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Von wegen uralte Tradition: Die 10 größten Irrtümer über den Kölner Karneval

Seit 1823 gibt es den Kölner Karneval? Falsch. Prinz, Bauer und Jungfrau ziehen seitdem gemeinsam durch Köln? Ebenfalls falsch. „Alaaf“ wurde für den Fastelovend erfunden? Nicht einmal das. Und selbst die Kamelle flogen beim ersten großen Zug offenbar noch nicht. Kaum ein Fest beruft sich so gerne auf seine Traditionen wie der Kölner Karneval. Doch manches, was heute uralt wirkt, ist erstaunlich jung. Anderes ist tatsächlich Jahrhunderte alt – hatte ursprünglich aber überhaupt nichts mit Karneval zu tun. Zehn hartnäckige Irrtümer über den Fastelovend.

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Karneval 10 Irrtümer
Karneval 10 Irrtümer

1. Irrtum: Den Kölner Karneval gibt es seit 1823

„200 Jahre Kölner Karneval“ – so wurde 2023 groß gefeiert.

Historisch muss man dabei allerdings genau hinschauen.

Denn natürlich feierten die Kölner schon lange vor 1823 Fastelovend. Maskierungen, Gelage, Tänze und närrisches Treiben sind wesentlich älter.

Was 1823 entstand, war der organisierte Kölner Karneval in seiner modernen Form.

Ende 1822 kamen Vertreter des Kölner Bürgertums zusammen, um dem Fest eine neue Ordnung zu geben. Daraus entstand das Festordnende Comité. Am 10. Februar 1823 zog der erste große organisierte Maskenzug durch die Stadt.

Die Stadt Köln beschreibt ziemlich treffend, was damals passierte: Der Karneval wurde romantisiert, verbürgerlicht – und vor allem geordnet.

Das bedeutet:

1823 erfanden die Kölner nicht den Karneval.

Sie organisierten ihn neu.

Und ausgerechnet diese Neuordnung wurde später selbst zur Tradition.

2. Irrtum: Seit 1823 gibt es das Dreigestirn

Prinz, Bauer und Jungfrau – das muss doch schon beim ersten Rosenmontagszug so gewesen sein.

Nein.

Beim Zug von 1823 stand der Held Carneval im Mittelpunkt. Das Festkomitee führt für diesen ersten Zug entsprechend das Motto „Thronbesteigung des Helden Carneval“. (Kölner Karneval)

Von einem Dreigestirn in seiner heutigen festen Form konnte noch keine Rede sein.

Bauer und Jungfrau kamen zwar früh hinzu. Doch die Figuren erschienen in den folgenden Jahrzehnten keineswegs Jahr für Jahr gemeinsam. Mal fehlte der Held, mal fehlten Bauer und Jungfrau. 1831 wurde aus dem vornehmen Helden Carneval sogar der derbere Hanswurst.

Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts verfestigte sich die gemeinsame Erscheinung der drei Figuren.

Das heutige Dreigestirn ist also nicht einfach 1823 fertig erfunden worden.

Es ist über Jahrzehnte gewachsen.

3. Irrtum: Der Kölner Karnevalsprinz hieß schon immer Prinz

Noch ein scheinbar uralter Titel, der gar nicht so uralt ist.

1823 gab es keinen Prinzen.

Der närrische Herrscher hieß Held Carneval.

Und selbst diese Figur blieb nicht unangetastet. 1831 stand beispielsweise der Hanswurst im Mittelpunkt.

Erst nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 und der Gründung des Deutschen Kaiserreichs wurde aus dem Helden offiziell der Prinz Karneval.

Die historische Chronik ordnet die Umbenennung ausdrücklich in die nationale Begeisterung jener Zeit ein: Der Titel orientierte sich am neuen Kaiserreich. Der Zug von 1872 zeigte unter anderem Germania, eine Krupp-Kanone sowie die Wappen von Elsass und Lothringen.

Der scheinbar urkölsche „Prinz“ trägt damit auch ein Stück preußisch-deutscher Reichsgeschichte in seinem Titel.

4. Irrtum: Die Kölner Jungfrau war schon immer ein Mann

Fast.

Aber eben nur fast.

Traditionell wird die Kölner Jungfrau tatsächlich von einem Mann dargestellt. Der organisierte Karneval war lange eine ausgesprochene Männerwelt – bis hinein in weibliche Rollen.

Doch 1938 kam es zu einem historischen Bruch.

Mit Paula Zapf wurde erstmals tatsächlich eine Frau zur Kölner Jungfrau. 1939 folgte Else Horion.

Was nach früher Emanzipation klingt, hatte einen völlig anderen Hintergrund.

Die Veränderung geschah während der NS-Diktatur. Die Nationalsozialisten störten sich an Männern in Frauenrollen. Ähnlich erging es den männlichen Tanzmariechen, die in jener Zeit durch Frauen ersetzt wurden.

Nach dem Krieg reagierte Köln auf beide Veränderungen unterschiedlich:

Das Tanzmariechen blieb weiblich.

Die Jungfrau wurde wieder männlich.

Die Aussage „Die Kölner Jungfrau war schon immer ein Mann“ ist deshalb falsch.

Ausgerechnet während der NS-Zeit war sie zweimal tatsächlich eine Frau.

5. Irrtum: „Alaaf“ wurde als Karnevalsruf erfunden

Das ist einer der schönsten Irrtümer überhaupt.

Denn „Alaaf“ ist nicht nur älter als der organisierte Kölner Karneval.

Es hatte ursprünglich mit Karneval offenbar überhaupt nichts zu tun.

Das LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte verweist auf einen schriftlichen Beleg aus dem Jahr 1635. In einem Dokument findet sich die Formulierung „dat Al aff colnisch Land“.

„Al aff“ lässt sich sinngemäß als „über alles“ beziehungsweise „vor allem anderen“ verstehen. Es war ein Hochruf.

Und nicht nur Köln konnte „alaaf“ sein.

Für 1733 ist laut LVR sogar „Allaff Jungferschafft“ überliefert – also sinngemäß ein Hoch auf die Jungfrauen beziehungsweise jungen Frauen.

Erst später entwickelte sich „Alaaf“ zum festen Karnevalsruf. Wann genau das geschah, lässt sich nach Angaben des LVR nicht eindeutig rekonstruieren.

Das berühmte „Kölle Alaaf“ ist damit viel älter als Prinz, Dreigestirn und Rosenmontagszug.

Nur war es ursprünglich gar kein Karnevalsruf.

6. Irrtum: Beim Rosenmontagszug flogen schon immer Kamelle

„Kamelle!“

Der Ruf gehört heute so selbstverständlich zum Rosenmontagszug, dass man meinen könnte, bereits 1823 hätten die Jecken Bonbons vom Wagen geworfen.

Offenbar nicht.

Beim ersten großen Maskenzug waren Süßigkeiten noch kein selbstverständliches Wurfmaterial. Der Brauch entwickelte sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts.

Das ist durchaus logisch.

Industriell hergestellte Zuckerwaren waren damals längst nicht so billig und massenhaft verfügbar wie später. Mit der wachsenden Süßwarenproduktion wurden Bonbons erschwinglicher – und landeten zunehmend auch im Karneval.

Damit veränderte sich zugleich das Verhältnis zwischen Zug und Publikum.

Aus dem Zuschauen wurde das heute vertraute Spiel: Die einen rufen, die anderen werfen.

Die Kamelle wirken urkölsch.

Aber der erste große Kölner Maskenzug kam offenbar noch ohne die heute unverzichtbaren Süßigkeiten aus.

7. Irrtum: Der 11.11. um 11.11 Uhr war schon immer der große Startschuss

Heute ist die Sache klar.

Am 11. November um 11.11 Uhr beginnt die Session. Zehntausende Menschen feiern, Bühnen werden aufgebaut, Bands spielen, die Innenstadt ist voll.

Wer daraus eine seit 1823 unverändert gepflegte Tradition ableitet, liegt allerdings daneben.

In den Anfangsjahren des organisierten Karnevals begann das eigentliche Gesellschaftsleben viel später. Historische Darstellungen zeigen, dass die Mitglieder zunächst vor allem von Neujahr bis zum Karnevalssonntag regelmäßig zu Sitzungen zusammenkamen. Erst später wurde der Sessionsbeginn immer weiter vorverlegt, bis sich der 11. November etablierte.

Und selbst die heutige riesige öffentliche Party zum Sessionsauftakt ist deutlich jünger.

Die Willi-Ostermann-Gesellschaft veranstaltet den großen Sessionsauftakt in der Kölner Altstadt nach Angaben des „Kölner Stadt-Anzeigers“ seit gut fünf Jahrzehnten.

Der heutige 11.11. mit Countdown, Bühnenprogramm, Bands und Zehntausenden Feiernden ist also keine Veranstaltung, die seit 1823 praktisch unverändert existiert.

Auch Traditionen können ziemlich erfolgreich nachwachsen.

8. Irrtum: 1823 wurde der Rosenmontag erfunden

Auch das klingt plausibler, als es ist.

Am 10. Februar 1823 fand der erste organisierte große Maskenzug statt – an einem Montag.

Aber warum ausgerechnet dann?

Nach Angaben der Stadt Köln war der Karnevalsmontag bis dahin offenbar der ruhigste der drei eigentlichen Karnevalstage. Der neue zentrale Maskenzug sollte außerdem nicht den Eindruck erwecken, die bereits bestehenden kleineren Umzüge anderer Maskengesellschaften verdrängen zu wollen.

Das ist eine interessante Umkehrung der heutigen Verhältnisse.

Ausgerechnet der Tag, der heute als unbestrittener Höhepunkt des Kölner Karnevals gilt, wurde für den neuen großen Zug offenbar auch deshalb gewählt, weil dort noch Platz im Kalender war.

Der Rosenmontag war also nicht seit ewigen Zeiten der natürliche Höhepunkt des Kölner Fastelovends.

Der organisierte Karneval machte ihn dazu.

9. Irrtum: Der Rosenmontagszug rollt seit 1823 jedes Jahr

200 Jahre Zoch – Jahr für Jahr durch Köln?

Schön wär’s.

Schon sieben Jahre nach dem ersten Zug war erst einmal Schluss.

Für den 22. Februar 1830 vermerkt die offizielle Historie des Festkomitees schlicht: kein Zug aufgrund eines Regierungsverbots.

1833 fiel er erneut aus.

Diesmal brauchte es nicht einmal die Obrigkeit. Die Karnevalisten waren sich untereinander derart uneinig, dass kein gemeinsamer Zug zustande kam.

Und das blieb kein Einzelfall.

Kriege, politische Verbote, Besatzungszeiten, interne Streitigkeiten und später andere Krisen sorgten immer wieder dafür, dass Köln ohne regulären Rosenmontagszug auskommen musste.

1871 beispielsweise fiel der Zug wegen des Deutsch-Französischen Krieges und eines Verkleidungsverbots aus.

1991 sagte das Festkomitee den offiziellen Rosenmontagszug wegen des Golfkriegs ab.

Und während der Corona-Pandemie stand die Tradition erneut still.

Die Geschichte des Rosenmontagszugs ist deshalb keine lückenlose Kette seit 1823.

Sie ist voller Ausfälle, Verbote und Krach.

10. Irrtum: Tradition bedeutet im Kölner Karneval, dass möglichst alles bleibt, wie es immer war

Das ist vielleicht der größte Irrtum von allen.

Denn betrachtet man 200 Jahre Kölner Karneval, fällt vor allem eines auf:

Fast alles hat sich verändert.

Der Held Carneval wurde zum Hanswurst und später zum Prinzen.

Aus einzelnen Symbolfiguren entwickelte sich das feste Dreigestirn.

Das Tanzmariechen war zunächst ein Mann und wurde zur Frau.

Die Jungfrau wurde während der NS-Zeit kurzzeitig tatsächlich von Frauen dargestellt.

Der 11.11. entwickelte sich erst allmählich zum Sessionsauftakt.

Kamelle wurden erst später zum Massenphänomen.

Der Rosenmontag wurde vom eher ruhigen Karnevalstag zum Höhepunkt der Session.

Und selbst die großen Karnevalsgesellschaften waren keineswegs immer jene perfekt durchorganisierten Apparate, die man heute kennt. Bereits im 19. Jahrhundert professionalisierten sie sich erheblich: Es entstanden Komitees für Finanzen, Musik, Dekoration, Wagen und Pferde; Programme wurden langfristig geplant. In den 1890er-Jahren unterhielt die Große Kölner Karnevalsgesellschaft sogar ein eigenes Büro mit fest angestelltem Personal.

Die vielleicht größte Tradition des Kölner Karnevals besteht deshalb ausgerechnet darin, dass er sich ständig verändert.

Was heute als „uralt“ verteidigt wird, war irgendwann selbst einmal neu.

Und manches, was angeblich „schon immer“ so war, ist bei genauerem Hinsehen nicht einmal halb so alt wie der organisierte Fastelovend.

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Jecken-Post

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