Heinz Ganss, besser bekannt als King Size Dick, ist eine der markantesten Stimmen der kölschen Musikszene – ein Original, dessen Lebensgeschichte so sehr mit der Kultur seiner Heimatstadt verwoben ist wie der Rhein selbst mit seinem Ufer.
Geboren am 29. Dezember 1942 in Köln, wuchs Ganss in einer Zeit auf, in der die Stadt sich vom Krieg erholte und die lokale Musikszene zu neuem Leben erwachte. Was später aus ihm werden sollte, deutete sich damals noch nicht an: ein kölsches Bühnenwesen, das gleichermaßen wie ein Straßenmusiker, ein Karnevalist und ein Soul-Sänger wirkte – und gerade deshalb so glaubwürdig war.
Denn King Size Dick war nie bloß ein Produkt des rheinischen Frohsinns. Er war einer, der seine Stimme ncicht aus einer Castingshow holte, sondern aus dem echten Leben: aus Werkstätten, Kneipen, Tourbussen und Proberäumen. Ein Mann, dessen Biografie weniger nach Glamour klingt als nach Arbeit – und genau dadurch ihren eigenen Glanz bekommt.
Vom Rhein in die Welt: Jugend, Beruf und Musik als Parallelleben

Bevor Heinz Ganss als Musiker zu einer festen Größe wurde, war sein Leben geprägt von handfesten Berufen. Er lernte Kfz-Mechaniker und arbeitete später als Fernfahrer – Tätigkeiten, die in der Nachkriegszeit nicht nur typisch, sondern existenziell waren. Köln war damals eine Stadt im Wiederaufbau, und wer arbeiten konnte, arbeitete. Dass Musik dennoch früh eine Rolle spielte, gehört zu diesen rheinischen Geschichten, die sich im Rückblick wie selbstverständlich anfühlen: Man geht tagsüber seinem Beruf nach und steht abends auf der Bühne, in einem Club, einem Saal, irgendwo zwischen Biergeruch und Verstärkerrauschen.
Schon in den frühen 1960er-Jahren war Ganss musikalisch aktiv, spielte in Bands und sammelte Erfahrungen in einer Szene, die damals noch nicht „kölsch“ im heutigen Sinn war, sondern stark beeinflusst von Beat, Rock’n’Roll und internationaler Popmusik. Wer in Köln Musik machte, blickte automatisch nach England und Amerika – und genau dieses internationale Moment sollte später eine entscheidende Rolle in seinem Leben spielen.
Bundeswehr – und plötzlich Wales: warum ein Kölner Soldat in Großbritannien landet

Was zunächst tatsächlich „strange“ klingt, ist bei näherem Hinsehen ein faszinierendes Zeitdokument: Heinz Ganss war als junger Mann bei der Bundeswehr – und wurde in dieser Zeit nach Wales versetzt. Das wirkt heute ungewöhnlich, ist aber historisch erklärbar: In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg war die Bundesrepublik fest eingebunden in NATO-Strukturen. Es gab Ausbildungs- und Stationierungsmodelle, bei denen deutsche Einheiten zeitweise im Ausland untergebracht oder für bestimmte technische Aufgaben eingesetzt wurden. Wales war in dieser Phase ein Standort, an dem auch Bundeswehr-Angehörige im Rahmen militärischer Kooperation präsent waren.
Ganss war dort nach allem, was bekannt ist, in einer Instandsetzungseinheit tätig – also in einem technischen Bereich, der Wartung, Reparatur und logistische Abläufe umfasste. Das passte zu seinem handwerklichen Hintergrund als Mechaniker. Man kann sich diesen jungen Kölner in Uniform vorstellen, weit weg von zuhause, zwischen britischer Landschaft, Kasernenalltag und einer Sprache, die er zwar kannte, aber nicht lebte.
Und genau hier wird es interessant: Denn Wales war für ihn nicht nur militärische Pflicht, sondern offenbar auch ein Tor in eine andere Welt. Während viele Soldaten ihre Zeit absitzen, machte Ganss das, was er immer tat: Er suchte Musik.
Wo der Name geboren wird: die Geschichte von „King Size Dick“

Die Entstehung seines Künstlernamens ist bis heute eine der charmantesten Anekdoten der kölschen Musikgeschichte – und sie beginnt genau in dieser Wales-Zeit.
„Dick“ war in Köln ein Spitzname, der nicht unbedingt beleidigend gemeint war, sondern schlicht rheinisch-direkt: ein Hinweis auf Statur, auf Präsenz, manchmal auch auf ein bisschen kernige Gemütlichkeit. In Wales wurde er mit diesem Namen angesprochen oder stellte sich so vor. Irgendwann fragte man ihn, was „Dick“ denn bedeute – und Ganss erklärte sinngemäß: „groß“.
Die Briten machten daraus, ganz im Stil ihrer Sprache, sofort eine Art Produktbezeichnung: „King Size“ – also „extra groß“. So entstand der Name King Size Dick, nicht als vulgäre Pointe, sondern als sprachlicher Zufall, als Missverständnis mit Charme, das hängen blieb. Der Name klingt wie eine Bühnennummer, ist aber im Kern eine kleine Geschichte über kulturelle Übersetzung, Humor und die Fähigkeit, aus einem Moment eine Identität zu formen.
Das Interessante daran: King Size Dick war nicht jemand, der sich eine Kunstfigur erfand – er nahm schlicht das, was ihm das Leben hinwarf, und machte daraus einen Markennamen.
Britische Nächte, kölsche Seele: Musik als Ausweg aus dem Kasernenalltag
Die Wales-Zeit war offenbar nicht nur ein Kapitel der Pflichterfüllung, sondern auch eine Phase, in der Ganss musikalisch enorm geprägt wurde. Es gibt Berichte, dass er dort sogar als Gast-Sänger bei Auftritten mit britischen Musikern unterwegs war – unter anderem wird in diesem Zusammenhang die bekannte Band Brian Poole & The Tremeloes genannt, die damals zur britischen Pop- und Beat-Szene gehörte.
Selbst wenn solche Episoden im Detail schwer vollständig nachzuzeichnen sind, passt die Erzählung in die Logik der Zeit: Die 60er-Jahre waren in Großbritannien ein musikalisches Erdbeben. Wer dort live spielte, stand mitten in einer Kultur, die den Sound Europas neu definierte. Für einen jungen Musiker aus Köln war das wie ein Crashkurs in Bühnenpräsenz und Popästhetik – und wahrscheinlich auch eine Lektion in Selbstbewusstsein: Du kannst als Deutscher dort bestehen, wenn du etwas kannst.
Dass er später in Köln mit so viel natürlicher Autorität auftrat, hat möglicherweise genau hier seinen Ursprung: in einem fremden Land, unter fremden Menschen, mit einer Stimme, die plötzlich funktionierte.
Zurück in Köln: vom Fahrer zum Sänger, vom Mitläufer zum Original
Nach der Rückkehr in die Heimat begann das, was später zu seinem legendären Status führte. Ganss war längst Teil der Kölner Musikszene, spielte in verschiedenen Formationen, die erste Band war Dick & The Shades und bewegte sich in jener Welt, aus der später das kölsche Musik-Ökosystem entstand, das man heute kennt.

Eine besonders wichtige Rolle spielte seine Verbindung zu den Bläck Fööss.

Er war dort nicht nur Sänger, sondern auch im Umfeld der Band aktiv – unter anderem als Fahrer.
Das ist typisch für die damalige Zeit: Die Grenzen zwischen Crew und Bühne waren fließend. Wer zuverlässig war, gehörte dazu. Wer außerdem singen konnte, stand irgendwann auch im Rampenlicht.
King Size Dick war dabei nie glatt. Seine Stimme hatte diese raue Wärme, diese Mischung aus Kneipe und Bühne, aus Rock und rheinischem Tonfall. Er konnte charmant sein, laut, direkt, aber auch überraschend gefühlvoll. Gerade dieses Unperfekte machte ihn glaubwürdig.
Mehr als Karneval: Dick & Alex und die Lust an der musikalischen Freiheit
Wer King Size Dick nur als Karnevalssänger sieht, sieht zu wenig. Ein wichtiger Teil seines Schaffens war die Zusammenarbeit mit dem Gitarristen Alex Parche im Duo Dick & Alex. Dort ging es weniger um kölsche Hymnen als um deutschsprachigen Rock, um gesellschaftliche Töne, um Musik, die nicht nur feiern, sondern auch kommentieren konnte.
King Size und
Alex Parche
Das Duo brachte Stücke hervor, die in ihrer Zeit auffielen, weil sie nicht in die üblichen Schubladen passten. King Size Dick war eben kein reiner Stimmungslieferant, sondern ein Musiker, der Rock, Blues und Soul ernst nahm – und der kölsche Sprache nicht als Folklore verstand, sondern als echtes Ausdrucksmittel.
„Rusjesök“ und das Prinzip Kölsch: Weltmusik in Mundart
Besonders interessant ist seine Arbeit an Projekten, in denen internationale Musik ins Kölsche übertragen wurde. Sein Album „Rusjesök“ gilt als Beispiel für genau dieses Prinzip: weltbekannte Songs werden nicht einfach übersetzt, sondern kulturell umgebaut – so, dass sie klingen, als wären sie immer schon am Rhein zuhause gewesen.
Das ist eine Kunst, die nur wenige beherrschen. Denn Dialekt funktioniert nicht wie Hochsprache. Er lebt von Rhythmus, von Klangfarbe, von lokalen Bildern. Wer das nicht versteht, klingt schnell wie eine Parodie. King Size Dick aber klang nie wie ein Gag. Er klang, als hätte Köln schon immer Soul gesungen.

Der Mann hinter dem Namen: Herz, Humor und soziale Haltung
In der öffentlichen Wahrnehmung ist King Size Dick eine Figur, ein Name, ein kölsches Urgestein. Doch hinter dem Bühnenimage steckt ein Mensch, der offenbar immer auch eine soziale Seite hatte. In späteren Jahren wurde bekannt, dass er sich für wohltätige Zwecke engagierte und Teile seiner Einnahmen sozialen Projekten zukommen ließ – unter anderem im medizinischen und kinderbezogenen Bereich.
Solche Details passen zu dem Bild, das viele von ihm haben: jemand, der laut sein kann, aber nicht hart. Jemand, der gerne den großen Auftritt macht, aber nicht abgehoben wirkt. Vielleicht ist es genau diese Mischung, die ihn in Köln so beliebt machte: ein Mann mit großer Stimme, aber ohne Dünkel.
Heute: Legende im Ruhestand – aber nie ganz weg
King Size Dick hat sich im höheren Alter weitgehend aus dem dauerhaften Tourgeschäft zurückgezogen. Doch wie bei vielen echten Bühnenmenschen ist „Ruhestand“ ein relativer Begriff: Er tritt weiterhin gelegentlich auf, vor allem zu besonderen Anlässen, Benefizveranstaltungen oder Ereignissen mit persönlichem Bezug.
Seine Bedeutung ist dabei längst größer als sein aktueller Output. King Size Dick ist eine Art kulturelle Figur geworden: eine Erinnerung an eine Zeit, in der Musik noch unmittelbarer war, näher am Publikum, weniger produziert, weniger geschniegelt. Eine Zeit, in der ein Sänger noch so klingen durfte, als käme er direkt aus der Kneipe auf die Bühne – und genau das war dann das Authentische.
Köln hat viele Stimmen – aber nur wenige wie diese
King Size Dick ist mehr als ein Musiker mit kurioser Namensgeschichte. Er ist ein Stück kölsche Kulturgeschichte. Sein Weg vom Mechaniker und Fernfahrer zum Bühnenoriginal erzählt etwas über diese Stadt: über ihren Humor, ihre Direktheit, ihren Stolz auf Menschen, die nicht geschniegelt daherkommen, sondern echt sind.
Dass ein Kölner Junge als Soldat nach Wales gerät, dort seinen Namen bekommt, musikalisch britische Luft atmet und später am Rhein zur Legende wird – das ist keine gewöhnliche Künstlerbiografie. Es ist eher eine dieser Geschichten, wie sie nur Köln hervorbringen kann: ein bisschen schräg, ein bisschen groß, ein bisschen sentimental – aber am Ende absolut stimmig.
Und vielleicht ist das die eigentliche Pointe seines Namens: King Size ist nicht nur eine Übersetzung von „groß“. Es ist ein Lebensgefühl.
Danke für den perfekt recherchierten Bericht. Liebe Grüße KSD und Inge Ganss
Vielen Dank für den tollen Bericht.
Vor allem weiter alles Gute für KSD und Gesundheit.
Ich erinnere mich an einige Begegnungen in Gymnich mit dem Ehepaar Ganss mit ihrem Julchen und meinem Samojeden.