Köln – Während sich jedes Jahr Hunderttausende in schrillen Kostümen durch die Straßen Kölns schieben, stellt sich eine Frage: Ist der Kölner Karneval nur Spaß – oder eine ernste Sache?
„Karneval ist unser Herzschlag. Wer das nicht versteht, hat Köln nicht verstanden“, sagt Ursula M., 64, gebürtige Kölnerin aus Nippes. Sie steht vor der Severinstorburg und hat Tränen in den Augen – nicht vor Lachen, sondern aus Rührung. Denn hinter der bunten Fassade steckt für sie Heimatgefühl, Identität und Tradition.
Ein Fest mit Tiefgang
Der Kölner Karneval mag oberflächlich wie ein trinkfreudiger Ausnahmezustand erscheinen, doch in Wirklichkeit ist er tief verwurzelt in der rheinischen Kultur und Geschichte. Seit über 200 Jahren wird organisiert gefeiert – mit Funken, Dreigestirn und dem Festkomitee als tragenden Säulen.
„Man lacht nicht nur. Man denkt auch nach – über Politik, über die Gesellschaft. Büttenreden sind oft klüger, als sie scheinen“, erklärt Thomas R., 59, ehemals hoher Würdenträger in Köln. Tatsächlich ist der Karneval eine Bühne für Spott, Satire und Kritik – mitunter verpackt in süffisantem Dialekt und rheinischem Humor.
Strenge Freude bei Jan von Werth
Besonders ernst nimmt man die Tradition bei der Traditionsgesellschaft “Jan von Werth”, wo Geschichte und Brauchtum fast heilig sind. Jürgen H., 53, seit Jahrzehnten aktives Mitglied der Gesellschaft, versteht da keinen Spaß – zumindest nicht, wenn es um Respekt gegenüber dem Brauchtum geht.
„Wer denkt, bei Karneval ginge es darum sich zu besaufen oder wer über unser Reiterkorps ein schlechtes Wort verliert, der ist in Köln fehl am Platz. Bei uns trägt man Uniform mit Würde. Und wer über unsere Rituale schmunzelt, den weise ich gerne persönlich zurecht“, sagt Jürgen mit festem Blick. Für ihn ist Karneval kein Kostümfest, sondern ein kulturelles Erbe.
Kölner leben dafür
„Ich nehm mir für Karneval jedes Jahr Urlaub – dat is wie Weihnachten. Da will ich bei meiner Familie sein“, sagt Lisa T., 32, Erzieherin aus Ehrenfeld. Für viele ist die sogenannte „fünfte Jahreszeit“ kein belangloses Event, sondern eine Lebenshaltung. Bereits im Sommer beginnen die Vorbereitungen für Kostüme, Wagen und Lieder.
Nicht zu vergessen: Der soziale und gesellschaftliche Wert. Die meisten Vereine arbeiten ehrenamtlich, organisieren Sitzungen, besuchen Seniorenheime und Schulen, um Freude zu bringen. Auch Spendenaktionen sind keine Seltenheit.
Ernsthaft fröhlich
„Karneval ist ein Ventil. Wir lachen, wir feiern – aber wir vergessen nie, warum wir das tun. Es geht um Zusammenhalt, um kölsches Jeföhl“, meint Jürgen B., 45, Mitglied der Karnevalsgesellschaft „Treuer Husar“.
So verschieden die Gesichter des Karnevals auch sind – vom rührseligen Clown über den närrischen Redner bis zum strengen Traditionswächter – sie alle zeigen: Karneval ist nicht trotz, sondern wegen seiner Leichtigkeit eine ernste Sache.
Und wie sagt man in Köln?
Et hätt noch immer jot jejange.