Köln, Februar 1885. – Der Kölner Karneval zeigt sich in diesem Jahr von einer neuen, ja fast politischen Seite. Unter dem Motto „Held Carneval als Kolonisator“ zieht der närrische Zug durch die Stadt – und spiegelt damit auf erstaunliche Weise den Geist der Epoche wider.
Afrikafieber am Rhein
Seit Monaten grassiert in Köln ein regelrechtes „Afrikafieber“. Die Berichte des Kölner Geographen und Ethnologen Wilhelm Joest über seine Reisen in das südliche und östliche Afrika füllen die Spalten der Kölnischen Zeitung und finden begeisterte Leser. Zugleich sorgt die Politik des Reichskanzlers Otto von Bismarck für Gesprächsstoff: Im April 1884 besiegelte der erste Schutzbrief die Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika, wenig später folgten Kamerun und Togo, und im November begann in Berlin die sogenannte Kongo-Konferenz.
In dieser Atmosphäre globaler Aufbruchsstimmung entdeckt auch der Kölner Karneval die Kolonien – auf seine eigene, satirische Weise.
Ein Held als Eroberer

Der Rosenmontagszug des Jahres 1885 trägt ein Motto, das es in sich hat: „Held Carneval als Kolonisator“. Was ursprünglich als spöttische Antwort auf die kolonialen Träume des Deutschen Reiches gedacht sein mag, wird zur farbenfrohen, aber auch fragwürdigen Schau.
Der Held Carneval – Symbolfigur des närrischen Treibens – erscheint diesmal nicht als friedlicher Regent seiner Untertanen, sondern als Eroberer ferner Länder. Wagen mit Strohhütten, Palmen und wilden Tieren rollen durch die Straßen. Männer und Frauen verkleiden sich mit Baströcken, Knochen und Federn. Besonders auffällig: Viele Teilnehmer schwärzen ihre Gesichter mit Schuhcreme, um „Eingeborene“ darzustellen – eine Darstellung, die heute befremdet, damals aber auf lautes Gelächter und Applaus stößt.
Zwischen Spott und Spiegelbild
Der Kölner Karneval verstand sich stets als Spiegel seiner Zeit, und so ist auch dieser Zug ein Abbild der gesellschaftlichen Stimmung. Die Kolonien, die in der fernen Politik gerade geboren werden, werden hier in karnevalistischer Übertreibung auf die Straße gebracht.
War es Spott auf die Kolonialbegeisterung des Bürgertums? Oder war es Teil derselben Begeisterung – eine bunte, volkstümliche Aneignung imperialer Ideen? Wahrscheinlich beides. Denn während man über den „Kolonisator Carneval“ lacht, schwingt auch Stolz auf das expandierende Reich mit.
Eine koloniale Komödie
Die Festschrift des Festkomitees spricht stolz vom „Held Carneval, der neue Länder entdeckt“. Ein Festwagen zeigt gar, wie der Narr die Weltkugel mit seiner Lanze erobert. Es ist eine Karikatur der politischen Gegenwart – doch die Art der Darstellung zeigt, wie sehr koloniale Bilder bereits in der Alltagskultur verankert sind.
Die Darstellung „fremder Völker“ bleibt nicht bei harmlosen Klischees: Der Zug präsentiert „Aechte Menschenfresser“, ein sogenanntes „Amazonen-Chor“ in Pickelhauben und Wagen mit Figuren, die Afrika als exotisches, gefährliches Land zeigen.
Heiterkeit mit bitterem Beigeschmack
Aus heutiger Sicht wirkt dieser Karnevalszug wie ein Lehrstück über die Macht der Bilder. Was damals als humorvolle Darstellung erschien, ist heute ein Dokument kolonialer Fantasien und rassistischer Stereotype. Die Verkleidungen, die Überzeichnungen, die vermeintlichen „Menschenfresser“ – all das zeigt, wie selbstverständlich die europäischen Machtvorstellungen auf die Bühne der Volksbelustigung übertragen wurden.
Doch auch dies gehört zur Geschichte des Kölner Karnevals: Seine Themen haben stets den Puls der Zeit gespürt – auch wenn dieser Puls nicht immer moralisch rein schlug.
Rückblick und Mahnung
Der Rosenmontagszug von 1885 bleibt ein markantes Kapitel der Kölner Karnevalsgeschichte. Er zeigt, wie eng Volksfest und Weltpolitik miteinander verwoben sein können. Der Held Carneval als Kolonisator war Sinnbild für die damalige Mischung aus Spott, Stolz und Ignoranz – ein Narr, der die Welt erobert, ohne zu begreifen, was er dabei anrichtet.
Heute mahnt dieser Zug zur Erinnerung: Auch das Lachen kann Spuren hinterlassen. Und der Karneval, so fröhlich er auch sein mag, bleibt immer ein Spiegel – manchmal ein Zerrspiegel – seiner Zeit.