Hintergrund
Neu10 unglaubliche Lebensgeschichten aus dem Kölner Karneval
Der eine verspottete den Hitlergruß und bekam Redeverbot. Ein anderer kehrte erst nach Jahren aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück. Eine Frau aus ärmsten Verhältnissen wurde zum Superstar – und geriet trotzdem fast in Vergessenheit. Und ein Kölner Karnevalslied wurde plötzlich als Ersatz für die deutsche Nationalhymne gespielt. Hinter dem Fastelovend stecken Lebensgeschichten, die weit über die fünfte Jahreszeit hinausreichen. Zehn davon sind besonders erstaunlich.
1. Hans David Tobar – vom gefeierten Karnevalisten zum Maschinisten in New York
Heute ist sein Name selbst vielen Karnevalsfreunden kaum noch bekannt. Vor der NS-Zeit war Hans David Tobar dagegen eine feste Größe der Kölner Unterhaltungsszene.
Der jüdische Schauspieler, Autor und Karnevalist schrieb Revuen und stand selbst auf der Bühne. Zu seinem Umfeld gehörten bekannte Kölner Künstler; auch Willi Ostermann trat in seinen Produktionen auf.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich alles. Jüdische Künstler wurden zunehmend aus dem öffentlichen Kulturleben verdrängt. Tobar konnte schließlich nur noch innerhalb jüdischer Veranstaltungen auftreten.
1939 gelang ihm mit seiner Familie die Flucht über Rotterdam in die USA. Und dort begann für den ehemaligen Kölner Bühnenstar ein völlig anderes Leben: In New York verdiente Tobar seinen Lebensunterhalt als Maschinist in einem lederverarbeitenden Unternehmen.
Den Karneval ließ er trotzdem nicht zurück. Bereits 1940 trat er vor deutschen Emigranten wieder mit karnevalistischen Programmen auf. Tobar starb 1956 in New York.
Eine Karriere, die in Köln begann, von den Nationalsozialisten zerstört wurde – und im Exil trotzdem nicht ganz endete.
2. Grete Fluss – eines von 24 Kindern und später so berühmt wie Ostermann
Ihre Geschichte beginnt weit weg von Glamour und großer Bühne.
Fluss wurde 1892 im armen Kölner Viertel Unter Krahnenbäumen geboren – als neuntes von unglaublichen 24 Kindern eines Polsterers und Kohlenhändlers. Schon mit 14 Jahren trat sie bei einer Veranstaltung der Greesberger auf.
Daraus wurde eine mehr als 50 Jahre dauernde Bühnenkarriere.
Fluss sang, spielte und entwickelte sich zum Revuestar. Sie trat nicht nur in Köln auf, sondern eroberte auch Bühnen außerhalb des Rheinlands. In einer Zeit, in der der organisierte Karneval von Männern beherrscht wurde, wurde ausgerechnet eine Frau aus einfachsten Verhältnissen zu einem seiner größten Stars.
Heute ist sie weitgehend vergessen.
Gerade das macht ihre Geschichte so bemerkenswert.
3. Karl Küpper – der Mann, der den Hitlergruß zur Pointe machte
Auf der Bühne hebt Karl Küpper den rechten Arm. Doch statt „Heil Hitler“ zu rufen, fragt er:
„Es et am rähne?“ – Regnet es?
Ein anderes Mal hebt er den Arm und erklärt sinngemäß, so hoch stehe bei ihm zu Hause der Dreck im Keller.
Es waren gefährliche Pointen.
Während sich große Teile des organisierten Kölner Karnevals mit dem NS-Regime arrangierten, machte Küpper dessen Rituale auf der Bühne lächerlich. 1939 bekam er wegen seiner Auftritte schließlich ein lebenslanges Redeverbot. Er ignorierte es zunächst und musste sich zeitweise sogar täglich bei der Gestapo melden.
Um einer drohenden Verhaftung zu entgehen, meldete er sich schließlich zur Wehrmacht und kam zum Fronttheater. Nach dem Krieg kehrte er auf die Bühne zurück.
Doch auch im demokratischen Nachkriegsdeutschland machte sich Küpper mit seiner politischen Kritik nicht nur Freunde. Es gab politischen Druck auf Karnevalsgesellschaften, ihn nicht mehr zu verpflichten.
Küpper selbst wollte übrigens nicht als Widerstandskämpfer bezeichnet werden. Er verstand sich als Karnevalist, der sich die Freiheit nahm, Autoritäten lächerlich zu machen.
4. Ludwig Sebus – aus sowjetischer Gefangenschaft auf die Karnevalsbühne
Wer Ludwig Sebus als stets elegant gekleideten Grandseigneur des Kölner Karnevals erlebt, sieht ihm nicht an, wie seine Jugend verlaufen war.
1943 wurde er Soldat. Er kam an die Ostfront und geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Erst Ende 1949 kehrte Sebus nach Köln zurück.
Wenig später begann ein völlig neues Leben.
1950 schloss er sich dem Altermarktspielkreis an. Anschließend bereitete ihn das Literarische Komitee des Festkomitees drei Jahre lang auf Bühnenauftritte vor.
Der Durchbruch kam Mitte der 1950er-Jahre mit „Jede Stein in Kölle eß e Stöck vun deer“.
Aus dem jungen Mann, der Krieg und Gefangenschaft erlebt hatte, wurde einer der bekanntesten Vertreter des kölschen Liedes.
Sebus’ Geschichte zeigt besonders drastisch, wie nah Katastrophe und Lebensfreude in den Biografien der Nachkriegsgeneration beieinanderlagen.
5. Karl Berbuer – der Bäcker, dessen Karnevalshit plötzlich Nationalhymne spielte
Karl Berbuer lernte zunächst einen ziemlich bodenständigen Beruf: Er wurde Bäcker.
1924 trat er bei den Roten Funken mit „Se kriggen uns nit kapott“ auf – als Reaktion auf die Einschränkungen des Karnevals während der britischen Besatzungszeit.
Doch seine verrückteste Geschichte spielte sich nach dem Zweiten Weltkrieg ab.
1948 schrieb Berbuer den „Trizonesien-Song“. Deutschland hatte damals noch keine neue offizielle Nationalhymne.
Und plötzlich wurde aus dem Karnevalsschlager beinahe Staatsmusik.
Als der Kölner Jean Schorn 1949 ein internationales Radrennen in Müngersdorf gewann, musste eine deutsche Hymne her. Die Kapelle spielte kurzerhand Berbuers „Trizonesien-Song“. Anwesende belgische Soldaten standen auf und salutierten, weil sie das Stück offenbar für die deutsche Nationalhymne hielten. Selbst Konrad Adenauer erzählte später von der Episode.
Damit dürfte Berbuer etwas geschafft haben, das keinem anderen Kölner Karnevalskomponisten gelang:
Sein Karnevalslied wurde tatsächlich wie eine Nationalhymne behandelt.
6. Trude Herr – erst geht ihr Theater pleite, dann steht sie hinter der Theke
Trude Herrs Karriere klingt im Rückblick wie eine gerade Linie zum Ruhm. Doch das war sie überhaupt nicht.
Herr wuchs in einfachen Verhältnissen in Köln-Kalk auf. Ihr Vater war Kommunist und wurde nach der nationalsozialistischen Machtübernahme verfolgt.
Die junge Trude wollte auf die Bühne – und gründete 1949 ihr eigenes Theater. Das Unternehmen scheiterte.
Herr war praktisch pleite und arbeitete anschließend unter anderem als Bardame. Später gelang ihr der Durchbruch im Karneval, bevor aus der Kölner Büttenrednerin ein bundesweit bekannter Film- und Schlagerstar wurde.
Noch bemerkenswerter: Sie gab sich mit dem Image der komischen „Ulknudel“ nicht zufrieden. Herr gründete erneut ein eigenes Theater, schrieb, inszenierte und spielte ernstere Rollen.
Am Ende hinterließ sie mit „Niemals geht man so ganz“ ausgerechnet eines der emotionalsten kölschen Abschiedslieder.
7. Peter Schnitzler – im Kriegsgefangenenlager entdeckt er die Bühne
Peter Schnitzler sollte eigentlich Kaufmann werden. Dann kam der Krieg.
1944 wurde der 17-Jährige zum Militär eingezogen. 1945 geriet er in britische Kriegsgefangenschaft. Und ausgerechnet dort begann der Weg, der später den Kölner Karneval verändern sollte.
Schnitzler trat im Lager zur Unterhaltung seiner Mitgefangenen auf und kam so erstmals intensiver mit der Bühne in Berührung.
Nach seiner Rückkehr machte er ernst: Tanzlehrerausbildung, Bühnentanz – schließlich wurde aus dem ehemaligen Kriegsgefangenen ein professioneller Tänzer und Choreograf.
Seine besondere Bedeutung für den Karneval liegt im Mariechentanz. Schnitzler wird die entscheidende Weiterentwicklung jener spektakulären Hebefiguren zugeschrieben, die heute beim Tanzpaar selbstverständlich erscheinen.
Was heute zum Standardrepertoire vieler Tanzcorps gehört, hat damit auch mit einem jungen Mann zu tun, der seine ersten Bühnenerfahrungen in einem Gefangenenlager sammelte.
8. Jupp Schlösser – vom Straßenbahnfahrer zum Hitmacher
Auch diese Karriere hätte man kaum planen können.
Jupp Schlösser arbeitete zunächst als Bäcker. Dann wurde er Straßenbahnfahrer.
Und schließlich schrieb er Texte für einige der bekanntesten kölschen Lieder seiner Zeit.
Ende der 1930er-Jahre lernte er den jungen Komponisten Gerhard Jussenhoven kennen. Aus der Begegnung entwickelte sich eine außerordentlich erfolgreiche Zusammenarbeit. Schlösser gab schließlich seinen bisherigen Beruf auf und wurde professioneller Liedtexter.
Er arbeitete nicht nur mit Jussenhoven, sondern auch mit Jupp Schmitz zusammen.
Seine Geschichte erinnert daran, dass viele der Menschen, die den Kölner Karneval kulturell prägten, eben keine hauptberuflichen Entertainer mit durchgeplanter Medienkarriere waren.
Manchmal saß der künftige Hitautor schlicht vorne in der Straßenbahn.
9. Simon Oppenheim – der Bankier, der im Karneval zur „Venetia“ wurde
Diese Geschichte führt ganz zurück in die Anfangszeit des organisierten Kölner Karnevals.
Simon Oppenheim entstammte der berühmten jüdischen Bankiersfamilie Oppenheim. Er gehörte damit zu einer gesellschaftlichen Schicht, die erheblichen Einfluss auf das wirtschaftliche Leben Kölns hatte.
Im jungen organisierten Karneval übernahm der Bankier allerdings eine überraschende Rolle: Er verkörperte die „Venetia“, eine weibliche Figur an der Seite des Helden Carneval.
Ein wohlhabender jüdischer Bankier trat also in den 1820er-Jahren im Karneval in einer Frauenrolle auf.
Gerade im Rückblick bekommt diese Episode zusätzliche Bedeutung. Mehr als hundert Jahre später wurden jüdische Karnevalisten unter den Nationalsozialisten ausgegrenzt. Gleichzeitig bekämpften die Nazis Männer in weiblichen Karnevalsrollen.
Oppenheims Auftritte erinnern daran, wie vielschichtig die Geschichte des Kölner Karnevals schon ganz am Anfang war.
10. Emil Jülich – seine Lieder blieben, sein Name verschwand
Emil Jülich war einmal ein bekannter Name im Kölner Karneval.
Heute kennen ihn nur noch wenige.
Der jüdische Dichter, Komponist und Interpret schrieb kölsche Lieder und gehörte zur Karnevalskultur seiner Zeit. Jülich starb bereits 1923 – zehn Jahre vor der nationalsozialistischen Machtübernahme.
Er selbst konnte deshalb nicht mehr von den Nationalsozialisten verfolgt werden.
Sein Andenken aber schon.
Jülichs jüdische Herkunft passte nicht in das Kulturverständnis des NS-Regimes. Sein Werk wurde aus dem öffentlichen Bewusstsein gedrängt; das Festkomitee erinnert heute ausdrücklich an ihn im Zusammenhang mit dem jüdischen Erbe des Kölner Karnevals.
Das macht seine Geschichte auf eine besondere Weise tragisch:
Jülich war längst tot, als versucht wurde, ihn ein zweites Mal verschwinden zu lassen – diesmal aus der Erinnerung.
Die zehn Lebensläufe zeigen einen anderen Kölner Karneval als den der großen Säle und bunten Uniformen. Seine Geschichte wurde von Menschen geschrieben, die Kriege und Gefangenschaft überlebten, verfolgt oder vertrieben wurden, aus ärmsten Verhältnissen kamen oder auf völlig unerwarteten Wegen auf der Bühne landeten.
Und vielleicht ist ausgerechnet das die erstaunlichste Erkenntnis: Einige der spannendsten Menschen des Kölner Karnevals sind heute diejenigen, deren Namen kaum noch jemand kennt.
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