Hintergrund
NeuZwischen Geißbock und Pappnase: Der 1. FC Köln feiert seine Stadt
Wenn die FC-Profis am 11. November kostümiert auf den Trainingsplatz kommen, ist das Geißbockheim für ein paar Stunden auch eine Karnevalsbühne. Wenn im Maritim Hotel die Cheerleader auftreten, das Dreigestirn einzieht und die FC-Familie zu kölschen Liedern schunkelt, wird aus einem Fußballabend ein Stück Stadtkultur. Beim 1. FC Köln ist der Karneval kein Gast, der nur einmal im Jahr vorbeischaut. Er gehört zum Selbstverständnis des Vereins.
Das zeigte sich zuletzt bei der FC-Karnevalssitzung am 10. Februar 2026. Unter dem Sessionsmotto „ALAAF – Mer dun et för Kölle“ begrüßten Vorstand und Geschäftsführung die Gäste im Maritim Hotel Köln – passend gekleidet in rot-weißen Frackanzügen. Neben Mitarbeitenden, Vereinsgremien und Partnern waren ehemalige FC-Spieler, Vertreter des Sports und Gäste aus der Kölner Politik und Stadtgesellschaft dabei. Auf der Bühne standen unter anderem die Cheerleader des 1. FC Köln, das Kölner Dreigestirn und die Tanzgruppe Sr. Tollität Luftflotte. Paveier, Cat Ballou, Klüngelkopp, Höhner und Kasalla lieferten den musikalischen Rahmen.
Die Sitzung ist ein Treffpunkt für die vielen Teile des Vereins: für aktuelle und ehemalige Spieler, Fans, Verantwortliche und Menschen aus der Stadt. In Kostümen und mit kölschen Liedern feiern sie gemeinsam. Der FC gibt dem Abend seine rot-weiße Farbe; der Karneval sorgt dafür, dass die Grenze zwischen Verein und Stadtgesellschaft für einige Stunden besonders durchlässig wird.
Eine Tradition, die früh begann
Die Verbindung reicht bis in die Anfangsjahre des Clubs zurück. Der 1. FC Köln wurde 1948 gegründet. Auf seiner zweiten Karnevalssitzung, exakt zwei Jahre später, erhielt Präsident Franz Kremer einen Geißbock. Der damalige Zirkusdirektor Johann Thelen hatte die Idee; überreicht wurde das Tier von der Zirkusdirektorin Carola Williams. Den Namen Hennes erhielt der Bock nach Spielertrainer Hennes Weisweiler. Damit begann eine der bekanntesten Maskottchen-Traditionen des deutschen Fußballs – und eine Geschichte, die von Anfang an mit dem Karneval verbunden war.
Hennes ist längst mehr als das Tier auf dem Vereinswappen. Der Geißbock steht für den FC und zugleich für eine Stadt, in der Fußball, Musik und Brauchtum eng zusammengehören. Bei Familien- und Kinderveranstaltungen ist er ein Publikumsliebling; im Stadion ist er das wohl bekannteste Symbol des Vereins. Dass seine Geschichte bei einer Karnevalssitzung begann, passt deshalb gut zu seiner Rolle: Hennes verkörpert die Nähe zwischen dem Club und dem Kölner Lebensgefühl.
Auch die Sitzung selbst ist keine neue Erfindung. Sie gehört seit den frühen Vereinsjahren zum FC-Kalender und hat sich über die Jahrzehnte zu einem festen Termin der Session entwickelt. Heute bringt sie die FC-Familie mit bekannten Künstlerinnen und Künstlern, Karnevalsgesellschaften und Gästen aus dem öffentlichen Leben zusammen. Dass im Maritim auf derselben Bühne FC-Cheerleader, Dreigestirn und kölsche Bands auftreten, macht die Eigenart dieses Abends aus: Der Verein feiert nicht neben dem Karneval, sondern mittendrin.
„Mer dun et för Kölle“
Das Sessionsmotto 2026, „ALAAF – Mer dun et för Kölle“, fasst diese Beziehung in wenigen Worten zusammen. Es ist ein Bekenntnis zur Stadt und zu den Menschen, die sie gestalten. Für den FC lässt sich der Satz zugleich als Selbstbeschreibung lesen: Der Verein versteht sich als Teil Kölns, seiner Viertel und seiner Kultur. Die Mannschaft spielt für Punkte und Tabellenplätze; die Bindung der Fans an den Club reicht aber weit darüber hinaus.
Bei der Sitzung traten Vorstand und Geschäftsführung im rot-weißen Frack auf. Das Bild war mehr als ein Kostüm: Es verband die Vereinsfarben mit den Zeichen des Karnevals. So entsteht aus einem Fußballclub, der professionell und bundesweit sichtbar ist, zugleich ein kölsches Original. Tradition und Moderne schließen sich dabei nicht aus. Der FC kann mit einem zeitgenössischen Bühnenprogramm feiern und sich zugleich auf Lieder, Figuren und Rituale berufen, die in Köln seit Generationen bekannt sind.
Ein Schlumpf auf dem Trainingsplatz
Besonders sichtbar wird die Verbundenheit am 11. November. Für viele Kölnerinnen und Kölner beginnt an diesem Tag die Session – und beim FC hat sich das kostümierte Karnevalstraining als feste Besonderheit etabliert. 2025 kehrte eine solche Einheit erstmals seit 2021 zurück. Der damalige Trainerstab betrat als Gruppe von Schlümpfen den Trainingsplatz, die Mannschaft absolvierte eine kurze Einheit zu kölscher Musik. Cheftrainer Lukas Kwasniok war als Papa Schlumpf verkleidet und erlebte den Kölner Karneval damals erstmals vor Ort. Torhüter Ron-Robert Zieler kam als Formel-1-Fahrer.
Das Training bleibt Teil der Vorbereitung, erhält aber für einen Vormittag einen anderen Ton. Die Kostüme nehmen dem Profifußball nicht seinen Ernst; sie zeigen vielmehr, dass die Mannschaft die Stadt und ihre Traditionen kennt. Für viele Fans ist gerade das ein starkes Zeichen: Der FC versteht sich nicht als Verein, der nur in Köln spielt, sondern als Verein, der auch von Köln geprägt ist.
Ein Trikot für die Heimat
Diese Haltung lässt sich auch an den Sondertrikots ablesen. Der FC brachte in der Saison 2013/14 erstmals ein Karnevalstrikot heraus. Seither greifen die Designs immer wieder kölsche Motive auf. Sie bringen die Verbindung von Fußball und Stadt auf den Platz – und werden für viele Anhänger zu Sammlerstücken, die eine bestimmte Session oder ein besonderes Spiel festhalten.
Das 2026 vorgestellte Sondertrikot steht im Zeichen von Willi Ostermann. Zu seinem 150. Geburtstag würdigen der FC und Ausstatter adidas den Komponisten, Texter und Sänger, der die kölsche Musik und den Karneval entscheidend prägte. Das dunkelrote Trikot mit goldenen Elementen trägt die Partitur seines Liedes „Heimweh nach Köln“. Die Farben lehnen sich an den historischen Gehrock der Willi Ostermann Gesellschaft an; auch Stadtwappen und FC-Logo sind in Gold gehalten.
Ostermann war ein Künstler, dessen Lieder vom Alltag der Menschen im Rheinland erzählten. 1907 gelang ihm mit „Däm Schmitz sing Frau ess durchgebrannt!“ ein früher Karnevalshit. Sein Lied „Heimweh nach Köln“ ist bis heute eng mit dem Gefühl verbunden, zur Stadt zu gehören. Das Sondertrikot macht dieses kulturelle Erbe sichtbar und übersetzt es in die Sprache des Sports: Stoff, Farben und Notenblatt verbinden den FC mit einer Musiktradition, die in Köln weit über den Karneval hinaus wirkt. Die FC-Männer sollen das Trikot am 24. Oktober 2026 im Heimspiel gegen Schalke tragen; die Frauen liefen bereits am 17. Oktober damit auf.
Die Cheerleader als Brücke zwischen Stadion und Bühne
Eine besondere Rolle in diesem Gefüge spielen die Cheerleader des 1. FC Köln. Im Stadion gehören sie zum Programm an den Heimspieltagen, im Karneval stehen sie auf den Bühnen der Stadt. Seit 2006 ist die Kölnische Karnevals-Gesellschaft von 1945 e. V. ihr karnevalistisches Zuhause. Bei der FC-Sitzung treten sie gemeinsam mit den Karnevalsgesellschaften und Künstlern auf – und verbinden Sport, Tanz und kölsches Brauchtum.
Auch der Fanshop trägt seinen Teil zur jecken Vereinswelt bei. Orden, Gläser, Schals und weitere Karnevalsartikel machen die Verbindung des FC zu Köln im Alltag sichtbar. Für manche Fans sind sie Erinnerungsstücke an eine Session, für andere gehören sie zur Sammlung oder zum Kostüm. So wandert ein Stück FC vom Stadion in die Kneipe, auf die Sitzung oder in den Rosenmontagszug.
Offiziell anerkannt – und längst gelebte Wirklichkeit
2015 wurde der 1. FC Köln als förderndes Mitglied in das Festkomitee Kölner Karneval von 1823 aufgenommen. Der Verein hatte seinen Antrag unter anderem damit begründet, dass er am Rosenmontagszug teilgenommen und sich mit dem jecken Training am 11. November zum kölschen Brauchtum bekannt habe. Die Aufnahme schrieb offiziell fest, was viele Fans ohnehin längst wussten: Der FC ist ein Karnevalsverein im besten kölschen Sinne. Formal ist er förderndes Mitglied des Festkomitees; die häufige Bezeichnung „eingetragener Karnevalsverein“ fasst diese besondere Stellung im Alltag zusammen.
Dass Fußball und Karneval beim FC so gut zusammenpassen, liegt auch an ihren gemeinsamen Ritualen. Im Stadion wird gesungen und geschunkelt, auf Auswärtsfahrten reisen Fans in Kostümen, und während der Session treffen sich Mannschaft, Verein und Stadt bei Sitzungen und Veranstaltungen. Die Zugehörigkeit zeigt sich in Liedern, Farben und Figuren – vom Geißbock Hennes bis zum FC-Trikot.
Der Karneval macht den 1. FC Köln nicht zu einem gewöhnlichen Verein mit einem jecken Zusatzprogramm. Er zeigt vielmehr, was den Club ausmacht: die enge Bindung an seine Stadt und an die Menschen, die ihn begleiten. Sitzungen, Training, Cheerleader, Hennes und Sondertrikots sind unterschiedliche Ausdrucksformen derselben Verbindung. Wenn der FC „Mer dun et för Kölle“ sagt, klingt das deshalb nicht wie ein Motto, das nur für eine Session gilt. Es klingt wie ein Versprechen, das in Köln schon lange verstanden wird.
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