Porträt

Als Trude Herr noch hinter der Theke stand

Ihr erstes Theater ging pleite, zeitweise arbeitete sie als Barfrau – Jahre später gehörte Trude Herr zu den bekanntesten Künstlerinnen Kölns. Ihr Weg dorthin verlief alles andere als geradlinig.

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Trude Herr als Bardame

Wenn heute der Name Trude Herr fällt, dauert es meist nicht lange, bis jemand „Ich will keine Schokolade“ sagt.

Oder „Niemals geht man so ganz“.

Es sind Lieder, die Jahrzehnte nach ihrem Tod noch immer mit ihr verbunden werden.

Dabei erzählt gerade der Anfang ihrer Karriere vielleicht mehr über Trude Herr als ihre späteren Erfolge.

Denn bevor Köln sie liebte, musste sie erst einmal lernen, mit dem Scheitern umzugehen.

Das erste eigene Theater – und schon war das Geld weg

Trude Herr wurde 1927 in Köln-Kalk geboren und wuchs in einfachen Verhältnissen auf. Der Krieg prägte ihre Jugend. Nach einem Bombenangriff verlor die Familie ihr Zuhause.

Schon früh wollte Herr auf die Bühne.

1948 bekam sie kleinere Rollen an der Wanderbühne von Käthe Walterscheidt. Doch Trude Herr wollte mehr.

Also gründete sie 1949 kurzerhand eine eigene Bühne.

Die „Kölner Lustspielbühne“.

Trude Herr war gerade einmal Anfang 20.

Der große Traum hielt nicht lange.

Das Unternehmen scheiterte.

Die junge Schauspielerin war praktisch pleite.

Für viele hätte die Geschichte von der eigenen Bühne damit erst einmal geendet.

Für Trude Herr offenbar nicht.

Trude hinter der Theke

Um Geld zu verdienen, arbeitete sie anschließend unter anderem als Barfrau.

Und zwar im „Barberina“.

Das Lokal am Hohenzollernring war ein bekannter Treffpunkt der Kölner Schwulen- und Lesbenszene.

Dort stand also jene Frau hinter der Theke, die wenige Jahre später Säle füllen und schließlich bundesweit bekannt werden sollte.

Eine schöne Künstlerlegende ließe sich daraus leicht bauen.

Aber Trude Herrs Karriere verlief weiterhin keineswegs geradlinig.

Sie spielte Theater, übernahm kleinere Rollen und suchte ihren Platz auf der Bühne.

Dann entdeckte auch der Kölner Karneval diese ungewöhnliche Frau.

Dann kam der Karneval

In den 1950er-Jahren begann Trude Herr als Büttenrednerin aufzutreten.

Sie war laut, direkt und selbstbewusst – und entsprach schon äußerlich nicht unbedingt dem damaligen Idealbild einer jungen weiblichen Bühnenfigur.

Genau daraus machte sie eine Stärke.

Trude Herr konnte über sich selbst lachen.

Aber sie konnte noch etwas anderes:

zurückschlagen.

Ihre Auftritte machten sie im Kölner Karneval immer bekannter. Schließlich wurde auch das Fernsehen auf sie aufmerksam.

Und dann ging es plötzlich schnell.

„Ich will keine Schokolade“

1959 spielte Trude Herr in dem Film „Die Hazy Osterwald Story“.

Kurz darauf kam der Titel, der sie in ganz Deutschland bekannt machte:

„Ich will keine Schokolade“.

Das Lied wurde zum Hit.

Aus der Kölner Büttenrednerin wurde ein bundesweit bekannter Star.

Filmrollen folgten. Schallplatten. Fernsehauftritte.

Die Frau, deren eigenes Theater wenige Jahre zuvor noch gescheitert war, hatte es geschafft.

Eigentlich hätte sie nun einfach so weitermachen können.

Doch das wäre nicht besonders typisch für Trude Herr gewesen.

Auch mit dem Karneval legte sie sich an

Herr war nie besonders gut darin, sich widerspruchslos anzupassen.

Als eine ihrer kritischen Reden im organisierten Karneval auf Widerstand stieß, kam es zum Bruch.

Sie zog Konsequenzen.

Trude Herr brauchte den Karneval inzwischen weniger als der Karneval Trude Herr.

Ihre Karriere ging längst weit darüber hinaus.

Und Jahre später kehrte sie zu jenem Traum zurück, mit dem sie als junge Frau schon einmal gescheitert war:

dem eigenen Theater.

Noch einmal ein eigenes Theater

1977 eröffnete sie in Köln das „Theater im Vringsveedel“.

Diesmal war Trude Herr längst ein Star.

Doch sie machte es sich auch jetzt nicht bequem.

Sie schrieb Stücke, spielte selbst, führte Regie und kümmerte sich um den Betrieb.

Das Theater wurde zu ihrem persönlichen Projekt.

Mehrere Jahre hielt sie es am Leben.

Damit hatte sie sich beinahe drei Jahrzehnte nach dem Scheitern ihrer ersten kleinen Bühne den alten Traum doch noch erfüllt.

Und dann kam ein Lied über das Abschiednehmen

1987 nahm Trude Herr gemeinsam mit Wolfgang Niedecken und Tommy Engel ein Lied auf.

„Niemals geht man so ganz“.

Es sollte eines ihrer bekanntesten werden.

Heute klingt es fast so, als hätte Trude Herr damit ihr eigenes Abschiedslied aufgenommen.

Damals war es zunächst einfach ein Lied über Trennung und Abschied.

Trude Herrs Gesundheit verschlechterte sich. Sie zog sich zunehmend zurück und verließ schließlich Deutschland.

Am 16. März 1991 starb sie auf den Fidschi-Inseln. Sie wurde 63 Jahre alt.

Beigesetzt wurde sie in Köln.

Eine, die sich nicht passend machen ließ

Vielleicht erklärt der Anfang ihrer Karriere am besten, warum Trude Herr bis heute in Erinnerung geblieben ist.

Sie scheiterte mit Anfang 20 mit ihrem ersten eigenen Theater.

Sie stand hinter einer Bartheke, um Geld zu verdienen.

Sie spielte kleine Rollen.

Sie ging in die Bütt.

Sie wurde ausgelacht und machte daraus Humor.

Sie wurde berühmt.

Und als ihr etwas nicht passte, sagte sie es.

Jahrzehnte später eröffnete sie noch einmal ihr eigenes Theater.

Diesmal konnte niemand mehr sagen, dass sie dort nicht hingehörte.

Trude Herr hat in ihrem Leben viele Bühnen betreten.

Die wichtigste hat sie sich am Ende selbst gebaut.

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