Als sich der Kölner Karneval 1823 neu organisierte, ging es zunächst darum, dem als ungeordnet empfundenen närrischen Treiben eine feste Form zu geben. Sitzungen, Bälle und Umzüge sollten geplant, Spott und Satire in geordnete Bahnen gelenkt werden. Doch aus dem Versuch, ein traditionelles Fest zu reformieren, entstand weit mehr: ein dichtes Netz von Vereinen, in denen gesellschaftliche Konflikte ausgetragen und neue Formen des öffentlichen Lebens erprobt wurden.
Die Geschichte des organisierten Karnevals im 19. Jahrhundert erzählt deshalb nicht nur von Liedern, Büttenreden und Maskenzügen. Sie handelt ebenso von bürgerlichem Selbstbewusstsein, staatlicher Kontrolle, sozialer Abgrenzung und politischem Aufbruch.
Der Karneval wird zur organisierten Angelegenheit
Die Gründung der Großen Karnevalsgesellschaft fiel in eine Zeit, in der sich das städtische Leben grundlegend veränderte. Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert entstanden immer mehr freiwillige Zusammenschlüsse: Lesegesellschaften, literarische Zirkel, Casino-Gesellschaften und schließlich auch Karnevalsvereine.
Anders als die traditionellen Zünfte oder ständischen Korporationen beruhten diese Vereinigungen zumindest ihrem Anspruch nach auf einer freiwilligen Entscheidung. Menschen schlossen sich zusammen, um gemeinsame Interessen zu verfolgen, Vorstände zu wählen und Veranstaltungen zu organisieren. Der Verein wurde damit zu einer wichtigen Institution der entstehenden Bürgergesellschaft.
Der Erfolg des organisierten Karnevals zeigte sich rasch. Die Zahl der Mitglieder der Kölner Karnevalsgesellschaft stieg von 109 im Jahr 1824 auf 302 im Jahr 1827. Zwei Jahre später waren es bereits mehr als 500.
Mit dem Wachstum nahm auch der organisatorische Aufwand zu. Die Gesellschaften richteten Komitees für Finanzen, Dekoration, Musik, Bälle sowie für die Beschaffung von Wagen und Pferden ein. Programme wurden Monate im Voraus vorbereitet, Reden und Lieder ausgewählt, Eintrittskarten, Orden und Kappen entworfen. In den 1890er-Jahren unterhielt die Große Kölner Karnevalsgesellschaft sogar ein eigenes Büro mit fest angestelltem Personal.
Der Karneval beschränkte sich dabei keineswegs auf die Tage unmittelbar vor Aschermittwoch. Anfangs trafen sich die Mitglieder meist von Neujahr bis Karnevalssonntag regelmäßig zu mehrstündigen Sitzungen. Später wurde der Beginn der Session zunehmend vorverlegt, bis sich der 11. November als Auftakt etablierte. Neben Sitzungen und Maskenbällen gehörten Konzerte, Theateraufführungen, Festessen und Ausflüge zum Vereinsleben.
Im Mittelpunkt standen die Sitzungen. Ihr Ablauf folgte schon früh einem wiederkehrenden Muster aus Reden, Liedern, kleinen Theaterstücken und gemeinsamem Gesang. Hochdeutsch und kölscher Dialekt standen dabei nebeneinander. Die Lieder waren so bedeutend, dass große Gesellschaften eigene Liedersammlungen herausgaben; in den 1880er-Jahren wurden teilweise für einzelne Sitzungen besondere Hefte gedruckt.

Auch die Büttenrede entwickelte sich allmählich zu einer professionellen Kunstform. Während zunächst vor allem Vereinsmitglieder auftraten, zogen gegen Ende des Jahrhunderts bezahlte Redner von Gesellschaft zu Gesellschaft. Einer der bekanntesten frühen Vertreter war David Boom, der bereits seit den 1840er-Jahren Erfolge feierte und später als „Graf von und zu Dattenberg“ auch außerhalb Kölns bekannt wurde.
Zwischen preußischer Aufsicht und politischer Anspielung
Die neue Vereinsfreiheit hatte enge Grenzen. Im preußischen Staat mussten Zusammenschlüsse in der Regel genehmigt werden. Statuten und Mitgliederlisten waren vorzulegen, politische oder religiöse Betätigung galt als verdächtig. Manche Karnevalsvereine durften offiziell nur während der Session bestehen und mussten sich danach wieder auflösen.
In Köln wurde mit diesen Vorschriften offenbar pragmatisch umgegangen. Eine Äußerung des Regierungspräsidenten aus dem Jahr 1839 legt nahe, dass die Große Karnevalsgesellschaft lange Zeit weder förmlich gegründet noch offiziell genehmigt war. Sie stand unter polizeilicher Beobachtung, konnte ihre Tätigkeit aber dennoch fortsetzen.
Dieses Nebeneinander von staatlicher Kontrolle und lokaler Eigenwilligkeit prägte den Karneval über Jahrzehnte. Offiziell sollte er unpolitisch bleiben. In der Praxis wurden gesellschaftliche und politische Ereignisse jedoch immer wieder aufgegriffen – meist in verschlüsselter, humoristischer Form.
Ein Beispiel stammt aus dem Jahr 1827. Bei einer Sitzung wurden liberale Kölner Abgeordnete geehrt, die sich im rheinischen Provinziallandtag für Reformen und Bürgerrechte eingesetzt hatten. Im Saal reagierte das Publikum mit Musik, Applaus und Umarmungen. Als die Szene später in einer Karnevalszeitung erschien, wurde ihr politischer Gehalt allerdings durch eine unverfängliche Darstellung ersetzt. Offenbar wollte die Gesellschaft einen Konflikt mit der Zensur vermeiden.
Auch innerhalb der Vereine galten strenge Regeln. Redner durften nicht unterbrochen werden, persönliche Beleidigungen konnten bis zum Ausschluss führen. Längere Vorträge mussten teilweise vorab eingereicht werden. Der organisierte Karneval war damit keineswegs ein rechtsfreier Raum, sondern eine kontrollierte Form öffentlicher Rede.
Gerade diese Kontrolle wurde jedoch zunehmend zum Gegenstand von Auseinandersetzungen. Während die Führung der frühen Karnevalsgesellschaft Satire „veredeln“ und persönliche Angriffe verhindern wollte, entstanden neben den offiziellen Veranstaltungen unabhängige Maskenzüge, die lauter, direkter und oft schärfer auftraten.
Mitunter nahm der Spott bedrohliche Formen an. Der Stadtrat Höltkerhoff wurde in Maskenzügen öffentlich karikiert und mit dem Wortspiel „Der Teufel holt den Hof“ verhöhnt. Die Anfeindungen sollen schließlich dazu beigetragen haben, dass er Köln verließ. Der Karneval konnte somit nicht nur integrieren, sondern auch als Instrument öffentlicher Ausgrenzung dienen.
Der Streit um die Frage, wem der Karneval gehört
In den 1830er- und 1840er-Jahren verdichteten sich die Konflikte. Auf der einen Seite stand ein ordnungsorientiertes, bürgerlich-elitäres Verständnis des Festes, das vom „Kleinen Rat“ und später vom „Festordnenden Parlament“ vertreten wurde. Auf der anderen Seite formierte sich eine Opposition, die einen politischeren, volkstümlicheren und weniger exklusiven Karneval verlangte.
Zu dieser oppositionellen Strömung gehörten die „Eisenritter“. In ihren Reihen fanden sich Männer wie Friedrich Borchardt, Carl Cramer und Carl Wilhelm Wachter, die später auch in der demokratischen Bewegung Kölns eine Rolle spielten. Der Streit um den Karneval war damit zugleich Teil der politischen Auseinandersetzungen des Vormärz.
Die Spannungen waren offenbar so groß, dass König Friedrich Wilhelm IV. bei einem Besuch in Köln versucht haben soll, zwischen den Lagern zu vermitteln. 1843 gelang noch einmal ein gemeinsamer Rosenmontagszug unter dem Motto „Die kölnischen Olympischen Spiele“. Die Einigung blieb jedoch brüchig.
Zur Schlüsselfigur der folgenden Auseinandersetzung wurde Franz Raveaux. Der 1810 in Köln geborene Kaufmann und spätere politische Aktivist forderte niedrigere Eintrittspreise, einen häufigeren Wechsel im Vorstand und mehr Raum für aktuelle politische Themen.
Als Raveaux Anfang 1844 in den Vorstand gewählt wurde, verließ die bisherige Führung aus Protest die Versammlung. Kurz darauf kam es zur offenen Spaltung. Raveaux’ Anhänger gründeten die Allgemeine Karnevalsgesellschaft. Die bisherige Vereinigung trat nun demonstrativ als Große Karnevalsgesellschaft auf.
Die beiden Gesellschaften standen auch für unterschiedliche soziale Milieus. Die Große Karnevalsgesellschaft blieb stärker im Besitz- und Bildungsbürgertum verankert. Die Allgemeine Karnevalsgesellschaft öffnete sich eher dem Mittelstand und dem Handwerk und gewann mit niedrigeren Beiträgen schnell an Popularität.
Die Revolution von 1848 gab diesem Konflikt eine zusätzliche politische Dimension. Zahlreiche Mitglieder der Allgemeinen Karnevalsgesellschaft engagierten sich in der demokratischen Bewegung. Nach dem Scheitern der Revolution wurden einige von ihnen verfolgt; Raveaux ging schließlich ins Exil.
Die grundsätzliche Konkurrenz zwischen den Gesellschaften verschwand damit nicht. Auch in den folgenden Jahrzehnten wurde um Mitglieder, Veranstaltungsorte und die Organisation des Rosenmontagszuges gestritten. In den 1880er-Jahren fanden zeitweise sogar zwei große Maskenzüge gleichzeitig statt. Erst gemeinsame Gremien schufen wieder eine verbindlichere Grundlage für die Organisation des Festes.
Soziale Grenzen, neue Garden und die Rolle der Frauen
Parallel zu den politischen Konflikten differenzierte sich die Vereinslandschaft immer weiter aus. Schon 1829 berichtete ein Chronist von Handwerkergruppen, die sich in Bierhäusern trafen und eigene Aufführungen auf die Straße brachten. Später entstanden Vereine von Arbeitern, Handwerkern und Mitgliedern katholischer Organisationen.
1857 lassen sich in Köln 31 Karnevalsvereine nachweisen; zeitgenössische Berichte sprechen sogar von 38 bis 42 Gesellschaften. Viele blieben kurzlebig, andere prägen den Karneval bis heute.
Aus bestehenden Vereinen gingen immer wieder neue Gesellschaften hervor. Dazu gehörten die 1852 gegründeten Greesberger, das 1867 entstandene Blomekörfge, die Kölner Narrenzunft von 1880, die Große Kölner Karnevalsgesellschaft von 1882 und die Große Allgemeine Karnevalsgesellschaft von 1900.
Eine besondere Entwicklung nahmen die Garden. Die Roten Funken, ursprünglich als Persiflage auf die früheren Kölner Stadtsoldaten gedacht, konstituierten sich 1869 als eigener Verein. Ein Jahr später spalteten sich die Blauen Funken ab. Nach der Gründung des Kaiserreichs trat der parodistische Charakter vieler Garden zunehmend hinter einer repräsentativen militärischen Inszenierung zurück. Uniformen, Rangordnungen und Aufmärsche wurden wichtiger. 1902 entstand die Ehrengarde der Stadt Köln, 1906 die Prinzengarde.
Der Anspruch auf Gleichheit und die tatsächliche soziale Wirklichkeit lagen dabei häufig auseinander. Die 1827 eingeführte Narrenkappe sollte unter dem Motto „Gleiche Brüder, gleiche Kappen“ die Zusammengehörigkeit der Mitglieder zeigen. Gleichzeitig blieben viele Gesellschaften exklusiv. Hohe Beiträge und strenge Aufnahmebedingungen hielten weniger wohlhabende Kölner fern.
Auch Orden und Titel schufen neue Hierarchien. Bereits 1838 entstand in Köln eine Medaille, die späteren Karnevalsorden als Vorbild diente. Im Laufe des Jahrhunderts nahm die Zahl der Auszeichnungen so stark zu, dass schon Zeitgenossen von einer „Ordeninflation“ sprachen. Für Menschen, die im Alltag wenig gesellschaftliches Ansehen besaßen, boten solche Ehrungen allerdings auch die Möglichkeit, zumindest innerhalb des Karnevals Anerkennung zu gewinnen.
Frauen blieben zunächst weitgehend ausgeschlossen. Sie konnten an Maskenbällen teilnehmen oder sich in Damenkomitees engagieren, reguläre Mitglieder waren sie jedoch lange nicht. Erst in den 1880er-Jahren entstanden sogenannte Familiengesellschaften, die Frauen aufnahmen. Dazu gehörten die Kölner Narrenzunft und die Karnevalsgesellschaft „Carnevalistischer Reichstag“.
Die Öffnung stieß auf deutlichen Widerstand. Noch 1888 bestritt ein führender Karnevalist, dass gemischte Vereinigungen als „eigentliche“ Karnevalsgesellschaften gelten könnten. Dennoch entstanden um die Jahrhundertwende sogar reine Frauengesellschaften. Ein Bericht aus dem Jahr 1913 beschreibt die KG „Lustige Weechter“, deren Leitung vollständig aus Frauen bestand und deren Veranstaltungen als besonders volkstümlich galten.
Vor dem Ersten Weltkrieg war der Kölner Karneval schließlich zu einer vielgestaltigen Institution geworden. Neben exklusiven bürgerlichen Gesellschaften bestanden volkstümliche Vereine, militärisch geprägte Garden, Familiengesellschaften und weibliche Zusammenschlüsse. Die größten Vereinigungen zählten jeweils mehr als tausend Mitglieder.
Der organisierte Karneval hatte damit eine Form gefunden, deren Grundstrukturen bis heute erkennbar sind. Seine Geschichte zeigt aber auch, dass die vermeintlich leichte, unbeschwerte Narretei stets mit den gesellschaftlichen Fragen ihrer Zeit verbunden war.
In den Vereinen wurde um Mitsprache, Anerkennung und Zugehörigkeit gerungen. Hier trafen Ordnung und Freiheit, soziale Abgrenzung und Gemeinschaft, politische Kritik und staatliche Kontrolle aufeinander. Der Karneval war deshalb nicht nur ein Fest der Stadt. Er wurde zu einer Bühne, auf der Köln sein Verhältnis zu sich selbst immer wieder neu aushandelte.
PP