Auf alten Aufnahmn der Eilemänner fällt der Blick oft zuerst auf Günter Eilemann mit dem Akkordeon oder auf den Kontrabass, an dem Horst Muys und später Charly Niedieck ihre ganze Komik entfalten konnten. Und dann ist da Willy Schweden: die Gitarre sicher in den Händen, meist ein wenig zurückgenommen, aufmerksam, gelassen. Er musste keine große Geste machen, um da zu sein. Er gehörte zu jenen Musikern, deren Bedeutung man manchmal erst ganz erfasst, wenn man sich vorstellt, sie wären nicht da.
Die Sängerin Ute Caroline Geller erinnerte sich viele Jahre später an einen Menschen, der nie aufdringlich gewesen sei, dafür ehrlich, echt und musikalisch unmittelbar berührend. Diese liebevolle Erinnerung beschreibt nicht nur einen privaten Freund. Sie erklärt auch viel von Schwedens Platz bei den Eilemännern: Er war kein Mann der Eitelkeit, sondern ein Mann der Verlässlichkeit. Einer, der nicht nach dem Schein fragte, sondern danach, ob ein Ton saß, ein Rhythmus trug und aus drei Musikern für einen Augenblick ein vollkommenes Ganzes wurde.
Vom Dentisten zum selbst ausgebildeten Gitarristen
Willy Schweden wurde 1928 geboren und stammte aus einer Kölner Dentistenfamilie. Sein Vater betrieb eine Praxis in Nippes, und auch der Sohn erlernte zunächst diesen Beruf. Später beschäftigte er sich außerdem mit Naturheilkunde. Doch seine eigentliche Leidenschaft lag längst woanders: bei der Gitarre, beim Jazz und beim Swing.
Vorbilder wie Charlie Christian und Django Reinhardt standen für eine Musik, die rhythmische Präzision mit Freiheit, Eleganz und persönlichem Ausdruck verband. Schweden brachte sich das Gitarrenspiel weitgehend selbst bei und arbeitete so beharrlich an seinem Können, dass aus dem Autodidakten ein professioneller Musiker wurde. Die Entscheidung für die Musik bedeutete, einen sicheren Beruf hinter sich zu lassen – sehr zum Bedauern seines Vaters, wie die überlieferten Darstellungen berichten. Es war dennoch die richtige Entscheidung. Denn Köln gewann damit einen Gitarristen, der den Fastelovend nicht nur begleiten, sondern seinen Klang über Jahrzehnte mittragen sollte.
Der Eintritt in eine kölsche Erfolgsgeschichte
Das Eilemann-Trio war 1952 von Günter Eilemann, dem Gitarristen Karl-Heinz Nettesheim und dem Bassisten Horst Muys gegründet worden. Die drei stellten dem damals stark von Solisten geprägten Karneval etwas Neues entgegen: eine kleine, bewegliche Gruppe aus Akkordeon, Rhythmusgitarre und Kontrabass. Ihre Lieder waren musikalische Momentaufnahmen des Kölner Alltags. „Eetz kütt et rut, rut, rut“, der frühe Erfolg über die neuen Verkehrsampeln in Lindenthal, zeigte beispielhaft, wie aufmerksam und schnell das Trio aufgriff, worüber die Stadt gerade sprach.
1956 kam dann Willy Schweden für Karl-Heinz Nettesheim zu den Eilemännern. Er trat also nicht in eine unbekannte Formation ein. Die Eilemänner hatten sich bereits einen Namen gemacht. Aber er wurde Teil jener langen Reifezeit, in der aus einem bis dahin schon erfolgreichen Trio eine echte Institution des Kölner Karnevals wurde. Zu den bekannten Titeln dieser Jahrzehnte gehören „Vater ist der Beste“, „Oh Heimat, wie bist du so schön“, „Sie will ja nach Sevilla“, „Morgens Fango, abends Tango“, „Camelle us Kölle“ und „Das Matterhorn“. Die Eilemänner kommentierten das Leben, spielten mit Moden und Marotten und fanden dabei einen Ton, der gleichzeitig volkstümlich, musikalisch versiert und unverkennbar kölsch war.
Die Kunst, einem Trio Halt zu geben
In einer Dreierformation kann sich niemand verstecken. Jede Unsicherheit wird hörbar, jeder Einsatz zählt. Gerade deshalb war Schwedens zurückhaltende Art keine Nebensache, sondern eine Stärke. Günter Eilemann gab mit Akkordeon, Kompositionen und Moderation die Richtung vor. Horst Muys und später Charly Niedieck sorgten am Kontrabass für eine sichtbare, oft übermütige Bühnenkomik. Dazwischen schuf Schweden mit seiner Gitarre den rhythmischen und harmonischen Boden.
Sein Spiel verband. Es ließ dem Akkordeon Raum für die Melodie, hielt den Bass im musikalischen Gefüge und gab dem gemeinsamen Gesang Sicherheit. Darin lag eine stille Form von Autorität. Schweden musste das Publikum nicht um Aufmerksamkeit bitten; seine Aufgabe war größer und uneitler: Er sorgte mit dafür, dass die beiden anderen glänzen konnten und der Vortrag dennoch nie auseinanderfiel.
Diese Qualität passt erstaunlich gut zum Wesen des Kölner Karnevals. Fastelovend lebt von den Figuren im Rampenlicht, aber ebenso von den Menschen, die zuhören, auffangen und im richtigen Augenblick den nächsten Einsatz geben. Willy Schweden verkörperte dieses Miteinander. Seine Gitarre war nicht bloß Begleitung. Sie war das freundliche, stetige Herzklopfen unter der Pointe.

Ein Könner weit über den Karneval hinaus
Wer Schweden nur als gut gelaunten Gitarristen im Sitzungssaal wahrnahm, sah lediglich einen Teil seines musikalischen Lebens. Er arbeitete als Studiomusiker bei der EMI und im Kölner Cornett-Studio. Überliefert sind Produktionen für oder mit Künstlern wie Wolfgang Sauer, Paul Kuhn, Ralf Bendix, Willy Hagara, Will Brandes, Kurt Edelhagen und Harald Banter. Zeitweise sang er außerdem im Botho-Lucas-Chor, im Golgowski-Quartett und bei den Hansen-Boys. Auf Tourneen begleitete er bekannte Namen der Unterhaltungsmusik, darunter Zarah Leander und Peter Alexander.
Diese Erfahrungen hört man gewissermaßen in seiner Haltung. Ein Studiomusiker lernt, verlässlich und ohne Umwege auf den Punkt zu spielen. Er muss verschiedene Stile verstehen, anderen Künstlern dienen können und dennoch eine eigene musikalische Persönlichkeit bewahren. Schweden brachte genau dieses Handwerk in den Karneval ein. So half er mit, die Eilemänner musikalisch über den bloßen Stimmungsvortrag hinauszuheben.
Seiner alten Liebe zum Jazz blieb er ebenfalls treu. Gemeinsam mit Charly Niedieck spielte er bei den Cologne Antik Swingers. Diese Musik war keine Abkehr vom Fastelovend, sondern führte zurück zu den Wurzeln seiner Musikalität: zum Swing, zur geschmeidigen Rhythmik und zur Freude am Zusammenspiel. Zunächst war Charly Niedieck Bandleader, nach seinem tragischen Tod übernahm dann Willy Schweden.
Mit vier Fingern und einem unbeugsamen Willen
Eine Begebenheit zeigt besonders eindringlich, wie viel Beharrlichkeit hinter Schwedens gelassener Erscheinung steckte. Während einer Reise mit der „MS Europa“ kam er mit einem Finger der linken Hand in die Aufzugtüre und verlor seine Fingerkuppe. Der Unfall beendete seine Arbeit als professioneller Studiogitarrist. Für viele Musiker wäre eine solche Verletzung gleichbedeutend mit dem Ende der gesamten Laufbahn gewesen.
Schweden aber übte weiter. Er fand neue Griff- und Spielweisen und passte seine Technik an die bleibende Einschränkung an. Günter Eilemann soll sinngemäß gesagt haben, Schweden sei ihm mit vier Fingern immer noch lieber als andere mit fünf. Hinter dem heiteren Satz liegt Zuneigung, aber vor allem großer Respekt: Schweden blieb den Eilemännern erhalten, nicht aus Mitleid, sondern weil seine Musikalität, sein Gehör und seine Erfahrung nicht zu ersetzen waren.
Diese Episode macht ihn auf eine fast leise Weise bewundernswert. Er stellte sein Unglück nicht aus. Er arbeitete. Er suchte nach einer Lösung. Und dann nahm er wieder die Gitarre in die Hand. Es ist die Geschichte eines Mannes, der nicht beweisen musste, wie tapfer er war, weil man es an jedem weiteren Auftritt sehen und hören konnte.
Drei Jahrzehnte Freundschaft auf der Bühne
Als Charly Niedieck 1962 den Bass von Horst Muys übernahm, fand das Trio zu jener Besetzung, die über rund drei Jahrzehnte Bestand haben sollte: Günter Eilemann, Willy Schweden und Charly Niedieck. Gemeinsam wurden sie zu einem festen Bestandteil der Sessionen und zugleich weit über Köln hinaus bekannt. Auftritte in großen Radio- und Fernsehsendungen, Reisen auf Kreuzfahrtschiffen sowie Tourneen bis nach Nordamerika machten aus den drei Kölnern Botschafter einer rheinischen Unterhaltungskultur, die Witz mit musikalischer Qualität verband.
Der WDR nennt die Eilemänner ein „Fundament des kölschen Karnevals“; an anderer Stelle ist von rund 200 Radio- und Fernsehsendungen die Rede. Das Trio erschien in den großen Unterhaltungsshows seiner Zeit und bewies, dass kölscher Humor nicht an der Stadtgrenze enden musste. (WDR, WDR 5)
Dabei blieben die Eilemänner ihrem Stil treu. Sie traten nicht in grellen Fantasiekostümen auf, sondern häufig in eleganten Anzügen. Ihr Humor war beobachtend, musikalisch und manchmal herrlich albern, ohne beliebig zu werden. Ein Weggefährte beschrieb die Besetzung aus Akkordeon, Gitarre und Bass rückblickend sogar als eine kleine Revolution des Karnevals. Schweden war ein unverzichtbarer Teil davon: der Jazzmusiker im Fastelovend, der Gentleman an der Gitarre, der ruhende Pol zwischen Melodie und sichtbarer Komik.
Treue über das Ende hinaus
1992 verunglückte Charly Niedieck tödlich. Günter Eilemann entschied daraufhin, das Trio aufzulösen. Dass er ohne den Freund nicht einfach mit einem neuen Musiker weitermachen wollte, erzählt viel über den inneren Zusammenhalt der Eilemänner. Diese Gruppe war nach so vielen gemeinsamen Jahren mehr als eine zweckmäßige Bühnenbesetzung geworden.
Vier Jahre später standen Günter Eilemann und Willy Schweden im Kölner WDR-Funkhaus noch einmal gemeinsam auf der Bühne und sangen ein Medley ihrer Erfolge. Das Publikum feierte sie begeistert. Man kann sich diesen Moment als liebevollen Nachklang vorstellen: zwei alte Freunde, viele vertraute Melodien und ein Saal voller Menschen, die in wenigen Takten ihr eigenes Köln wiedererkannten.
Willy Schweden starb am 2. Dezember 2002.
Willy Schweden war vielleicht nie derjenige, der auf der Bühne am lautesten „Hier bin ich!“ rief. Doch über Jahrzehnte sagte seine Gitarre etwas viel Wichtigeres: „Ich bin bei euch.“ Bei Günter Eilemann und Charly Niedieck, beim Publikum, bei den Liedern und bei seiner Stadt. Er gab dem Trio Halt, ohne sich in den Mittelpunkt zu stellen. Er verband handwerkliche Meisterschaft mit Bescheidenheit und ließ selbst nach einem schweren Einschnitt nicht von der Musik.
Darum verdient er einen besonders warmen Platz in der Erinnerung an den Kölner Karneval. Nicht nur als Gitarrist der Eilemänner, sondern als jener stille, zuverlässige Mensch, durch den aus Musik Gemeinschaft wurde. Wenn die alten Lieder heute wieder erklingen, hört man vielleicht zuerst die bekannte Melodie oder eine vertraute Pointe. Wer genauer hinhört, findet darunter aber auch den ruhigen Rhythmus von Willy Schweden – unaufdringlich, elegant und immer da.