Hintergrund
NeuMännerballett im Kölner Karneval: Tutu, Tradition und eine Ironie
Das Männerballett ist einer der festen Programmpunkte im Sitzungskarneval: eine Gruppe von Männern, die eine Tanznummer aufführt – meist in Tutus oder anderen betont weiblichen Kostümen, meist mit sichtbarem Ernst bei völlig uneinheitlicher Körperbeherrschung. Die Pointe liegt genau darin: Der Reiz ist nicht die Perfektion, sondern der Abstand dazu.
Was ein Männerballett ausmacht
- Die Besetzung: Erwachsene Männer, häufig quer durch alle Altersgruppen und Körperformen – das ist Teil des Witzes, nicht sein Nebeneffekt.
- Das Kostüm: Tutu, Perücke, überzeichnete Kostümierung. Die Parodie zielt auf das klassische Ballett, nicht auf Frauen.
- Die Choreografie: einstudiert, oft über Monate – der Eindruck des Unbeholfenen ist in aller Regel gearbeitet.
- Der Platz im Programm: häufig gegen Ende, wenn der Saal gelöst ist.
Männerballette gehören meist nicht zu den großen Traditionskorps, sondern zu kleineren Gesellschaften, Vereinen, Betrieben oder Freundeskreisen. Viele treten über die Session hinweg mehrfach pro Woche auf – der Aufwand ist erheblich und die Gage überschaubar.
Die Ironie dahinter
Dass Männer im Kölner Karneval tanzen, ist historisch gesehen der Normalfall – und das Gegenteil dessen, was man heute vermutet. Die Mariechen der Tanzkorps wurden ursprünglich von Männern dargestellt. Bei der Prinzen-Garde etwa erscheint erst 1936 das erste Mädchen in der Tanzpaarliste; davor stehen dort ausschließlich Männernamen.
Der Wechsel kam nicht aus dem Karneval selbst: 1935 wurden die Gesellschaften angewiesen, „richtige“ Frauen als Funkenmariechen auftreten zu lassen, im Zuge der nationalsozialistischen Verfolgung homosexueller Menschen. Was heute selbstverständlich wirkt – die Tänzerin im Funkenkostüm – geht auf einen politischen Eingriff zurück.
Eine durchgehende Linie vom männlichen Mariechen zum heutigen Männerballett gibt es nicht – dafür fehlt jeder Beleg, und die beiden Formen haben wenig gemeinsam. Aber der Gegensatz ist bemerkenswert: Früher tanzten Männer Frauenrollen ernsthaft, heute tun sie es als Witz.
Warum es funktioniert
Das Männerballett lebt von einem Grundzug des Karnevals: der umgekehrten Ordnung. Wer sonst Respekt beansprucht – der Chef, der Nachbar, der Vereinsvorsitzende – steht hier im Tutu auf der Bühne und macht sich zum Gespött. Das Publikum lacht nicht über Unvermögen, sondern über die Bereitschaft, sich preiszugeben.
Deshalb kommen Männerballette aus Gruppen, die sich kennen: Feuerwehren, Betriebe, Sportvereine, Stammtische. Die Nummer wirkt im Saal am besten, wenn man die Tänzer kennt – und verliert auf einer großen anonymen Sitzung einen Teil ihrer Wirkung.
Mitmachen
Wer selbst tanzen möchte, fragt bei der Karnevalsgesellschaft im eigenen Veedel nach. Voraussetzungen gibt es faktisch keine – außer Zeit für die Proben ab dem Spätsommer und der Bereitschaft, sich öffentlich zum Affen zu machen. Tanzerfahrung ist eher hinderlich als nützlich.
Jecken-Post
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