Franz Unrein gehörte zu den großen Rednerpersönlichkeiten des Kölner Nachkriegskarnevals. Rund sechs Jahrzehnte stand er auf der Bühne und begeisterte sein Publikum mit unterschiedlichen Figuren, Zwiegesprächen und Geschichten in kölscher Mundart. Besonders bekannt wurde er als „Schütze Bumm“ und als „Jupp vum Kegelclub“.
Unrein verkörperte eine Form des Karnevals, in der ein einzelner Redner mit Sprache, Mimik und einer glaubwürdigen Bühnenfigur einen ganzen Saal unterhalten konnte. Seine Vorträge waren lebensnah, verständlich und von jener kölschen Herzlichkeit geprägt, bei der auch derbe Pointen selten verletzend wirkten.
Der Beginn im Nachkriegskarneval
Franz Unreins Bühnenlaufbahn begann kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Noch als junger Mann fand er den Weg in den Kölner Karneval und entwickelte sich zu einem gefragten Büttenredner.
Die ersten Nachkriegsjahre waren für Köln eine Zeit des Wiederaufbaus. Große Teile der Stadt lagen in Trümmern, gleichzeitig suchten die Menschen nach Gemeinschaft und unbeschwerter Unterhaltung. Der Karneval half dabei, für einige Stunden Abstand von den Sorgen des Alltags zu gewinnen.
Unrein war nicht nur auf der Bühne aktiv. Als 17-Jähriger beteiligte er sich nach dem Krieg an der Beseitigung der Trümmer rund um den Willi-Ostermann-Brunnen. Gemeinsam mit Menschen aus der Nachbarschaft und Mitgliedern der Künstlervereinigung Muuzemändelcher half er, den Platz wiederherzurichten. Der Brunnen konnte am 11. November 1949 erneut eingeweiht werden.
Die Paraderolle „Schütze Bumm“
Seine bekannteste Bühnenfigur wurde der „Schütze Bumm“. In militärischer Aufmachung erzählte Unrein von den Erlebnissen und Missgeschicken eines einfachen Soldaten. Die Komik entstand aus dem Gegensatz zwischen militärischem Anspruch und menschlicher Wirklichkeit.
Schütze Bumm war keine heldenhafte Gestalt. Er war ein kölscher Typ, der sich mit gesundem Menschenverstand, kleinen Ausreden und viel Humor durch eine Welt von Befehlen und Vorschriften bewegte. Seine scheinbare Naivität erlaubte es ihm, Autoritäten und gesellschaftliche Gewohnheiten auf den Kopf zu stellen.
Die Figur war so eng mit Unrein verbunden, dass sein bürgerlicher Name für viele Zuschauer beinahe hinter „Schütze Bumm“ verschwand. Auch in späteren Jahrzehnten kehrte er immer wieder zu dieser Rolle zurück. Fernsehaufzeichnungen aus den 1970er-Jahren und aus dem Jahr 2000 zeigen, wie lange die Type beim Publikum funktionierte.
Franz Unrein gehörte damit zu einer bekannten Generation von Kölner Typenrednern. Neben ihm standen Künstler wie Hans Hachenberg als „Doof Noß“, Toni Geller als Vertreter der „Blauen Partei“, Heinz Eschweiler als „Buur us däm Vüürjebirg“ und Peter Raddatz als „Dä Mann met däm Hötche“ auf den großen Karnevalsbühnen.
Zwiegespräche und wechselnde Figuren
Franz Unrein beschränkte sich nicht auf einen einzigen Charakter. Er trat ebenfalls in Zwiegesprächen auf, einer traditionellen Form des Karnevalsvortrags. Zwei Darsteller spielen sich dabei gegenseitig die Stichworte zu. Missverständnisse, Rollenwechsel und unterschiedliche Sichtweisen führen zu den Pointen.
Zu Unreins Partnern gehörte der Redner und Autor Harry Fey. Dessen bekannteste Figur war der „Glöckner vum Rothuusturm“. Gemeinsam nutzten sie das schnelle Hin und Her des Dialogs, um alltägliche und karnevalistische Themen aufzugreifen.
Mit seinem Sohn Franz-Josef trat Unrein als „Rud und Blau“ auf. Damit wurde der Karneval auch zu einer Familienangelegenheit. Die Bezeichnung spielte mit Farben und Gegensätzen, die den beiden Darstellern Raum für wechselseitige Sticheleien boten.
Zu seinen späteren Figuren gehörte außerdem der „Silberbräutigam“. Darin berichtete Unrein humorvoll über Ehe, Jubiläen und das gemeinsame Älterwerden.
„Jupp vum Kegelclub“
Eine weitere bekannte Rolle war „Jupp vum Kegelclub“. Als Jupp erzählte Unrein von Kegelbrüdern, Vereinsleben und gemeinsamen Ausflügen. Die Kegeltour bot reichlich Stoff für Missverständnisse, kleine Katastrophen und zwischenmenschliche Reibereien.
Diese Figur war besonders nah am Alltag seines Publikums. Kegelclubs gehörten über Jahrzehnte zum gesellschaftlichen Leben im Rheinland. Fast jeder kannte Menschen, die regelmäßig gemeinsam kegelten oder einmal im Jahr auf Tour gingen. Unrein musste daher keine komplizierte Bühnenwelt erklären. Wenige Sätze genügten, und das Publikum erkannte sich selbst oder Bekannte wieder.
Noch im Januar 2008 trat er bei einer Seniorensitzung als „Jupp vum Kegelclub“ auf. Er stand somit bis kurz vor seinem Tod auf der Bühne.
Förderung des Nachwuchses
Franz Unrein gab seine Erfahrung an jüngere Künstler weiter. Zu den Menschen, die von seinen Ratschlägen profitierten, gehörte Marita Köllner. Bevor sie als Sängerin und „Fussich Julche“ bekannt wurde, trat sie als junge Rednerin auf.
Unrein half ihr gemeinsam mit weiteren erfahrenen Karnevalisten beim Schreiben von Reden und bei der Entwicklung einer überzeugenden Bühnenfigur. Damit wirkte er nicht nur durch seine eigenen Auftritte, sondern auch als Mentor für die nächste Künstlergeneration.
Engagement ohne Gage
Neben seinen regulären Auftritten engagierte sich Franz Unrein häufig im sozialen Bereich. Für wohltätige Veranstaltungen, Senioren und Menschen, die nicht an den großen Sitzungen teilnehmen konnten, stand er wiederholt ohne Gage auf der Bühne.
Dieses Engagement passte zu seinem Verständnis des Karnevals. Fastelovend war für ihn nicht nur ein Geschäft oder eine Folge großer Fernsehauftritte. Er verstand ihn als Möglichkeit, Menschen zusammenzubringen und ihnen Freude zu schenken.
Abschied von einer Rednerlegende
Franz Unrein starb Ende April 2008 im Alter von 79 Jahren. Trotz gesundheitlicher Probleme hatte er bis zuletzt Auftritte absolviert. Die Kölnische Rundschau würdigte ihn in ihrem Nachruf als Künstler, der den Menschen 60 Jahre lang auf den Karnevalsbühnen Freude bereitet hatte.
Mit seinem Tod verlor der Kölner Karneval einen Vertreter der klassischen Typenrede. Unrein benötigte weder technische Effekte noch ein aufwendiges Bühnenbild. Ein Kostüm, eine klar erkennbare Figur und eine gut erzählte Geschichte genügten ihm.
Als „Schütze Bumm“, „Jupp vum Kegelclub“, Partner im Zwiegespräch und Förderer junger Talente schrieb Franz Unrein ein langes Kapitel Kölner Karnevalsgeschichte. Seine Aufzeichnungen erinnern an eine Zeit, in der das aufmerksame Zuhören ebenso zum Sitzungskarneval gehörte wie Musik, Tanz und der gemeinsame Ruf „Kölle Alaaf“.