Jungfrau auf Rollen: Schorschi bringt den Karneval ins Gleit. Fröhliche Karnevalsfigur in traditionellem Kostüm.
Köln, Februar 1997. Der kölsche Fasteleer lebt von Tradition – und von den Momenten, in denen jemand den Mut hat, sie charmant zu brechen. Genau das gelang in dieser Session Georg Holl, der als „Jungfrau Schorschi“ Karnevalsgeschichte schrieb: auf Inlinern.
Eine Jungfrau rollt durch Köln
Normalerweise steht die Jungfrau im Kölner Karneval für Würde, Ruhe und Tradition. Doch 1997 brachte Schorschi Bewegung in die Rolle – im wahrsten Sinne. Statt gemessenen Schrittes glitt er auf Inlinern über Bühnen, durch Säle und über Straßen.
Mehr als 500 Auftritte absolvierte das Dreigestirn in dieser Session. Dass einer davon dauerhaft auf Rollen unterwegs war, stellte nicht nur logistisches Neuland dar, sondern verlangte auch enorme körperliche Kontrolle. Holl, zuvor aktiver Eishockeyspieler bei den Kölner Haie, brachte die nötige Sicherheit gleich mit.
Zwischen Tradition und Tabubruch
Im Dreigestirn – bestehend aus Prinz, Bauer und Jungfrau – gilt die Jungfrau als Symbolfigur mit klaren Erwartungen. Dass diese nun mit Schwung und Geschwindigkeit auftrat, hätte auch Skepsis hervorrufen können. Doch das Gegenteil war der Fall:
Das Publikum reagierte begeistert. Die Inliner wurden schnell zum Markenzeichen der Session. Medien berichteten über die „rollende Jungfrau“, und vielerorts war sie Gesprächsthema Nummer eins.
Ein Mitglied des damaligen Festkomitees wird später zitiert: „Das war frech, aber nie respektlos. Genau so bleibt Karneval lebendig.“
Logistische Herausforderung
Hinter den Kulissen bedeutete der ungewöhnliche Auftritt allerdings zusätzliche Planung. Bühnen mussten angepasst, Wege freigehalten und Sicherheitsaspekte berücksichtigt werden. Gerade bei engen Sälen oder unebenen Flächen war Präzision gefragt.
Doch Holl meisterte die Herausforderung souverän – Stürze oder größere Zwischenfälle blieben aus. Im Gegenteil: Seine Auftritte wirkten leicht, fast mühelos.
Ein Moment für die Annalen
Rückblickend gehört die Session 1997 zu jenen Jahren, die sich tief ins kollektive Gedächtnis des Kölner Karnevals eingebrannt haben. Nicht, weil alles anders war – sondern weil eine einzelne Idee das Gewohnte neu interpretiert hat.
Die „Jungfrau auf Inlinern“ wurde zum Sinnbild dafür, dass selbst in einem traditionsreichen Brauchtum Platz für Kreativität bleibt.
Und vielleicht ist genau das das Geheimnis des Fasteleers: Dass er sich treu bleibt, indem er sich immer wieder ein Stück weit neu erfindet.