Willy Millowitsch († 1999)
Kaum ein Künstler ist so eng mit Köln verbunden wie Willy Millowitsch. Mit seiner markanten Stimme, seinem verschmitzten Lächeln und seinem unverwechselbaren Humor wurde er zum Sinnbild kölscher Lebensart. Er war Schauspieler, Theaterleiter, Sänger und Filmstar – vor allem aber war er ein Volksschauspieler im besten Sinne: nahbar, bodenständig und stets auf der Seite der kleinen Leute.
Wilhelm Peter Millowitsch wurde am 8. Januar 1909 im Kölner Pantaleonsviertel geboren. Er starb am 20. September 1999 im Alter von 90 Jahren in Köln.
Eine Theaterdynastie mit langer Tradition
Willy Millowitsch wuchs in eine traditionsreiche Schauspielerfamilie hinein. Die Geschichte der Familie Millowitsch lässt sich bis ins späte 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Ursprünglich trat die Familie mit einem Stockpuppentheater auf. Sein Großvater Wilhelm Josef Millowitsch führte später den Wandel zur Bühne mit echten Schauspielern und volkstümlichen Revuestücken herbei.
Willys Vater Peter Wilhelm Millowitsch übernahm 1920 die Leitung des Theaters. 1936 erwarb die Familie das Gebäude in der Aachener Straße, das zum festen Zuhause des späteren Millowitsch-Theaters wurde. Willys Mutter Käthe Plank stammte aus Wien und war Tänzerin. Seine Schwester Lucy wurde ebenfalls Schauspielerin und später eine wichtige Partnerin auf der Bühne.
Willy stand bereits als Kind auf der Bühne. Eine klassische Schauspielausbildung absolvierte er nicht. Mit 13 Jahren verließ er die Schule ohne Abschluss und lernte sein Handwerk direkt im Familienbetrieb. Er spielte zunächst kleine Kinderrollen, übernahm mit der Zeit größere Aufgaben und sammelte Erfahrungen als Schauspieler, Regisseur und Theaterorganisator.
Theater in schwierigen Zeiten
1940 übernahm Willy Millowitsch wegen der angeschlagenen Gesundheit seines Vaters die Leitung des Theaters. Während des Zweiten Weltkriegs trat das Ensemble auch auf von der NS-Organisation „Kraft durch Freude“ veranstalteten Fronttourneen auf. Dieses Kapitel gehört zur widersprüchlichen Geschichte der Bühne und ihrer Zeit.
Nach Kriegsende begann Willy gemeinsam mit seiner Schwester Lucy, das Theater wieder aufzubauen. Das Gebäude in der Aachener Straße war nur relativ gering beschädigt worden. Mit Unterstützung des damaligen Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer konnte der Spielbetrieb bereits im Oktober 1945 wieder aufgenommen werden. Gespielt wurde „Das Glücksmädel“.
Die Menschen suchten nach den Schrecken des Krieges Ablenkung und Gemeinschaft. Genau das bot das Millowitsch-Theater. Zunächst fanden täglich Vorstellungen statt. Doch schon wenige Jahre später geriet die private Bühne wirtschaftlich unter Druck. Zeitweise musste der Spielbetrieb eingeschränkt werden. Das Theater blieb dennoch ein unabhängiges Familienunternehmen und wurde nie aus öffentlichen Mitteln subventioniert.
Der Durchbruch im Fernsehen
Die entscheidende Wende kam 1953. Am 27. Oktober übertrug der Nordwestdeutsche Rundfunk den Schwank „Der Etappenhase“ live aus dem Millowitsch-Theater. Es war die erste Live-Sendung von einer deutschen Theaterbühne und machte Willy Millowitsch bundesweit bekannt.
Das Publikum war begeistert. In den folgenden Jahrzehnten wurden mehr als 100 Inszenierungen aus dem Millowitsch-Theater im Fernsehen gezeigt. Stücke wie „Tante Jutta aus Kalkutta“, „Pension Schöller“, „Der blaue Heinrich“ und „Der keusche Lebemann“ wurden zu beliebten Fernsehereignissen.
Millowitsch sprach kein streng abgeschottetes Kölsch, sondern ein verständliches rheinisches Deutsch – „Kölsch met Knubbele“. Dadurch konnten auch Zuschauer außerhalb Kölns seinen Humor verstehen. Die Fernsehübertragungen machten aus dem lokalen Theater eine bundesweit bekannte Institution und sicherten zugleich sein wirtschaftliches Überleben.
Filmstar und Kommissar Klefisch
Neben seiner Arbeit am Theater baute Willy Millowitsch auch eine erfolgreiche Film- und Fernsehkarriere auf. Sein erster Kinofilm war 1949 „Gesucht wird Majora“. In den folgenden Jahrzehnten spielte er in mehr als 125 Film- und Fernsehproduktionen mit.
Zu seinen bekannten Filmen gehören „Drei Mann auf einem Pferd“, „Vater, Mutter und neun Kinder“ und „Zum Teufel mit der Penne“. 1985 war er außerdem an der Seite von Chevy Chase in der Komödie „Hilfe, die Amis kommen“ zu sehen.
Besonders bemerkenswert war seine späte Rolle als pensionierter Kommissar Hermann-Josef Klefisch. Zwischen 1990 und 1996 verkörperte Millowitsch die Figur in mehreren WDR-Krimis. Damit zeigte er, dass er weit mehr konnte als volkstümliche Komödien. Auch in ernsteren Rollen überzeugte er durch Präsenz und Glaubwürdigkeit.
Sänger und Botschafter kölscher Lebensart
Willy Millowitsch war nicht nur Schauspieler, sondern auch ein erfolgreicher Sänger. 1960 erhielt er einen Plattenvertrag bei Ariola. Sein größter Hit wurde das Karnevals- und Stimmungslied „Schnaps, das war sein letztes Wort“, von dem mehr als 900.000 Exemplare verkauft wurden.
Auch Lieder wie „Wir sind alle kleine Sünderlein“ und „Ich bin ene kölsche Jung“ wurden eng mit seiner Person verbunden. Seine Auftritte bei Karnevalsveranstaltungen machten ihn endgültig zu einer festen Größe der rheinischen Unterhaltungskultur.
Familie und Vermächtnis
Willy Millowitsch war zweimal verheiratet. Mit seiner zweiten Ehefrau Gerda Feldhoff hatte er vier Kinder: Katarina, Peter, Susanne und Mariele. Sein Sohn Peter setzte die Familientradition im Theater fort. Seine Tochter Mariele Millowitsch wurde eine erfolgreiche Schauspielerin und etablierte sich vor allem im Fernsehen.
Für seine Verdienste erhielt Willy Millowitsch zahlreiche Auszeichnungen. 1989 wurde er zum Ehrenbürger der Stadt Köln ernannt. Außerdem erhielt er den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen und 1994 das Große Bundesverdienstkreuz. Die Stadt Köln würdigte ihn als „wandelndes Wahrzeichen“ und als Botschafter der Domstadt.
Bereits zu seinen Lebzeiten wurde ihm ein bronzenes Denkmal errichtet. Die bekannte Figur auf der Bank stand zunächst am Eisenmarkt und befindet sich heute am Willy-Millowitsch-Platz in der Kölner Altstadt. Seit 2003 wird außerdem die Willy-Millowitsch-Medaille an Persönlichkeiten verliehen, die sich um eine kultivierte kölsche Rede verdient gemacht haben.
Sein persönlicher Nachlass wird in der Theaterwissenschaftlichen Sammlung der Universität zu Köln aufbewahrt. Dort dokumentieren Fotografien, Bühnenmaterialien und andere Objekte die Geschichte des Künstlers und seiner Familie.
Ein Abschied, der ganz Köln bewegte
Als Willy Millowitsch 1999 starb, nahm ganz Köln Abschied. Für den beliebten Volksschauspieler wurde eine Totenmesse im Kölner Dom gehalten – eine außergewöhnliche Ehre für einen Nichtgeistlichen. Der Trauerzug wurde live im Fernsehen übertragen. Beigesetzt wurde Millowitsch auf dem Melaten-Friedhof.
Willy Millowitsch hinterließ weit mehr als eine Sammlung erfolgreicher Theaterstücke, Filme und Lieder. Er prägte das Bild Kölns in ganz Deutschland und machte die kölsche Sprache einem Millionenpublikum zugänglich. Sein Humor war volkstümlich, aber nie beliebig; seine Figuren waren komisch, weil sie menschlich waren.
Bis heute steht sein Name für rheinischen Frohsinn, kölsche Bodenständigkeit und die besondere Fähigkeit, Menschen miteinander zum Lachen zu bringen. Willy Millowitsch war nicht nur ein Kölner Original. Er war ein Stück deutscher Unterhaltungsgeschichte.