Vorbemerkung der Redaktion:
Das folgende Interview wurde mit einem langjährigen aktiven Karnevalisten geführt, der seit Jahrzehnten in verschiedenen Kölner Gesellschaften mitwirkt. Wegen der Offenheit seiner Aussagen bat er nachträglich darum, anonym zu bleiben. Wir nennen ihn daher „Peter K.“.
Interviewer: Herr K., Sie sind seit über 40 Jahren im Kölner Karneval aktiv. Können Sie uns einen kurzen Einblick geben, was diesen Karneval so besonders macht?
Peter K.: Der Kölner Karneval ist im Kern ein Volksfest, das tief in der Stadtgeschichte verwurzelt ist. Er ist mehr als nur Party und Kamelle – er ist eine Mischung aus Tradition, kölscher Sprache, Musik und einer Art gelebter Demokratie auf der Straße. Schon im 19. Jahrhundert ging es darum, Obrigkeiten zu verspotten. Das steckt immer noch drin, auch wenn es heute oft hinter Glitzer und Sponsorenlogos verschwindet.
Interviewer: Sie sprechen Sponsoren an. Manche sagen, der Karneval sei zu kommerziell geworden. Sehen Sie das auch so?
Peter K.: Absolut. Früher wurde vieles ehrenamtlich gestemmt. Heute geht ohne große Geldgeber fast nichts mehr. Bühnenprogramme, Wagenbau, Sicherheitskonzepte – alles kostet. Das hat zwei Seiten: Einerseits sichert das die Professionalität, andererseits verlieren wir manchmal den spontanen, chaotischen Charme. Ich sehe mit Sorge, dass der Karneval zu sehr zur Event-Marke wird, anstatt ein Fest von den Kölnern für die Kölner zu bleiben.
Interviewer: Wie steht es um die traditionellen Gesellschaften?
Peter K.: Viele kämpfen mit Nachwuchsmangel. Junge Leute wollen sich oft nicht mehr jahrelang in einer festen Vereinsstruktur binden. Gleichzeitig boomt die Straßen- und Kneipenszene – das zeigt, dass die Lust am Feiern da ist, nur eben anders. Wir müssen Brücken schlagen zwischen traditionellem Sitzungskarneval und moderner Feierkultur.
Interviewer: Welche Rolle spielt die kölsche Sprache noch?
Peter K.: Eine sehr wichtige – aber sie ist bedroht. Bei vielen jüngeren Menschen sind nur noch einzelne Redewendungen präsent. Im Karneval wird Kölsch noch gepflegt, besonders in Liedern. Aber: Wenn Künstler und Redner nicht mehr im Dialekt auftreten, verliert das Fest seinen Kern. Kölsch ist das emotionale Fundament des Kölner Karnevals.
Interviewer: Kommen wir zu einem schwierigen Thema: Alkohol, Sicherheit und Respektlosigkeit.
Peter K.: Das ist tatsächlich ein Problem. Karneval ist für alle, aber leider missbrauchen einige das, um Grenzen zu überschreiten. Alkohol gehört zur Tradition, ja, aber wir müssen gleichzeitig Regeln setzen und vorleben, dass Respekt an erster Stelle steht. Sonst riskieren wir, dass das Fest in Verruf gerät – und dann kommen am Ende härtere Auflagen von außen.
Interviewer: Welche Veränderungen durch äußere Faktoren erwarten Sie in den nächsten Jahren?
Peter K.: Drei große Themen:
- Klimawandel – Wagenbau und Kostüme werden nachhaltiger werden müssen. Plastik-Konfetti, Billig-Kostüme aus Fernost – das wird sich ändern.
- Sicherheitsanforderungen – Mit Blick auf Großveranstaltungen weltweit werden Kontrollen, Absperrungen und Polizei-Präsenz eher zunehmen.
- Digitale Vernetzung – Karneval wird stärker online stattfinden: Live-Streams von Sitzungen, digitale Orden, Social-Media-Formate. Das ist Chance und Risiko zugleich, weil der Karneval dann auch mehr „von außen“ bewertet wird.
Interviewer: Und inhaltlich? Wird es politischer oder unpolitischer?
Peter K.: Das ist eine spannende Frage. Traditionell ist Karneval politisch – der Spott auf Obrigkeiten ist ja historischer Kern. Aber heute fürchten viele Büttenredner Shitstorms. Gleichzeitig wächst das Bedürfnis nach klarer Haltung, gerade in Zeiten von Populismus. Ich glaube: Der Karneval wird entweder mutiger oder er verflacht. Ein Dazwischen gibt es nicht mehr.
Interviewer: Können Sie sich vorstellen, dass der Karneval sich radikal verändert – oder gar ausstirbt?
Peter K.: Aussterben? Nein. Karneval ist zu tief im kölschen Herzen verankert. Aber er wird sich verändern – und zwar stärker, als sich viele vorstellen. Wir werden kleinere, dezentrale Veranstaltungen sehen, weniger Großbühnen, mehr Nachbarschaftsfeste. Gleichzeitig könnte der Karneval auch internationaler werden, weil Köln immer bunter wird. Die Kunst wird sein, diese Vielfalt zu feiern, ohne den kölschen Kern zu verlieren.
Interviewer: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten für den Kölner Karneval der Zukunft – was wäre das?
Peter K.: Dass wir den Mut haben, uns zu verändern, ohne zu vergessen, wer wir sind. Der Karneval ist kein Museum, er ist lebendig. Aber er braucht Wurzeln – und die sind kölsch, selbstironisch, herzlich und offen.
Interviewer: Vielen Dank für das Gespräch.
Peter K.: Gern. Und jetzt trinken wir noch ein Kölsch – aber nur eins, sonst wird’s wieder ein „Sicherheitsproblem“. lacht