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Diese Lieder kennt jeder Kölner – aber kaum jemand kennt ihre Geschichte

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Diese Lieder kennt jeder Kölner – aber kaum jemand kennt ihre Geschichte
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Sie laufen im Gürzenich, in den Kneipen, auf den Straßen und spätestens an Karneval aus Tausenden Kehlen: Manche kölschen Lieder sind längst so selbstverständlich geworden, dass kaum noch jemand fragt, woher sie eigentlich kommen.

Dabei verbergen sich hinter einigen der bekanntesten Kölner Karnevals- und Stimmungslieder erstaunliche Geschichten. Ein Klassiker entstand in den letzten Lebenstagen seines Schöpfers. Ein anderer begann als Lied für den Kinderfunk. Ein Karnevalshit landete wegen eines Plagiatsvorwurfs vor Gericht. Und zwei der bekanntesten Köln-Hymnen waren ursprünglich keineswegs nostalgische Liebeserklärungen an die Stadt, sondern Kritik an der Kölner Stadtplanung.

Zehn kölsche Klassiker – und die Geschichten hinter den Liedern.

1. „Heimweh nach Köln“ – Willi Ostermanns letztes Lied

„Ich mööch zo Foß noh Kölle gon“ gehört zu den emotionalsten Zeilen des kölschen Liedguts. Die Geschichte ihrer Entstehung macht das Lied noch außergewöhnlicher.

Willi Ostermann, einer der bedeutendsten Kölner Liedermacher, brach im Juli 1936 nach einem Auftritt in Bad Neuenahr zusammen. Er wurde in die Kölner Krankenanstalt Lindenburg eingeliefert und musste sich einer schweren Magenoperation unterziehen. Sein Zustand besserte sich nicht mehr.

In seinen letzten Tagen schrieb Ostermann dort den Text zu „Heimweh nach Köln“. Für die Melodie griff er auf eine frühere Komposition zurück, die bereits für das Filmlied „Sehnsucht nach dem Rhein“ verwendet worden war. Ostermann starb am 6. August 1936. (Rheinische Geschichte)

Vier Tage später nahm Köln Abschied. Zehntausende Menschen säumten den Weg zum Melaten-Friedhof. Am offenen Grab trug sein Freund und Karnevalist Thomas Liessem erstmals den Refrain des letzten Ostermann-Liedes vor. Ostermann selbst konnte den späteren Klassiker also nicht mehr veröffentlichen und erleben. (Wikipedia)

Das Lied bekam später eine Bedeutung, die Ostermann nicht vorhersehen konnte. Während des Zweiten Weltkriegs wurde es nach Darstellung des LVR zum Ausdruck der Verbundenheit vieler Kölner mit ihrer schwer getroffenen Heimatstadt. (Rheinische Geschichte)

2. „Däm Schmitz sing Frau eß durchgebrannt“ – der Durchbruch eines jungen Ostermann

Fast drei Jahrzehnte vor „Heimweh nach Köln“ gelang Willi Ostermann mit einem ganz anderen Lied der Durchbruch im organisierten Kölner Karneval.

1907 wurde „Däm Schmitz sing Frau eß durchgebrannt“ zum Rosenmontagserfolg. Die Musik entstand gemeinsam mit dem Kapellmeister Emil Neumann. Nach Darstellung des Portals Rheinische Geschichte feierte Ostermann damit ein „triumphales Debüt“ im Kölner Karneval. (Rheinische Geschichte)

Das Lied steht damit für den Beginn einer Karriere, die das kölsche Lied nachhaltig prägen sollte. Ostermann entwickelte einen Stil, der Alltagsszenen, menschliche Schwächen und Kölner Milieu miteinander verband – und damit zum Vorbild für spätere Generationen kölscher Musiker wurde. (Rheinische Geschichte)

Bemerkenswert ist der Kontrast: Der Mann, dessen Karriere mit einer humoristischen Geschichte über die durchgebrannte Frau des Herrn Schmitz Fahrt aufnahm, hinterließ knapp 30 Jahre später mit „Heimweh nach Köln“ eines der melancholischsten Kölnlieder überhaupt.

3. „Trizonesien-Song“ – als ein Karnevalslied zur Ersatz-Nationalhymne wurde

Kaum ein Karnevalslied ist so eng mit deutscher Nachkriegsgeschichte verbunden wie Karl Berbuers „Trizonesien-Song“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die westlichen Besatzungsgebiete Deutschlands zunächst in Zonen aufgeteilt. Aus der amerikanischen und britischen Zone entstand die Bizone, später kam die französische Zone hinzu. Berbuer machte aus der politischen Konstruktion kurzerhand „Trizonesien“.

Am 11. November 1948 stellte er sein Lied vor. Darin nahm er die Besatzungspolitik und die Situation der Deutschen aufs Korn. Das blieb nicht unbeachtet: Nach Darstellung des WDR reagierten sowohl die sowjetische „Prawda“ als auch die britische „Times“ auf das Lied. (WDR)

Die bemerkenswerteste Karriere machte der Song aber außerhalb des Karnevals. Die junge Bundesrepublik hatte zunächst noch keine neue Nationalhymnenregelung. Bei internationalen Sportveranstaltungen in Köln wurde deshalb zeitweise Berbuers „Trizonesien-Song“ für deutsche Sieger gespielt.

Aus einer Karnevalsnummer über die Besatzungszonen war für kurze Zeit eine Art musikalischer Ersatz für eine Nationalhymne geworden. (WDR)

4. „Wer soll das bezahlen?“ – der Karnevalshit, der vor Gericht landete

Die Frage dürfte fast jeder schon einmal gestellt haben: „Wer soll das bezahlen?“

1949 wurde daraus einer der großen deutschen Nachkriegsschlager. Die Musik stammte von Jupp Schmitz, den Text schrieb Kurt Feltz unter dem Pseudonym Walter Stein. Das Lied griff ein sehr reales Problem der Zeit auf.

Nach der Währungsreform von 1948 waren die Geschäfte wieder voller. Gleichzeitig konnten sich viele Menschen die angebotenen Waren kaum leisten. Genau diese Stimmung verwandelten Schmitz und Feltz in einen Karnevalsschlager. Am 21. Oktober 1949 wurde das Lied aufgenommen und entwickelte sich schnell zu einem viel gesungenen Titel. (Wikipedia)

Dann wurde aus dem musikalischen Erfolg ein Fall für die Justiz.

Der Komponist Wilhelm „Wiga“ Gabriel glaubte, in Schmitz’ Melodie sein älteres Soldatenlied „Sie hieß Marie, und treu war sie“ wiederzuerkennen. Der Streit landete vor dem Landgericht Köln.

Schmitz konnte jedoch darlegen, dass beide Melodien auf eine ältere Volksweise zurückgingen. Gabriel verlor den Prozess. (Wikipedia)

Der Titel über Geldsorgen brachte seinem Komponisten damit ausgerechnet einen Rechtsstreit über Geld und Urheberrechte ein.

5. „Drink doch eine met“ – vom Kinderfunk auf die B-Seite und zum Klassiker

Heute gehört „Drink doch eine met“ zu den bekanntesten Liedern der Bläck Fööss. Seine Karriere begann allerdings ganz anders.

Fred Hoock hatte das Stück bereits 1968 für die Stowaways geschrieben, jene Beat-Formation, aus der die Bläck Fööss hervorgingen. Zunächst entstand eine hochdeutsche Version mit dem Titel „Mach doch bei uns mit“.

Und die wurde nicht etwa für eine Karnevalssitzung aufgenommen, sondern für den Kinderfunk des WDR. (Wikipedia)

Erst später entstand daraus die kölsche Version. 1971 veröffentlichten die Bläck Fööss „Drink doch eine met“ – allerdings nicht einmal als Haupttitel der Single. Das Lied befand sich auf der B-Seite von „Mir drinken us einer Fläsch“.

Der vermeintliche Nebentitel über einen alten Mann, der kein Geld für ein Getränk hat und schließlich in die Gemeinschaft aufgenommen wird, überlebte die A-Seite deutlich.

Und die Geschichte bekam noch eine späte Pointe: 1979, acht Jahre nach der Veröffentlichung, schaffte es „Drink doch eine met“ sogar noch in die deutschen Charts. (Wikipedia)

6. „Mer losse d’r Dom en Kölle“ – eigentlich ein Protestlied

Wer nur den Refrain hört, könnte „Mer losse d’r Dom en Kölle“ für eine gemütliche Liebeserklärung an Dom und Heimat halten.

Das war jedoch nicht der Ausgangspunkt des Liedes.

1973 beschäftigten die Bläck Fööss die großen Veränderungen in Köln. Im Severinsviertel standen umfangreiche Sanierungspläne im Raum. In der Südstadt gab es Sorgen um gewachsene Veedelsstrukturen, erschwinglichen Wohnraum und die Folgen der Modernisierung.

Hans Knipp, Hartmut Priess und Erry Stoklosa machten daraus ein Lied. Die bekannte Redewendung, man solle „die Kirche im Dorf lassen“, wurde gewissermaßen nach Köln übertragen: Der Dom sollte in Köln bleiben. (Wikipedia)

Im Text steckt die Kritik noch immer deutlich. Es geht ausdrücklich um Stadtsanierung und um die Frage, was von der vertrauten Stadt übrig bleibt.

Ausgerechnet ein Lied, das heute oft als Ausdruck kölscher Heimatliebe verstanden wird, entstand damit als Kritik daran, wie Köln mit seiner eigenen Stadt umging.

7. „En unserem Veedel“ – die Hymne, die am Kneipentisch entstand

Auf der Rückseite derselben Single befand sich 1973 noch ein zweites Lied.

Es hieß damals „In unserem Veedel“.

Am 7. Mai 1973 trafen sich Erry Stoklosa, Tommy Engel und Hartmut Priess in der Ringschänke am Karolingerring. Im Keller des Hauses lagen die Proberäume der Bläck Fööss. An diesem Abend entstand ein Lied über die Frage, was mit den alten Kölner Vierteln passieren würde. (Kölner Stadt-Anzeiger)

Die Musiker wollten nach eigener späterer Erinnerung ausdrücklich Kritik an der Stadtplanung üben. Köln veränderte sich massiv: Straßenprojekte, neue Großsiedlungen und Sanierungspläne stellten vertraute Strukturen infrage. (Wikipedia)

Auch musikalisch war der spätere Klassiker keineswegs sofort fertig. Das Stück hatte zunächst eine andere Melodie, die den übrigen Musikern zu schlagerhaft erschien. Sie wurde noch einmal umgearbeitet. (Kölner Stadt-Anzeiger)

Dann geschah etwas, das rückblickend fast absurd wirkt: „En unserem Veedel“ landete lediglich auf der B-Seite von „Mer losse d’r Dom en Kölle“.

Damit erschienen zwei der bekanntesten Kölnlieder überhaupt auf Vorder- und Rückseite derselben Single.

Der große Charterfolg blieb „En unserem Veedel“ damals zwar versagt. Langfristig entwickelte sich das Lied jedoch zu einer inoffiziellen Hymne der Stadt und wird längst weit über den Karneval hinaus gesungen. (Wikipedia)

8. „Die Karawane zieht weiter“ – als Karneval endgültig in die Charts marschierte

In den 1990er-Jahren veränderte sich die kölsche Musik erneut. Karnevalslieder konnten jetzt nicht nur eine Session beherrschen, sondern bundesweit erhebliche kommerzielle Erfolge erzielen.

Ein Paradebeispiel dafür wurde 1997 „Die Karawane zieht weiter … dä Sultan hät Doosch!“ von den Höhnern.

Der Titel erreichte Platz zwölf der deutschen Hitparade und hielt sich 16 Wochen in den Charts. Für mehr als 250.000 verkaufte Singles erhielten die Höhner ihre erste Goldene Schallplatte. (Wikipedia)

Das ist für die Geschichte des Kölner Karnevalsliedes interessant: Jahrzehntelang hatten sich Hits vor allem über Sitzungen, Säle, Kneipen und den Straßenkarneval verbreitet. Nun konnte ein kölscher Karnevalstitel gleichzeitig ein bundesweit erfolgreicher kommerzieller Popsong sein.

Wenige Jahre später sollten die Höhner diesen Erfolg noch übertreffen.

9. „Superjeilezick“ – zwischen grünen Bananen entstand ein Neuanfang für Brings

Um das Jahr 2000 sah es für Brings keineswegs danach aus, als würde die Band bald zu einer der prägenden Gruppen des modernen Kölner Karnevals gehören.

Brings war eine Rockband. Mit Karneval hatte die Gruppe nach eigener Erinnerung damals wenig zu tun. Gleichzeitig waren die kommerziellen Aussichten nicht gerade rosig.

Dann brachte Peter Brings im Sommer 2000 eine neue Idee mit in den Proberaum. Der befand sich damals im alten Kölner Großmarkt.

Stephan Brings erinnerte sich später an ein bemerkenswertes Detail: Die Band arbeitete an dem neuen Stück zwischen grünen Bananen, die dort zum Nachreifen lagerten. (t-online – Köln)

Eigentlich sollte „Superjeilezick“ vor allem ein Geburtstagsständchen zum zehnjährigen Bestehen der Band werden. Bei der Plattenfirma erkannten zwei Kölner Mitarbeiter jedoch sofort das Karnevalspotenzial des Stücks.

Sie sollten recht behalten.

„Superjeilezick“ wurde zum Wendepunkt in der Geschichte von Brings. Die ehemalige Rockband öffnete sich zunehmend für kölsche Musik, Polka und Karneval – und wurde damit einer der Wegbereiter für den Boom moderner kölscher Bands.

Dass einer der wichtigsten Titel dieser Entwicklung zwischen nachreifenden Bananen im Großmarkt einstudiert wurde, gehört zu den schöneren Randgeschichten der jüngeren Kölner Musikgeschichte. (t-online – Köln)

10. „Viva Colonia“ – der Hit, der zunächst noch ganz anders klang

Als die Höhner 2002 an einem neuen Lied arbeiteten, war keineswegs sofort klar, dass daraus „Viva Colonia“ werden würde.

Von dem Stück existiert eine frühe Demoaufnahme, auf der der spätere Titel noch nicht „Viva Colonia“ heißt. Auch musikalisch experimentierte die Band. Es gab unter anderem Überlegungen zu einer Walzerversion und zu einem anderen Aufbau. Erst später bekam das Lied seine bekannte Form. (Kölner Stadt-Anzeiger)

Am 11.11.2002 wurde es auf dem Alter Markt präsentiert. 2003 erschien die Single – und aus einem Kölner Karnevalslied wurde ein bundesweiter Charterfolg.

„Viva Colonia“ erreichte Platz 20 der deutschen Charts und blieb dort mehr als ein Jahr vertreten. Rund 150.000 verkaufte Singles brachten den Höhnern Gold. (Wikipedia)

Dann begann das Lied ein bemerkenswertes Eigenleben. Es wurde zum Wiesn-Hit auf dem Münchner Oktoberfest und in zahlreiche andere Sprachen und regionale Fassungen übertragen. Aus „Viva Colonia“ wurde beispielsweise „Viva Hollandia“. Selbst eine Version namens „Viva Smurflandia“ entstand. (Kölner Stadt-Anzeiger)

Und noch eine kuriose Episode gehört zur Geschichte: Beim Weltjugendtag 2005 in Köln hielten manche auswärtigen Besucher das ständig zu hörende „Viva Colonia“ offenbar für die offizielle Hymne der Veranstaltung. (Wikipedia)

Damit schließt sich ein Kreis, der mehr als 100 Jahre zuvor mit Willi Ostermann begonnen hatte.

Die Technik änderte sich. Aus Notenblättern wurden Schellackplatten, aus Singles Streaming-Hits. Aus dem Sitzungssaal wurden Arena und Festivalbühne. Und aus einer lokalen Musiktradition entwickelte sich eine kölsche Popkultur, deren bekannteste Lieder längst außerhalb der eigentlichen Karnevalssession funktionieren.

Doch vielleicht ist gerade das die Gemeinsamkeit dieser zehn Stücke: Die erfolgreichsten kölschen Lieder erzählen fast nie nur vom Karneval.

Sie erzählen vom Heimweh nach Köln, von Geldnot nach der Währungsreform, von Einsamkeit, vom Verlust alter Viertel, vom Zusammenhalt im Veedel oder schlicht davon, gemeinsam eine gute Zeit zu haben.

Und manche ihrer Geschichten sind fast so bemerkenswert wie die Lieder selbst.

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