Grete Fluss war Sängerin, Schauspielerin, Humoristin und eine Pionierin des Kölner Karnevals. Mehr als 50 Jahre lang stand sie auf der Bühne. Sie spielte unterschiedlichste Figuren, sang kölsche Lieder und prägte vor allem die großen Karnevalsrevuen der 1920er-, 1930er- und 1950er-Jahre.
Als erste Frau setzte sie sich dauerhaft in der bis dahin von Männern beherrschten Bütt durch. Vor dem Zweiten Weltkrieg galt sie neben Willi Ostermann als eine der populärsten Persönlichkeiten des Kölner Karnevals. Ihre Karriere führte sie weit über das Rheinland hinaus auf bedeutende deutsche Varietébühnen.
Kindheit „Unter Krahnenbäumen“
Grete Fluss wurde am 6. Januar 1892 in Köln geboren. Sie wuchs in einer großen Familie im Viertel „Unter Krahnenbäumen“ auf, das zum Eigelstein- und Kunibertsviertel gehörte. Ihr Vater Anton arbeitete als Polsterer und Kohlenhändler, spielte aber auch Klavier und Geige bei Volksfesten und Kirmesveranstaltungen.
Gretes musikalische Begabung zeigte sich früh. Bereits 1906 trat die 14-Jährige bei einer Veranstaltung der Karnevalsgesellschaft Greesberger als Sängerin auf. Nach dem Ende ihrer Schulzeit wurde sie 1907 gemeinsam mit Geschwistern in das Ensemble des Kapellmeisters Heinrich Körfgen aufgenommen.
Das Ensemble spielte unter anderem im Colosseum in der Kölner Schildergasse. Auf Volksfesten und bei Veranstaltungen lernte Grete Fluss, spontan auf das Publikum zu reagieren. Ihre Schlagfertigkeit und ihr Improvisationstalent wurden später zu wichtigen Merkmalen ihrer Bühnenarbeit.
Die erste Frau in der Bütt
Ab 1910 gehörte Grete Fluss fest zum Kölner Karneval. Sie gilt als erste Frau, die sich dauerhaft als Rednerin und Darstellerin in der Bütt behaupten konnte.
Dabei verkörperte sie verschiedene Typen. Zu ihren frühen Figuren gehörten ein „Schutzweib“, eine Küchenfee, ein Schulmädchen und ein „Blitzmädel“. Später spielte sie auch männliche Rollen und bewies damit eine für die damalige Zeit ungewöhnliche Wandlungsfähigkeit.
Viele ihrer Texte stammten von Hubert Ebeler. Er schrieb auch ihr erstes Mundartlied Ech ben et Flusse, Flusse Griet. Der Titel gab ihr den Beinamen „Flusse Griet“, unter dem sie beim Publikum bekannt und beliebt wurde.
Ihr Erfolg war keineswegs selbstverständlich. Frauen durften im organisierten Karneval lange Zeit nur eingeschränkte Rollen übernehmen. Die Vorstände der Gesellschaften, die Sitzungsleitungen und die meisten Bühnenprogramme waren nahezu vollständig männlich besetzt. Grete Fluss überzeugte jedoch durch starke Präsenz, komisches Talent und unmittelbaren Kontakt zum Publikum.
Der Aufstieg zum Revuestar
Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die traditionellen Karnevalssitzungen von den Besatzungsbehörden zeitweise untersagt. Als Ersatz gewannen kölsche Revuen an Bedeutung. Diese verbanden Musik, Tanz, Schauspiel, Varieté und Karneval zu einer abendfüllenden Bühnenshow.
Für Grete Fluss war dieses Format ideal. Sie konnte darin singen, tanzen, schauspielern und komische Rollen übernehmen. Zudem wirkte sie gemeinsam mit Autoren und Komponisten an der Gestaltung der Programme mit.
1919 feierte sie als Hauptdarstellerin der Revue Jan un Griet im Kölner Metropol einen großen Erfolg. In den folgenden Jahren wurde sie zum Mittelpunkt zahlreicher Produktionen. Die Vorstellungen fanden zunächst im Kristallpalast in der Severinstraße und später im Theater Groß-Köln in der Friesenstraße statt.
Außerhalb der Karnevalszeit ging sie auf Tournee. Gastspiele in der Berliner Scala und im Wintergarten machten sie deutschlandweit bekannt. Während der Weimarer Republik wurde sie von der Presse als eine der führenden Humoristinnen ihrer Zeit gefeiert.
„Och, wat wor dat fröher schön doch en Colonia“
Einen Höhepunkt ihrer Karriere erreichte Grete Fluss 1930 mit der Revue Die Fastelovendsprinzessin. Willi Ostermann hatte das Werk für das Theater Groß-Köln komponiert, Grete Fluss übernahm die Titelrolle.
In der Revue sang sie Och, wat wor dat fröher schön doch en Colonia. Das Lied blickt mit liebevoller Nostalgie auf das alte Köln zurück. Es traf den Nerv einer Stadt, die sich durch Wachstum, Verkehr und Modernisierung stark veränderte.
Der Titel wurde zu einem der bekanntesten kölschen Lieder und wird bis heute gesungen. Die Verbindung zwischen Ostermanns Melodie und Grete Fluss’ Vortrag trug wesentlich zu seiner Popularität bei.
Auch ihre parodistische Darstellung des „sterbenden Schwans“ in der Revue Dat singende klingende Köln von 1931 blieb lange in Erinnerung. Grete Fluss hatte keine Angst davor, sich durch übertriebene Bewegungen, auffällige Kostüme und körperliche Komik selbst zur komischen Figur zu machen.
Rückkehr in das zerstörte Köln
Der Zweite Weltkrieg unterbrach ihre Karriere für mehrere Jahre. Ab 1946/47 stand Grete Fluss wieder auf der Bühne. Sie spielte zunächst im Varieté-Theater Tazzelwurm, einem der wenigen größeren Säle, die im zerstörten Köln noch genutzt werden konnten.
1949 trat sie in der Revue Rund öm de Freud im Zirkusbau Williams auf. Dabei begeisterte sie das Publikum sogar mit einer Reiteinlage auf einem Elefanten.
Eine besondere Bedeutung hatte ihr Auftritt als „Mutter Colonia“ beim ersten Kölner Rosenmontagszug nach dem Krieg. In einer schwer zerstörten und vom Krieg gezeichneten Stadt verkörperte sie Hoffnung, Lebensfreude und den Willen zum Neuanfang.
Sie gehörte damit zu den ersten Frauen, die auf einem Wagen im Kölner Rosenmontagszug mitfuhren. Noch lange blieben Frauen von vielen offiziellen Bereichen des organisierten Karnevals ausgeschlossen.
Mehr als 50 Jahre auf der Bühne
Bis 1956 wirkte Grete Fluss in rund 30 Revuen mit. Zu ihren zahlreichen Rollen gehörten „Mutter Colonia“, „Petronell von der Damenkapell“ und verschiedene fantasievolle Parodien historischer oder exotischer Figuren. Manche damaligen Rollenbilder und Kostümierungen werden heute zu Recht kritisch betrachtet. Sie waren Teil einer Revuetradition, die häufig mit kulturellen Klischees arbeitete.
Zu ihrem 65. Geburtstag wurde am 6. Januar 1957 im Kaiserhof-Theater die Revue Stell dich jeck aufgeführt. Gleichzeitig feierte Grete Fluss ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum.
Danach versuchte sie mehrfach, ihre Karriere zu beenden. Ganz von der Bühne lösen konnte sie sich zunächst jedoch nicht. Erst 1962 verabschiedete sie sich mit einem letzten Gastspiel in der Revue Do sidder paff endgültig vom Publikum.
Ihre letzten Jahre verbrachte sie mit ihrem Ehemann und Agenten Ludwig Westkamp in Unkel am Rhein. Dort starb sie im Juli 1964 nach längerer Krankheit.
Vorbild für spätere Künstlerinnen
Grete Fluss ebnete Frauen den Weg in die Bütt, ohne dass die männerdominierten Strukturen des Karnevals dadurch sofort verschwanden. Sie bewies jedoch, dass eine Frau ein Programm nicht nur ergänzen, sondern als Hauptdarstellerin tragen konnte.
Ihr Einfluss ist besonders bei Trude Herr zu erkennen. Auch sie verband Gesang, Schauspiel, kölsche Sprache und selbstbewusste körperliche Komik. Die letzten Jahre von Grete Fluss’ Karriere fielen mit den Anfängen Trude Herrs zusammen.
Heute ist Grete Fluss weniger bekannt als viele männliche Künstler ihrer Zeit. Ihre historische Bedeutung ist deshalb umso größer. Sie war keine gelegentliche Erscheinung am Rand des Karnevals, sondern über Jahrzehnte einer seiner größten Stars.
Als „Flusse Griet“, Fastelovendsprinzessin und Mutter Colonia steht Grete Fluss für eine selbstbewusste weibliche Tradition im Kölner Karneval. Sie eroberte die Bütt, prägte die kölsche Revue und zeigte bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dass die großen Bühnen der Stadt keineswegs allein den Männern gehörten.