Heute gehören Frauen selbstverständlich zum Kölner Karneval. Sie tanzen in den Korps, ziehen im Rosenmontagszug mit, musizieren, halten Reden und übernehmen Verantwortung in den Gesellschaften. Doch dieser Platz musste über viele Jahrzehnte erkämpft werden. Der organisierte Karneval war seit seiner Neuordnung im Jahr 1823 eine von Männern geschaffene und beherrschte Welt.
Der Ausschluss begann mit dem organisierten Karneval
Dabei hatten Frauen lange vor 1823 gemeinsam mit Männern Fastnacht gefeiert. Die Aufzeichnungen des Kölner Ratsherrn Hermann Weinsberg belegen, dass bereits im 16. Jahrhundert ganze Familien zusammenkamen, tanzten und ausgelassen feierten. Erst als angesehene Kölner Bürger den Karneval 1823 in geordnete Bahnen lenkten, wurden die Frauen an den Rand gedrängt.
Das neu gegründete Festordnende Comité bestand ausschließlich aus Männern. Auch im ersten Maskenzug wurden sämtliche Rollen männlich besetzt. Männer stellten die Venetia und später die Jungfrau dar. Selbst die Tanzmariechen waren ursprünglich Männer. Frauen durften bei Bällen mitfeiern, sollten im offiziellen Geschehen aber möglichst Zuschauerinnen bleiben.
Eine der wenigen Ausnahmen waren die „Hellige Knäächte un Mägde“. Die Tanzgruppe bestand bereits beim Maskenzug von 1823 aus Männern und Frauen. Die Mägde blieben allerdings über Jahrzehnte fast die einzigen weiblichen Teilnehmerinnen des Zuges.
Damenkomitees und Familiengesellschaften
Frauen fanden früh eigene Wege, um sich am Karneval zu beteiligen. Im nahen Beuel legten Waschfrauen 1824 für einen Tag ihre Arbeit nieder und gründeten ein Damenkomitee. Daraus entwickelte sich die Tradition der Weiberfastnacht.
Auch in Köln sind Damenkomitees bereits für die 1830er Jahre belegt. In den 1880er Jahren entstanden mit der Kölner Narrenzunft und der Karnevalsgesellschaft Carnevalistischer Reichstag die ersten sogenannten Familiengesellschaften. Dort konnten Frauen Mitglied werden und an den Sitzungen teilnehmen.
Im etablierten Männerkarneval stieß das auf Ablehnung. Einige führende Karnevalisten betrachteten Gesellschaften mit weiblichen Mitgliedern nicht als vollwertig. Hinter diesem Widerstand stand auch die Sorge, Frauen könnten den Männern auf der Bühne und im Vereinsleben die Aufmerksamkeit streitig machen.
Dass Frauen keineswegs nur ein zurückhaltendes Publikum waren, zeigte die Gesellschaft „Lustige Weechter“. Ihr Kleiner Rat bestand nach einem Zeitungsbericht von 1913 ausschließlich aus Frauen. Die Mitglieder kamen vor allem aus dem Handwerker- und Arbeitermilieu. Ihre Sitzungen sollen deutlich volkstümlicher und derber gewesen sein als die Veranstaltungen mancher bürgerlichen Gesellschaft. Damit widerlegten sie das Argument, Frauen müssten vor anzüglichen Reden und Liedern geschützt werden.
Kläre Weiglein wird Regimentstochter

Einzelnen Frauen gelang es dennoch schon früh, in diese Männerwelt vorzudringen. Zu den bemerkenswertesten Pionierinnen gehörte Kläre Weiglein. Von 1925 bis 1927 war sie die erste Regimentstochter der EhrenGarde der Stadt Köln. Damit übernahm sie eine deutlich sichtbare und für eine Frau damals außergewöhnliche Funktion innerhalb eines traditionsreichen Kölner Korps.
Kläre Weiglein trat nicht lediglich als schmückende Begleitung eines männlichen Korpsmitglieds auf. Sie besaß eine eigene, klar erkennbare Aufgabe. In ihrer Uniform repräsentierte sie die EhrenGarde und wurde zu einem sichtbaren Bestandteil des Korpsbildes. Das überlieferte Porträt zeigt sie selbstbewusst in vollständiger Uniform mit hoher Kopfbedeckung, auffälligen Knöpfen und Abzeichen. Ihre Haltung vermittelt nicht den Eindruck einer zufälligen Begleiterin, sondern den einer Frau, die ihre offizielle Rolle mit Stolz ausfüllte.
Besondere Bedeutung erlangte ihr Auftreten im Jahr 1927. Für dieses Jahr ist ihre Teilnahme am Kölner Rosenmontagszug an der Seite des Tanzoffiziers Fritz Sonnenberg überliefert. Ihre Teilnahme war mehr als ein einzelner karnevalistischer Auftritt. Sie machte eine Frau innerhalb eines Bereichs sichtbar, der ansonsten fast vollständig Männern vorbehalten war. Während die meisten Frauen den Zug vom Straßenrand aus verfolgten, zog sie als Regimentstochter gemeinsam mit der EhrenGarde durch Köln. Damit überschritt sie eine Grenze, die im organisierten Karneval lange als selbstverständlich gegolten hatte.
Weibliche Jungfrauen unter den Nationalsozialisten
Eine widersprüchliche Veränderung trat nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 ein. Die neuen Machthaber wollten nicht dulden, dass Männer im Karneval Frauenrollen spielten. Ab 1936 bestanden die Tanzpaare deshalb aus einem Mann und einer Frau. 1938 wurde erstmals auch die Jungfrau im Kölner Dreigestirn von einer Frau verkörpert.

Ausgewählt wurde die 20-jährige Paula Zapf, die bei dem Kölner Bekleidungsunternehmen Bierbaum-Proenen arbeitete. Im folgenden Jahr übernahm die 23-jährige Else Horion, eine Kindergärtnerin im Werkskindergarten der Schokoladenfabrik Stollwerck, die Rolle. Für die Session 1939/40 war mit der kaufmännischen Angestellten Elfriede Figge erneut eine weibliche Jungfrau vorgesehen. Wegen des Zweiten Weltkriegs fand jedoch kein regulärer Karneval statt.
Diese Besetzungen waren kein Schritt zur Gleichberechtigung. Sie beruhten auf der nationalsozialistischen Verfolgung homosexueller Menschen und der Ablehnung von Männern in Frauenkleidung. Frauen erhielten die Rollen nicht, weil ihre Rechte gestärkt werden sollten, sondern weil die Machthaber eine traditionelle karnevalistische Form beseitigen wollten.
Nach dem Krieg wurde die Jungfrau wieder von einem Mann dargestellt. Bei den Tanzmariechen hielt man dagegen an der weiblichen Besetzung fest. Was als ideologisch motivierter Eingriff begonnen hatte, veränderte somit zumindest die Tanzpaare dauerhaft.
Der Rosenmontagszug bleibt eine Männerbastion
Im Straßenkarneval und in den Veedeln feierten Frauen und Männer längst gemeinsam. Auch an den seit 1933 veranstalteten Veedelszöch und den 1952 hinzugekommenen Schullzöch waren Frauen von Beginn an beteiligt. Der offizielle Rosenmontagszug blieb dagegen bis weit in die Nachkriegszeit hinein eine Männerdomäne.
Ausnahmen gab es für Tanzmariechen, Musikerinnen, weibliche Tanzgruppen und gelegentlich für prominente Gäste. So fuhr 1950 die Schauspielerin Magda Schneider auf einem Wagen mit. Im selben Zug war die Büttenrednerin Grete Fluss als Stadtgründerin Agrippina zu sehen. Gewöhnliche weibliche Mitglieder durften dagegen meist nicht teilnehmen.
Die Einhaltung dieser Regeln wurde streng überwacht. Unter Zugleiter Thomas Liessem standen Beobachter am Zugweg, die das Auftreten der Gesellschaften bewerteten. Besonders viele Minuspunkte gab es, wenn unerlaubt Frauen im Zug entdeckt wurden. Noch 1964 stellte das Festkomitee klar, dass Frauen grundsätzlich nicht auf Festwagen mitfahren sollten. Nur ausdrücklich genehmigte Gruppen und Darstellungen waren ausgenommen.
Zur Begründung wurden mitunter fehlende Kostüme in Frauengrößen oder die angeblich drohende Verlängerung des Zuges angeführt. Solche Argumente verdeckten, dass viele Männer ihre öffentliche Bühne und ihre führende Stellung nicht teilen wollten.
1978 gelingt der entscheidende Durchbruch
Erst Zugleiter Ralf Bernd Assenmacher leitete einen grundlegenden Wandel ein. Beim Rosenmontagszug 1978 mit dem Motto „Flohmarkt Colonia“ durften Frauen offiziell und in größerer Zahl mitziehen. Rund 400 Teilnehmerinnen waren dabei. 1982 wurden bereits etwa 1700 Frauen gezählt.
Zunächst sorgte die Öffnung für Proteste. Doch Assenmacher setzte sich durch. Die umfangreiche Kleiderkammer des Festkomitees wurde schrittweise um Kostüme in Frauengrößen erweitert. Jahr für Jahr beteiligten sich mehr Frauen, bis ihr Anblick im Rosenmontagszug zur Selbstverständlichkeit wurde.
Wie grundlegend sich das Bild verändert hat, zeigt ein Vergleich: Inzwischen stellen Frauen etwa die Hälfte der rund 12.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Rosenmontagszuges.
Eine Rückeroberung des Fastelovends
Die Geschichte der Frauen im Kölner Karneval ist keine geradlinige Erfolgsgeschichte. Frauen hatten schon Jahrhunderte vor der Gründung des Festordnenden Comités Fastnacht gefeiert. Der organisierte Karneval von 1823 schloss sie jedoch weitgehend von Ämtern, Rollen und Umzügen aus.
Die Kölnerinnen reagierten, indem sie Damenkomitees und gemischte Gesellschaften gründeten, eigene Sitzungen veranstalteten und im Straßen- und Veedelskarneval sichtbar blieben. Frauen wie Kläre Weiglein, Grete Fluss und die vielen heute kaum noch bekannten Mitglieder früher Damenkomitees überwanden Grenzen, lange bevor die offiziellen Regeln geändert wurden.
Der Durchbruch von 1978 war deshalb nicht der Anfang, sondern das Ergebnis eines langen Prozesses. Frauen eroberten den Karneval nicht in einem einzigen großen Schritt. Sie nahmen sich ihren Platz über Generationen – in Hinterzimmern und Festsälen, in Tanzgruppen, auf Bühnen und schließlich auch im Rosenmontagszug. Damit eroberten sie keine fremde Tradition, sondern holten sich ein Stück Fastelovend zurück, das ihnen schon lange vor 1823 gehört hatte.