Hintergrund
NeuKölner Karneval und die Bibel
Wer die Bibel aufschlägt und nach dem Kölner Karneval sucht, wird enttäuscht sein. Kein „Alaaf“, kein Rosenmontagszug, kein Dreigestirn und selbstverständlich auch kein Hinweis darauf, wann die letzte Sitzung im Gürzenich zu enden hat.
Und trotzdem liegen Bibel und Fastelovend erstaunlich nahe beieinander.
Nicht deshalb, weil der Karneval ein verkappter Gottesdienst wäre. Und auch nicht, weil sich für jedes kölsche Brauchtum nachträglich irgendein passender Bibelvers finden ließe. Die Verbindung liegt tiefer. Sie steckt in einer uralten menschlichen Erfahrung, die sowohl die Bibel als auch der Karneval kennen: Die Welt ist nicht so endgültig, wie sie aussieht. Die Mächtigen bleiben nicht immer mächtig. Die Ernsten besitzen nicht immer die Wahrheit. Der Mensch braucht Gemeinschaft, Freude und Hoffnung – und manchmal muss man die Verhältnisse auf den Kopf stellen, um sie wieder richtig sehen zu können.
Ohne Aschermittwoch kein Fastelovend
Die vielleicht wichtigste Verbindung ist zugleich die offensichtlichste: Der traditionelle Fastelovend gehört in den christlichen Kalender.
Die historische Forschung sieht den Ursprung der mittelalterlichen Fastnacht nicht in einem germanischen Winteraustreibungsritual, wie es immer wieder erzählt wird. Ihr entscheidender Bezugspunkt ist vielmehr die bevorstehende Fastenzeit. Fastnacht ist das Fest an der Schwelle: Noch einmal essen, trinken, tanzen, lachen und feiern – bevor mit dem Aschermittwoch eine andere Zeit beginnt.
Für das Rheinland gibt es bereits aus dem frühen 13. Jahrhundert Hinweise auf fastnächtliches Treiben. Für Köln selbst ist Fastnacht im 14. Jahrhundert urkundlich belegt. Der berühmte organisierte Kölner Karneval entstand dagegen erst 1823. Damals sollte das alte und teilweise wilde Volksfest in geordnete Bahnen gelenkt werden; am 10. Februar 1823 zog der erste organisierte Maskenzug durch Köln.
Das ist ein entscheidender Unterschied: Der Kölner Karneval wurde nicht 1823 erfunden. 1823 wurde er organisiert.
Bis heute verrät der Kalender seine christliche Herkunft. Wann Rosenmontag gefeiert wird, entscheidet letztlich nicht das Festkomitee, sondern das Osterdatum. Und am Aschermittwoch ist Schluss. Das Festkomitee selbst hat diese Bindung ausdrücklich hervorgehoben: Karneval sei kein beliebig verschiebbares Partyevent; sein Ende werde durch den Kirchenkalender und den Beginn der Fastenzeit bestimmt.
Das macht den Fastelovend zu einem Fest mit einer Grenze.
Und vielleicht ist gerade diese Grenze ein Teil seines Geheimnisses.
Denn was niemals endet, verliert seinen Ausnahmecharakter.
„Alles hat seine Zeit“
Kaum ein biblischer Text passt deshalb besser zum Grundrhythmus des Karnevals als das dritte Kapitel des Buches Kohelet:
„Weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit.“ (Kohelet 3,4)
Das klingt beinahe wie eine biblische Verteidigung des Fastelovends. Aber der Text sagt etwas Anspruchsvolleres.
Er sagt nicht: Das Leben soll immer fröhlich sein.
Er sagt: Das Leben besteht aus verschiedenen Zeiten.
Es gibt Trauer und Freude, Schweigen und Reden, Verlieren und Finden, Klage und Tanz. Keine dieser Erfahrungen allein ist das ganze Leben.
Genau darin liegt eine überraschende Nähe zum Karneval. Der Fastelovend behauptet nicht ernsthaft, dass die Welt das ganze Jahr über ein Sitzungssaal sein könne. Er schafft vielmehr eine begrenzte Zeit, in der das Lachen ausdrücklich erlaubt ist, ja geradezu zur kulturellen Pflicht wird.
Danach kommt der Aschermittwoch.
Der Kontrast ist gewaltig: Am Rosenmontag fährt der Prinz durch die jubelnde Stadt. Zwei Tage später wird dem Menschen im Gottesdienst seine Vergänglichkeit vor Augen geführt.
Aus Konfetti wird Asche.
Theologisch betrachtet ist das keine Panne im Festkalender. Es ist seine Pointe.
Der Mensch darf feiern – aber er ist nicht unsterblich. Er darf sich wichtig nehmen – aber nicht für den Mittelpunkt des Universums halten. Er darf für einige Tage Prinz sein – und bleibt doch Mensch.
Die Bibel kennt den Narren
Und dann ist da natürlich der Narr.
Auf den ersten Blick scheint er nicht besonders bibeltauglich zu sein. In vielen biblischen Texten steht der Tor tatsächlich für einen Menschen, dem Einsicht fehlt. Doch im Neuen Testament geschieht etwas Bemerkenswertes.
Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth:
„Wir sind Narren um Christi willen.“ (1 Korinther 4,10)
Das ist keine karnevalistische Aussage. Paulus spricht von der scheinbaren Torheit des christlichen Glaubens in den Augen einer Welt, die nach Stärke, Ansehen und Erfolg urteilt.
Aber genau deshalb wird die Stelle für den Karneval interessant.
Denn der klassische Narr ist eben nicht einfach nur dumm.
Er besitzt eine Freiheit, die andere nicht besitzen.
Er darf aussprechen, was andere verschweigen. Er darf die Mächtigen verspotten. Er kann sich selbst kleinmachen und gerade dadurch andere entlarven. Er steht scheinbar außerhalb der vernünftigen Ordnung und kann deshalb fragen, ob diese Ordnung wirklich so vernünftig ist.
Paulus treibt diesen Gedanken noch weiter. Im ersten Korintherbrief heißt es, Gott habe gerade das erwählt, was der Welt als töricht erscheint, um die vermeintlich Weisen zu beschämen; das Schwache stellt das Starke infrage.
Das ist keine biblische Begründung des Karnevals.
Aber es ist eine bemerkenswerte gedankliche Verwandtschaft.
Denn auch guter Karneval lebt davon, dass für einen Augenblick andere Maßstäbe gelten.
Wenn die Welt auf dem Kopf steht
Hier berühren wir einen der ältesten Gedanken der europäischen Festkultur: die zeitweilige Umkehrung der Verhältnisse.
Im Karneval wird aus dem gewöhnlichen Bürger ein Prinz. Männer verkörperten traditionell auch die Jungfrau. Uniformen werden getragen, um das Militärische zugleich nachzuahmen und spielerisch zu überzeichnen. Autoritäten werden in der Bütt verspottet. Politiker erscheinen auf Persiflagewagen nicht als unantastbare Staatsmänner, sondern als übergroße Karikaturen.
Die Ordnung verschwindet nicht.
Sie wird für einige Tage relativiert.
Und auch die Bibel kennt diese radikale Umkehrung.
Im Magnificat, dem Lobgesang Marias im Lukasevangelium, heißt es über Gott:
„Mächtige hat er vom Thron gestürzt und Niedrige erhöht.“ (Lukas 1,52)
Das ist politisch und theologisch erheblich radikaler als jede Büttenrede.
Die Bibel erzählt immer wieder davon, dass menschliche Rangordnungen nicht Gottes letzte Ordnung sind. Der Kleine kann groß werden. Der Außenseiter kann zum Mittelpunkt werden. Der vermeintlich Schwache kann sich als stark erweisen.
Der Karneval spielt mit einer ähnlichen Vorstellung – allerdings auf seine eigene, weltliche und humoristische Weise.
Für wenige Tage ist die normale Welt nicht abgeschafft, aber sie verliert ihren Anspruch auf absolute Ernsthaftigkeit.
Der Bürgermeister bleibt Bürgermeister.
Aber der Prinz bekommt den Schlüssel.
Die gefährliche Kraft des Lachens
Damit kommt man zu einer Seite des Karnevals, die heute gelegentlich hinter Musik, Kostümen und Großveranstaltungen verschwindet: Karneval kann Kritik sein.
Das Festkomitee beschreibt den Kölner Karneval selbst als gesellschaftskritisch und spricht ihm ausdrücklich eine „Spiegelfunktion“ zu. Diese Tradition ist historisch keineswegs nur romantische Rückschau. Schon 1830 wurde der Kölner Zug wegen politischer Kritik verboten.
Das Lachen besitzt nämlich eine besondere Macht.
Wer einen Herrscher bekämpft, erkennt zunächst dessen Macht an.
Wer über ihn lacht, nimmt ihm einen Teil seiner Größe.
Deshalb sind Diktaturen und autoritäre Systeme selten besonders humorvoll, wenn der Witz sie selbst betrifft.
Der gute Karnevalswitz tritt nach oben und nicht nach unten. Er macht nicht den Schwachen lächerlich, sondern das Aufgeblasene. Er sticht in die Ballons der Eitelkeit.
Und auch das ist der Bibel nicht fremd.
Die Bibel ist keineswegs ein durchgehend feierliches Buch. Ihre Texte kennen Ironie, Überzeichnung und beißenden Spott. Vor allem aber misstraut sie beständig dem Menschen, der sich selbst für unangreifbar hält.
Vielleicht liegt genau darin die tiefste Verwandtschaft zwischen Prophet und Narr: Beide stören die Selbstzufriedenheit.
Der Prophet sagt: Du bist nicht so gerecht, wie du glaubst.
Der Narr sagt: Du bist nicht so wichtig, wie du glaubst.
Manchmal ist der Unterschied erstaunlich klein.
Darf ein Christ ausgelassen feiern?
Hinter der Frage „Karneval und Bibel“ steckt gelegentlich noch eine andere Frage: Passt ausgelassenes Feiern überhaupt zum Christentum?
Wer die Bibel tatsächlich liest, wird Schwierigkeiten haben, sie als grundsätzlich lebensfeindliches Buch darzustellen.
Es wird gegessen, getrunken, geheiratet und gefeiert. Jesus nimmt an einem Hochzeitsfest teil. In seinen Gleichnissen kommen Gastmähler vor. Kohelet bezeichnet Essen, Trinken und die Freude am Ertrag menschlicher Arbeit sogar als Gabe Gottes.
Und im Lukasevangelium steht der bemerkenswerte Satz:
„Selig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen.“ (Lukas 6,21)
Das Christentum ist also keine Religion, die das Lachen abschaffen müsste.
Es setzt ihm allerdings eine Grenze dort, wo Freude auf Kosten anderer entsteht.
Genau an diesem Punkt kann die Bibel auch zur kritischen Anfrage an den Karneval werden.
Gemeinschaft oder Ausgrenzung?
Humor oder Demütigung?
Ausgelassenheit oder Rücksichtslosigkeit?
Freiheit oder bloßer Kontrollverlust?
Ein Karneval, der Menschen erniedrigt, wäre mit der biblischen Vorstellung menschlicher Würde schwer vereinbar. Ein Karneval dagegen, der gesellschaftliche Grenzen zeitweise überwindet, Menschen zusammenführt und den Hochmut der Mächtigen verspottet, berührt durchaus Motive, die tief in der biblischen Tradition liegen.
Und was bedeutet eigentlich „Karneval“?
An dieser Stelle gehört zu einem seriösen Blick auch die Korrektur einer besonders schönen kölschen Geschichte.
Oft hört man, „Karneval“ komme vom lateinischen „carne vale“ – „Fleisch, lebe wohl“.
Das klingt großartig.
Sprachwissenschaftlich ist es aber wahrscheinlich zu schön, um wahr zu sein.
Die genaue Wortgeschichte ist nicht vollkommen unumstritten; als wahrscheinlicher gilt eine Entwicklung aus mittellateinischen Formen, die mit dem Wegnehmen beziehungsweise dem Verzicht auf Fleisch vor oder während der Fastenzeit zusammenhängen. „Carne vale“ gilt dagegen eher als spätere, einprägsame volksetymologische Deutung.
Interessanterweise ändert diese Korrektur an der Sache selbst wenig.
Denn sprachlich wie kulturgeschichtlich bleibt die Verbindung zur Fastenzeit bestehen.
Der Karneval trägt seinen Aschermittwoch gewissermaßen schon im Namen.
Das Kreuz hinter dem Konfetti
Vielleicht versteht man den Kölner Fastelovend deshalb falsch, wenn man nur auf seine lautesten Tage schaut.
Man muss auch den Morgen danach sehen.
Eine Stadt, die eben noch getanzt hat, wird stiller. Kostüme verschwinden. Säle werden leergeräumt. Der Prinz wird wieder Bürger. Und in den Kirchen beginnt die Fastenzeit.
Das ist mehr als ein Kalenderwechsel.
Es erzählt etwas über den Menschen.
Wir brauchen das Fest – gerade weil das Fest nicht ewig dauert.
Wir brauchen Zeiten, in denen gesellschaftliche Rollen gelockert werden.
Wir brauchen Musik und gemeinsames Singen.
Wir brauchen die Freiheit, über die Mächtigen zu lachen.
Und manchmal brauchen wir sogar die Freiheit, über uns selbst zu lachen.
Aber wir brauchen ebenso den Aschermittwoch, der uns daran erinnert, dass kein Orden, kein Amt, keine Uniform, kein Titel und kein gesellschaftlicher Rang den Menschen größer macht als den Menschen neben ihm.
Vielleicht begegnen sich Kölner Karneval und Bibel genau an diesem Punkt.
Nicht in der Behauptung, der Karneval sei ein christliches Ritual.
Das wäre historisch und theologisch zu einfach.
Sie begegnen sich vielmehr in einem Menschenbild.
Beide wissen, dass der Mensch ein widersprüchliches Wesen ist: groß und lächerlich, vernünftig und töricht, stark und verletzlich, voller Lebensfreude und zugleich vergänglich.
Und beide kennen die Umkehrung der scheinbar feststehenden Verhältnisse.
Die Bibel erzählt von den Niedrigen, die erhöht, und den Mächtigen, die vom Thron gestürzt werden.
Der Fastelovend setzt dem mächtigen Ernst der Welt für einige Tage die Narrenkappe auf.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum der echte Narr mehr ist als ein Spaßmacher.
Er erinnert uns an eine Wahrheit, die man im Alltag erstaunlich leicht vergisst:
Keiner von uns ist so bedeutend, dass man nicht über ihn lachen dürfte.
Keiner ist so unbedeutend, dass er nicht dazugehören sollte.
Und keine noch so ernste Ordnung dieser Welt ist die letzte.
Dann bekommt auch der alte Satz aus Kohelet einen ausgesprochen kölschen Klang:
Es gibt eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen.
Eine Zeit zum Klagen.
Und eine Zeit zum Tanzen.
In Köln weiß man sogar ziemlich genau, wann.
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