Foto: Helga Hens
Es gibt Menschen, die auf der Bühne stehen, und solche, die dafür sorgen, dass etwas von diesem besonderen Augenblick bleibt. Dieter Hens gehörte beim Westdeutschen Rundfunk zu den Letzteren. Als Redakteur, Regisseur und Produzent gab er Musikern und Künstlern einen Rahmen, ohne sich selbst in den Vordergrund zu drängen. Seine Filme bewahrten Stimmen, Gesichter und Geschichten – nicht zuletzt jene aus Köln.
Der Karneval war für Hens keine bloße Unterhaltung, das kölsche Lied kein saisonales Begleitprogramm. Er erkannte darin ein Stück Stadtgeschichte: humorvoll und lebensnah, bisweilen melancholisch, immer aber eng mit den Menschen verbunden.
Ein genauer Blick auf das Kölsche
1965 kam Hens zum WDR. Rund drei Jahrzehnte arbeitete er dort für das Kultur- und Musikprogramm. Er produzierte und inszenierte Konzertaufzeichnungen mit internationalen Jazzgrößen wie Miles Davis, Oscar Peterson, Al Jarreau, Joe Zawinul und Paco de Lucía. Er beschäftigte sich mit klassischer Musik, Literatur und bildender Kunst. Bereits 1972 entstand sein Fernsehfilm über Joseph Beuys.
Doch so weit sein kultureller Horizont auch reichte, für die kölsche Musik besaß Hens ein besonderes Gespür. Er begegnete ihr mit derselben Aufmerksamkeit, die er einem großen Jazzkonzert oder einem Künstlerporträt widmete. Gerade darin lag seine Stärke: Er unterschied nicht zwischen vermeintlich hoher und populärer Kultur. Entscheidend waren für ihn die Qualität, die Persönlichkeit und die Geschichte, die es zu erzählen galt.
Im Kölner Karneval fand er davon reichlich. Seine Filme handelten nicht allein vom ausgelassenen Feiern. Sie zeigten die Figuren hinter den Liedern, das alte Köln, seine Wirtschaften und Straßen, seine kleinen Leute und großen Originale. Hens verstand den Fastelovend als ein Gedächtnis der Stadt.
Als die Bläck Fööss zu Ostermanns Figuren wurden
Besonders eindrucksvoll gelang ihm das Mitte der 1980er-Jahre mit der WDR-Produktion „Och, wat wor dat fröher schön doch en Colonia“. Gemeinsam mit Hans W. Krupp, Kameramann Peter Kaiser, den Bläck Fööss und King Size Dick erweckte Hens die Lieder Willi Ostermanns zu neuem Leben. Buch und Regie lagen in seinen Händen.
Die Bläck Fööss sangen Ostermanns Lieder nicht nur. Sie spielten die darin beschriebenen Menschen und Begebenheiten in liebevoll ausgestatteten Szenen nach. Aus den Musikern wurden Wirtsleute, Eheleute, Nachbarn und kölsche Charakterköpfe. Wer einen Schnäuzer trug, spielte meist einen Mann; die anderen übernahmen mit sichtlichem Vergnügen die Frauenrollen.
So entstanden kleine filmische Erzählungen zu Liedern wie „Dem Schmitz sing Frau es durchjebrannt“, „Die Mösch“, „Et Stina muss ’ne Mann han“, „Kinddäuf-Fess unger Krahnebäume“ und „Kutt erop“. Die Fööss brachten ihre eigene Spielfreude ein, während Hens darauf achtete, dass aus dem Vergnügen kein beliebiger Klamauk wurde.
Er wollte zeigen, dass Ostermanns Werk weit über den Karneval hinausreichte. Die Lieder waren für Hens genaue Milieuschilderungen. Sie erzählten von gesellschaftlichen Regeln und kleinen Auflehnungen, von Geldsorgen und Beziehungen – und vom Wunsch, sich trotz aller Widrigkeiten die Freude am Leben nicht nehmen zu lassen.
Der Film wurde mehr als 20-mal im WDR-Fernsehen ausgestrahlt. Für viele Zuschauer war er die erste bewusste Begegnung mit Willi Ostermann. Hens schlug damit eine Brücke zwischen zwei Generationen kölscher Musik: zwischen dem großen Liederdichter der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und jener Band, die das kölsche Lied seit den 1970er-Jahren erneuert hatte.
Als Köln „usjebomb“ war
Wie sehr Hens das kölsche Lied als historische Quelle verstand, zeigte sich noch deutlicher in einem Projekt, aus dem später die Zeitrevue „Usjebomb & Opjebaut“ hervorging.
Am Anfang stand das 1984 veröffentlichte Lied „Usjebomb“ der Bläck Fööss. Es erzählt vom zerstörten Köln, von Schutt und Hunger, von Hamsterfahrten, heimkehrenden Kriegsgefangenen und dem mühsamen Wiederaufbau. Zugleich bewahrt es jene eigentümliche kölsche Mischung aus Trauer, Trotz und Lebensmut. Selbst im Kellerloch, so die Botschaft, konnte ein wenig Lachen dabei helfen, nicht zu verzweifeln.
Zum 50. Jahrestag des Kriegsendes entstand 1995 beim WDR der 90-minütige Film „Ausgebombt“. Das Buch schrieben Dieter Hens und der Kölner Brauchtumsforscher Reinold Louis gemeinsam. Louis war der Ideengeber, ein kundiger Sammler des kölschen Liedguts und selbst ein Kind der Kriegs- und Nachkriegszeit. Hens gab den Erinnerungen ihre filmische Gestalt.
Es war eine glückliche Verbindung: hier der akribische Kenner der Stadtgeschichte, dort der erfahrene Fernsehmacher mit seinem Gespür für Musik und Bilder. Die Bläck Fööss und King Size Dick bildeten den musikalischen roten Faden. Lieder über Trümmer, Schwarzmarkt, Währungsreform und das beginnende Wirtschaftswunder vermittelten anschaulich, was Zahlen und Chroniken allein kaum erzählen können.
1996 erschien dazu die CD „Usjebomb – Kölns Wiederaufbau mit den Bläck Fööss & King Size Dick“. Stücke wie „Schöppe, schöppe ess jitz Trump“, „Mer maachen hück en Hamsterfahrt“, „De Währungs-Riform“ und „Prima, prima Prümmcher“ wurden zu klingenden Dokumenten einer Epoche. Sie handelten von Not und Entbehrung, aber ebenso vom Einfallsreichtum und Überlebenswillen der Menschen.
Aus diesem filmischen Grundgedanken wuchs eine Kölner Erinnerungsreihe. 2005 wurde „Usjebomb“ zum 60. Jahrestag des Kriegsendes als große Zeitrevue im Gürzenich aufgeführt. 2015 folgte „Usjebomb & Opjebaut“ in der Flora. Zum 80. Jahrestag im Jahr 2025 wurde das Programm erneut aktualisiert – nun mit einem noch stärkeren Blick auf Freiheit, Demokratie und die Verantwortung der Gegenwart.
Dass der von Hens und Louis entwickelte Ansatz Jahrzehnte später auf der Bühne weiterlebt, gehört zu den schönsten Spuren ihrer Arbeit. Reinold Louis, der 2024 starb, bleibt der große Ideengeber dieser Zeitreise; Hens war ihr filmischer Mitarchitekt. Gemeinsam zeigten sie, dass Karnevalslieder historische Quellen sein können – und dass sich Unterhaltung und Ernsthaftigkeit in Köln keineswegs ausschließen.
Auch bei weiteren Produktionen blieb Hens den Bläck Fööss verbunden. 1996 entstand der Kurzfilm „Wenn et Leech usjing em Roxy“, der an ein verschwundenes Kölner Tanzlokal erinnerte. Wieder interessierte sich Hens nicht allein für das Lied, sondern für die Lebenswelt dahinter: für Orte, Menschen und Erinnerungen – und für jene Mischung aus Heiterkeit und Wehmut, die der kölschen Musik ihren unverwechselbaren Ton gibt.
Seine Arbeit trug dazu bei, den Karneval im Fernsehen nicht nur als Abfolge von Sitzungsauftritten zu zeigen. Hens gab den Liedern Raum und den Künstlern Zeit. Er ließ sie erzählen, spielen und sich als Persönlichkeiten zeigen. So entstanden Aufnahmen, die inzwischen selbst zu historischen Dokumenten geworden sind.
Dabei liebte er den Humor, doch sein Blick blieb respektvoll. Hens nahm den Karneval ernst, ohne ihm seine Leichtigkeit zu nehmen. Wahrscheinlich war genau das sein besonderes Talent.
Hens ist Grimmepreis-Träger. Für seine Verdienste erhielt er den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen. Das Festkomitee Kölner Karneval zeichnete ihn mit seinem Verdienstorden in Silber aus. Auch die Willi-Ostermann-Gesellschaft würdigte seine Arbeit und nahm ihn als Ehrenmitglied auf.
Köln blieb, auch als Mallorca kam
Nach seiner langen Fernsehkarriere begann für Dieter Hens auf Mallorca ein neuer Lebensabschnitt. Seit den frühen 2000er-Jahren arbeitet er als autodidaktischer Bildhauer. Aus mallorquinischem Sandstein schafft er reduzierte menschliche Figuren, darunter innig verbundene Paare.
Der Wechsel vom Fernsehbild zum Stein wirkt nur auf den ersten Blick überraschend. Hens hat sein Leben lang nach Formen gesucht, mit denen sich Menschen und ihre Geschichten darstellen lassen. Früher waren seine Mittel Kamera, Musik und Schnitt. Heute sind es Linien, Flächen und die Eigenheiten eines Steins.
Mallorca wurde ihm zur neuen Heimat, Köln blieb der innere Bezugspunkt. Seine Filme werden weiterhin gezeigt, seine Konzertaufzeichnungen wiederholt. Und wenn die Bläck Fööss als Ostermanns Figuren über den Bildschirm laufen, ist noch immer die Handschrift eines Mannes zu erkennen, der das kölsche Lied liebte, weil er die Menschen dahinter verstand.
Dieter Hens hat Kölns Töne nicht nur aufgenommen. Er hat ihnen Bilder gegeben – und damit einen Platz im Gedächtnis der Stadt.