Mehr als drei Jahrzehnte lang gehörten seine Stimme, sein verschmitztes Lächeln und sein markanter Schnurrbart fest zum Kölner Karneval: Henning Krautmacher war von 1986 bis 2022 Frontmann der Höhner und prägte damit eine der erfolgreichsten Epochen der bekannten Kölner Mundartband.
Unter seiner Mitwirkung entstanden Lieder wie „Die Karawane zieht weiter“, „Dicke Mädchen haben schöne Namen“ und „Viva Colonia“. Andere Höhner-Klassiker, darunter „Echte Fründe“, waren zwar bereits vor seinem Eintritt in die Band veröffentlicht worden, wurden aber über Jahrzehnte untrennbar mit seiner Stimme und seinen Auftritten verbunden.
Krautmacher war dabei weit mehr als der Sänger in der Mitte der Bühne. Er führte durch die Auftritte, suchte den direkten Kontakt zum Publikum und verstand es, selbst einen unruhigen Karnevalssaal innerhalb kurzer Zeit zum Mitsingen zu bringen. Für viele Menschen wurde er dadurch zum Gesicht der Höhner und zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten des Kölner Fastelovends.
Frühe Begegnungen mit dem Karneval
Henning Walter Krautmacher wurde am 5. März 1957 in Leverkusen-Schlebusch geboren. Seine Verbindung zum rheinischen Karneval begann bereits in der Kindheit. Als Junge durfte er Kinderprinz in Leverkusen sein und lernte früh die besondere Atmosphäre von Umzügen, Sitzungen und karnevalistischen Auftritten kennen.
Sein beruflicher Weg führte zunächst nicht unmittelbar in die Musik. Krautmacher absolvierte eine Ausbildung zum Schauwerbegestalter, beschäftigte sich mit Heilpädagogik und arbeitete zeitweise als Journalist. Parallel dazu blieb die Musik ein wichtiger Bestandteil seines Lebens.
Vor seinem Einstieg bei den Höhnern gehörte er unter anderem zu den Gruppen „Locker vom Hocker“ und „Uss d’r Lameng“. Mit „Uss d’r Lameng“ trat er bereits auf karnevalistischen Bühnen auf. Die Formation wurde auch durch das Lied „Mir sin die Fans us dem Bayer-Stadion“ bekannt.
1982 nahm die Gruppe an der Talentprobe am Kölner Tanzbrunnen teil und gewann den Wettbewerb. Damit hatte Krautmacher schon vor seiner Zeit bei den Höhnern Bühnenerfahrung gesammelt und bewiesen, dass er ein großes Publikum erreichen konnte.
Henning Krautmacher kommt zu den Höhnern
Die Höhner waren bereits seit 1972 aktiv, als Henning Krautmacher 1986 zur Band kam. Er wurde Nachfolger des bisherigen Frontmanns Peter Horn. Der Wechsel erfolgte nicht von einem Tag auf den anderen: Nach Angaben der offiziellen Höhner-Bandgeschichte standen Peter Horn und Henning Krautmacher noch etwa ein Jahr gemeinsam auf der Bühne.
Diese Übergangszeit gab Krautmacher die Möglichkeit, das umfangreiche Repertoire und die besonderen Abläufe des Kölner Sitzungskarnevals kennenzulernen. Gleichzeitig konnte sich das Publikum schrittweise an das neue Gesicht in der ersten Reihe gewöhnen.
Schon 1987 landeten die Höhner mit ihrem neuen Sänger einen großen Erfolg: „Pizza Wundaba“ entwickelte sich zu einem beliebten Stimmungs- und Karnevalslied. Krautmacher hatte damit schnell gezeigt, dass er die Band nicht nur verwalten, sondern eine neue Phase ihrer Geschichte mitgestalten konnte.
Ein Frontmann für den Karnevalssaal
Ein erfolgreicher Sänger im Kölner Karneval benötigt besondere Fähigkeiten. Anders als bei einem normalen Konzert trifft eine Band im Sitzungskarneval häufig auf ein Publikum, das bereits mehrere Stunden gefeiert hat. Die Künstler haben nur wenig Zeit, um die Aufmerksamkeit des Saales zu gewinnen.
Henning Krautmacher beherrschte diese Form des Auftritts. Er konnte einen Saal unmittelbar ansprechen, Refrains anstimmen und die Besucher zum Schunkeln, Klatschen oder Aufstehen bewegen. Seine Ansagen waren knapp, humorvoll und auf die jeweilige Situation abgestimmt.
Dabei wirkte er auf der Bühne stets präsent, ohne die übrigen Bandmitglieder in den Hintergrund zu drängen. Krautmacher betonte selbst immer wieder den Teamgedanken. Die Höhner verstanden sich nicht als Begleitmusiker eines Solosängers, sondern als Band, deren Mitglieder gemeinsam für den Erfolg verantwortlich waren.
In einer Karnevalssession absolvierten die Höhner zeitweise zwischen 150 und 200 Auftritte. An besonders vollen Tagen wechselte die Band innerhalb weniger Stunden zwischen Sitzungssälen, Festzelten, Fernsehstudios und großen Open-Air-Bühnen. Dieses Arbeitspensum verlangte Disziplin, Kondition und eine genaue Organisation.
Das Markenzeichen: der Schnurrbart
Neben seiner Stimme besaß Henning Krautmacher ein optisches Markenzeichen, das im Laufe der Jahre fast ebenso bekannt wurde wie die Höhner-Lieder: seinen gezwirbelten Schnurrbart.
Der Schnäuzer passte hervorragend zu seiner Rolle als verschmitzter, freundlicher und leicht schelmischer Frontmann. In Karikaturen, Kostümen und Masken wurde er immer wieder aufgegriffen. Wer sich im Karneval als Henning Krautmacher verkleiden wollte, benötigte häufig nur einen auffälligen Schnurrbart, eine Perücke und ein Mikrofon.
Krautmacher trug den Bart bereits lange vor seinem Eintritt bei den Höhnern. Erst nach seinem Ausscheiden aus der Band trennte er sich von dem jahrzehntelangen Markenzeichen. Damit machte er auch äußerlich deutlich, dass ein neuer Lebensabschnitt begonnen hatte.
„Die Karawane zieht weiter“
Einer der größten Erfolge aus der Krautmacher-Ära erschien 1997: „Die Karawane zieht weiter … dä Sultan hät Doosch!“ Das Lied entwickelte sich schnell zu einem Karnevalsklassiker.
Der Titel enthält alles, was ein erfolgreiches Stimmungslied benötigt: ein sofort erkennbares musikalisches Thema, einen leicht verständlichen Refrain und Bewegungen, die ein ganzer Saal mitmachen kann. Das Lied funktionierte im Sitzungskarneval ebenso wie bei Straßenfesten, Partys und großen Konzerten.
Krautmacher war gemeinsam mit weiteren Bandmitgliedern und Autoren an der Entstehung beteiligt. Die Single brachte den Höhnern ihre erste Goldene Schallplatte. Auf der offiziellen Internetseite nennt die Band eine Verweildauer von 38 Wochen in den Charts und 380.000 verkaufte Exemplare.
Die Redewendung „Die Karawane zieht weiter“ bekam durch das Lied eine zusätzliche karnevalistische Bedeutung. Ganz gleich, was geschieht: Die Musik spielt weiter, die Jecken feiern und die nächste Bühne wartet bereits.
„Dicke Mädchen haben schöne Namen“
2001 folgte mit „Dicke Mädchen haben schöne Namen“ ein weiterer erfolgreicher Karnevalstitel. Geschrieben wurde das Lied von Henning Krautmacher, Hannes Schöner, Jan-Peter Fröhlich und Peter Werner-Jates.
Der Refrain mit den Namen Tosca, Rosa und Carmen blieb schnell im Gedächtnis. Das Lied schaffte den Sprung in die deutschen Singlecharts und wurde zu einem festen Bestandteil zahlreicher Karnevalsveranstaltungen.
Auch abseits der Höhner beteiligte sich Krautmacher an kölschen Liedern. Gemeinsam mit Marita Köllner schrieb er 1988 „Denn mir sin kölsche Mädcher“. Der Titel war das erste Lied, mit dem die zuvor als Büttenrednerin bekannte Köllner in das Gesangsfach wechselte. Er entwickelte sich zu einem Evergreen des Kölner Karnevals.
Diese Arbeiten zeigen, dass Krautmacher nicht nur Interpret war. Er wirkte auch als Texter und Komponist an der Entwicklung des kölschen Liedguts mit.
„Viva Colonia“ wird zur Hymne
Der größte Titel der Krautmacher-Jahre erschien 2003: „Viva Colonia“. Das Lied wurde weit über Köln und den Karneval hinaus bekannt. Sein Refrain lässt sich auch von Menschen mitsingen, die nur wenig Kölsch verstehen.
Henning Krautmacher schrieb den Titel gemeinsam mit Peter Werner, Jan-Peter Fröhlich und Hannes Schöner. Die GEMA bezeichnet „Viva Colonia“ als einen der Höhepunkte seines künstlerischen Schaffens.
Inhaltlich verbindet das Lied typische Kölner Begriffe und Orte mit einer einfachen Einladung zum gemeinsamen Feiern. Es geht um die Stadt, den Dom, den Rhein, den 1. FC Köln, die Kölner Haie und das kölsche Lebensgefühl. Zugleich ist der Refrain so offen gestaltet, dass das Lied auch außerhalb des Rheinlands verstanden wird.
„Viva Colonia“ wurde auf Volksfesten, bei Sportveranstaltungen und auf Feiern in ganz Deutschland gespielt. Es entstanden Übersetzungen und regionale Abwandlungen. Trotzdem blieb die Verbindung zu Köln immer erhalten.
Für den Kölner Karneval besitzt das Lied eine besondere Bedeutung. Sobald die ersten Takte erklingen, muss der Sänger den Saal kaum noch auffordern: Das Publikum übernimmt den Refrain fast automatisch. Nur wenige moderne Karnevalslieder haben eine vergleichbare Bekanntheit erreicht.
Vom Karneval in die großen Arenen
Unter Henning Krautmacher gelang es den Höhnern, ihre Herkunft aus dem Kölner Karneval mit einer überregionalen Musikkarriere zu verbinden. Die Band trat weiterhin in Sitzungssälen auf, spielte aber gleichzeitig große Konzerte und entwickelte neue Bühnenformate.
Mit „Höhner Classic“ verband die Gruppe kölsche Musik mit einem Sinfonieorchester. Die „Höhner Weihnacht“ etablierte sich als eigene Konzertreihe. Hinzu kamen gemeinsame Produktionen mit dem Circus Roncalli und später der Höhner Rock and Roll Circus.
Einen weiteren bundesweiten Erfolg erzielte die Band mit „Wenn nicht jetzt, wann dann?“. Das Lied wurde während der Handball-Weltmeisterschaft 2007 zur Hymne der deutschen Mannschaft und erreichte Platz eins der deutschen Singlecharts.
Auch wenn dieser Erfolg nicht unmittelbar aus einer Karnevalssession entstand, entsprach das Lied genau dem Prinzip vieler Höhner-Titel: ein einfacher Refrain, eine positive Botschaft und das Gefühl, gemeinsam etwas erreichen zu können. Deshalb fand der Titel schnell auch seinen Platz im Karneval.
Zu den weiteren bekannten Liedern der Krautmacher-Zeit gehören „Schenk mir dein Herz“, „Hey Kölle, du bes e Jeföhl“, „Steh auf, mach laut!“, „Ävver et Hätz bliev he in Kölle“ und „Wir sind für die Liebe gemacht“.
Eine Zusammenstellung der wichtigsten Titel aus der gesamten Bandgeschichte veröffentlichte Universal Music zum 50-jährigen Höhner-Jubiläum unter dem Namen „50 Jahre – 50 Hits“.
Mehr als nur ausgelassene Stimmung
Henning Krautmacher und die Höhner wurden häufig auf ihre großen Partyhits reduziert. Das Repertoire umfasste jedoch auch ruhige und gesellschaftlich engagierte Titel.
Mit „Wann jeiht d’r Himmel widder op?“ beteiligten sich die Höhner 1992 an der Kölner Initiative „Arsch huh, Zäng ussenander“ gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Das Lied „Alles verlore“ beschäftigte sich mit Obdachlosigkeit.
Auch Krautmacher selbst engagierte sich über viele Jahre sozial. Mehr als zwei Jahrzehnte unterstützte er die DKMS im Kampf gegen Blutkrebs. Außerdem setzte er sich für die Leseförderung von Kindern ein.
2019 erhielt er für sein ehrenamtliches Engagement das Bundesverdienstkreuz am Bande. Die DKMS würdigte dabei besonders seinen langjährigen Einsatz und seine Fähigkeit, andere Menschen zur Unterstützung zu bewegen.
Dieses Engagement passt zu einem Grundgedanken, den viele Lieder der Höhner vermitteln: Gemeinschaft soll nicht nur besungen, sondern auch gelebt werden.
Der Abschied von den Höhnern
Im Jahr 2022 kündigte Henning Krautmacher an, seine Zeit als Frontmann der Höhner zu beenden. Nach 36 Jahren wollte er den Platz in der ersten Reihe an einen Nachfolger übergeben. Mit Patrick Lück stand dieser bereits fest. Beide Sänger traten zunächst gemeinsam auf, damit der Wechsel schrittweise erfolgen konnte.
Eigentlich war Krautmachers Abschied zum Ende des Jahres 2022 geplant. Wegen einer schweren Erkrankung seiner Ehefrau zog er sich jedoch bereits im November von den regulären Auftritten zurück, um für sie da zu sein.
Die Übergabe an Patrick Lück war zu diesem Zeitpunkt innerhalb der Band bereits vorbereitet. Krautmacher machte deutlich, dass die Höhner auch ohne ihn ihren Weg fortsetzen sollten.
Im Mai 2023 bekam er im Rahmen des Höhner Rock and Roll Circus in Köln noch einmal die Gelegenheit zu einem persönlichen Abschied. Bei der letzten Vorstellung am Pfingstsamstag verabschiedeten ihn die Band und das Publikum mit einem eigenen Lied und lang anhaltendem Applaus.
Henning Krautmacher ist seitdem nicht mehr regulärer Frontmann der Höhner. Gelegentliche Gastauftritte sind möglich, stellen aber keine Rückkehr in die frühere Rolle dar.
Eine prägende Persönlichkeit des Kölner Fastelovends
Henning Krautmacher hat die Höhner nicht gegründet. Als er 1986 zur Band kam, besaß die Formation bereits bekannte Lieder und eine lange Geschichte. Dennoch prägte er ihr Erscheinungsbild über 36 Jahre so stark, dass die Höhner für mehrere Generationen kaum ohne ihn vorstellbar waren.
Seine besondere Leistung bestand darin, unterschiedliche Bühnenwelten miteinander zu verbinden. Er funktionierte im kleinen Karnevalssaal ebenso wie vor Zehntausenden Menschen in einer Arena. Er konnte kölsche Mundartlieder präsentieren, eine Party anführen, eine Ballade singen oder gemeinsam mit einem Orchester auftreten.
Als Texter und Komponist war er an mehreren großen Erfolgen beteiligt. Vor allem „Viva Colonia“ bleibt dauerhaft mit seinem Namen verbunden. Das Lied ist längst mehr als ein Sessionshit: Es gehört zum musikalischen Selbstbild Kölns.
Henning Krautmacher wurde damit nicht nur zur Stimme der Höhner, sondern zu einem wichtigen Botschafter des Kölner Karnevals. Auch nach seinem Abschied erklingen die von ihm mitgeprägten Lieder weiter – in den Sälen, auf den Straßen, in den Stadien und überall dort, wo Menschen gemeinsam „Da simmer dabei“ singen.