Andrea Schönenborn ist heute vor allem als Sängerin der Funky Marys, als Songwriterin und als Moderatorin des WDR bekannt. Ihre Karriere im Kölner Karneval begann jedoch bereits im Vorschulalter. Unter dem Namen „Et Malörche“ stand sie als Fünfjährige im Kölner Gürzenich und wurde zu einer der bekanntesten Kinderstimmen des Fastelovends der 1980er-Jahre.
Der Name passte dabei gleich in mehrfacher Hinsicht. Das kölsche Wort „Malör“ bezeichnet ein Missgeschick oder eine unangenehme Überraschung. Andrea Schönenborn sang zunächst das Lied „Ich bin e klein Malörche“. Wenig später sorgte ihr Auftritt bei der Kölner Prinzenproklamation tatsächlich für ein politisches und juristisches Malheur, weil ein Kind zu später Stunde auf der Bühne stand.
Was zunächst wie eine kleine karnevalistische Episode wirkte, wurde zum Beginn einer außergewöhnlich langen Bühnenlaufbahn. Aus dem kleinen Malörche wurde später die Frontfrau einer erfolgreichen Frauenband, eine gefragte Moderatorin und eine feste Größe des Kölner Karnevals.
Andrea Schönenborn steht schon als Kind auf der Bühne
Andrea Schönenborn wurde 1976 in Köln geboren. Bereits im Alter von vier Jahren sammelte sie erste Bühnenerfahrungen. Der Karneval gehörte damit von Anfang an zu ihrem Leben.
Ihre erste Studioaufnahme entstand 1981. Jahrzehnte später erinnerte sich Schönenborn in einem eigenen Beitrag an diese erste Aufnahmesitzung. Das Lied trug den Titel „Ich bin e klein Malörche“ und gab der jungen Sängerin zugleich ihren späteren Künstlernamen.
Der Titel war für ein Kind gut verständlich und griff eine typische kölsche Redewendung auf. Ein kleines Malörche stellt etwas an, gerät in Schwierigkeiten oder verursacht unbeabsichtigt Unruhe. Dabei bleibt die Figur sympathisch, weil hinter dem Missgeschick keine böse Absicht steckt.
Diese Mischung aus kindlichem Charme, kölscher Sprache und einer leicht frechen Bühnenfigur funktionierte im Karneval besonders gut. Andrea Schönenborn wirkte nicht wie ein Kind, das lediglich ein Erwachsenenlied nachsang. Mit „Et Malörche“ besaß sie eine eigene, sofort erkennbare Rolle.
Der berühmte Auftritt bei der Prinzenproklamation
Im Januar 1982 erhielt die fünfjährige Andrea Schönenborn die Gelegenheit, bei der Kölner Prinzenproklamation im Gürzenich aufzutreten. Für eine Nachwuchssängerin war dies eine außergewöhnlich große Bühne. Die Prinzenproklamation gehört schließlich zu den wichtigsten Veranstaltungen des organisierten Kölner Karnevals.
Der Auftritt begann am Abend gegen 20.20 Uhr. Genau darin lag das Problem: Nach den damals geltenden Schutzvorschriften durfte ein so junges Kind zu dieser Uhrzeit nicht mehr als Künstlerin auf einer Bühne stehen.
Der damalige Festkomitee-Präsident Heiner Mühr versuchte, die Situation mit einem karnevalistischen Scherz zu lösen. Das Publikum sollte seine Uhren zurückstellen. Was im Saal für Heiterkeit sorgte, überzeugte die Behörden jedoch nicht.
Der damalige Kölner Regierungspräsident Franz-Josef Antwerpes griff den Fall auf. Nach einem späteren Rückblick des „Express“ auf Andrea Schönenborns Bühnenjubiläum kam es zu einem Verfahren. Heiner Mühr musste demnach eine Geldstrafe von 80 D-Mark bezahlen und seinen Posten aufgeben.
Der Name „Et Malörche“ existierte durch das 1981 aufgenommene Lied bereits. Durch den Auftritt im Gürzenich bekam er jedoch eine beinahe wörtliche Bedeutung: Ausgerechnet das kleine Malörche hatte für ein großes Malör im Kölner Karneval gesorgt.
Andrea Schönenborn selbst konnte die Aufregung damals kaum einordnen. Sie war erst fünf Jahre alt und konzentrierte sich vor allem auf ihren Auftritt. Später erinnerte sie sich hauptsächlich daran, dass sie sich schon als Kind auf der Bühne wohlgefühlt hatte.
Vom Kinderlied zur festen Karnevalsnummer
Nach dem viel beachteten Auftritt blieb „Et Malörche“ auf den Kölner Karnevalsbühnen präsent. Andrea Schönenborn trat auf Sitzungen und in Fernsehsendungen auf. Historische Aufnahmen zeigen sie beispielsweise 1984 mit dem Lied „Am Rusemondach“ im damaligen WWF-Club. Auch ein Auftritt bei „Karneval in Köln“ aus dem Jahr 1987 ist erhalten geblieben.
Damit war „Et Malörche“ keine einmalige Kinderattraktion. Andrea Schönenborn entwickelte sich zu einer erfahrenen jungen Sängerin, die bereits in den 1980er-Jahren mit den Abläufen großer Karnevalsveranstaltungen vertraut war.
Das erforderte mehr als eine kindliche Stimme. Bei Sitzungen musste sie Einsätze erkennen, mit Orchestern oder eingespielten Begleitungen arbeiten und auch dann sicher auftreten, wenn im Saal Unruhe herrschte. Gleichzeitig durfte die natürliche Wirkung ihrer Kinderfigur nicht verloren gehen.
Andrea Schönenborn lernte somit früh jene Fähigkeiten, die sie später als Sängerin und Moderatorin benötigte: Präsenz, Spontaneität, Verständlichkeit und einen direkten Kontakt zum Publikum.
Was die Bühnenfigur „Et Malörche“ auszeichnete
„Et Malörche“ war in erster Linie eine musikalische Kinderfigur. Andrea Schönenborn trat nicht als klassische Büttenrednerin auf. Ihre Wirkung entstand durch Lieder, kurze Moderationen und ihr selbstbewusstes Auftreten.
Der Künstlername erfüllte dabei eine wichtige Funktion. Im traditionellen Kölner Karneval sind prägnante Typen besonders bedeutend. Namen wie „Et Rumpelstilzje“, „Et fussich Julche“ oder „Ne kölsche Schutzmann“ sagen dem Publikum schon vor dem Auftritt, welche Figur es erwartet.
Auch bei „Et Malörche“ entstand sofort ein Bild: ein kleines kölsches Mädchen, das scheinbar unbeabsichtigt für Aufregung sorgt, sich davon aber nicht beeindrucken lässt. Die Figur war niedlich, ohne vollkommen brav zu wirken. Gerade diese leichte Frechheit passte zum Fastelovend.
Hinzu kam die kölsche Sprache. Andrea Schönenborn lernte schon als Kind, dass Dialekt nicht nur aus einzelnen Wörtern besteht. Entscheidend sind ebenso Aussprache, Rhythmus, Betonung und das besondere Verhältnis zum Publikum.
Anerkennung im Kreis der Kölner Karnevalisten
Andrea Schönenborn gehörte als „Et Malörche“ zum Umfeld des Stammtischs Kölner Karnevalisten. Die 1951 gegründete Vereinigung brachte Sänger, Redner, Duette und weitere Bühnenkünstler zusammen.
In der Chronik des Stammtischs Kölner Karnevalisten wird Andrea Schönenborn mit ihrer damaligen Bühnenfigur ausdrücklich unter den unvergessenen Künstlerinnen und Künstlern aus der Zeit zwischen 1972 und 1984 genannt. In dieser Aufzählung steht sie neben bekannten Namen wie Günter Dahmen, King Size Dick und den Vier Schwadlappe.
Die Erwähnung zeigt, dass „Et Malörche“ im damaligen Sitzungskarneval tatsächlich als eigenständige Nummer wahrgenommen wurde. Andrea Schönenborn war nicht nur das Kind einer karnevalsbegeisterten Familie, das gelegentlich auftreten durfte. Sie gehörte bereits in jungen Jahren zum Kreis der aktiven Künstlerinnen und Künstler.
Ausbildung und zeitweilige Pause vom Karneval
Trotz ihrer frühen Erfolge setzte Andrea Schönenborn nicht ausschließlich auf eine Bühnenkarriere. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Industriekauffrau und zur Fremdsprachenkorrespondentin. Anschließend studierte sie Betriebswirtschaftslehre.
1999 ging sie für ein Jahr nach England, um einen MBA zu erwerben. In dieser Phase legte sie für mehrere Jahre eine Pause vom Karneval ein. Das war ein deutlicher Einschnitt, schließlich hatte sie seit ihrer frühen Kindheit regelmäßig auf der Bühne gestanden.
Die kaufmännische Ausbildung wurde später zu einem wichtigen Bestandteil ihrer Laufbahn. Schönenborn arbeitete nicht nur als Sängerin, sondern auch als Unternehmerin, Künstlermanagerin und Entwicklerin neuer Veranstaltungsformate. Ihre Verbindung aus Bühnenpraxis und betriebswirtschaftlichem Wissen ermöglichte es ihr, künstlerische Projekte auch organisatorisch zu begleiten.
Von „Et Malörche“ zu den Funky Marys
Im Jahr 2002 begann ein neues Kapitel. Andrea Schönenborn gründete gemeinsam mit ihrer Schwester Yvonne und weiteren Sängerinnen die Funky Marys. Die Gruppe ging aus einem Casting des „Express“ und des Plattenlabels Pavement Records hervor.
Die Funky Marys brachten eine moderne Frauenformation auf die Bühnen des Kölner Karnevals. Ihr Repertoire verband kölsche Texte mit Schlager, Pop und tanzbaren Arrangements. Damit unterschied sich die Gruppe deutlich von Andrea Schönenborns früherer Rolle als kindliche Solistin.
Dennoch lassen sich klare Verbindungen zu „Et Malörche“ erkennen. Schon als Kind hatte Schönenborn gelernt, wie wichtig eine unverwechselbare Bühnenfigur ist. Bei den Funky Marys wurde dieses Prinzip auf eine ganze Gruppe übertragen: ein klares Erscheinungsbild, starke weibliche Stimmen und eine direkte Ansprache des Publikums.
Als Frontfrau übernahm Andrea Schönenborn zudem Verantwortung für Organisation, Außendarstellung und musikalische Entwicklung. Die offizielle Seite der Funky Marys beschreibt die Formation heute als erfolgreiche Frauenband mit bis zu 200 Auftritten im Jahr.
Zu den bekannten Titeln der Funky Marys gehören unter anderem „Ich schenk dir mi Hätz“, „Die Mädche vum Rhing“, „D.A.N.Z.E.“, „En Woch lang wach“ und „Nur met Dir“. Aus dem kleinen Malörche war damit die Frontfrau einer der bekanntesten weiblichen Formationen des rheinischen Karnevals geworden.
Kölscher Swing mit dem Rattepack
Andrea Schönenborn zeigte ihre musikalische Vielseitigkeit außerdem bei „Dat kölsche Rattepack“. Die Formation überträgt den Stil des amerikanischen Rat Packs um Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis junior in die kölsche Sprache.
Gemeinsam mit Oliver Blum und Uwe Modler interpretierte Schönenborn Swingnummern mit kölschen Texten. Die Künstlerseite der Kölschen Heimat beschreibt sie als regelmäßige Verstärkung des Ensembles.
Diese Auftritte verlangten eine andere Art des Singens als die temperamentvollen Programme der Funky Marys. Schönenborn konnte dabei ihre Erfahrung als Solistin einbringen und zeigen, dass ihre Stimme auch zu eleganteren Swingarrangements passt.
Andrea Schönenborn als Karnevalsmoderatorin im WDR
Ihre jahrzehntelange Erfahrung machte Andrea Schönenborn schließlich auch für das Fernsehen interessant. Seit 2015 gehört sie zum Moderatorenteam der WDR-Übertragung von der großen Sessionseröffnung am 11.11. auf dem Kölner Heumarkt.
Bei ihrem Einstieg moderierte sie gemeinsam mit Lukas Wachten. Beide folgten auf Marita Köllner und Wicky Junggeburth, die zuvor zehn Jahre lang durch die Sendung geführt hatten.
Inzwischen präsentiert sie die Sessionseröffnung gemeinsam mit Guido Cantz. Dabei führt sie Interviews, spricht mit Künstlern und Besuchern und vermittelt die Stimmung auf dem Heumarkt an die Zuschauerinnen und Zuschauer.
Auch hier hilft ihr die Erfahrung aus der Kindheit. Andrea Schönenborn kennt den Karneval nicht nur aus der Perspektive einer Fernsehmoderatorin. Sie weiß, wie sich Künstler unmittelbar vor einem Auftritt fühlen, wie schnell sich ein Zeitplan verändern kann und wie unterschiedlich ein Publikum reagiert.
Vom Kinderstar zur vielseitigen Karnevalistin
Die Geschichte von „Et Malörche“ ist weit mehr als eine amüsante Anekdote über einen zu späten Kinderauftritt. Sie bildet den Ausgangspunkt einer Laufbahn, die sich über mehrere Jahrzehnte erstreckt.
Andrea Schönenborn hat im Kölner Karneval sehr unterschiedliche Rollen übernommen:
- als Kindersängerin „Et Malörche“
- als Solistin
- als Frontfrau der Funky Marys
- als Sängerin beim Kölschen Rattepack
- als Songwriterin
- als Unternehmerin und Künstlermanagerin
- als Moderatorin im WDR
Nur wenige Künstlerinnen können auf eine vergleichbar lange Verbindung zum Fastelovend zurückblicken. Schönenborn kennt sowohl den traditionellen Sitzungskarneval der 1980er-Jahre als auch die großen Open-Air-Veranstaltungen und Fernsehproduktionen der Gegenwart.
„Et Malörche“ bleibt der Anfang einer besonderen Karriere
Andrea Schönenborn wird heute nicht mehr in erster Linie als „Et Malörche“ angekündigt. Die Kinderfigur gehört zu einem früheren Abschnitt ihrer Karriere. Dennoch ist sie für das Verständnis ihres späteren Erfolges von großer Bedeutung.
Schon mit fünf Jahren erlebte sie einen der wichtigsten Säle des Kölner Karnevals. Sie lernte früh, vor großem Publikum zu singen, auf unerwartete Situationen zu reagieren und eine erkennbare Bühnenpersönlichkeit zu entwickeln.
Der Auftritt bei der Prinzenproklamation wurde wegen der Auseinandersetzung um die Uhrzeit zu einem Stück Kölner Karnevalsgeschichte. Doch Andrea Schönenborn bewies anschließend, dass sie mehr war als das Kind im Mittelpunkt dieses einmaligen Malheurs.
Aus „Et Malörche“ wurde eine vielseitige Sängerin, Moderatorin und Unternehmerin. Der Künstlername erinnert bis heute an den Anfang einer Karriere, die im Kölner Karneval begann und dort noch immer ihren festen Platz besitzt.