteller in Erscheinung trat.
1914 veröffentlichte er die Sammlung Zilentium! Original-Krätzcher, Leedcher un Duette. Der Titel spielt augenzwinkernd mit dem Ruf nach Ruhe, den man sowohl aus dem Unterricht als auch von einer unruhigen Sitzung kennen konnte. Die Sammlung dokumentiert zugleich Witts sichere Beherrschung der kölschen Mundart.
Zu seinen bekanntesten Texten zählt „Et wore zwei Nohberschkinder“. Darin verwandelte Witt die tragische Ballade von den zwei Königskindern in eine handfeste kölsche Parodie. Statt im Wasser endet das nächtliche Abenteuer des jungen Liebhabers in einer Jauchegrube. Der Erfolg des Liedes reichte über seine Entstehungszeit hinaus: 1931 wurde es von Kölner Marktfrauen auf Schallplatte aufgenommen und blieb später im Repertoire kölscher Parodien erhalten. Das Deutsche Volksliedarchiv bezeichnet Witts Fassung als regionales Popularlied, das sich dauerhaft in die Tradition der kölschen Lieder einschrieb. (Liederlexikon des Deutschen Volksliedarchivs)
Verantwortung im organisierten Karneval
Witt war nicht nur Künstler, sondern übernahm auch führende Aufgaben in den Kölner Gesellschaften. Unter anderem stand er der heute nicht mehr bestehenden Karnevalsgesellschaft „Seiner Tollität Reichsflotte“ vor. Diese Gesellschaft griff in ihren Veranstaltungen und Aufzügen die damalige Begeisterung für Flotte und Marine auf. Ihre Sitzungen trugen Namen wie „Flottenmanöver“, „Seegefecht“ oder „große Seeschlacht“.
Besonders eng war Witt mit den Roten Funken verbunden. Unter seinem Funkennamen „vun Gubü“ amtierte er von 1924 bis 1930 als Präsident des traditionsreichen Korps. Seine Amtszeit fiel in eine schwierige Phase: Die Gesellschaft war von internen Auseinandersetzungen und drohenden Abspaltungen geprägt. Die Chronik der Roten Funken beschreibt Witt als ausgesprochen humorvollen Menschen, begehrten Büttenredner sowie Verfasser von Possen und Revuen. Zugleich wird deutlich, dass er innerhalb des Vereins eine starke, aber nicht unumstrittene Persönlichkeit war. 1930 trat er schließlich von seinem Amt zurück. (Chronik der Roten Funken)
Vom Kaiserreich in die Nachkriegszeit
Christian Witts Lebenszeit umfasste mehrere tiefgreifende Umbrüche. Er erlebte das Kaiserreich, den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik, die nationalsozialistische Herrschaft, den Zweiten Weltkrieg und den Wiederbeginn des Kölner Karnevals in der zerstörten Stadt. Seine größte Bühnenzeit lag zwar vor 1914, doch innerhalb des Fastelovends blieb sein Name noch Jahrzehnte gegenwärtig.
1950 wurde Witt zum „Nestor des Kölner Karnevals“ ernannt. Diese Auszeichnung würdigte seine lange Erfahrung und seine Verdienste um das kölsche Brauchtum. Fünf Jahre später starb er im Alter von etwa 87 Jahren.
Ein beinahe vergessener Wegbereiter
Heute ist Christian Witt außerhalb karnevalshistorischer Kreise kaum noch bekannt. Das liegt auch daran, dass seine Kunst auf den unmittelbaren Vortrag, die kölsche Sprache und die besondere Atmosphäre des Sitzungskarnevals zugeschnitten war. Viele seiner Auftritte fanden lange vor der regelmäßigen Übertragung von Karnevalssitzungen im Radio und Fernsehen statt.
Dennoch hinterließ „Professor Säuerlich“ deutliche Spuren. Seine gedruckten Reden bewahren die Erinnerung an die frühe Kunst des Typenredners. Seine Lieder zeigen, wie traditionelle Stoffe in ein kölsches Milieu übertragen und mit derbem, lebensnahem Humor neu erzählt wurden. Seine Präsidentschaft bei den Roten Funken wiederum belegt, dass er nicht nur auf der Bühne, sondern auch in der organisatorischen Entwicklung des Kölner Karnevals eine bedeutende Rolle spielte.
Christian Witt war damit weit mehr als eine einzelne komische Figur. Er gehörte zu jener Generation, die den Kölner Karneval zugleich aufführte, beschrieb und organisierte. Als „Professor Säuerlich“ lehrte er zwar an keiner Universität – in der Geschichte des kölschen Humors aber besitzt er bis heute seinen festen Platz.