Neun Musiker, jede Menge Blech, Sporttrikots und eine gehörige Portion Selbstironie: Die Rhythmussportgruppe hat sich in den vergangenen Jahren zu einer festen Größe auf den Bühnen des Rheinlands entwickelt. Die Brass-Pop-Band verbindet moderne Sounds mit kölschem Lebensgefühl, energiegeladenen Live-Shows und einem Konzept, das Musik und Mannschaftsgeist zusammenbringt. Entstanden ist die Band am Institut für Musik und Medien, heute begeistert sie ihr Publikum weit über die Grenzen des Karnevals hinaus. Im Interview spricht die Rhythmussportgruppe über ihre Anfänge, ihre besondere Teamdynamik und den Weg von einer studentischen Jam-Session zur festen Größe auf den Bühnen zwischen Köln und Düsseldorf.
Vom Rhythmussport zur Rhythmussportgruppe

Für alle, die euch gerade erst entdecken: Wer oder was ist die Rhythmussportgruppe?
Eine Brass-Pop-Band aus dem Rheinland – aus Köln, Düsseldorf und allem drum herum –, die live, laut und gut gelaunt den Menschen eine gute Zeit bereitet. Und zwar nicht nur im Karneval.
Wie würdet ihr euren Sound in drei Worten beschreiben?
„(Brass)-Batteries included“, modern, mitsingbar.
Der Name Rhythmussportgruppe ist ziemlich außergewöhnlich. Wie ist er entstanden?
Der Name ist 2015 in einer Bierlaune entstanden. Damals haben wir hauptsächlich komplizierten Funk und Jazz mit krummen Takten gespielt. Das führte irgendwann zu dem Sinnbild „Rhythmussport“ – also Noten spielen, bis einem die Schweißtropfen auf der Stirn stehen.
Wenn man darüber nachdenkt, gibt es zwischen Sport und Musik viele Parallelen: Teamgeist, der Versuch, etwas Physisches mit einer gewissen Perfektion umzusetzen, das Spiel vor Publikum. Das war für uns eine spannende Spielwiese.
Und daraus wurde irgendwann mehr als nur ein Name?
Genau. Aus der Idee entstanden Sportklamotten auf der Bühne, Mitklatsch-Übungen mit dem Publikum und vieles mehr. Und wie das mit Namen eben so ist: Man wird sie nicht mehr los. Musikalisch bewegen wir uns heute in anderen Stilen als damals, aber unser Motto gilt weiterhin: Rhythmussport ist Teamsport – und ohne das Publikum als „11. Mann“ geht nichts.
Wenn eure Band selbst eine Sportart wäre – welche?
Wir sind quasi die Olympischen Spiele: Von allem etwas dabei, wir bringen Menschen und Stile zusammen – und laufen gelegentlich im Fernsehen, aber keiner kriegt’s mit.
Mehr als nur ein Musikprojekt
Wann habt ihr gemerkt: Das hier ist nicht mehr nur ein Projekt, sondern eine richtige Band?
Eine Band wird man nicht durch den ersten Applaus, sondern durch die erste unbequeme Entscheidung. Bei uns war das der Moment, als wir gemerkt haben: Wir sagen für die Band Dinge ab – Wochenendpläne, andere Gigs oder Zeit mit der Familie. In dem Moment, in dem neun Leute freiwillig dasselbe Wochenende blockieren, ohne dass jemand fragt: „Lohnt sich das überhaupt?“, ist es wohl eine Band.

Das klingt nach einem starken Mannschaftsgefühl. Wie lebt ihr das auch abseits der Bühne?
Mannschaftsgefühl heißt bei uns: Wir teilen nicht nur die Gage, sondern auch die Arbeit drum herum. Auf- und Abbau, Fahrerei, Equipment-Bau, Produktion der Songs – das komplette Paket.
Wir haben kein großes Roadie-Heer – wobei wir an dieser Stelle natürlich Grüße an die beste Zwei-Mann-Crew der Welt schicken: Nils und Malte. Aber grundsätzlich gilt: keine Allüren, keine neun Statisten. Jeder packt eine Kiste und los geht’s. Das schweißt zusammen.
Wenn ihr die Rollen innerhalb der Mannschaft verteilen müsstet: Wer wäre Trainer, Kapitän und Motivator?
Kapitän im Sinne von „führt die Truppe an und steht am Ende vor der Kamera Rede und Antwort“ ist sicherlich Jeffrey am Gesang. Trainer beziehungsweise „Mädchen für alles“ sind Niklas an der Gitarre und Lukas an den Keys. Die Rolle des Motivators oder Feelgood-Managers wandert dagegen je nach Laune fröhlich durch die gesamte Band.
Und was ist das Sportlichste – beziehungsweise Unsportlichste – an euch?
Das Sportlichste: Wir machen pro Auftritt vermutlich mehr Schritte als manche Fitnessstudio-Mitglieder im ganzen Monat. Eine Bläser-Lunge ist schließlich Hochleistungssport mit Mundstück. Das Unsportlichste: Die Regelmäßigkeit und Disziplin, mit der wir im Proberaum „trainieren“, ist definitiv noch ausbaufähig.
Gibt es ein Ritual oder einen Running Gag, den Außenstehende niemals verstehen würden?
Natürlich gibt es ein paar Inside-Jokes, die sich mittlerweile komplett verselbstständigt haben und ohne Kontext ziemlich absurd wirken. Klassisches „Muss man dabei gewesen sein“. Aber ruft einfach mal laut „Tür zu!“ oder „Schwierig mit Posaune!“, wenn ihr an uns vorbeikommt – und schaut, was passiert.
Die ersten Jahre
Ihr habt euch am Institut für Musik und Medien kennengelernt. Was war damals eure gemeinsame Vision?
Ehrlich gesagt: zusammen Musik machen. Klingt simpel – war aber genug. Es gab keinen großen Masterplan. Wir haben angefangen zu spielen, und irgendwann hat dieses Anfangen ein Eigenleben entwickelt.
Wie klang die Rhythmussportgruppe in den ersten Monaten?
Sehr „Mucker“-mäßig. Viele krumme Takte, Instrumental-Songs, Jazz, Funk und Soul. Und wir hatten in der Zeit vor Jeffreys Einstieg viele tolle Sängerinnen dabei.
Gab es einen Auftritt, bei dem ihr gespürt habt: Das hier könnte größer werden?
„Richtig groß“ ist natürlich relativ. Gerade im Kölner Karneval fühlen wir uns zwischen all den Urgesteinen oft immer noch wie die Azubis vom Dienst. Aber es gibt diese besonderen Momente, in denen man ins Publikum schaut und merkt: Da stehen Menschen, die man noch nie gesehen hat, und die können die Songs von vorne bis hinten mitsingen und fühlen das genauso wie wir. Das ist eigentlich das Schönste, was einem passieren kann.
Und gab es umgekehrt auch Momente, in denen ihr dachtet: Das war’s vielleicht?
Eigentlich nicht. In den Anfangsjahren von 2015 bis 2019 haben wir eher unregelmäßig gespielt, steckten alle noch im Studium und waren nicht finanziell von der Musik abhängig. Dadurch haben wir jede Durststrecke ganz gut überstanden. Natürlich war die Pandemie auch für uns ein schwerer Einschnitt – vor allem, weil wir erst kurz zuvor in den Karneval gestartet waren und gerade richtig Fahrt aufgenommen hatten. Aber zum Glück haben wir auch diese Zeit gemeinsam überstanden.
Zwischen Songidee und Bläsersatz
Wie entsteht bei euch ein neuer Song? Beginnt alles mit einem Beat, einem Text, einer Melodie oder eher mit einem Gefühl?
Ganz unterschiedlich. Mal ist es eine Textidee, mal eine Melodie, mal eine Vision, die den Anfang macht. Wichtig ist uns immer, eine griffige Kernaussage zu finden – eine Message, die man musikalisch und textlich ausarbeiten kann. Das ist oft leichter gesagt als getan.
Wer übernimmt bei euch hauptsächlich das Songwriting?
Ein Teil der Band beschäftigt sich federführend mit dem Schreiben neuer Songs. Was aus diesen Entwürfen am Ende wird, entsteht aber gemeinsam – im Proberaum, auf der Bühne und im Austausch miteinander.
Gilt das auch für die Musik? Oder arbeitet ihr dabei mit externen Komponisten zusammen?
Im Grunde ist es genauso wie bei den Texten. Wir haben immer mal wieder Produzenten mit im Boot, die mit einem frischen Ohr gute Impulse geben. Hier und da werden uns auch Songs angeboten. Bisher hat das aber meistens nicht so gut zu uns gepasst wie unsere eigenen Ideen.
Gab es trotzdem schon Songs, die nicht komplett aus eurer eigenen Feder stammen?
Ja, zum Beispiel „Am Rhein, Am Rhein“. Das ist unsere Version von „Allein Allein“ von Polarkreis 18. Den Text hat ein Bekannter von uns geschrieben, der selbst gar nicht mehr im Rheinland lebt und auch nicht auftritt. Wir fanden die Idee einfach zu schade, um sie nie auf eine Bühne zu bringen – also haben wir den Song kurzerhand übernommen.
Und daraus wurde dann deutlich mehr als nur eine Coverversion.
Absolut. Schnell war klar, dass eine Botschaft, die so sehr vom Verbinden handelt, eigentlich nach einem Feature schreit. Wir konnten die Veedelperlen dafür gewinnen, den Song gemeinsam mit uns aufzunehmen und live auf die Bühne zu bringen. In der vergangenen Session war das jedes Mal ein Highlight. Wenn 30 bis 40 Frauen für den Song in der Lachenden Kölnarena die Bühne stürmen, dann brennt die Hütte. Daraus ist sogar ein gemeinsames Aktions-Trikot entstanden. Und mit ein bisschen Stolz können wir sagen: Wir haben vermutlich das weltweit erste städteverbindende Trikot herausgebracht – eines, das einen Kölsch- und einen Alt-Sponsor auf derselben Brust vereint.
Was muss ein Song grundsätzlich haben, damit ihr sagt: Den machen wir?
Musikalisch muss er zu uns passen. Und er braucht etwas Besonderes, etwas Eigenständiges. Irgendetwas, das ihn von anderen Songs unterscheidet.
Die Kunst des richtigen Drucks
Eure Bläsersätze gehören zu eurem Markenzeichen. Wie entwickelt man Arrangements, die fett klingen, ohne überladen zu wirken?
Unsere Bläser sind wie Mary Poppins am Maßband: „Practically perfect in every way.“ Deshalb klingt natürlich alles automatisch super. Nein, Spaß beiseite: Das ist eine Mischung aus Erfahrung und Ausprobieren. Viele Dinge entstehen im Prozess. Und Songs sind eigentlich nie wirklich fertig. Selbst nach dem hundertsten Mal auf der Bühne ändern wir manchmal noch Kleinigkeiten.
Wie viel Raum bleibt dabei für Improvisation?
Zu unserer Jazz-Zeit deutlich mehr als heute. Damals wurde viel gejammt und improvisiert. Auch heute gibt es noch hier und da improvisierte Soli in unseren Songs, aber für ausgedehnte Jam-Sessions bleibt leider viel zu selten Zeit.
Zwischen Funk, Pop-Punk und kölschem Lebensgefühl
Gibt es eine Textzeile aus euren eigenen Songs, die euch besonders am Herzen liegt?
„Ich kann kein Kölsch, aber sing trotzdem laut mit, weil das unter die Haut geht.“ Das ist eigentlich die Quintessenz unserer Paradiesvogel-Attitüde im rheinischen Karneval.
Warum gerade diese Zeile?
Weil sie genau das beschreibt, was wir selbst empfinden. Man muss nicht hier geboren sein oder perfekt Kölsch sprechen, um sich mit dieser Kultur verbunden zu fühlen. Es geht am Ende um Gemeinschaft, Emotionen und darum, Teil von etwas zu sein.
Welche musikalischen Einflüsse prägen euch, die viele vielleicht gar nicht vermuten würden?
Wir haben einige große Fans von Funk und Gospelmusik in der Band. Im Tourbus läuft deshalb schon mal Vulfpeck, Lawrence oder Snarky Puppy. Ansonsten sind wir größtenteils Kinder der 2000er-Jahre. Da steckt im Herzen immer noch eine Menge Indie, Emo und Pop-Punk.
Humor und Selbstironie spielen bei euch ebenfalls eine große Rolle. Ist das bewusst Teil eurer Identität?
Definitiv. Wenn wir uns selbst zu ernst nehmen würden, würden wir wahrscheinlich nicht mit neun Mittdreißigern in Sportklamotten auf eine Bühne steigen.
Konzert, Workout und Mitmach-Spiel
Eure Shows wirken oft wie eine Mischung aus Konzert, Workout und Straßenparade. Wie bewusst inszeniert ihr diesen Sportcharakter?
Am Anfang war das eher Quatsch. Die Sportklamotten und Mitmachübungen entstanden ursprünglich rund um unsere Instrumentalprüfungen. Aber irgendwann wurde daraus eine echte Philosophie. Heute wollen wir, dass sich ein Auftritt für das Publikum wie ein gemeinsames Spiel anfühlt – nicht wie etwas, das man nur anschaut.

Das Publikum soll also Teil der Show werden?
Genau. Nach dem Motto „Arsch huh, ab geht’s“ möchten wir die Menschen möglichst schnell aus ihrer Komfortzone holen. Die Idee dahinter ist eigentlich ganz einfach: Bewegung schaltet den Kopf aus. Wer hüpft, klatscht und mitsingt, kann nicht gleichzeitig darüber nachdenken, ob er den Text kennt oder ob er gerade gut aussieht. Das Workout ist deshalb für uns kein Gimmick, sondern ein Türöffner – der schnellste Weg, Fremde in Freunde zu verwandeln.
Zum Abschluss etwas weniger Philosophisches: Wenn ihr euren Sound als Getränk verkaufen müsstet – wie würde er schmecken?
Wie ein isotonisches Sportgetränk. Belebend, erfrischend, bitzelig.
Und wenn ihr einen Song schreiben müsstet, der garantiert nicht funktionieren darf?
„Opus 111 – Experimentelle Musik für verstimmte Gitarre, Nasenflöte und Triangel.“
Zwischen Köln, Karneval und großer Bühne
Köln ist bei euch nicht nur ein Ort, sondern fast schon ein Lebensgefühl. Was macht die Stadt musikalisch mit euch?
Man bleibt hier musikalisch ziemlich gut am Puls der Zeit. Viele internationale Künstler machen Station in Köln, überall hängen Plakate für Konzerte und Veranstaltungen. Man wird ständig mit neuen Eindrücken und Strömungen konfrontiert. Gleichzeitig bildet die kölsche Musik mit ihren vielen Alltime-Classics ein wunderbares Gegengewicht. Und wahrscheinlich gibt es keine andere Stadt, über die so viele Lieder geschrieben wurden wie über Köln. Manchmal wissen wir selbst nicht mehr genau, ob wir mehr in dem Bild von Köln leben oder in der tatsächlichen Kölner Realität. Irgendwie bedingt das eine das andere.
Was ist eure ganz persönliche „Kölner Wahrheit“, die Menschen außerhalb der Stadt oft nicht verstehen?
Dass Großstadt und Brauchtum am selben Ort funktionieren. Anderswo schließt sich das fast aus. Hier nicht. Der Karneval und das kölsche Selbstverständnis sind das ganze Jahr über präsent – in der Straßenbahn, in der Kita, beim Sommerfest oder im Stadion. Überall schwingt eine gemeinsame Identität mit, mit der sich ein Großteil der Menschen identifiziert.
Karneval zwischen Leidenschaft und Vorurteilen
Karneval ist ein wichtiger Teil eurer Identität. Wie unterscheiden sich diese Auftritte von euren regulären Konzerten?
Im Karneval läuft alles deutlich getakteter ab. Da spielt man 25 Minuten, fährt 40 Minuten zum nächsten Auftritt, spielt wieder 25 Minuten, sitzt erneut im Auto – und so weiter. Das hat seinen ganz eigenen Reiz, weil man an manchen Tagen in eine Art positive Trance gerät. Bei unseren Konzerten haben wir dagegen mehr Zeit, Geschichten zu erzählen, einen größeren Spannungsbogen aufzubauen und auch einmal leisere Momente wirken zu lassen.
Was ist die größte Illusion, die viele Menschen über Karnevalsmusiker haben?
Ein verbreitetes Vorurteil ist sicherlich, dass alle nur feiern und das Ganze eher oberflächlich ist. Tatsächlich würden wir eher das Gegenteil behaupten. Außerdem hören wir oft, Karneval sei nur Kommerz und man mache das alles ausschließlich wegen des Geldes. Natürlich spielt man in kurzer Zeit sehr viele Auftritte. Aber wenn es darum ginge, möglichst schnell möglichst viel Geld zu verdienen, gäbe es deutlich bessere Wege. Vor allem mit neun Leuten auf der Bühne ist das Ganze herrlich unökonomisch – aber eben auch viel schöner. Wir haben alle noch andere Jobs. Dadurch können wir die Band aus echter Leidenschaft machen.
Wenn ihr die Regeln der Karnevalsmusik für einen Tag neu schreiben dürftet – was würdet ihr verändern?
Vielleicht würden wir die starke Verknüpfung von „Kölscher Sprooch“ und Authentizität etwas aufbrechen. Aus Brauchtumssicht ist das absolut nachvollziehbar und in vielen Fällen auch richtig. Für Menschen, die neu ins Rheinland gekommen sind, kann das aber manchmal wie eine Hürde wirken. Die Frage lautet dann schnell: Kann ich Karneval überhaupt feiern, wenn ich kein Kölsch spreche? Wobei man dafür eigentlich keine Regeln ändern muss. Man braucht vor allem gute und ehrliche Songs.
Zwischen Köln und Düsseldorf
Wenn ihr einen Song über Düsseldorf schreiben würdet: Wäre das eher ein Liebeslied oder eine Abrechnung?
Eine Abrechnung auf keinen Fall. Wir haben Düsseldorf und dem dortigen Karneval sehr viel zu verdanken. Dort leben einige unserer treuesten Fans, ein Drittel der Band kommt von dort, und wir fühlen uns in der Stadt immer wohl.
Tatsächlich funktioniert die berühmte Köln-Düsseldorf-Thematik oft nur in eine Richtung. Wenn in einem Song Kölsch und der Dom vorkommen, ist das für viele Düsseldorfer überhaupt kein Problem. Andersherum wird es manchmal schwieriger.
Also eher Regionalpatrioten als Lokalpatrioten?
Genau. Wir haben es nie als unsere Aufgabe gesehen, einzelne Städte mit Liebes- oder Abrechnungsliedern zu besingen. Wir verstehen uns eher als Regionalpatrioten. Das entspricht auch unserer Lebensrealität zwischen den Städten. Wenn überhaupt, dann hätte ein Liebeslied von uns wahrscheinlich eher die A57 verdient – die bringt uns schließlich seit Jahren zuverlässig zwischen Köln und Düsseldorf hin und her.
Warum Live-Musik nicht ersetzbar ist
Welche Rolle spielt das Publikum für euch? Braucht ihr diese direkte Energie?
Natürlich. Jede Band kennt diesen Moment, wenn vor Publikum plötzlich noch einmal ein zusätzlicher Adrenalinschub einsetzt. Genau das macht Live-Musik so besonders. Dieses Gefühl ist unkopierbar und authentisch. Das kann uns – und dem Publikum – so schnell keine KI nehmen.
Bei welchem Song merkt ihr live am stärksten: Jetzt fliegt der Laden gleich auseinander?
Tatsächlich immer noch bei unserem Medley. Darin verbinden wir verschiedene bekannte Melodien miteinander und kombinieren das Ganze mit einer ziemlich eingespielten Choreografie. Der Spannungsbogen holt eigentlich jeden ab. Spätestens wenn Willi an der Posaune die Melodie von „Freed From Desire“ anstimmt, brennt die Hütte.

Was war die emotionalste Reaktion, die ihr bislang erlebt habt?
Wir sind immer noch auf dem Level, auf dem uns Menschen mit selbstgemalten Pappschildern oder Fans, die jeden Text auswendig mitsingen können, komplett umhauen. Das klingt vielleicht unspektakulär, bedeutet uns aber unglaublich viel.
Die kleinen Katastrophen des Bühnenalltags
Gab es einen Moment, in dem ihr auf der Bühne dachtest: Oh nein, bitte nicht jetzt?
Bei Fernseh- und Hörfunkproduktionen passieren erstaunlich oft die kuriosesten Dinge. Von kompletten Funkaussetzern bei den In-Ear-Systemen über Gitarrenverstärker mit Eigenleben bis hin zu völlig falschen Tempi war schon alles dabei. Zum Glück wirkt vieles im fertigen Mitschnitt deutlich harmloser, als es sich auf der Bühne anfühlt. Und bei Kneipen-Gigs gehört es fast schon dazu, dass hier und da mal ein Bierglas zu Bruch geht. Immerhin haben wir inzwischen gelernt, etwas seltener ineinanderzulaufen – selbst wenn die Bühne nur fünf Quadratmeter groß ist.
Was bringt euch tatsächlich aus dem Konzept?
Wir haben inzwischen so viele Grenzsituationen erlebt, dass uns technisch oder organisatorisch kaum noch etwas schockiert. Wir haben unter strömendem Regen gespielt, uns mit der gesamten Band unter zwei Pavillons gequetscht, Rosenmontagszüge auf wackelnden Anhängern absolviert und Konzerte auf Kneipentresen gespielt, weil keine Bühne vorhanden war.

Es gibt also gar nichts mehr, das euch irritiert?
Doch. Grimmige oder aggressive Menschen in der ersten Reihe können echte Vibe-Killer sein. Einmal stand ein Mann während eines kompletten Auftritts regungslos vor der Bühne und zeigte permanent den Daumen nach unten – während alle anderen Jecken offensichtlich Spaß hatten. Aber auch so etwas muss man sportlich nehmen.
Tatsächlich wurde daraus später sogar Inspiration. Ein Jahr später entstand unser Song „(Nicht mehr) Mein Karneval“ mit der Zeile: „Das ist nicht mehr mein Karneval, zu laut, zu voll überall – und wo ist bitte das Niveau bei Jungs in kurzen Hosen und Trikots?“. Vielleicht hat genau dieser Mann das damals gedacht.
Der Blick nach vorne
Zum Schluss: Was wäre für euch das große Traumprojekt? Der Moment, an dem ihr sagen würdet: Jetzt ist alles möglich.
Wie wahrscheinlich jede Band träumen auch wir von einem eigenen, ausverkauften Konzert in einer der großen Hallen oder Arenen der Region. Wenn die Lanxess-Arena eines Tages so voll wäre wie bei der Lachenden Kölnarena am 11.11. – und alle Menschen wären nur wegen uns dort –, dann könnten wir wahrscheinlich mit gutem Gewissen sagen: Jetzt ist alles möglich.