Historische Darstellung von Karneval unter dem Nazi-Regime mit Kostümen und Symbolen, die die politische Nutzung des Festes zeigen.
Kölns „fünfte Jahreszeit“ zwischen Tradition, Anpassung und Propaganda (1933–1945)
Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernahmen, änderte sich das politische System Deutschlands innerhalb weniger Monate radikal. Doch im Alltag vieler Städte wirkte zunächst vieles unverändert. Auch in Köln bereitete man sich weiterhin auf die fünfte Jahreszeit vor.
Der Karneval gehörte zu den wichtigsten kulturellen Traditionen der Stadt. Für viele Kölner war er ein Ventil, ein Ort der Satire und der Selbstbehauptung. Genau deshalb wurde er für die neuen Machthaber interessant: Ein Fest, das Hunderttausende begeisterte, konnte auch politisch genutzt werden.
Zwischen 1933 und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wandelte sich der Kölner Karneval schrittweise. Aus einem lokalen Volksfest wurde ein Ereignis mit nationaler Strahlkraft – zunehmend begleitet von Propaganda, politischem Druck und ideologischen Eingriffen in jahrhundertealte Traditionen.
1933 – Ein Karneval wie zuvor?
Zu Beginn des Jahres 1933 schien der Kölner Karneval noch in vertrauten Bahnen zu verlaufen. Oberbürgermeister der Stadt war weiterhin Konrad Adenauer, der spätere erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.
Adenauer setzte sich dafür ein, dass der traditionsreiche Rosenmontagszug nach mehreren schwierigen Jahren wieder stattfinden konnte. Die Stadt Köln stellte finanzielle Mittel bereit, und ein bereits 1932 gegründeter Bürgerausschuss übernahm organisatorische Aufgaben.
Dieser Ausschuss bestand aus Vertretern der Kölner Bürgerschaft: Unternehmer, Künstler, Wissenschaftler und Vereinsvertreter engagierten sich gemeinsam für die Wiederbelebung des Volkskarnevals.
Eine besondere Neuerung entstand aus dieser Initiative: Erstmals zogen Veedelszöch, Umzüge der einzelnen Stadtviertel, durch die Straßen Kölns. Sie knüpften bewusst an ältere Formen des Karnevals an. Bereits im Mittelalter hatten Gesellen und Handwerkergruppen mit satirischen Darstellungen ihren Alltag kommentiert. Die Idee dahinter war klar: Der Karneval sollte wieder stärker aus der Bürgerschaft heraus entstehen – als Fest der Stadt selbst.
Noch wirkte es, als könne diese Tradition ungestört weiterbestehen.
1934 – Der Einbruch der Ideologie
Doch schon bald wurde sichtbar, dass sich auch der Karneval dem politischen Klima nicht entziehen konnte.
Beim Rosenmontagszug 1934 sorgte ein Wagen für besondere Aufmerksamkeit. Der sogenannte „Palästina-Wagen“ zeigte jüdische Menschen, die Deutschland verließen, versehen mit der zynischen Aufschrift: „Die letzten ziehen ab.“

1935 – Die „Narrenrevolte“
Im Jahr 1935 versuchten die Nationalsozialisten erstmals offen, den Karneval organisatorisch unter ihre Kontrolle zu bringen. Das traditionelle Festordnende Komitee, das bislang den Rosenmontagszug organisiert hatte, wurde aufgelöst. Stattdessen sollte eine neue Struktur entstehen, die stärker von Parteiorganisationen beeinflusst werden konnte.
Doch hier regte sich Widerstand: Die führenden Vertreter der großen Karnevalsgesellschaften erklärten gemeinsam, ihre Vereine würden nicht mehr am Karneval teilnehmen, wenn sie keinen Einfluss auf Organisation und Gestaltung hätten. Diese Protestaktion ging später als „Narrenrevolte“ in die Geschichte ein.
Sie zeigte Wirkung: Das neue Gremium erhielt wieder den traditionellen Namen Festausschuss, und die Karnevalsgesellschaften konnten ihre Rolle bewahren.
Allerdings war dieser Erfolg begrenzt. In den folgenden Jahren gelang es NS-Organisationen dennoch, schrittweise Einfluss auf Inhalte und Organisation des Karnevals zu nehmen.
1936 – Der Karneval wird ein nationales Ereignis
Mitte der 1930er Jahre erkannten die Nationalsozialisten zunehmend den propagandistischen Wert des Kölner Karnevals.

Die Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“ begann, den Karneval gezielt als touristisches Großereignis zu vermarkten. In Zeitungen und Reisebroschüren wurde im ganzen Deutschen Reich für einen Besuch der „rheinischen Narretei“ geworben.
Ein neues Medium spielte dabei eine entscheidende Rolle: das Radio. Erstmals wurde eine große Karnevalssitzung unter dem Titel „Kölle Alaaf“ im Rundfunk übertragen. Millionen Hörer im gesamten Reich konnten nun den Kölner Karneval verfolgen.
Auch neue Rituale entstanden: 1936 fand erstmals eine feierliche Prinzenproklamation in der Kölner Messe statt – ein großes, öffentlich inszeniertes Ereignis.
Zur Finanzierung des Rosenmontagszuges starteten die Karnevalsgesellschaften außerdem eine umfangreiche Spendenkampagne unter den Bürgern. Vertreter der Vereine sammelten in der Stadt Geld für den Zug – und die Kölner spendeten großzügig für „ihren“ Karneval.

Im selben Jahr traf die Stadt eine Nachricht, die viele tief erschütterte: Am 6. August 1936 verstirbt der Liederdichter Willi Ostermann, eine der bekanntesten Figuren des kölschen Karnevals. Rund 35.000 Menschen versammelten sich vor seinem Haus am Neumarkt. Geschäfte schlossen aus Trauer, und Ostermann wurde auf dem Melatenfriedhof im Ehrengrab beigesetzt. Seine Lieder leben bis heute im musikalischen Herz der Kölner weiter.
Auch in diesem Jahr fährt in wieder ein antisemitischer Wagen mit:

1937 – Eingriffe in Traditionen
Mit wachsender politischer Kontrolle griff das NS-Regime zunehmend auch in kulturelle Traditionen ein. Besonders deutlich wurde das beim Umgang mit den Funkenmariechen. Seit Jahrhunderten waren diese Figuren von Männern dargestellt worden – eine humorvolle Tradition des Karnevals. Für die Nationalsozialisten jedoch war dies Ausdruck von „Transvestitismus“, den sie als moralisch verwerflich betrachteten. Bereits 1935 wurden die Karnevalsgesellschaften angewiesen, künftig Frauen als Mariechen auftreten zu lassen. Viele Korps trennten sich daraufhin von ihren männlichen Tänzern. Zeitungen behaupteten gleichzeitig, die Mariechen seien ursprünglich ohnehin von Frauen dargestellt worden – eine bewusste Umdeutung der Tradition im Sinne der NS-Ideologie.

1938 – Die erste weibliche Jungfrau

Noch deutlicher zeigte sich der Einfluss der Politik 1938.
Bis dahin war die Jungfrau im Kölner Dreigestirn immer von einem Mann gespielt worden. Diese Tradition entstand im 19. Jahrhundert, als der organisierte Karneval ausschließlich Männern vorbehalten war.
Doch auf Druck der NSDAP musste die Rolle nun von einer Frau übernommen werden.

Die Wahl fiel auf die 19-jährige Paula Zapf aus Köln-Nippes. Sie wurde zur ersten weiblichen Jungfrau im Kölner Karneval. Das Publikum reagierte überraschend positiv. Nach der Session bescheinigten viele Jecken der jungen Frau, ihre Rolle hervorragend ausgefüllt zu haben. Politisch engagiert war Paula Zapf nicht.

Gleichzeitig entstand in diesem Jahr eine ungewöhnliche Form des Widerstands: Eine heimlich verbreitete alternative Rosenmontagszeitung verspottete die NS-Führung. Herausgegeben wurde sie von Mitgliedern der KPD, gestaltet vom geflohenen Künstler Karl Schleswig.
Auf dem Titelblatt wurde Propagandaminister Joseph Goebbels als Karnevalsprinz karikiert – mit dem Motto: „Immer löje wie jedrukk“ („Immer lügen wie gedruckt“).
Solche Aktionen blieben selten, zeigen aber, dass der Karneval auch als Medium der politischen Satire genutzt werden konnte.
1939 – Der letzte Karneval vor dem Krieg

1939 war der Kölner Karneval bereits stark politisiert, doch gleichzeitig blieb er ein emotionales Ereignis für die Bevölkerung. Die Figuren des Dreigestirns erhielten nun feste Namen; der Prinz trat etwa als Prinz Jupp I. auf. Auch die weibliche Jungfrau war inzwischen akzeptiert. Als Else Horion diese Rolle übernahm, blieb die Aufregung deutlich geringer als ein Jahr zuvor.
In diesem Jahr wurde außerdem der Willi-Ostermann-Brunnen eingeweiht – gegen den Widerstand einiger NS-Funktionäre. Der Rosenmontagszug selbst stand stark im Zeichen der Ostermann-Lieder, die der politischen Propaganda nur wenig Raum ließen.
Es sollte der letzte große Karneval vor dem Krieg sein.
1940–1945 – Das Verstummen der fünften Jahreszeit
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs endete der öffentliche Karneval in Köln nahezu vollständig. Große Veranstaltungen wurden verboten, der Rosenmontagszug fiel aus.
Einige Karnevalisten wollten die Tradition jedoch nicht ganz aufgeben.

1940 proklamierten Mitglieder der Prinzengarde heimlich ein inoffizielles Dreigestirn. Die Zeremonie fand versteckt auf der Kegelbahn eines Lokals statt. Die Rolle der Jungfrau übernahm erneut eine Frau – die 19-jährige Elfriede Figge.
Das Dreigestirn trat allerdings nur ein einziges Mal auf.
Danach verstummte der Karneval für Jahre. Die Bombardierungen der Stadt, der Krieg und schließlich der Zusammenbruch des NS-Regimes ließen keinen Raum mehr für die fünfte Jahreszeit.
Erst 1949, vier Jahre nach Kriegsende, zog wieder ein Rosenmontagszug durch Köln.
Zwischen Anpassung und Identität
Der Kölner Karneval zwischen 1933 und 1945 zeigt eine widersprüchliche Geschichte. Einerseits wurde das Fest zunehmend politisch instrumentalisiert. Antisemitische Darstellungen, organisatorische Kontrolle und Eingriffe in Traditionen belegen den Einfluss der NS-Ideologie. Andererseits blieb der Karneval für viele Kölner ein Teil ihrer kulturellen Identität. Vereine versuchten, Handlungsspielräume zu bewahren, und gelegentlich entstanden sogar kleine Formen des Widerstands. Gerade diese Ambivalenz macht die Geschichte des Karnevals in der NS-Zeit so aufschlussreich: Sie zeigt, wie selbst scheinbar unpolitische Traditionen in einer Diktatur zum Teil des politischen Systems werden können – und wie schwierig es zugleich war, sich diesem Einfluss zu entziehen.